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Todestag

Zwischen Barrikade und Zärtlichkeit: 30 Jahre ohne Rio Reiser

Vor genau 30 Jahren starb mit Rio Reiser ein großer queerer Vorreiter der deutschsprachigen Rock- und Popmusik. Vom linken Protestsänger wurde er zu einem Idol von Millionen.


Rio Reiser und Band bei einem TV-Auftritt im Jahre 1987 in Köln (Bild: IMAGO / Horst Galuschka)

Am 20. August 1996 verstummte eine Stimme, die der bundesdeutschen Linken das Marschieren und der queeren Szene das Fühlen beigebracht hatte. Dreißig Jahre nach dem viel zu frühen Tod von Ralph Christian Möbius – der Welt besser bekannt als Rio Reiser – im nordfriesischen Fresenhagen bleibt die Sehnsucht nach seiner Radikalität und seiner entwaffnenden Zärtlichkeit lebendig.

Rio Reiser war revolutionär, wen auch nicht im linksdogmatischen Sinn: Er war praktisch der erste offen schwul lebende Musiker in Deutschland. Schon 1970 hat er sein Coming-out im Privaten, ab Mitte der 1980er Jahre thematisiert er seine Beziehungen zu Männern auch in Interviews. Und das in einer Zeit, in der Aids omnipräsent war und Männer, die Männer lieben, schweren Stigmatisierungen ausgesetzt waren.

Der 1950 in Westberlin geborene Künstler war nie der klassische Agitprop-Sänger, auch wenn Lieder wie "Keine Macht für Niemand", "Macht kaputt, was euch kaputt macht" oder dem "Rauch-Haus-Song" mit Ton Steine Scherben zur Hymne der Hausbesetzer- und Protestbewegung der Siebziger wurden. Er lieferte den viel zitierten "Soundtrack der deutschen Studentenrevolte", allerdings ohne jemals so richtig mit der damaligen Studierendenschaft warm zu werden. Zwischen 1971 und 1983 veröffentlichte die Band fünf Alben – in einer Zeit, in der deutschsprachiger Rock noch eine Seltenheit war.

Seine wahre Revolution lag im Aufbrechen der harten, männlichen Pose einer oft dogmatischen Linken. Rio sang nicht über sterile Theorien; er sang über Schmerz, Sehnsucht und die Utopie, dass Liebe frei von Zwängen sein muss.

In einer Ära, in der Homosexualität in Westdeutschland noch unter dem Schatten des Paragrafen 175 stand, lebte Rio Reiser seine Queerness auf der Bühne und im Alltag mit einer selbstverständlichen Selbstbestimmtheit. Er war kein Plakat-Aktivist für queere Rechte, sondern ein Vorreiter durch reine Präsenz: geschminkt, schillernd, androgyn, kompromisslos er selbst. Wo andere maskuline Härte demonstrierten, setzte Rio auf pure Verwundbarkeit – und das auch in einer Zeit, in der unter Linken Homosexualität nicht gerade angesehen war.

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Solokarriere spaltete seine Fans

Als sich die Scherben auflösten und er Mitte der 1980er Jahre als Solokünstler durchstartete, spaltete er die Dogmatiker*innen. Dass er bei der Plattenfirma CBS – also einem internationalen Großkonzern – unterschrieb, galt vielen Autonomen und Hausbesetzer*innen als ultimativen Verrat an den antikapitalistischen Idealen der Scherben. Rio wurde in Teilen der Szene als "Verräter" beschimpft, der die Bewegung für Geld und Ruhm verkauft habe. Nebenbei konnte Rio aber mit den neuen Einnahmen den beträchtlichen Schuldenberg von Ton Steine Scherben abtragen – was in der Szene teils ignoriert wurde.

Für Millionen anderer war der neue Rio die Stimme ihrer geheimsten Träume. Balladen wie "Junimond" oder "Für immer und Dich" sind zeitlose Meilensteine deutscher Popkultur – queere Liebeslieder im Kern, die universell verstanden wurden.

Sein größter Hit wurde "König von Deutschland". Darin trug stets den Subtext eines Außenseiters, der die Welt nicht beherrschen, sondern sie schlicht schöner und gerechter machen wollte. Coverversionen, teilweise mit umgedichtetem Text, gab es von gleich mehreren Künstler*innen, darunter Daniel Küblböck, Bill Kaulitz, Bela B., Roger Cicero oder auch NDW-Ikone Markus.

Rio Reiser nahm insgesamt sechs Soloalben auf, doch seine Karriere dümpelte am Ende dahin. Er galt als schwerer Alkoholiker – er starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren an einem Kreislaufversagen infolge innerer Blutungen. Ursache für die Blutungen waren geplatzte Speiseröhrenkrampfadern, eine Folge jahrelangen schweren Alkoholkonsums.

Heute gilt Rio Reiser als der wohl einflussreichste Pionier der deutschsprachigen Rock- und Popmusik. Er bewies, dass die deutsche Sprache kraftvoll, wütend, zärtlich und poetisch zugleich sein kann, ohne in die gängigen Schlager-Klischees abzudriften. Damit legte er das stilistische Fundament für spätere Generationen – von Punk und der Neuen Deutschen Welle bis hin zu Bands wie Die Toten Hosen, Die Ärzte oder Wir sind Helden. Musiker*innen quer durch alle Genres – von Herbert Grönemeyer und Jan Delay über AnnenMayKantereit bis hin zu Danger Dan – beziehen sich ausdrücklich auf Rio als textliches und musikalisches Vorbild.

2022 ehrte auch Berlin das musikalische Erbe, indem dort der Kreuzberger Heinrichplatz in Rio-Reiser-Platz umbenannt wurde (queer.de berichtete). Besetzte Häuser gibt es dort keine mehr. (cw)

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