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Kinostart

Queere Staatsanwältin gegen rechten Terror

Kompromisslos, empathisch und kurz vor den Wahlen hochaktuell: Faraz Shariats neuer Spielfilm "Staatsschutz" erzählt von einer jungen Staatsanwältin, die nach einem rassistischen Anschlag gegen rechte Netzwerke in der eigenen Behörde ermittelt.


Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) kämpft gegen einen Apparat, der den Rechtsextremismus verharmlost. Mehr Szenenfotos zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Lotta Kilian / Jünglinge Film)

"Wir sind die objektivste Behörde der Welt." In diesem immer wieder wiederholten Satz verdichtet sich die zentrale Doppelmoral von "Staatsschutz". Der Film zeigt, wie sich staatliche Institutionen auf Neutralität und Rechtsstaatlichkeit berufen, während struktureller Rassismus, rechte Netzwerke und institutionelles Wegsehen weiterhin ihren Platz haben. Im Mittelpunkt steht Seyo Kim, eine junge Staatsanwältin, die in Brandenburg lebt und in Berlin arbeitet – und sowohl im Alltag als auch innerhalb von Justiz und Sicherheitsbehörden immer wieder mit patriarchalen und rassistischen Machtstrukturen konfrontiert wird.

Der zweite Spielfilm des Regisseurs Faraz Shariat verfolgt Seyos beruflichen Alltag zunächst scheinbar nüchtern. Gleich zu Beginn vertritt sie die Anklage in einem Drogendelikt und muss einem Neonazi ernsthaft empfehlen, sein Hakenkreuz-Shirt vor Gericht auszuziehen. Noch bezeichnender als der Angeklagte selbst sind die Reaktionen der Zuschauenden: rassistische Zwischenrufe, höhnisches Gelächter und eine Atmosphäre, in der rechter Hass längst zur Normalität geworden ist. Immer wieder richtet der Film den Blick auch auf das Publikum im Gerichtssaal und macht deutlich, wie sehr gesellschaftliche Polarisierung längst in staatliche Räume hineingetragen wurde – manchmal etwas schematisch als Gegenüberstellung von Nazis und Antifa, aber dennoch wirkungsvoll.

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Vom Fahrrad gestoßen, mit Molotowcocktails beworfen


Poster zum Film: "Staatsschutz" startet am 27. August 2026 bundesweit im Kino. In eigenen Städten gibt es Previews

Den eigentlichen Ausgangspunkt bildet jedoch eine erschütternde Gewalttat: Seyo wird Opfer eines rassistischen Anschlags. Zunächst wird sie vom Fahrrad gestoßen, später fliegen Molotowcocktails von einer Brücke auf sie herab. Weil die Ermittlungen stocken und sie Verbindungen in die rechte Szene vermutet, beginnt sie selbst zu recherchieren.

Sie arbeitet sich durch alte Akten rechter Gewalttaten und ungeklärter Morde, entwendet Dokumente und stößt immer wieder auf Widerstände innerhalb der eigenen Behörde. Gerade weil der Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) den Fall außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs übernimmt, verdichtet sich der Verdacht, dass es längst nicht mehr nur um einzelne Täter geht, sondern um ein System, das rechte Verstrickungen lieber verwaltet als aufklärt. Der Film orientiert sich dabei nicht an einem konkreten Fall, speist sich aber aus jahrelanger Recherche und zahlreichen realen Kontinuitäten rechter Gewalt in Deutschland.

Neutralität bedeutet nicht automatisch Gerechtigkeit

Gerade deshalb entfaltet der Satz "Wir sind die objektivste Behörde der Welt" eine solche Schärfe. Er steht für ein Selbstbild staatlicher Institutionen, das sich unangreifbar gibt und gerade dadurch blind für die eigenen Ausschlüsse wird. Der Film zeigt eindrücklich, wie selektiv über "Herkunft" gesprochen wird, wie rassistische Motive relativiert werden und wie jede Benennung strukturellen Rassismus' schnell als ideologisch oder linksradikal delegitimiert wird. "Staatsschutz" macht sichtbar, dass Neutralität nicht automatisch Gerechtigkeit bedeutet – und dass der Verweis auf das Grundgesetz keine Antwort darauf ist, wenn diejenigen, die es schützen sollen, selbst Teil des Problems werden.

Ebenso eindrucksvoll erzählt der Film von der Angst vieler migrantischer Menschen, sich gegen rechte Gewalt überhaupt zur Wehr zu setzen: Aufenthaltsstatus, Arbeitsplatz oder Wohnung können jederzeit auf dem Spiel stehen. Dieses permanente Abwägen zwischen Selbstschutz und Widerstand schildert Shariat mit großer Empathie, ohne die Betroffenen zu bloßen Opfern zu machen oder ihre Erfahrungen auszubeuten.

Beeindruckende Performance von Chen Emilie Yan

Inmitten dieser beklemmenden Atmosphäre werden die Beziehungen zu anderen Frauen zu einem wichtigen Gegenpol. Besonders die Freundschaft zu Ayten Alican (Alev Irmak), die Seyo Kim immer wieder Zugang zu Akten verschafft und sie schließlich sogar ihrer Tochter vorstellt, entwickelt sich zu einem emotionalen Anker. Auch Min-Su (Kotbong Yang), deren Verhältnis zu Seyo Kim zwischen enger Freundschaft und lesbischer Spannung oszilliert, erweitert den Film um leise Momente von Nähe und Vertrauen.

Getragen wird das alles von Chen Emilie Yan, die in ihrer ersten Spielfilmhauptrolle eine beeindruckende Performance abliefert. Sie spielt Seyo Kim zugleich professionell und beharrlich, kühl und verletzlich. Gerade weil sie nie zur unfehlbaren Heldin stilisiert wird, sondern auch Fehler macht und gelegentlich über Grenzen geht, gewinnt ihre Figur an Glaubwürdigkeit. Im letzten Akt verschiebt der Film seine Tonlage fast unmerklich und entwickelt sich vom Justizdrama zum Rachethriller – ohne seine politische Haltung aufzugeben.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
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Ein Film, der sich politisch klar positioniert

"Staatsschutz" ist ein Slow Burn. Der Film arbeitet nicht mit großen Ausbrüchen, sondern mit einer stetig wachsenden Beklemmung. Die wenigen Schauplätze – das Auto auf den Landstraßen Brandenburgs, die brutalistische Architektur des Gerichts, Seyos zunehmend unsicher wirkende Wohnung – erzeugen eine bedrückende Enge. Die Kamera von Lotta Kilian findet dafür eindrucksvolle, symmetrische Bilder, die die Kälte staatlicher Räume ebenso sichtbar machen wie die Isolation ihrer Hauptfigur.

Nach "Futur Drei" (2020) ist "Staatsschutz" der zweite Spielfilm von Faraz Shariat, der zudem Mitbegründer des Filmkollektivs "Jünglinge" ist. Das Kollektiv steht für ein Kino, das queere, feministische und antirassistische Perspektiven nicht als Nebenschauplätze behandelt, sondern ins Zentrum rückt.

"Staatsschutz" knüpft genau daran an: als Film, der sich politisch klar positioniert, Empathie statt vermeintlicher Neutralität einfordert und den gesellschaftlichen Rechtsruck nicht bloß beschreibt, sondern ihm entschieden widerspricht. Gerade mit Blick auf die anstehenden Wahlen wirkt der Kinostart Ende August wie ein bewusst gesetzter politischer Moment. Von Faraz Shariat und den "Jünglingen" dürfte in den kommenden Jahren noch einiges zu erwarten sein.

Infos zum Film

Staatsschutz. Politthriller, Drama. Deutschland 2026. Regie: Faraz Shariat. Cast: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky, Kathrin Angerer. Laufzeit: 113 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Plaion Pictures. Kinostart: 27. August 2026
Galerie:
Staatsschutz
11 Bilder
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