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Reportage

Wie das Sarajevo Film Festival queeres Kino sichtbar macht

Eine Woche lang ist Sarajevo voller Herzen: Das größte Filmfestival in Südosteuropa zeigt queere Filme, die sonst überhaupt nicht in der Region laufen würden. Auch der neue Film der lesbischen Kino-Ikone Céline Sciamma steht auf dem Programm.


Das 32. Sarajevo Film Festival fand vom 14. bis 21. August in der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina statt (Bild: Fabian Schäfer)

Herzen, so weit das Auge reicht: Man kann dieser Tage kaum durch Sarajevo gehen, ohne an fast jeder Straßenlaterne das Logo des Filmfestivals zu entdecken. Die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina wird eine Woche lang sehr international, abends spielen DJs in den Straßen, mehrere Open-Air-Kinos locken Filmfans an, Schaulustige warten am Roten Teppich vor dem Nationaltheater, in dem die Wettbewerbsfilme gezeigt werden. Nur einer kann den Hauptpreis gewinnen, das Herz von Sarajevo.

Das Sarajevo Film Festival ist nicht nur das größte Filmfestival der Region. Es bringt auch queere Filme und Stars in ein Land, in dem queeres Leben im Alltag eher wenig sichtbar ist. Filme, in denen die queere Community sich selbst, ihre Konflikte und ihre Freuden wiederfindet. Filme, mit deren Figuren man sich identifizieren kann. Filme, die hier sonst nicht in einem Kino laufen würden.


Plakate für das Sarajevo Film Festival (Bild: Fabian Schäfer)

Ein Konversions­therapie-Horrorfilm

Und Filme, die auch der Mehrheitsgesellschaft zeigen: Wir sind hier, wir gehören dazu. Filme, die unterhaltsam und kritisch zugleich sind. So wie "Leviticus", der australische Horror-Romanze von Regisseur Adrian Chiarella. Darin verlieben sich die Teenager Naim und Ryan ineinander. Ihre evangelikale Gemeinde will sie von ihrer sündigen Homosexualität heilen. Nach dem Konversionsritual werden beide von einem Wesen verfolgt und gequält, das aussieht wie die Person, die sie am meisten begehren – den jeweils anderen.

"Leviticus" ist spannend, brutal, aber auch sehr liebevoll und sehr schwul: Es dauert nie sehr lange, bis Naim und Ryan wieder heftig miteinander rumknutschen. Die zwei verknallten Teenies greifen sich auch mal auf einer Busfahrt in die Hose.

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Ein schwuler Horrorfilm lockt ein diverses Publikum an

Sonntagabend, der Film läuft in Sarajevo in der Spätvorstellung um 22 Uhr. Der Saal ist ausverkauft, trotz der Uhrzeit. Manche im Publikum würden bei einer queeren Berliner Underground-Party nicht auffallen. Doch es sind auch ein paar unauffällige ältere Männer ohne Begleitung gekommen, dazu Teenie-Freundesgruppen, Ehepaare in ihren 40ern.

Ist jemand aus Versehen hier? Bei dem eindeutigen Foto im Programm und der Beschreibung kaum möglich. Nach wenigen Minuten der erste leidenschaftliche Kuss der Figuren. Niemand verlässt den Saal.

Nach Jahren in Kalifornien zurück nach Bosnien-Herzegowina

Edin Čusto freut sich, dass das Festival Filme wie "Leviticus" nach Sarajevo bringt. Der 27-Jährige lebt seit einem Jahr wieder in Mostar im Süden des Landes, von der Stadt ist es nicht weit zur Adria. Man hört ihm an, dass er die vergangenen Jahre in den USA gelebt hat. Direkt nach dem Abschluss an einer internationalen Schule ging er nach Kalifornien, um am Occidental College in Los Angeles zu studieren.

Jetzt ist er zurück. Sein US-Visa lief ab, und die aktuelle politische Situation ließ ihm keine Alternative, als in seine Heimat zurückzukehren. Ein bisschen Wehmut hört man ihm an, als er in einer Seitenstraße etwas abseits vom Festivaltrubel davon erzählt.


Queerer Filmkritiker Edin Čusto (Bild: Fabian Schäfer)

"Ich bin ambitioniert"

Er habe einen umgekehrten Kulturschock erlebt, erzählt Edin Čusto. Aber nicht alles hier sei schlecht. "Ich möchte meinem Land auch etwas zurückgeben", sagt er. Was genau? Er überlegt nicht lange. "Jede Gesellschaft braucht Filmkritik", antwortet er. "Denn Film ist die demokratischste Kunstform."

Seit er zurück in Bosnien-Herzegowina ist, tut er alles dafür, um als Filmkritiker durchzustarten. Er hat einen Blog ins Leben gerufen, "The Self-Reproaching Critic", er war in diesem Jahr Teil der Cannes-Jury des Kritikerverbands Fipresci. "Ich bin ambitioniert", sagt er. Das merkt man.

Wenig staatliche Filmförderung

Edin Čusto ist queer, und er findet, das Sarajevo Film Festival mache schon ein ganz gutes queeres Programm. "Es ginge natürlich immer besser. Aber das Festival stillt schon einen gewissen Appetit."

Als Publikumsfestival müsse man eben auch eine breitere Masse im Blick haben. Er bezweifelt deshalb, dass kontroverse Filme wie "Blue Film" hier laufen würden. In Bosnien-Herzegowina selbst entstehen zwar so gut wie keine queeren Filme – aber auch sonst wenige, einfach weil es zu wenig staatliche Filmförderung gebe, erklärt er.

Schwule Soldaten im Ersten Weltkrieg und ein queerer Slasher

Das war nicht immer so. Der serbische Regisseur Dragan Jovićević zeigte vor zwei Jahren in seiner Dokumentation "Warm Film", wie viel Queerness in der serbischen und jugoslawischen Filmgeschichte steckt.

Den Mangel an queeren Filmen aus der Region gleicht eine internationale Reihe des Festivals aus. "Kinoscope" vereint neben "Leviticus" internationale queere Filme wie "Coward" über schwule Soldaten im Ersten Weltkrieg, das lesbische Drama "Mit leiser Stimme" sowie den Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" von Jane Schoenbrun.

Lauter Applaus für Céline Sciamma

Doch das absolute queere Highlight ist der Besuch der französischen Regisseurin Céline Sciamma. Mit ihren Filmen "Water Lilies", "Tomboy" und "Porträt einer jungen Frau in Flammen" gehört sie zu den einflussreichsten lesbischen Filmschaffenden. Eine queere Filmikone, die bei ihrem Besuch im Bosnischen Kulturzentrum mit lautem Applaus begrüßt wird.


Masterclass mit Céline Sciamma beim Sarajevo Film Festival (Bild: Obala Art Centar)

Céline Sciamma zeigt hier zum ersten Mal ihren Film "Tutti Frutti" außerhalb von Paris. Im tagebuchartigen Essayfilm im Auftrag des Centre Pompidou setzt sie sich mit einer Vielzahl an Themen auseinander: Mit der Essenz von Kino, mit lesbischen Archiven, dem Schicksal der queeren Chinesin Nadine Hwang, die das KZ Ravensbrück überlebte, mit dem Einfluss von TikTok und ASMR – und entwirft schließlich eine dystopische Fiktion der Zukunft. "Ich vermisse das Kino", sagt sie außerdem während einer Gondelfahrt durch Venedig.

Ein queerer Filmpreis?

Das anschließende Publikumsgespräch zeigt, wie sehr die Regisseurin verehrt wird: Statt einer Frage wolle eine junge Filmemacherin einfach nur sagen, welch große Bedeutung "Porträt einer jungen Frau in Flammen" für sie hat. Auf jede Antwort der Regisseurin folgt intensives Klatschen. Céline Sciamma zeigt sich gerührt, spricht sehr offen über ihre Filme und kritisiert die Strukturen, die es Frauen nach wie vor erschweren, Filme zu drehen.

Und wie geht es weiter? Wenn Edin Čusto nach der queeren Zukunft des Festivals gefragt wird, zögert er nicht lange. Die Berlinale hat den Teddy als Preis für die besten queeren Filme, Cannes vergibt die Queer Palm, Venedig den Queer Lion. "Ein queeres Herz von Sarajevo wäre toll!"

-w-