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Interview
Dominik Krause: "Auch als schwuler Mann triggert man noch viele Menschen"
Gut drei Monate nach seinem Amtsantritt zieht der Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause im Interview mit queer.de ein erstes Resümee. Wir sprachen mit ihm über Erfolge und Herausforderungen, Queerness in der Politik – und Markus Söder.

Dominik Krause (r.) umarmt und küsst seinen Verlobten Sebastian Müller nach seinem Wahlsieg in der OB-Stichwahl (Bild: IMAGO / Wolfgang Maria Weber)
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15. August 2026, 10:51h 6 Min.
Als Dominik Krause (35) sich am 22. März dieses Jahres in der Stichwahl zum Münchner Oberbürgermeister gegen seinen Konkurrenten Dieter Reiter durchsetzen konnte, machte sich bei vielen Menschen vor allem eines breit: Hoffnung. Hoffnung auf eine Zukunft, in der nicht mehr überwiegend ältere heterosexuelle cis Männer das Sagen haben, sondern in der auch ein junger, homosexueller Mann ganz oben in der Politik mitmischen und sich für die Rechte queerer Menschen sowie anderer marginalisierter Gruppen einsetzen kann. Jemand, der auf öffentlichen Veranstaltungen nicht nur einmal seinen Partner küsst und dem Thema Homosexualität die Selbstverständlichkeit verleiht, die es braucht.
Rund drei Monate nach seinem Amtsantritt hat queer.de nun ein Interview mit Dominik Krause geführt, in dem der Grünen-Politiker offen eine erste Bilanz zieht – nicht nur über das, was gut lief, sondern auch über das, was in Zukunft noch angegangen werden muss. Nicht nur über Politisches, sondern auch über das Zwischenmenschliche: die vielen spannenden Begegnungen mit den Bürger*innen in München, die Zusammenarbeit mit Markus Söder und die Verantwortung, gewissermaßen auch als Vorbild zu fungieren.
Herr Krause, wie blicken Sie auf die ersten drei Monate als Münchner Oberbürgermeister zurück?
Bei meinen Terminen und Gesprächen in der Stadt habe ich ganz deutlich zu spüren bekommen, wie groß die Aufbruchstimmung in München ist. Das freut mich natürlich sehr, denn wenn die Leute keine Lust haben auf Veränderung, dann ist es schwieriger, im Rathaus Dinge anzuschieben. Und besonders toll ist es, dass auch die Verwaltung mit vielen Ideen zu mir kommt und anpacken will. In so einer Situation Oberbürgermeister werden zu dürfen, ist ein großes Privileg – auch wenn damit natürlich viele Erwartungen verbunden sind.
Welche Erfolge konnten Sie in dieser Zeit bereits erreichen, und bei welchen Themen sehen Sie noch deutlichen Verbesserungsbedarf?
Am meisten angeschoben habe ich beim Thema Wohnen, das haben uns die Münchnerinnen und Münchner im Wahlkampf auch als zentrales Thema mitgegeben. Wir haben einen Wohnungsgipfel mit allen relevanten Akteur*innen durchgeführt, eine Umbauagentur gegründet, in Kürze wird der Stadtrat mit einer Vorlage zum Mietmonitor befasst. Ich habe ein "Mobilitätskabinett" einberufen, um die Zuständigkeiten beim öffentlichen Nahverkehr zu bündeln, und bin dabei, mit ganz konkreten Entscheidungen die Digitalisierung in der Stadtverwaltung zu beschleunigen. Andere Themen haben sich von selbst auf die Agenda gesetzt: die Wasserknappheit zum Beispiel oder die Haushaltskrise, die sich durch Entscheidungen in Berlin – etwa im Gesundheitsbereich – weiter verschärft. Da stehen leider noch schmerzhafte Entscheidungen an. Es gibt aber auch kleine Erfolge, die äußerst positiv aufgenommen werden – die Wiedereröffnung der Eisbachwelle zum Beispiel.
Sie gehen sehr offen mit Ihrer Homosexualität um und zeigen Ihren Partner auch bei öffentlichen Veranstaltungen. Haben Sie diesbezüglich Anfeindungen erlebt und wie gehen Sie damit um?
Ich selbst erlebe zum Glück kaum offen queerfeindlichen Hass. Aber auf Social Media gibt es schon sehr viele Kommentare wie "Warum muss er seine Sexualität in den Vordergrund stellen?" – nur weil ich etwas ganz Normales getan habe: Ich habe am Wahlabend meinen Partner geküsst. Natürlich sind andere Teile der Community noch ganz anderen Anfeindungen ausgesetzt. Trans und inter Menschen erleben das in einem völlig anderen Maß. Ich spüre schon: Auch als schwuler Mann triggert man noch viele Menschen. Aber umso wichtiger ist es, dass die Szene – und auch die Gesellschaft darüber hinaus – solidarisch ist mit den Gruppen, die so heftig angefeindet werden. In der Stadtgesellschaft oder im Wahlkampf stand das aber nicht im Vordergrund, da ging es wirklich mehr um stadtpolitische Themen.
Warum ist es Ihnen wichtig, dass sich queere Menschen in der Politik wiederfinden?
Solange queere Menschen Diskriminierung erfahren, ist Repräsentanz in unseren Parlamenten wichtig. Das gilt genauso für Frauen, für Menschen mit einer Migrationsbiografie, mit nicht-weißer Hautfarbe oder für Menschen, die mit einer Behinderung leben. Es geht um Repräsentation und Sichtbarkeit – und punktuell auch darum, die eigenen Lebenserfahrungen in politische Debatten und Entscheidungen einzubringen.
Wie erleben Sie die Bedingungen für queere Personen im politischen Alltag? Gibt es weiterhin Hürden oder würden Sie von Gleichbehandlung sprechen?
In München gibt es zum Glück keine harten Anfeindungen oder Diskriminierung, das ist in anderen Städten durchaus anders. Als ich vor zwölf Jahren erstmals in den Stadtrat gewählt wurde, habe ich immer wieder eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang erlebt. Seitdem hat sich vieles entwickelt. Aber als wir in der letzten Legislatur erstmals eine nonbinäre Person im Stadtrat hatten, war das wieder spürbar. Da hat es schon länger gedauert, bis das bei allen angekommen ist und akzeptiert wurde. Der*die Kolleg*in hatte da einiges auszuhalten. Aber zum Schluss ist es dann deutlich besser geworden.
Vor Ihrem Amtsantritt wurde viel darüber spekuliert, dass Sie und Ministerpräsident Söder häufig aneinandergeraten könnten. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit tatsächlich?
Bisher ist vor allem die Zusammenarbeit bei Olympia sehr intensiv. Da ziehen wir an einem Strang, und ich erlebe die Zusammenarbeit als sehr fair und verlässlich. Der Freistaat Bayern und die Landeshauptstadt sind auf ein gutes, vertrauensvolles Zusammenspiel angewiesen.
Wie queerfreundlich ist München im bundesweiten Vergleich, und wo sehen Sie noch Entwicklungspotenzial?
Ich glaube, hier sieht man an der "Abstimmung mit den Füßen" ganz gut, wie es um München bestellt ist. Nach wie vor ziehen sehr viele Menschen vom Land – aber auch aus anderen Bundesländern – nach München, weil sich hier ein selbstbestimmtes, queeres Leben gut leben lässt. Wir haben eine lebendige Szene, Bars und Clubs jeder Couleur, Treffpunkte und Beratungsangebote für alle Teile des LGBTIQ*-Spektrums. Mir fallen wenige Städte auf der Welt ein, die in dieser Hinsicht mit München vergleichbar sind. Gerade weil das schon so lange so ist, sehe ich noch Entwicklungspotenzial bei der Unterstützung queerer Senior*innen.
Welche queerpolitischen Themen möchten Sie in dieser Amtszeit unbedingt voranbringen?
Wir haben uns im Koalitionsvertrag vorgenommen, auch für tin* Personen einen Treffpunkt einzurichten. Dieses Ziel unterstütze ich, auch wenn wir in Zeiten klammer Kassen genau prüfen müssen, was wir finanzieren können. Ein schmerzhaftes Thema ist die Absicherung des CSD. Nach dem Anschlag in Berlin hat das gesamte demokratische Spektrum des Stadtrats beantragt, queere Veranstaltungen entsprechend der aktuellen Gefährdungslage abzusichern. Es ist bitter, dass wir solche Beschlüsse fassen müssen – aber es ist auch vollkommen klar, dass Veranstaltungen wie der CSD jetzt erst recht stattfinden müssen.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie aus der queeren Community in München, und welche Erwartungen werden besonders häufig an Sie herangetragen?
Ich bin manchmal überwältigt von dem Interesse, auch weil in meiner eigenen Wahrnehmung meine Sexualität nicht das Erste ist, was mich als Münchner Oberbürgermeister ausmacht. Ganz gleich, ob beim CSD, beim queeren Beschäftigtennetzwerk, bei Runden Tischen mit der Szene oder kleineren Veranstaltungen – das Interesse der Community am Austausch ist immer groß, und ich spüre, wie wichtig für viele immer noch die Symbolik ist, einen offen schwulen OB als sichtbaren Vertreter in der Öffentlichkeit zu haben.
Welche Bedeutung hat für Sie persönlich die Rolle als Vorbild für manche Menschen?
Ich würde mir wünschen, dass Sexualität oder geschlechtliche Identität keine große Rolle mehr spielen würden. Aber solange es so ist, ist es wichtig, dass es Vorbilder gibt. Wenn mein Weg anderen Mut macht, dann freut mich das.
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