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Kommentar

Die absurde Angst vor dem geschlechtslosen Land

Die lesbische Feministin Eva Rieger (85) warnt in der FAZ vor der "Erosion" des biologischen Geschlechts – sogar in der Musikwissenschaft. Transfeindlichkeit wird zunehmend zum Symptom eines verlorenen Realitätssinns.


Archivbild: Eva Rieger im Jahr 2010 (Bild: Hans Hablützel / wikipedia)

Und wieder einmal beklagt eine Feministin die "Auflösung des körperlichen Unterschieds" der Geschlechter. Und das jetzt in der Musikwissenschaft. Das Verschwinden des biologischen Geschlechts schreite angeblich voran und mache nicht einmal vor der Hl. Cäcilia halt, der Schutzpatronin der Musik.

Wahrscheinlich dauere es nicht mehr lange, so die Ängste jener Feministin, bis wir in einem geschlechtslosen Land leben. Schon seien erste Versuche zu finden, in Opern Geschlechtszuordnungen zu streichen und "musikalisch uneindeutig und fluide zu gestalten". Musikalische Binärstrukturen würden darin wie die geschlechtliche Binarität mal eben gecancelt.

Ich stieß auf den Artikel in der Printausgabe der "Frankfurter Allgemeinen" vom 12. August. Dabei gibt es in unserer Medienlandschaft kein anderes bedruckbares Papier, das als seriöser gilt als ausgerechnet das besagte Blatt. Aber sind Witze dazu da, ernstgenommen zu werden? Wo es eigentlich nur heißen kann: gelesen und gelacht. Der Witz, der wohl keiner sein soll, stammt diesmal von der schon länger im Ruhestand befindlichen Eva Rieger, ihres Zeichens Musikwissenschaftlerin, Genderforscherin, Mitbegründerin der feministischen Musikwissenschaft und Pionierin für lesbische Sichtbarkeit. Im November wird sie 86 Jahre alt.

Ohne ihre Verdienste schmälern zu wollen, so konnte ich mich über ihren Artikel nur wundern, wie ich überhaupt aus dem Staunen nicht herauskomme, wenn eine Feministin vor der Erosion der Kategorie Frau warnt und das biologische Geschlecht in Gefahr sieht. Denn Bullshit bleibt Bullshit.

Wo, bitteschön, ist die gesellschaftliche Realität geschlechtslos?

Ich frage mich dann immer, in welchem Land leben die eigentlich? Oder anders gefragt, von welcher Realität sprechen die? Denn wir haben in Deutschland drei amtliche Geschlechter, wovon jeweils eines bei der Geburt vergeben wird: weiblich, männlich, divers. Und die uns unser ganzes Leben lang begleiten, inklusive strikter Geschlechtertrennung, außer wir sind trans oder nichtbinär. Und selbst wenn wir trans sind, dann bekennen sich nicht wenige von uns zur geschlechtlichen Binarität. Also, wo ist das Problem?

Am Schluss des Artikels heißt es schließlich: "Wenn es nun kein Geschlecht mehr geben soll, können die patriarchalen Denkstrukturen nicht mehr benannt, und es kann ihnen nicht widersprochen werden. Das kann nicht im Sinn der Geschlechtergerechtigkeit sein." Aber wo ist das Land, wo es kein Geschlecht mehr gibt? Wo, bitteschön, ist die gesellschaftliche Realität geschlechtslos?

Ein Riss gehe durch den feministischen Diskurs, so ist zu vernehmen. Der Grund: Der Vormarsch des Genderqueeren. Als ob nicht zu unterscheiden sei zwischen gesellschaftlicher Realität und einer musikalischen Komposition als Kunstwerk. Der konstatierte Riss ist durchaus Realität, aber der Rest? Bleiben wir zunächst beim Riss

Im Feminismus herrschte lange Zeit Einigkeit über den Hauptfeind mit Namen Patriarchat – dieses seit Jahrtausenden herrschende perfide Machtsystem des Mannes über die Frau, das die Geschlechterdichotomie beinhaltet wie deren darin eingeschriebene Hierarchie und dazu alles ausschloss, was nicht als heteronormativ und heterosexuell galt. Nichts anderes als das sogenannte biologische Geschlecht war und ist dafür die Grundlage.

Der neue Feind heißt trans Frau

Dann gab und gibt es diesen weißen Feminismus, der ebenfalls Gleichberechtigung fordert, aber nicht im Traum daran denkt, die patriarchalen Verhältnisse abzuschaffen, geschweige denn zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch Frauen gibt, deren Unterdrückung etwa durch den Rassismus, den sie erfahren, noch viel weiter geht. Nein, Frauen wollten Teil des Systems werden. Sie wollten davon profitieren wie ihre Ehemänner.

Dann gab und gibt es Feministinnen, die einen neuen Feind entdeckten, der angeblich im Dienst des alten stand. Dieser neue Feind heißt nun trans Frau, die zum trojanischen Pferd des Patriarchats erklärt wurde. Inzwischen wurde die Ernte des feministischen Kampfs eingefahren und es gab zur Belohnung die Gleichberechtigung (zumindest auf dem Papier), die Quotenregelung, wo es nachzuhelfen galt, die Gleichstellungspolitik, ein Gleichbehandlungsgesetz mit Diskriminierungsverboten. Alles wunderbar und bestens geeignet für die Symptombehandlung. Aber mehr auch nicht.

Nur, was haben diese Zugeständnisse des Patriarchats an die sogenannte Geschlechtergerechtigkeit wirklich verändert? An seiner Herrschaft änderte das nichts, außer dass sie sich jetzt in einer weichgespülten Version präsentierte. Und mit einem Mal gab es nur noch den einen Feind – die bösen trans Frauen, die von den Errungenschaften des Feminismus profitieren wollen, um sich die Frauenparkplätze wegzuschnappen. Und schließlich kam zu den trans Frauen noch der Queerfeminismus, der die Gleichstellung für trans fordert.

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Wo ist der Realitätssinn geblieben?

Zugegeben, meine Zusammenfassung des Feminismus fällt arg verkürzt und dazu recht rustikal aus. Aber eigentlich geht es auch nur darum, die Tragikomik eines Feminismus in den Blick zu rücken, der mit Gleichberechtigung schon alles für erledigt hält und sie ausgerechnet durch trans für bedroht und dabei allen Ernstes das biologische Geschlecht in Gefahr sieht. Anders als tragikomisch kann ich den Verlust an Realitätssinn nicht nennen.

Denn es war am Anfang ja gerade der Realitätssinn, der als Ursache aller Übel richtigerweise die Ungleichbehandlung von Frauen durch das Patriarchat benannte. Wo ist dieser Realitätssinn geblieben, wenn nun die kleine Gruppe von trans Menschen als neuer Feind und als die größte Gefahr für Frauen deklariert wird? Und wenn dazu der Queerfeminismus, der von der kulturellen Konstruiertheit der Geschlechterrollen ausgeht und das Patriarchat als Feind nie aus dem Blick verloren hat, gleich noch mitbekämpft wird.

Der Riss im feministischen Diskurs ließe sich durchaus kitten, wenn endlich das Schattenboxen gegen vermeintliche Feinde aufhören würde, um den Realitätssinn für die gesellschaftlichen und kulturellen Machtverhältnisse zurückzugewinnen; wenn das biologische Geschlecht nicht länger als Vorwand für Ausschlüsse und Diskriminierung dienstbar gemacht würde. Die Feministin bell hooks hatte in ihrer unaufgeregten, aber bestimmten und lebensnahen Haltung richtig erkannt: Feminismus hat nur Sinn, wenn es ein Feminismus für alle ist. Und schon gar nicht braucht es irrationale Ängste vor Queerness.

Den erwähnten Artikel ziert übrigens ein wunderschönes Foto der Opernsängerin Cecilia Bartoli als Ariodante aus Händels gleichnamiger Oper. Ohne Frage: ein Dragking der Sonderklasse. Mezzosopran ist ihr Stimmfach und ihr Geschlechtseintrag lautet mit Sicherheit auf weiblich. Sieht so die Erosion der Kategorie Frau oder gar die Geschlechtslosigkeit aus? Ist der spielerische Umgang mit Geschlechterrollen wirklich Teufelswerk?

-w-