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Interview
"Und dann erkennst du, dass die Welt nicht für Menschen wie dich gemacht ist"
Regisseur*in Jane Schoenbrun über die Inspirationen zum neuen Film "Teenage Sex and Death at Camp Miasma", queere Erweckungsmomente beim Fernsehen – und warum they erst dachte, Hannah Einbinder wäre eine zu perfekte Besetzung.

Jane Schoenbrun am 5. August 2026 bei einem Special Screening von "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" in New York (Bild: IMAGO / Cover-Images / Dave Allocca)
- Von
19. August 2026, 07:55h 7 Min.
"Ein populäres, fröhliches, gründlich recherchiertes Kino, befreit von heteronormativen, heterozentrischen Vorstellungen, das das Slasher-Genre mit anderen Geschichten, anderen Körpern, anderen Lebenswegen verbindet": So beschreibt die Jury der Queer Palm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma", den neuesten Film von Jane Schoenbrun.
Die sexy Horror-Romanze wurde in diesem Jahr mit dem queeren Preis der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet (queer.de berichtete). Kurz vor dem deutschen Kinostart nahm sich Regisseur*in Jane Schoenbrun Zeit, in einem virtuellen Pressetermin die Fragen mehrerer internationaler Journalist*innen zu beantworten (ausführliche Filmkritik).

Poster zum Film: "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" startet am 20. August 2026 im Kino
Jane, auch dein dritter Spielfilm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" behandelt den Einfluss von Massenmedien auf die Gesellschaft. Der Film wirkt wie eine Hommage, aber auch eine Kritik am Slasherfilm. Worum genau ging es dir?
Der Film interessiert sich dafür, wie Medien uns formen. Er hinterfragt die Erfahrung, mit Medien aufzuwachsen und ständig aufs Handy zu starren. Und es geht darum, wie wir seit Generationen geprägt werden durch kulturelle Normen und Motive der Gesellschaft, der Unterhaltungsindustrie, der Nachrichtenfeeds usw. Es geht darum, woher unsere Kultur kommt und wie sie uns prägt – genauso wie wir sie prägen.
Im Film erzählt die Filmemacherin Kris, dass der erste "Camp Miasma"-Film ihr queerer Erweckungsmoment war. Hast du auch so einen Film?
Nein, tatsächlich nicht. Am Ende des Films sehen wir, wie Kris als Kind die Sexszene in "Camp Miasma" auf Video schaut – viel zu jung, um überhaupt zu verstehen, was Sex ist. Das ist wie eine Urszene, um es mit Freud zu sagen. Was verarbeitet sie da? Sie versteht es nicht ganz, weiß aber, dass es mächtig ist – und dass zum ersten Mal angeschaltet wird.
Und so ist mir das zweifellos auch beim Filmeschauen passiert. Ich erinnere mich, wie ich "Mulholland Drive" als Kind im Kino gesehen habe und dachte: In dem Film geht es um etwas, das ich nicht verstehe. Aber ich glaube, meine queere Erfahrung ist die, die ich in "I Saw the TV Glow" gezeigt habe: In Serien wie "Buffy", wo diese flüchtigen Blicke vorkamen, die sich anders anfühlten als der normative Blick des Begehrens, den ich bis dahin vor allem kannte.
Das war eine Spur von dem, wovon ich später mehr und nicht weniger wollte. Und dann wirst du erwachsen und erkennst, dass die Welt nicht für Menschen wie dich gemacht ist und dass die Strukturen der normativen Gesellschaft dazu da sind, vieles von dem zu löschen, was sich für dich wie Magie angefühlt hat.
Gibt es eine Person oder ein Werk, das alle deine Filme inspiriert und beeinflusst, oder hat sich das im Laufe der Zeit verändert?
Das verändert sich ständig. Ich versuche immer zu lesen, zu schauen und zu lernen. Jetzt, bei einem Film über Slasher-Filme, habe ich einen etwas anderen Kanon als bei "I Saw the TV Glow" angesehen und gelesen. Aber es gibt Leitsterne, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Im Film sind Lynch und Cronenberg für mich natürlich prägend, genau wie so viele andere wie Kelly Reichardt oder Ozu Yasujirō.
Das sind wie verschiedene Geschmacksrichtungen, wo ich weiß, dass ich immer etwas lernen kann, weil sie so reichhaltig sind. Dasselbe gilt für Musik. Elliot Smith begleitet mich, seit ich zwölf bin – bis heute.
Für diesen Film habe ich viel Deleuze und Spinoza gelesen. Ich interessiere mich sehr für Ideen und das Denken. Für mich ist es kein Fehler, sondern eine Besonderheit, dass der Film dazu einlädt, mit mir zu denken. Überhaupt habe ich das Gefühl, immer wieder zu diesen zehn Polen des intellektuellen Denkens zurückzukehren. Man könnte sein ganzes Leben lang Spinoza lesen und würde immer noch neue Erkenntnisse daraus gewinnen.
Am Anfang des Films entwirfst du ein ganzes Universum der "Camp Miasma"-Reihe. Wie kam es dazu?
Der Film will wirklich spielerisch sein, was ich mir in meinen ersten Filmen nicht erlaubt habe. Es geht im Grunde darum zu lernen, spielerisch zu sein. Deshalb ist er voll mit Dingen, die ich seit meiner Kindheit liebe: Halloween, gruselige Sachen – ich mochte das so sehr. Sobald die Blätter orange und braun wurden, haben wir stundenlang in Katalogen nach Halloween-Kostümen und Deko geschaut.
Das war so eine Art Fetischismus, da bin ich mir sicher. Aber auch eine kindliche Freude und Begeisterung für gruselige Sachen, mit denen ich mich umgeben konnte. Das ging mit Filmen weiter. Ich verbrachte Stunden in der Videothek, ich hing mit Freund*innen dort ab und habe mit dem Kassierer gequatscht. Ich habe mir einfach all die Filme im Regal angesehen, es fühlte sich an wie in einer Kirche.
Die Merchandise-Artikel im Vorspann, dieses Archiv, die Nachrichtenartikel, die Kostüme und all diese Details – das kam alles also ganz natürlich. Aber der Film erzählt nicht nur die lustigen Elemente. Es geht auch um den Lebenszyklus von so einem Franchise, das in vielerlei Hinsicht eine Geschichte unserer Zeit ist. Es geht um die Logik des Kapitals, die wir alle kennen, die uns aber vielleicht nicht immer bewusst ist. Die Leute wollen immer wieder neue Teile der Reihe sehen, und das System will Millionen von Fortsetzungen produzieren, von denen jede sowohl kreativ als auch finanziell immer weniger Ertrag bringt. Und wenn die Zeit abgelaufen ist, versuchen sie, dasselbe alte Ding neu aufzulegen – das ist eine Kernidee: Film als kulturelle Praxis, über die der Film sprechen will.
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Wie kam es zur Zusammenarbeit mit den Schauspielerinnen Hannah Einbinder als Kris und Gillian Anderson als Billy?
Hannah haben wir zuerst besetzt. Sie ist einfach eine Schauspielerin mit einem unglaublichen Talent und einer bemerkenswerten Emotionalität. Ihre Offenheit und die Fähigkeit, starke Gefühle vor der Kamera so präsent darzustellen, sind wirklich selten. Als ich sie mir zum ersten Mal vorstellte, habe ich gedacht, es ist fast zu perfekt. Das hat mich sogar ein wenig verunsichert, weil ich mich gefragt habe, ob es nicht zu vorhersehbar ist.
Ich besetze Rollen immer gern mit Darstellenden, die dem Drehbuch eine unerwartete Dimension verleihen. Dann habe ich mir Hannahs Stand-up-Special angeschaut. Da habe ich gesehen, was ich sehen musste: Da war etwas Unerwartetes für die Rolle. Sie ist ein bisschen verrückt, sie hat eine gewisse Körperlichkeit und eine Vertrautheit mit dem Unbehagen. Genau das brauchte ich. Und es stellte sich heraus, dass es stimmte: Sie nimmt ihre Arbeit absolut ernst, und die Botschaft des Films war uns beiden gleich wichtig.
An Gillian habe ich gedacht, als ich das Drehbuch geschrieben habe, aber mehr als Traum. Wow, wäre das nicht fantastisch? Nur wenige Menschen können in eine solche Biografie schlüpfen und sie sofort glaubhaft verkörpern. Einer der wichtigsten Momente im Film ist, wenn man ihre Figur zum ersten Mal sieht – wie sie in ihrer klassischen Hollywood-Garderobe und -Manier aus dem Schatten tritt.
Ich bin mit ihr aufgewachsen, sie hat durch "The X Files" einen großen Teil meiner Kindheit geprägt. Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, fühlte es sich an, als würde ich eine lang vermisste Freundin wiedertreffen. Ich kannte sie ja noch aus meiner Kindheit, als ich acht Jahre alt war. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit, bei der es mir nicht nur darum ging, ihrem Kultstatus Tribut zu zollen, sondern ihn zu nutzen, um eine gewisse Verletzlichkeit zu zeigen.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma. Slasher-Film. USA 2026. Regie: Jane Schoenbrun. Cast: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, Arthur Conti, Eva Victor, Zach Cherry, Sarah Sherman, Patrick Fischler, Dylan Baker, Jasmin Savoy Brown, Kevin McDonald, Quintessa Swindell, Jack Haven. Laufzeit: 112 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: MUBI. Kinostart: 20. August 2026
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