Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59280

Buchtipp

Der trans König von Sachsen geht cruisen

Während der deutsche Buchmarkt im Realismus versinkt, erfindet Cécil Ludwig Röski ein queeres Königreich Sachsen. Warum sein neuer Roman "Trizeps Royal" genau die Portion Fantastik ist, die es gerade braucht.


Cécil Ludwig Röski wurde 1994 in Schleswig-Holstein geboren und studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sein Debütroman "Poussi" (2023) wurde mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet (Bild: Jelena Ilić)

Was wäre, wenn Sachsen nach dem Zusammenbruch der DDR nicht Teil der Bundesrepublik, sondern ein eigenständiges Königreich geworden wäre? Und was wäre, wenn heute, über 30 Jahre später, ein junger trans König an der Spitze dieser jungen deutschen Monarchie stände? Und was wäre, wenn dieser junge König, mit Namen Dedo II., sich mit gebrochenem Herzen in das in der Orangerie aufgebaute Fitnessstudio zurückzöge, um dem Bodybuilding zu frönen, damit die eigene Schulter zu der starken wird, an die er sich lehnen kann? Dann sind wir bereits mitten im wunderbar wild unterhaltsamen neuen Roman von Cécil Ludwig Röski.

Im Jahr 2026 fehlt es der Literatur schmerzlich an Fantastischem. Vor Kurzem wurde die Langliste für den Deutschen Buchpreis veröffentlicht, einer der wichtigsten – oder zumindest einer der am höchsten dotierten – Preise für Literatur in diesem Land. Wie die Journalistin Julia Hubernagel bereits in der "taz" bemerkte, zeichnen sich die potenziell ausgezeichneten Bücher auf dieser Liste auch durch ihre sehr eingeschränkte Themenvielfalt aus. Es geht da überwiegend um die Erkundung der Heimat und der Familiengeschichte, immer wieder um Krieg und Diktatur. Ganz viel Vergangenheit und vor allem Realismus.

Das Fiktive ist nicht angesagt


Der Roman "Trizeps Royal" ist am 24. August 2026 im Leykam Verlag erschienen

Natürlich ist das Realistische, das Naturalistische, nicht an sich falsch. Doch wenn es immer nur um ein möglichst hohes Maß an Realitätsnähe, an Echtheit und historischer Korrektheit geht, dann geht das zu Lasten der streitbar wichtigsten Funktion der Literatur: der Fiktion. Sich nicht nur das Unwahre, sondern eben sogar das Unmögliche vorstellen und die Wirklichkeit so herausfordern, kann nur die fiktive Erzählung. Die Fähigkeit, zu fantasieren, Utopien zu denken, den Status quo zu hinterfragen, baut darauf. Es darf als bezeichnend gelesen werden, dass das Fiktive nicht angesagt ist.

Die Grundannahmen von "Trizeps Royal" (Amazon-Affiliate-Link ), so der Titel von Röskis neuem Roman, könnten also nicht unzeitgemäßer sein. Eine fiktive sächsische Monarchie, regiert von einem trans König, Streit über die Thronfolge durch Transition inbegriffen. Doch das Buch ist nicht nur deshalb zu loben, weil es nicht dem gegenwärtigen Sozialrealismustrend entspricht. In diesem bizarren (royalen) Gewand erschreibt Röski nämlich eine einnehmende Mischung aus emotionalem Slapstick und Hantelbankzärtlichkeit. Röski ist Meister der Abwegigkeiten. Im Debütroman "Poussi" (2023) gab es den Sextraum mit einem Delfin – oder war es mit einem Spielautomaten? Im neuen Werk geht der König cruisen.

Pumpen gegen den Herzschmerz

Erzählt werden die Eskapaden am sächsischen Hof in der ersten Person von König Dedo selbst. Und der ist eine grandios tragische Heulsuse voller beißender Ironie und klebrigem Selbstmitleid. Es macht sehr viel Spaß, diesem Häufchen Elend dabei zuzuhören, wie es um die verflossene Liebe trauert und zu der Lösung kommt: Gegen das gebrochene Herz wird der Aufbau der Armmuskulatur helfen. Und dann plötzlich: ehrlich nahbar. Immer wieder gelingt es Röski, anrührende Momente zu schaffen, die quasi im Windschatten des schillernden Witzes beim Lesen überrumpeln. Wenn Dedo sich etwa in einem Nebensatz melancholisch daran erinnert, wie immer ein paar Schuppen auf seiner Hose zurückgeblieben waren, nachdem er seinem Ex eine Kopfmassage gegeben hatte, dann bleibt das kurz im Hals stecken. Ja, wenn uns der geliebte Mensch abhanden gekommen ist, dann vermissen wir sogar seine Schuppen.

Immer wieder werden die erwartbaren Klischees des Liebeskummers gekonnt unterlaufen. Dedo ist vermutlich auch eine viel zu gewitzte Figur, um sich das selbst durchgehen zu lassen. Der naheliegendste Vergleich für Röskis royale Rummelfahrt ist wohl die Literatur von Isabel Waidner, in der die Realität immer wieder durch das Einbrechen des Absurden und den wilden Mix von Genres und Erzähltropen gequeert wird. Röskis queerer König ist aber mit etwas mehr Gefühl erzählt. Als Dedo in einem Klatsch-und-Tratsch-Subreddit über sich selbst liest, dass sein Verflossener offenbar mit einer neuen Liebe gesehen wurde, verfällt er in Selbstzweifel. Aus dem erwartbaren "Ich war ihm nicht gut genug" wird in "Trizeps Royal" dann gleichzeitig lustig und ergreifend:

Wäre er cis, würde ich in meinen dunkelsten Stunden denken, Marfa hätte sich jetzt einen richtigen Mann geangelt, einen mit Penis. Dabei sagte er nie, ich sei ihm zu unmännlich, meine Gummipenisse unzureichend, trotzdem war ich immer wieder verunsichert.

- Werbung -

Schmerzhafte Fitnessstudio-Erotik

"Trizeps Royal" ist voller Lust und Leidenschaft erzählt. An manchen Stellen ist die Rollenprosa des Romans etwas überstrapaziert in ihrer Rotzigkeit, und ein Halbsatz weniger Pointe hätte auch genügt. Doch die allermeiste Zeit macht die Mischung aus Bankdrücken und Petit-Four, Testosteron und Trabrennbahn, höflicher Etikette und sächsischem Sexting einfach sehr viel Spaß. Natürlich bietet sich das trans-royale Treiben auch dazu an, über tiefere Themen nachzusinnen. Männlichkeit und Intimität, Körperwahrnehmung und Selbstbestimmung, das gespaltene Deutschland und deutsche Geschichte. Und sicher noch vieles mehr. Und gleichzeitig taugt es zur überhitzten Urlaubslektüre im Spätsommer.

Der Leykam Verlag, bei dem "Trizeps Royal" erscheint, hat Anfang des Jahres bekanntgegeben, dass dort ab 2027 keine belletristischen Bücher mehr veröffentlicht werden. Der älteste Verlag Österreichs gibt die Literatur auf. Eine laut nachhallende Entscheidung. Immerhin ist mit Röskis Roman die letzte Veröffentlichung ein gebührendes, fulminantes Finale.

Infos zum Buch

Cécil Ludwig Röski: Trizeps Royal. Roman. 224 Seiten, Leykam Verlag. Graz 2026. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-7011-8417-0)

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-