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Buchtipp

Lesbisches Muttersein und innere Konflikte

Von der schwierigen Suche nach einem Samenspender über das Hadern mit der Mutterrolle bis zu einer nonbinären Liebe. Der Roman "Gehen wollen, bleiben sollen" von Sophie Herrndorf erzählt vom Ringen um Selbstbestimmung.


Symbolbild: Lesbisches Paar mit Kind (Bild: kampus / pexels)

Mit dreizehn Jahren sagte die in Köln lebende Autorin Sophie Herrndorf zu sich: "Entweder werde ich Nonne oder lesbisch". Sie entschied sich für Zweiteres. Heute hat sie eine Partnerin und eine Tochter. In ihrem neuen Roman "Gehen wollen, bleiben sollen" (Amazon-Affiliate-Link ) geht es um Themen wie lesbische Mutterschaft, queere Lebensentwürfe und das Dilemma zwischen Pflichtbewusstsein und persönlicher Freiheit.

Das Buch handelt von zwei Frauen, die sich in einem starken inneren Konflikt befinden. In einem Teil des Romans geht es um Toni, die mit ihrer Partnerin eine Tochter bekommen hat. Doch Toni hadert mit der Rolle als Mutter. Sie will weg. Sie sehnt sich nach ihrem alten Job als Kriegsfotografin. Doch darf sie das? Ist sie eine schlechte Mutter, wenn sie längere Zeit ins Ausland geht und sich selbst verwirklicht? Eine solche Frage bekommen Väter vermutlich nicht gestellt.

Warum bieten Männer ihr Sperma an?

In dem Roman wird auch der schwierige Weg beschrieben, wie zwei lesbische Frauen in Deutschland ein Kind bekommen. Toni und ihre Partnerin Mona suchen nach einem Samenspender auf einer Online-Plattform. Es sei bizarr zu lesen, wie die Männer "ihren IQ, ihre körperliche Fitness und die gute Gesundheit der gesamten Vorfahren anpriesen", heißt es in dem Buch. Die Frauen fragen sich: "Warum bieten Männer ihr Sperma an? Teilweise wollten sie mit dem Kind gar nichts zu tun haben und hatten dennoch Kosten und Mühen auf sich genommen, ein Profil zu erstellen."

Einige wenige Männer ziehen sogar die natürliche Befruchtung vor. Doch das lehnen Toni und Mona ab. Schließlich finden sie einen schwulen Mann namens Patrick als Samenspender. Nach der Geburt von Henni zieht sich Patrick allerdings zurück "Die Zeit mit einem Baby war von Müdigkeit und Anstrengung gekennzeichnet und ein Vater hätte uns entlasten und Zeit als Paar ermöglichen können", erzählt die Protagonistin Toni in dem Buch. Doch Patrick verliebt sich in einen jungen Typen und zieht in eine andere Stadt. Zweimal im Jahr schickt der Vater der Tochter ein Päckchen mit mehr oder weniger passenden Geschenken.

Doch auch in der Beziehung zwischen Toni und Mona kriselt es. Toni lernt Franzi kennen. "Ich dachte, ein One-Night-Stand mit Franzi könnte auch etwas Frische in die Beziehung mit Mona bringen. Eine verrückte Nacht würde mir geben, was ich so lange entbehrt hatte, und ich würde ausgeglichener in die Beziehung zurückkehren", heißt es in dem Buch. Doch es kommt anders. Toni und Mona trennen sich. Zuvor versuchen es die beiden Frauen noch mit einer polyamoren Beziehung.

Tochter fragt: Was sind Lesben? 



Der Roman "Gehen wollen, bleiben sollen" ist im März 2026 im Querverlag erschienen

Schließlich kümmern sich Toni und Mona getrennt voneinander um ihre Tochter. Einmal fragt Henni: "Was sind Lesben?" In dem Moment wird Toni klar, dass sie und Mona so selbstverständlich lesbisch leben, dass ihrer Tochter das Wort "lesbisch" offensichtlich nicht erklärt worden sei. Zur Erklärung legen Toni und Mona ihrer Tochter das kölsche Grundgesetz "Jeder Jeck ist anders" ans Herz und ergänzen es mit dem Satz "Hauptsache glücklich".

Im Gegensatz zu Mona tut sich Toni mit dem Muttersein schwer. "Die Wahrheit ist: Sosehr ich Henni auch liebe, das Muttersein liebe ich nicht. Es ist wie ein Job, den ich nicht kündigen kann", heißt es in dem Buch. Auch die Vertragsbedingungen für Mütter seien schlecht. "Kein Lohn, kein Lob, keine Unterstützung, keine Möglichkeit, sich krank zu melden." Der Mamajob kenne keine Pausen. Für viele Frauen sei Muttersein eine Erfüllung. Bei ihr, so Toni, sei es anders. Sie habe "beim Stillen nie eine wundervolle Verbundenheit gespürt, sondern schmerzende Brustwarzen und das Gefühl, einfach meine Ruhe haben zu wollen".

In dem Roman bekommt Toni kurz vor der Einschulung ihrer Tochter ein Jobangebot als Kriegsfotografin. Dafür soll sie für eine längere Zeit weggehen. Toni ist hin- und hergerissen. Sie fühlt sich in der Arbeit frei und kann sich dort verwirklichen. Gleichzeitig plagt sie ein schlechtes Gewissen: "Ich kann doch nicht fliegen und einen Job erledigen, während meine Tochter eingeschult wird! Ich kann doch nicht fremde Menschen an fernen Orten fotografieren, während mein eigenes Kind den ersten Schritt in eine neue Welt setzt!" In dieser Situation beginnt ihre Tochter Henni zu klammern und sagt zur Mutter: "Ich will nicht, dass du gehst." Was soll Toni tun?

Stolzsein ist nicht so einfach

In einem ähnlichen Dilemma befindet sich Chris, deren Lebensgeschichte ebenfalls erzählt wird. Chris will wie Toni beruflich ins Ausland. Ihr Ticket ist schon gebucht. Doch ausgerechnet in dieser Zeit wird bekannt, dass ihre Mutter Krebs im Endstadium hat. Die Ärzt*­innen sagen, dass der Krebs erbarmungslos sei. Das Wichtigste sei für die Mutter, dass ihre letzten Tagen oder Wochen so angenehm wie möglich werden. Von Chris wird als Tochter erwartet, dass sie sich um ihre Mutter kümmert. Doch Chris mag ihren Job und möchte weg.

In dieser Zeit erinnert sich Chris an ihre schwierige Kindheit. Ihr Vater sei abwesend und die Mutter traumatisiert gewesen. Immer wieder habe sie als Kind von der Mutter den Satz gehört: "Sei eine gute Tochter". Als Erwachsene geht Chris in Therapie. Ihre Therapeutin rät, sie soll tief durchatmen, wenn sie wütend sei. Ihr inneres Kind sei aktiv, ihr Schattenkind reagiere, weil es nie verwunden habe, dass es von der Mutter nicht bedingungslos geliebt worden sei. Auch sagt ihre Therapeutin: "Du kannst sehr stolz auf dich sein."

Doch Chris schafft das mit dem Stolzsein nicht. Die Beziehung zu ihrer Mutter wird als kompliziert beschrieben. In dem Buch heißt es, dass Chris ihre Mutter oft enttäuscht habe. Sie habe immer wieder bewiesen, kein liebes Mädchen und keine guter Tochter zu sein. Wie soll sich Chris angesichts der Krebserkrankung ihrer Mutter nun verhalten? Ist es egoistisch von ihr, wenn sie wegfliegt, während ihre Mutter stirbt?

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"Das zweite Outing, als Transmann, war ungleich härter"

In diesem Dilemma lernt sie Steph kennen. Bei Steph erfährt Chris emotionale Intimität. Die geschlechtliche Identität von Steph ist nicht klar. "Das Geschlecht ist egal. Es sind zwei Menschen, die sich mögen, zwei Körper, die sich anziehen", heißt es in dem Buch. Auch das Leben von Steph sei nicht einfach gewesen. Steph habe sich zunächst als lesbisch geoutet und damit die Eltern enttäuscht. Unter Lesben habe Steph eine neue Familie gefunden. "Dann dein Verrat an dieser Szene, als du wieder gespürt hast, dass du anders bist. Du bist darin aufgegangen, dich mehr und mehr als Mann zu fühlen", erzählt Chris in dem Buch über Steph. "Das zweite Outing, als Transmann, war ungleich härter. Enttäuschte Erwartungen. Kaum eine hat den Kontakt gehalten."

Sechs Jahre sei Steph den Weg als trans Mann mit Testosteron, Namensänderung und Operationen gegangen. Doch dann habe sich Steph erneut in eine andere Richtung entwickelt. "Nicht Mann, nicht Frau, beides oder keines. Binarität in Frage stellend. Erwartungen enttäuscht", heißt es in dem Buch. Chris liebt Steph. Damit wird für Chris angesichts des bevorstehenden Jobs im Ausland das Dilemma größer. Soll sie gehen oder bleiben? Hinzu kommt die Situation mit der sterbenden Mutter.

In dem Roman geht es um Fragen, die sich nicht nur viele queere Personen stellen: Muss jemand die eigene Selbstverwirklichung und die Träume aufgeben, um für andere Menschen da zu zu sein? Wie kann die Ambivalenz zwischen Verantwortung und Selbstbestimmung gelöst werden? Was tun, wenn Kompromisse schwer möglich sind? Worauf kommt es im Leben an?

Infos zum Buch

Sophie Herrndorf: Gehen wollen, bleiben sollen. Roman. 184 Seiten. Querverlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 20 Euro (ISBN 978-3-89656-368-2). E-Book: 12,99 €

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