https://queer.de/?59276
Interview
Jaume Claret Muxart: "Wir haben 850 Jungs gecastet"
Im poetischen Film "Strange River" verliebt sich der Teenager Dídac im Urlaub in einen geheimnisvollen nackten Jungen. Zum Kinostart erzählt der Regisseur, was er von seinen Großeltern gelernt hat, wie er den Hauptdarsteller fand – und was er anders machen wollte als typische Coming-of-Age-Filme.

Dídac (Jan Monter Palau) und Alexander (Francesco Wenz) in "Strange River". Mehr Szenenfotos zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Salzgeber)
- Von
23. August 2026, 10:09h 11 Min.
Der Sommer hat seinen Höhepunkt schon hinter sich. Die Tage werden spürbar kürzer, der Herbst liegt schon fast in der Luft. Zu genau dieser Zeit spielt auch der Debütfilm des katalanischen Regisseurs Jaume Claret Muxart, "Strange River" (ausführliche Filmkritik)
Der 28-Jährige hat sich Zeit genommen, um über seinen Debütfilm zu sprechen. Zum Kinostart am 27. August 2026 wird er bei Vorführungen in Berlin, Potsdam und Hamburg zu Gast sein, bei einigen Terminen wird auch der Schauspieler Francesco Wenz dabei sein. Die genauen Termine stehen auf der Homepage des Verleihs Salzgeber.
Dein erster Spielfilm "Strange River" wird oft als poetisch beschrieben. Würdest du dich selbst als Poet bezeichnen?
Ich stamme aus einer Künstlerfamilie. Meine Großeltern waren Maler. Deshalb fühle ich mich der Poesie näher als beispielsweise dem reinen Sinn oder der Rationalität. Ich finde es deshalb interessant, Filme aus dieser poetischen Perspektive zu drehen. Aber wenn ich mich als Dichter sehen würde, würde ich Gedichte schreiben. Ich bin aber weit davon entfernt. Für mich ist das Filmemachen näher an Musik und Tanz als an Literatur. Das ist wie Noten zu schreiben, voller Intensitäten und verschiedenen Rhythmen.
Nicht nur die Charaktere, auch dein Stil ist sehr poetisch. Vor allem am Anfang wirkt dein Film fast wie ein impressionistisches Gemälde von Monet. Wie hast du diesen Stil entwickelt?
Schon als ich drei Jahre alt war, habe ich oft meinen Großeltern im Atelier beim Malen zugeschaut. Mein Großvater hat ganz viel Farbe verwendet. Ich habe das Gefühl, dass Filme aktuell eher wenig Farbe nutzen. Dabei ist Farbe wichtig, denn Farbe ist Rhythmus und Emotion. Als ich den Film drehte, habe ich nie an den Impressionismus gedacht. Viele Leute sagen auch, dass der Film aussieht wie Gemälde von Raffael. Ich habe eher versucht, die kleinen Wahrheiten des Lebens mit meinem Kameramann Pablo Paloma einzufangen. Gleichzeitig ist der Schnitt wirklich expressionistisch. Es gibt also einen Kontrast zwischen dem Impressionismus, der das Leben einfängt, und dem Expressionismus, der das Leben auf eine Art erzählt. Vielleicht ergibt das einen poetischen Kontrast.
Du bist 28, also bist du eher mit digitalen Medien aufgewachsen. Warum hast du entschieden, auf dem alten, fast schon nostalgischen 16-mm-Film zu drehen?
Für mich ist das weder alt noch nostalgisch. (lacht) Wir werden in Zukunft wieder mehr Filme auf 16mm- sehen. Wir leben in einer Welt voller digitaler Eindrücke, und es ist so einfach, eine Kamera oder ein Handy zu nehmen und loszufilmen. Aber dabei geht etwas von der Mystik und Spannung verloren. Ich liebe die Plastizität des 16-mm-Films. Für mich liegt das näher an Malerei. Es ist Licht in einer organischen Form – es sind also keine Einsen und Nullen wie bei einem digitalen Bild. Das Wichtigste am Analogfilm ist aber die Spannung, die er am Set erzeugt. Die Konzentration, die entsteht, weil alle Beteiligten da sind, denn wir drehen nur zwei oder drei Takes pro Einstellung. Die Schauspieler*innen wissen, dass sie sich keinen Fehler erlauben dürfen. Natürlich dürfen sie das, aber es steckt mehr Bedeutung in jedem Take.
Ich habe mit 19 Jahren an der Filmhochschule in San Sebastián angefangen, auf 16-mm-Film zu drehen. Es war wie eine Offenbarung, weil ich für jede Einstellung die genaue Dauer festhalten musste, weil ich damals nicht viel Filmmaterial hatte. Es war also wie ein Schnitt vor dem Dreh. Das hilft sehr. Und dann ist es schön, beim Dreh alles zu öffnen und zu sehen, wie sich der Film und die Szenen stark verändern.

Regisseur Jaume Claret Muxart (Bild: IMAGO / opale.photo / Pako Mera)
"Strange River" ist sehr mythologisch. Die Figur des Alexander zum Beispiel erinnerte mich an eine Nymphe aus dem Fluss.
Es gibt nicht viele Anhaltspunkte, um Alexander zu verstehen, denn er ist gewissermaßen eine Projektion von Dídac. Als mir das bewusst wurde, dachte ich, dass ich durch Alexander den Naturalismus hinter mir lassen kann und so zu poetischeren und filmischeren Formen gelangen kann. Durch Alexander konnte ich die Bewegung, das Wasser, die Farben, die Rhythmen erforschen. Natürlich ist er eine abstrakte Figur. Aber Francesco, der Schauspieler, brauchte etwas, woran er sich festhalten konnte. Es gibt diesen Mythos der Meerjungfrau, der uns half, die Tragik dieser Figur zu gestalten. Wir haben immer gesagt, er sei wie eine Figur, die jeden Sommer versucht, jemanden zu lieben und geliebt zu werden. Eigentlich ähnelt er also der Tragik des Undine-Mythos. Für uns war die Neuinterpretation von Christian Petzold sehr wichtig – wo die Nymphe den Mann nicht tötet.
Es ist gar nicht klar, ob Alexander als Person wirklich existiert. Aber ist es überhaupt wichtig zu wissen, ob es ihn gibt?
Nein! Ich liebe die Mehrdeutigkeit. Beim Schreiben gab es eine Phase, in der ich mir diese Frage immer wieder gestellt habe. Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, es einfach nicht zu wissen. Das Interessante an Alexander ist, dass er gleichzeitig real und nicht real ist. Diese Projektion ist genauso real wie etwas, das keine Projektion ist. In gewisser Weise vereint die Figur Alexander also beides: Realität und Nicht-Realität.
Du hast ja schon einen Kurzfilm über die Donau gedreht. "Strange River" spielt auch dort. Woher kommt deine Faszination für den Fluss?
Ich habe die österreichische Donau mit elf Jahren mit meiner Familie kennengelernt. Ich hatte ein Bild von ihr: Ich liebte die Farben, dieses Schwarzgrün. Für mich ist es ein Fluss voller Geheimnisse und historischer Spannungen, weil dort ja viele Kriege stattgefunden haben.
Mit 18 war ich wieder dort und habe angefangen, das Drehbuch zu schreiben. Plötzlich habe ich gesehen, dass da eine große Straße direkt an der Donau entlanggeht, und man wegen des Lärms gar nicht drehen kann. Ich bin dann zum Anfang der Donau gefahren und habe einen Abschnitt gefunden, der viel schöner ist als der österreichische. Der Fluss wird breiter, der Schwarzwald ist in der Nähe. Das hat etwas Romantisches.
Den Kurzfilm habe ich am selben Ort gedreht, aber im Winter. Ich wollte ihn nicht im Sommer drehen, weil ich Angst hatte, dann keine Lust mehr zu haben, den Spielfilm auch dort zu drehen. Die Geschichte des Kurzfilms ist völlig anders. "Strange River" ist eher ein Roadtrip.

Poster zum Film: "Strange River" startet am 27. August 2026 bundesweit im Kino. Seit Anfang des Monat ist er zudem bereits in der Queerfilmnacht zu sehen
Es ist nicht nur ein Roadtrip, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte – aber ganz anders als die typischen Filme. Wie wichtig war es dir, etwas anders zu machen?
Mir waren die die gängigen Klischees von Coming-of-Age-Filmen bewusst, weil ich so viele geschaut habe. Ich wollte all die typischen Regeln brechen und anderen folgen, die nicht zum Genre gehören. "Strange River" wurde eher ein "Flowing of Age". Es gibt zwei Sachen an Coming-of-Age-Filmen, die ich anders machen wollte: Erstens die Perspektive. Normalerweise konzentriert sich ein Coming-of-Age-Film sehr auf die Hauptfigur, den Jungen oder das Mädchen, das sich verändert. Mir war es wichtig, dass sich das ändern konnte, sie konnte sich auf die Mutter, den Vater, den Bruder verlagern. Außerdem wollte ich nicht, dass es zum Problem wird, dass Dídac in einen Jungen verliebt ist. Ich wollte keinen Konflikt zwischen ihm und den Eltern. Der Konflikt findet in Dídac selbst statt, ist aber eher existenziell. Es geht darum, wer ich bin und was ich sein werde. Dídac sagt zu seinem Vater: "Ich mag nicht Jungs, ich mag Gerard." Dieser Satz ist sehr politisch.
Wie meinst du das?
Der Film ist eigentlich zeitlos. Aber die Dialoge verorten ihn sehr in der Gegenwart. Ich bin etwa zehn Jahre älter als Dídac, und ich kannte dieses Fluide in Beziehungen nicht. Die Generation von Dídac ist anders – wenn auch nicht überall. Sie hat eine organischere Art, Liebe und Begierde zu leben. Ich wollte mit diesem Satz sagen, dass die Einteilung in schwul oder nicht schwul aktuell oft gar nicht so wichtig ist. Sie war zwar früher nötig, aber Dídac lässt sich eher treiben. Da zeigt sich auch, dass Kino für mich eher in Richtung Utopie als in Dystopie gehen sollte. Denn Kino kann eine Projektion dessen sein, was wir besser machen können. Und vielleicht ist der Satz politisch, weil er schockierend wirken kann. Und wenn er schockiert, regt er zum Nachdenken an. Man kann später noch über diesen Satz sprechen, ohne an den Film zu denken.
Aber würdest du deinen Film trotzdem als queeren Film einsortieren?
Ja, absolut. Ich denke, queer ist das richtige Wort, weil es mehr Offenheit vermittelt. Zum Beispiel ist auch die Beziehung der Mutter zu den Menschen und zur Welt wirklich queer. Sie nimmt ihren Sohn mit in diese Stadt, in der alle Jungs miteinander flirten – sie ist eine wirklich queere Mutter. Sie glaubt auch an die Kraft der Begierde und daran, dass Begehren ein Weg der Erziehung ist. Und dann fängt sie plötzlich an, mit einer jungen Frau aus der Nachbarschaft zu flirten.
Und das Baden ist ein wichtiges Motiv in der homoerotischen Kunst.
Vor Kurzem gab es einen weiteren queeren Film, der sich mit Wasser beschäftigt: "Last Night I Conquered the City of Thebes" von Gabriel Azorín, einem sehr guten Freund von mir. In beiden Filmen geht es um Wasser, Queerness und Beziehungen. Wasser symbolisiert eine fließendere, körperlichere Lebensweise. Man kann das Wasser und den Wind spüren. So kann man in die damit verbundenen Emotionen, Sehnsüchte und Gefühle eintauchen. Das gelingt leichter in einer Landschaft mit Wind, Wasser und Sonne als in einem Raum. Wasser fließt ununterbrochen, es führt einen auf andere Wege. Wasser ist Leben.
Dein Hauptdarsteller Jan ist ein Newcomer, beim Dreh war er noch minderjährig. Wie hast du mit an diesen komplizierten Gefühlen gearbeitet? Es geht ja auch um Intimität und Sexualität.
Wir haben 850 Jungs gecastet. Jan war ungefähr der 600. Es war eine Offenbarung. Es war klar: Er ist es. Nach 600 Bewerbern hatten wir keine Zweifel. Und nach dieser Entscheidung haben wir intensiv gearbeitet, drei Monate lang, einmal pro Woche. Wir haben geübt, um ihm mehr Selbstvertrauen zu geben und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Ich konnte ihn besser verstehen und er mich. Er war wirklich mutig und fest entschlossen, besser zu werden. Und dann entstand dieses Gefühl der Sicherheit am Set, auch weil wir alle ein Wochenende gemeinsam verbracht haben. In den intimen Szenen gibt es zwar keinen Sex, aber eine wirklich starke Spannung. Wir haben uns intensiv mit einer erfahrenen Intimitätskoordinatorin vorbereitet. Sie hat bei einigen Szenen Regie geführt, zum Beispiel bei der Masturbationsszene.
Ich wollte, dass Francesco, der Alexander spielt, bei allen Dreharbeiten dabei ist. So wurde er quasi ein Freund von Jan. Dadurch entstand Vertrauen zwischen den beiden. Francesco ist ein außergewöhnlicher Schauspieler. Für den jüngeren Jan war es super, einen so großzügigen und uneigennützigen Schauspieler an seiner Seite zu haben.
|
Dein Film feierte vor fast genau einem Jahr in Venedig Premiere und gewann dort zwei Preise. Jetzt kommt er in Deutschland ins Kino. Wie leicht fällt es dir, den Film loszulassen?
Es ist schwierig. Ich möchte es ja, aber gleichzeitig läuft er auf Festivals oder kommt in einigen Ländern in die Kinos. Ich muss ihn aber loslassen, sonst werde ich verrückt. Momentan schreibe ich an drei Filmen, mache mir Notizen und schreibe Szenen. Das Schwierige ist jetzt, sich für den nächsten Film zu entscheiden. Ich hätte nie gedacht, dass das so schwer wird.
Die erste Fassung von "Strange River" habe ich in einer Woche geschrieben. Es kam aus meinem Inneren, und ich hatte keinen Zweifel daran, dass der Film gedreht werden muss. Jetzt fehlt mir diese tiefe Leidenschaft. Deshalb muss ich gut überlegen, welcher Film als Nächstes kommt. Und ich möchte nicht noch einmal sieben Jahre daran arbeiten. Ich werde mich wohl für ein Projekt entscheiden, das ich in zwei Jahren realisieren kann, aus mehreren Gründen: Zum einen liebe ich es zu drehen, andererseits spielt auch Geld eine Rolle. Ich will einen Film über die Ambivalenz zwischen Freundschaft und Begierde drehen. Und es soll viel Musik geben. Ich will mutig sein und Partyszenen drehen, auch wenn das wirklich schwierig ist.
"Strange River" ist ein Sommerfilm. Welche Gefühle soll das Publikum haben, wenn es aus dem Kino kommt?
Der Film kommt genau zum richtigen Zeitpunkt in die deutschen Kinos. Denn er spielt im Spätsommer, Frühherbst. Es ist, als würde man die letzten Sommertage noch einmal Revue passieren lassen und sich an den Sommer erinnern. Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer*innen Ruhe und Gelassenheit empfinden. Dass sie sich mit der Natur und den Figuren verbunden fühlen. Denn wir leben in einer Zeit, in der alles so schnelllebig ist. Der Film schenkt uns also einen Moment der Ruhe. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihn auch Eltern mit ihren Kindern sehen. Vielleicht kann er ja etwas verändern. Zum Beispiel einem Vater, der nicht weiß, wie er mit seinem Sohn reden soll – dem könnte der Film vielleicht ein wenig helfen.
Strange River. Drama. Spanien, Deutschland 2025. Regie: Jaume Claret Muxart. Cast: Jan Monter Palau, Nausicaa Bonnín, Francesco Wenz, Jordi Oriol, Bernat Solé Palau, Roc Colell Moncunill. Laufzeit: 106 Minuten. Sprache: katalanisch-deutsche Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. Verleih: Salzgeber. FSK 12. Kinostart: 27. August 2026.
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
Mehr zum Thema:
» Ausführliche Filmkritik: Der nackte fremde Junge aus dem Fluss (01.08.2026)
» Interview: Ist Ihre mysteriöse Figur nur eine Liebes-Fantasie, Francesco Wenz? (27.06.2026)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
02:20h, ZDF:
Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll
Die Filmbiografie beruht auf dem bewegten Leben des Starpianisten Liberace und dessen Beziehung zu seinem Lebensgefährten Scott Thorson.
Spielfilm, USA 2013- 3 weitere TV-Tipps »












