Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59185

Buchtipp

"Ich fühle mich gelegentlich hetero, gelegentlich lesbisch"

Nikki Dekkers Debütroman "Tieftiefblau" verwebt Geschichten aus der Tiefsee mit der Suche einer jungen Frau nach Identität – und stellt in Frage, wie viel ein Label wie "bisexuell" eigentlich fassen kann.


Nikki Dekker veröffentlichte ihren Debütroman "Diepdiepblauw" in den Niederlanden bereits 2022. Jetzt liegt er in einer deutschen Übersetzung vor (Bild: Laura Cnossen)

Die Idee ist nicht mehr ganz neu, aber doch geeignet, einen – wenn man so will – globaleren Blick für alles Menschliche zu gewinnen. Vor drei Jahren war es Sabrina Imbler und das Buch "Soweit das Licht reicht. Die Kreaturen der Tiefsee und was sie mir über das Leben erzählen". Die Frage war damals, was haben Meerestiere mit queerem Leben zu tun, mit Rassismus, mit Körperkult und Schlankheitswahn, mit Sexismus? Um mit Imbler zu antworten: Nichts und doch alles.

Und wie beantwortet Nikki Dekker in ihrem Debütroman "Tieftiefblau" die Frage? Denn auch bei ihr vermischen sich Geschichten über Plattfische, Guppys, Seehunde, Pottwale und noch viele andere Meeresbewohner mit den elementaren Fragen des Menschseins, der Sexualität und all dessen, was wir nicht ganz zu Unrecht Beziehungskisten nennen. Denn wo immer Liebe und Begehren im Spiel sind und sich dazu Fragen der Identität einmischen, wird es zwischenmenschlich meistens und buchstäblich einfach kompliziert. Und so fragt Dekker:

Was braucht es, um zu werden, wer man ist? […] Ich glaube, dass die Warum-Frage nach einer anderen Art Wissen sucht, nach der Bestätigung des Ichs. Nach dem Wissen, dass man nicht allein ist. Dass man sich in etwas wiedererkennen kann. Nach einem Spiegel, einer Wasseroberfläche.

Nur dass es im Roman eben nicht bei der spiegelnden Oberfläche bleibt. Die Autorin taucht vielmehr aus der Ich-Perspektive der Erzählerin tief ein in die Gefühlswelten des Menschen, um sie immer wieder zu synchronisieren mit den Meereswelten und den Eigenheiten ihrer Bewohner*innen. Die kommen uns oft fremd und seltsam vor, aber bei einer kritischen Selbstbetrachtung ist der Mensch meistens nicht weniger seltsam. Und der Erkenntnisgewinn ist mitunter beachtlich und ebenso verblüffend.

Schwierigkeiten mit dem Label "bisexuell"


"Tieftiefblau" ist am 10. August 2026 im Wiener Residenz Verlag erschienen

Der jetzt aus dem Niederländischen übersetzte, im Residenz Verlag erschienene Debütroman "Tieftiefblau" kam in den Niederlanden bereits 2022 heraus, wo die 1989 in Amersfoort geborene Autorin Nikki Dekker lebt und arbeitet. Vorausgegangen war ein Essay- und Gedichtband, gefolgt 2024 von "Graafdier", wo sich Dekker mit dem Boden unter unseren Füßen befasst, um sozusagen einen Tunnel durch die niederländischen Landschaften zu graben und dabei nicht nur auf Maulwürfe trifft, sondern auf eine Menge versunkene Geschichte.

Schwer zu sagen, wie es um die Autofiktion in diesem Roman genau steht. Auf jeden Fall haben wir es mit einer Ich-Erzählerin zu tun, die mit Frauen und Männern ins Bett geht und trotzdem Schwierigkeiten mit dem Label "bisexuell" hat und eine Menge Episoden aus ihrem insgesamt noch jungen Leben zusammengetragen hat. Da wechseln sich Rückblenden in die Kindheit und Schulzeit mit der Gegenwart in einem ständigen Hin und Her ab. Überschrieben sind die Kapitel etwa mit "Meerjungfrau", "Plattfisch", "Kraken", "Clownsfisch", "Seepferdchen" oder "Pottwal", aber auch mit "Schwimmunterricht" oder einfach nur mit "Wasser".

Wie schon bei Imbler, stellt sich natürlich auch bei Dekker die Frage, wie geht das alles mit der Selbstsuche der Erzählerin zusammen. Manchmal bleiben die Welten und Beobachtungen eher stumm nebeneinanderstehen, aber dann gibt es wieder Erzählungen mit einleuchtenden, fast simplen Botschaften. Etwa in dem Abschnitt "Meerjungfrau", wo es heißt, die Erzählerin habe ihrer Freundin Vicky viermal ihre Liebe gestanden und als Reaktion nur die knappe Antwort erhalten, sie würde nicht das Gleiche empfinden, und ob sie denn sicher sei, dass es nicht einfach nur Selbstverlebtheit sei. Die Meerjungfrau erweist sich hier als passende Parabel: Wollen, was man nicht haben kann. Aber eigentlich, so Dekker, gehe es gar nicht um Liebe, sondern um Anerkennung.

"Warum musst du unbedingt mit all diesen Leuten ins Bett?"

Schon früh gibt es für die Erzählerin das Label "Lesbe". Aber sie weiß es natürlich genauer, denn auch Jungens findet sie anziehend. Ebenso sicher wird sie mit dem klassischen Vorurteil konfrontiert: "Du hast keine Auswahlkriterien für Sexualpartner, deine Tür steht immer offen."

Trotzdem stellt sich die Frage: "Warum musst du unbedingt mit all diesen Leuten ins Bett?" Dass das Thema Sex ausgerechnet in dem der Qualle gewidmeten Kapitel verhandelt wird, hat wohl mit der Faszination der Wandelbarkeit dieses Wesens zu tun. In Gefahr können sie sich zurückentwickeln, als würde sich ein Schmetterling wieder in den Kokon zwängen.

Schließlich folgt die nüchterne Einsicht über den Sex: "Eigentlich läuft es immer aufs Gleiche hinaus. Es sind Körper, die sich aneinander reiben. Hände und Münder. Bei den einen muss man am Sperma, bei den anderen an der Tamponschnur vorbeiarbeiten, aber viel mehr ist es dann auch nicht, wirklich nicht."

- Werbung -

Verblüffende Geschichten, nah am Leben

Am Strand sammelt die Erzählerin mit ihrer Freundin Rosa Schneckenhäuser, die das Meer anspült. Im Nachtleben sind es Männer, die sie sammeln für das Archiv der Erfahrungen. Das Kriterium: Sie müssen gut küssen können. Das Resümee lautet nun: "Endlich lebe ich das Leben, das ich mir vorgestellt habe. Ich bekomme das, was ich will, und ich bin beliebt, feingeschliffen, unabhängig, emotionslos."

So offen die Erzählerin ihr Leben auf der Suche nach sich selbst lebt, so offen gibt sich dieser Roman in seiner Erzählweise – als habe die Autorin einen gut gefüllten Zettelkasten mit lauter Geschichten in das Buch gekippt, die abwechselnd das Meer oder das Leben geschrieben haben. Geschichten, die manchmal zusammenpassen und sich einen gemeinsamen Sinn teilen, sich überschneiden und ergänzen. Und dann wieder Geschichten, die beziehungslos nebeneinander herlaufen und bei denen die Kunst der Kombinatorik versagt.

Erstaunlich, dass es dem Lesevergnügen nicht schadet. Aber warum auch? Denn die Autorin versteht es, mit immer neuen Geschichten und Erlebnissen zu verblüffen. Unterhaltsam ist sie auch noch dort, wo es ganz ernst wird. Zusammengehalten wird das Buch, wenn man so will, durch seine Lebensnähe, gleich ob im Wasser oder an Land. Und die Antwort auf die Frage, warum sie mit all den Leuten ins Bett geht, gibt sie auf Seite 267:

Vielleicht ist mein sexuelles Verlangen einfach in zwei Hälften gespalten worden, und deshalb ist 'bisexuell' so ein problematisches Wort. Es impliziert eine Ganzheit, die ich nie gefühlt habe. Ich fühle mich gelegentlich hetero, gelegentlich lesbisch.

Infos zum Buch

Nikki Dekker: Tieftiefblau. Aus dem Niederländischen übersetzt von Lisa Mensing.
312 Seiten. Residenz Verlag. Wien 2026. Gebundene Ausgabe: 26 € (ISBN 978-3-701-71826-9). E-Book: 18,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-