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"Tricks"-Autor
Renaud Camus: Vom schwulen Bohemien zum Brandstifter der Rechtsextremen
Ausgerechnet der homosexuelle Autor Renaud Camus prägte die Theorie vom "Großen Austausch". Seine Ansichten zur europäischen Bevölkerungsentwicklung werfen auch unbequeme Fragen zu Alice Weidel und Jens Spahn auf.

Archivbild: Renaud Camus bei einer Rede im Jahr 2022 (Bild: IMAGO / IP3press)
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29. August 2026, 09:14h 9 Min.
Dass es heute möglich ist, offen schwul oder lesbisch zu leben und sich zugleich im politisch rechten Spektrum zu verorten, ist im westlichen Europa längst keine Neuigkeit mehr. In Deutschland stehen Jens Spahn und Alice Weidel geradezu beispielhaft dafür, und bei beiden scheint das innerhalb ihrer jeweiligen Milieus auch zu funktionieren – zumindest auf den ersten Blick.
Der Fall des französischen Schriftstellers und politischen Aktivisten Renaud Camus wiederum treibt den vermeintlichen oder auch tatsächlichen Gegensatz auf die Spitze – handelt es sich bei ihm doch um einen Mann, der seit Beginn seiner Laufbahn sein eigenes schwules Begehren mit demonstrativer Offenheit thematisiert und dennoch zum Stichwortgeber und intellektuellen Aushängeschild der europäischen Rechtsextremen wurde.
Erfinder der Ideologie des "Großen Austauschs"
So stammt die heute international verbreitete Formel vom "Großen Austausch" aus Camus' Feder. Die Vorstellung, die angestammte europäische Bevölkerung werde zunehmend durch Einwanderer*innen ersetzt, arbeitete er in seinem 2011 in Frankreich erschienenen Buch "Le Grand Remplacement" weiter aus. Camus fand damit eine neue Formel für eine Vorstellung, die unter deutschen Rechtsextremen bereits unter dem Begriff der "Umvolkung" kursierte. Was zunächst nur begrenzte Aufmerksamkeit fand, entwickelte in den folgenden Jahren eine erstaunliche politische Wirkung.
Fünf Jahre später erschien das Werk unter dem Titel "Revolte gegen den Großen Austausch" auch auf Deutsch – versehen mit einem Nachwort des österreichischen Identitären Martin Sellner. Der erkannte in Camus' Formel genau jenes Schlagwort, das der Identitären Bewegung bislang gefehlt hatte: einen prägnanten Überbegriff, der gleich mehrere ihrer Reizthemen zu einem einzigen Bedrohungsszenario verband. Dazu gehörten Masseneinwanderung, eine zunehmende Präsenz des Islams – und sinkende Geburtenraten in Europa.
Autor schwuler Sexgeschichten

Unter dem Titel "Tricks" wurden Camus' Erzählungen 1999 vom Bruno Gmünder Verlag auch auf Deutsch veröffentlicht
Dabei schien in Camus' früherem Leben kaum etwas auf diese Radikalisierung zum rechten Verschwörungstheoretiker hinzudeuten. Bis dahin machte er vor allem als schwuler Bohemien von sich reden: etwa als Autor von Erzählungen autobiografischer sexueller Begegnungen, die im Laufe der 1970er Jahre entstanden und heute zu den Klassikern der schwulen Literatur zählen. Unter dem Titel "Tricks" wurden sie 1999 vom Bruno Gmünder Verlag auch auf Deutsch veröffentlicht. Kein anderer als Roland Barthes adelte das Werk seinerzeit mit einem Vorwort.
So zeigte sich der Philosoph und Kulturtheoretiker etwa begeistert von der Selbstverständlichkeit, mit der Camus seine sexuellen Begegnungen mit Männern protokollierte. "Die 'Tricks' von Renaud Camus sind einfach, sie sprechen von Homosexualität, ohne jemals über sie zu sprechen", bemerkt Barthes. Homosexualität erscheine bei Camus weder als Problem noch als etwas, das erklärt oder gerechtfertigt werden müsse. Stattdessen beschreibe er das Kennenlernen, die gegenseitige Anziehung und den Sex mit einer Beiläufigkeit, die Ende der 1970er Jahre alles andere als selbstverständlich war.
Besonders beeindruckte Barthes die Haltung gegenüber den wechselnden Sexualpartnern. Er sprach von einer durch Wohlwollen geprägten "Ethik des Dialogs". Aus einem zunächst nur begehrten "Typ" werde durch die Begegnung ein individueller Mensch.
Der literarische Erfolg blieb weitgehend aus
In diesen Dialogen erfährt man auch einiges über Camus selbst. So spricht er in einem der "Tricks"-Protokolle von 1978 über seine damalige Existenz als Schriftsteller. Auf die Frage eines Sexualpartners, ob er von seinen Büchern leben könne, antwortet Camus: "Ja, aber schlecht." Sein Einkommen entspreche ungefähr dem Mindestlohn. "Es reicht mir ein bisschen, das Boheme-Leben", sagt der damals 31-Jährige. Und als sein Gegenüber fragt, ob er nicht etwas schreiben könne, womit sich Geld verdienen lasse, antwortet Camus: "Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich habe es nie versucht."
In dieser Beiläufigkeit deutet sich bereits eine Frustration an, die für Camus' weiteren Weg noch eine fatale Rolle spielen sollte. Der literarische Erfolg, den er sich erhoffte, blieb weitgehend aus. Zwar schrieb Camus unermüdlich weiter und veröffentlichte im Laufe seines Lebens Dutzende Bücher, doch die meisten erreichten nur ein kleines Publikum. Die breite Aufmerksamkeit, die ihm als Schriftsteller versagt blieb, sollte Camus Jahrzehnte später ausgerechnet auf jenem politischen Irrweg erlangen, auf dem er sich zunehmend in rassistische und verschwörungstheoretische Vorstellungen verrannte: Mit dem "Großen Austausch" wurde aus einem nur partiell beachteten Schriftsteller eine international wahrgenommene – wenngleich äußerst umstrittene – Figur.
Seine Homosexualität ließ Camus dabei keineswegs außen vor – im Gegenteil: Er nutzte sein schwules Selbstbewusstsein und bog es so zurecht, dass es sich in sein rechtes Weltbild einfügte. Die Freiheit, offen homosexuell zu leben, dient ihm dabei als Beleg für die von ihm behauptete kulturelle Überlegenheit des Westens gegenüber einer als fundamental homophob empfundenen islamischen Kultur.

Renaud Camus 2025 bei einer "Remigrations"-Konferenz in Norwegen (Bild: IMAGO / NTB / Geir Olsen)
Wegen rassistischer Hetze verurteilt
Camus gründete eine eigene politische Partei, kandidierte bei Wahlen und radikalisierte seine Rhetorik immer weiter. Seine Äußerungen über Muslime führt 2014 zu einer Verurteilung wegen Aufstachelung zu Hass und Gewalt; 2022 wurde er wegen rassistischer Hetze erneut verurteilt.
Eine neue Biografie zeichnet diesen erstaunlichen Weg nun erstmals ausführlich nach. Unter dem Titel "L'Homme par qui la peste arriva" veröffentlichten die beiden "Le Monde"-Journalisten Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye Anfang 2026 ein Porträt des inzwischen 80-jährigen Camus. Auf Deutsch ist das Buch bislang nicht erschienen. Ausführlich besprochen hat es jedoch der Bamberger Romanistikprofessor Kai Nonnenmacher auf seinem Blog "Rentrée littéraire", der sich der französischen Gegenwartsliteratur widmet.
Einwanderer als Objekte seines sexuellen Begehrens
Nonnenmacher weist dabei auf ein Spannungsfeld innerhalb der Biografie hin: Ausgerechnet Männer aus Nordafrika und anderen muslimischen Ländern, deren Religion Camus zunehmend als Bedrohung für Europa beschreibt, tauchen immer wieder als Objekte seines sexuellen Begehrens auf – und zugleich als Projektionsfläche seiner Ängste. Auch wenn das für Nonnenmacher keinen Widerspruch bedeutet, lässt sich das psychologische Paradoxon nicht von der Hand weisen. Camus begehrt an diesen Männern gerade jenen Machismo, der auch sein politisches Denken fasziniert: das Heroische und Kämpferische. Was Camus am einzelnen Mann anzieht, stößt ihn als vermeintliche Eigenschaft einer ganzen Kultur ab.
Doch der eigentliche Widerspruch liegt tiefer. Er steckt im demografischen Kern von Camus' Theorie selbst. Denn der "Große Austausch" beschreibt nicht nur eine vermeintliche Bedrohung durch Einwanderung. Ein zentraler Mosaikstein darin ist der Umstand, dass sich die europäische Bevölkerung nicht mehr ausreichend fortpflanzt.
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Homosexuelle als "Gender Traitors"
Damit berührt Camus eine Frage, die auffallend unausgesprochen bleibt: Was bedeutet das in letzter Konsequenz für Homosexuelle selbst? Denn sobald der Fortbestand des "eigenen" Volkes von seiner Fähigkeit zur biologischen Reproduktion abhängig gemacht wird, werden Familie, Abstammung und Generationenfolge zwangsläufig politisch aufgeladen. Nicht nur Einwanderung, sondern auch eine niedrige Geburtenrate erscheint dann als Gefahr – ohne dass daraus bislang die Frage abgeleitet wird, welchen Platz queere Lebensrealitäten innerhalb dieser Ordnung einnehmen.
Auch die europäischen Rechtsextremen halten sich in dieser Frage bislang zurück. Wie weit sich die innere Logik einer Ideologie treiben lässt, die Fortpflanzung zur gesellschaftlichen Überlebensfrage erklärt, hat die Literatur hingegen längst durchgespielt. In Margaret Atwoods dystopischem Roman "Der Report der Magd" von 1985 führt eine dramatisch gesunkene Geburtenrate zur Errichtung des fundamentalistischen Staates Gilead. Fruchtbare Frauen werden dort zur Fortpflanzung gezwungen, während Homosexuelle als "Gender Traitors" verfolgt werden – als Verräter am eigenen Geschlecht.
Von einer solchen Konsequenz scheint die heutige europäische Rechte zwar noch weit entfernt – doch der Vergleich bleibt aufschlussreich: Atwood führt in der Fiktion zu Ende, was geschieht, wenn die biologische Reproduktion eines Kollektivs über die Freiheit des Einzelnen gestellt und zur politischen Existenzfrage erhoben wird. Camus hat dergleichen in seiner Theorie selbstverständlich nicht vorgesehen. Die Vorstellung, ausgerechnet er könne eines Tages von politischen Gesinnungsgenossen wegen seiner Homosexualität als "Gender Traitor" betrachtet werden, würde er vermutlich amüsiert zurückweisen.
Alice Weidel und der "Fortbestand unseres Volkes"
Doch genau dieses scheinbar Selbstbewusste offenbart einen blinden Fleck, der nicht länger übersehen werden darf. Solange Homosexualität als westliche Freiheit gegen einen homophoben Islamismus in Stellung gebracht werden kann, erscheint der schwule oder die lesbische Rechtsextreme keineswegs als Widerspruch. Was geschieht aber, wenn sich der Blick nach innen richtet – wenn nicht mehr allein die Geburtenrate der "anderen" als Bedrohung gilt, sondern auch die mangelnde Reproduktion des "eigenen Volkes"?
Dass diese Frage keineswegs nur ein dystopisches Gedankenspiel ist, musste inzwischen ausgerechnet Alice Weidel erfahren. Im Sommer 2026 sorgte das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt für Aufsehen. Darin wird die Familie aus Vater, Mutter und Kindern nicht nur zum gesellschaftlichen Ideal erklärt, sondern ausdrücklich mit dem "Fortbestand unseres Volkes" verknüpft. Sinkende Geburtenraten seien auch darauf zurückzuführen, dass "sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen" inzwischen größere Akzeptanz genössen.
Damit spricht ein Teil von Weidels eigener Partei in unerwarteter Deutlichkeit aus, was im Denken von Camus nur im Nebulösen bleibt: Wenn die mangelnde Fortpflanzung des eigenen Volkes selbst zum politischen Problem wird, geraten zwangsläufig auch Lebensformen in den Blick, die nicht dem reproduktiven Ideal von Vater, Mutter und biologischer Nachkommenschaft entsprechen. Für Weidel trifft das gleich in mehrfacher Hinsicht einen empfindlichen Punkt: Sie lebt mit einer Frau zusammen, die familiäre Wurzeln in Sri Lanka hat, und zieht mit ihr zwei Kinder groß – eine Familienkonstellation also, die sowohl vom heterosexuellen Ideal abweicht als auch die Vorstellung einer über Abstammung gesicherten ethnischen Kontinuität infrage stellt.
Die Grenzen der Akzeptanz im bürgerlich-konservativen Milieu
Ähnlich gelagerte Konflikte lassen sich auch im gemäßigteren konservativen Milieu erkennen, wie der Fall Jens Spahn zeigt – wenngleich unter anderen Vorzeichen. Im Frühsommer 2026 wurde bekannt, dass Spahn und sein Ehemann Daniel Funke mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern eines Sohnes geworden waren. Den inneren Konflikt, der damit für ihn verbunden war, hat Spahn selbst offen eingeräumt: Als konservativer Homosexueller teilt er Vorstellungen von Familie, Abstammung und Generationenfolge, die er zugleich mit seinem eigenen Lebensentwurf in Einklang bringen muss. Dass sein Sohn Georg den Vornamen von Spahns Vater trägt, obwohl er genetisch von Spahns Ehemann Funke abstammt, ist dafür ein symbolisches Detail: Wo die biologische Generationenfolge über Spahn selbst nicht gegeben ist, wird über die Namensgebung eine Art familiärer Kontinuität hergestellt.
Was Spahn hingegen offenbar unterschätzt hatte, war die Reaktion in seinem eigenen konservativen Milieu. Die Kontroverse entzündete sich zwar wesentlich an der Umschiffung der in Deutschland geltenden Gesetze bezüglich der Leihmutterschaft, denen er selbst zugestimmt hatte. Doch die Heftigkeit mancher Reaktionen machte zugleich sichtbar, dass die Akzeptanz eines homosexuellen Paares im bürgerlich-konservativen Milieu nicht selbstverständlich bedeutet, auch dessen Familiengründung als gleichwertig anzuerkennen. Gerade Spahn, der seit Jahren offen homosexuell lebt und im konservativen Establishment angekommen schien, musste schmerzlich erfahren, wie begrenzt dieses Wohlwollen sein kann.
Doch die Fehleinschätzung reicht über diesen Einzelfall weit hinaus. Schwule und Lesben, die sich dem Mainstream zugehörig fühlen, nehmen ihre gesellschaftliche Anerkennung inzwischen als selbstverständlich wahr. Darin steckt nicht selten ein gehöriges Maß an Wunschdenken – vor allem dort, wo konservative Vorstellungen von Familie, Abstammung und Fortpflanzung wieder an politischer Bedeutung gewinnen. Denn wie belastbar die gesellschaftliche Akzeptanz tatsächlich ist, zeigt sich erst dort, wo queere Menschen nicht nur zur Gesellschaft gehören, sondern selbst Familie und Generationenfolge beanspruchen.















