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Interview
Wen schützt der Staat, Faraz Shariat?
Regisseur Faraz Shariat spricht über seinen neuen Film "Staatsschutz", institutionellen Rassismus in der Justiz – und warum queere Freund*innenschaft und Liebe im Kampf gegen rechte Gewalt eine tragende Rolle spielen.

Faraz Shariat am 28. August 2026 bei der Premiere von "Staatsschutz" in Köln (Bild: IMAGO / Future Image / C. Adolph)
- Von
29. August 2026, 16:06h 14 Min.
Mit "Staatsschutz" legt Faraz Shariat einen beeindruckenden Film vor, der den Mythos staatlicher Neutralität frontal angreift. Ausgehend von einer jungen Staatsanwältin, die selbst Opfer rechter Gewalt wird, erzählt er von institutionellem Rassismus, rechter Kontinuität und einer Gesellschaft, in der sich die Grenzen des Sagbaren immer weiter nach rechts verschieben (Filmkritik von queer.de).
Gleichzeitig ist "Staatsschutz" ein zutiefst queerer Film: Die Beziehungen, Freundschaften und Formen von Gemeinschaft, die Seyo erlebt, sind nicht bloß Rückzugsorte – sie sind das, was es gegen Hass, Gewalt und autoritäre Entwicklungen zu verteidigen gilt.
Wir haben mit Regisseur Faraz Shariat über die jahrelange Recherche hinter "Staatsschutz", die Grenzen vermeintlicher Objektivität und die Frage gesprochen, wie viel Verantwortung Institutionen im Kampf gegen rechte Gewalt tragen.

Poster zum Film: "Staatsschutz" läuft seit 27. August 2026 bundesweit im Kino
Nach deinem Debütfilm "Futur Drei" ist "Staatsschutz" deutlich düsterer. Wie kam es dazu?
Beide Arbeiten stehen im direkten Dialog mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. "Futur Drei" hat 2015 begonnen, als ich im Kontext von Angela Merkels "Wir schaffen das" für Geflüchtete übersetzt habe. Damals kreiste für mich vieles um die Frage, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen kann und wie man hoffnungsvolle, affirmative Vorstellungen einer pluralen Gesellschaft filmisch darstellen kann. Ich hatte selbst das starke Bedürfnis nach Queer Joy, nach diesem Schwelgen und Abhängen in einer sommerlichen Kleinstadt, und wollte dem viel Raum geben.
Als der Film dann 2020 herauskam, war das mein Startschuss als Filmemacher. Ich habe ja gar nicht Film studiert, sondern bin als Quereinsteiger sehr stark aus einer DIY-Mentalität heraus zum Film gekommen. "Futur Drei" war ein sehr autofiktionaler Zugriff, also sehr nah an meiner eigenen Lebensrealität.
Danach hatte ich plötzlich die Möglichkeit zu überlegen: Was will ich jetzt machen? Viele Projekte, die ich entwickelt habe, haben im Kontakt mit der Entwicklung in Deutschland immer mehr ihre Schlagkraft verloren. Der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck hat sich so drastisch verschärft, dass ich bei keinem dieser Stoffe das Gefühl hatte: Das ist das richtige Projekt, an dem ich die nächsten zwei oder drei Jahre arbeiten möchte.
"Staatsschutz" kam dann durch Claudia Schäfer zu mir, die das Drehbuch geschrieben hat. Dieses Projekt konnte aus diesem Gefühl von Ohnmacht, Wut und Frustration herausbrechen, das letztlich auch meine Schreibblockade verursacht hatte. Seyo Kim, die Protagonistin unseres Films, ist für mich eine inspirierende Figur: Sie macht den Vorschlag, wie Widerstand aussehen kann und wie man dieser Faschisierung Deutschlands etwas entgegensetzen kann.
Natürlich ist "Staatsschutz" viel düsterer als "Futur Drei", weil auch meine Wahrnehmung Deutschlands viel düsterer geworden ist. Gleichzeitig eint beide Arbeiten der Wille, empowernde Momente zu finden, Hoffnung zu stiften und sich der Frage zu stellen, wie man strukturellen Rassismus bekämpfen kann.
Der Film orientiert sich nicht an einem konkreten Fall, ist aber eng mit der Realität in Deutschland verbunden. Wie lief eure Recherche? Ihr habt euch über Jahre mit dem Thema beschäftigt.
Bevor ich überhaupt an dem Film gearbeitet habe, hatte Claudia Schäfer bereits drei Jahre recherchiert und geschrieben. Für sie war das ein aufreibender, aber auch sehr informativer Prozess. Sie hat unter anderem bei der Staatsanwaltschaft hospitiert, die für die Einstellung des Verfahrens im Fall Oury Jalloh verantwortlich war. Außerdem hat sie in Halle und bei der Berliner Staatsanwaltschaft hospitiert und dort sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die alle ins Drehbuch eingeflossen sind.
Sie hat sich außerdem intensiv mit Nebenkläger*innen beschäftigt, also mit den Menschen, die vor Gericht die Perspektive der Betroffenen vertreten. Dabei ging es um den NSU-Prozess, aber auch um den Neukölln-Komplex sowie die Anschläge in Hanau und Halle. Die zentrale Frage war: Wie fühlt es sich an, als Opfer, Hinterbliebene oder Überlebende sein Vertrauen ausgerechnet in die Hände des Staates legen zu müssen, der diesen Fall aufklären soll – und gleichzeitig den Täter*innen Tag für Tag vor Gericht gegenübersitzen zu müssen?
Im Drehbuch ist Seyos Geschichte natürlich eine dramatische Verdichtung. Es gab keine Begebenheit, bei der eine Staatsanwältin angegriffen wurde und anschließend im eigenen Fall ermittelt hat. Aber alle Fälle, die den Film flankieren, sind reale Fälle. Claudia war es sehr wichtig, eine direkte Verbindung zu der Realität herzustellen, in der wir heute leben.

Lesbische Hauptfigur mit Migrationshintergrund: Chen Emilie Yan als Staatsanwältin Seyo Kim in "Staatsschutz" (Bild: Lotta Kilian / Jünglinge Film)
Wie hat sich durch diese intensive Beschäftigung mit rechter Gewalt dein eigenes Sicherheitsgefühl verändert – auch als Filmemacher?
Das kann ich noch nicht abschließend beantworten, weil der Film ja seit 27. August im Kino läuft. Aber während der Arbeit hat uns als Team ein starkes Gefühl von Gemeinschaft, Solidarität und Empowerment getragen. Mir persönlich hat die Arbeit an diesem Film unglaublich viel gegeben.
Gleichzeitig war Sicherheit von Anfang an ein Thema, mit dem wir uns auch in der Produktion beschäftigt haben. Was bedeutet dieser Film für die exponierten Akteur*innen, die Hauptdarstellenden, aber auch für mich? Natürlich war NSU 2.0 dabei ein wichtiger Bezugspunkt. Dass Datenlisten geleakt wurden und Aktivist*innen, Journalist*innen und Menschen, die sich gegen rechte Gewalt engagieren, gezielt zu Zielscheiben gemacht wurden, indem ihre Adressen veröffentlicht wurden, hat uns beschäftigt. Das ist zum Teil auch Freund*innen von mir passiert. Deshalb gab es dieses Unbehagen schon vor dem Film: Wie sich in Deutschland gerade ein Klima von Hass und Feindseligkeit ausbreitet und Menschen gezielt in Angst versetzen soll, beschäftigt mich bis heute.
Gleichzeitig führt für mich – auch im Sinne der Figur Seyo Kim – kein Weg daran vorbei, im Kampf gegen Rechtsextremismus Haltung zu beziehen und damit öffentlich zu sein. Ich glaube nach wie vor daran, dass wir mehr sind. Diese Vereinzelung, die politisch gerade so stark gefördert wird, indem verschiedene Gruppen mit ähnlichen Erfahrungen von Diskriminierung gegeneinander ausgespielt werden, kann man letztlich nur überwinden, indem man miteinander in Kontakt bleibt. Deshalb bleibt es ein sehr ambivalentes Gefühl, diesen Film gemacht zu haben.
Und gleichzeitig geht es im Film um die Verstrickung der Justiz. Immer wieder fällt der Satz: "Wir sind die objektivste Behörde der Welt." Welche Rolle spielt dieses Mantra?
Eine Frage, mit der wir uns häufig beschäftigt haben, war: Warum sollte der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck ausgerechnet vor dem Justizsystem Halt machen? Die deutsche Justiz umweht der Mythos, sie sei die objektivste Behörde der Welt. Dieses Selbstverständnis wird auch in der Rechtslehre, teilweise international, geteilt. Die Ideen des deutschen Rechtssystems sind ja gar nicht schlecht.
Gleichzeitig kann eine Behörde aber immer nur so objektiv sein wie die Menschen, die dort arbeiten. Uns ging es darum zu zeigen, dass ideologische Einflussnahme eben auch innerhalb der Justiz stattfindet – genauso wie in der Polizei oder in der Politik. In der Politik ist es selbstverständlich, dass unterschiedliche Akteur*innen mit unterschiedlichen Ideologien aufeinandertreffen. Warum sollte das in Institutionen wie der Justiz plötzlich anders sein?
Struktureller Rassismus ist dort Alltag. Das zeigt auch die jüngst veröffentlichte InRa-Studie ("Institutionen & Rassismus"), die größte von der Bundesregierung beauftragte Untersuchung zu Rassismus in staatlichen Institutionen. Drei Jahre lang wurde in zahlreichen Behörden geforscht. Surprise, surprise: Wenig überraschend lautet das Ergebnis, dass alle Behörden von Rassismus betroffen sind.
Es geht also darum anzuerkennen, dass Rassismus kein Einzelfall ist, sondern strukturell wirkt. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie entwickelt man Konzepte und Handlungsweisen, um Behörden zu entnazifizieren beziehungsweise antirassistisch zu gestalten? Gerade jetzt ist das eine wichtige Debatte.
Es gibt gegen Ende diese Schlüsselszene, in der eine Figur aus dem Grundgesetz zitiert – und ihr das sofort als linksradikal ausgelegt wird. Dabei verweist sie nur auf geltendes Recht. Was steckt für dich dahinter?
Ich glaube, wir beobachten gerade eine massive Diskursverschiebung. Werte, auf die sich diese Gesellschaft einmal verständigt hat, werden zunehmend politisiert und als linksextreme Propaganda diffamiert – allen voran Menschenrechte und Grundrechte, also genau die Prinzipien, auf denen das Grundgesetz basiert.
Dagegen müssen wir uns wehren. Wir sollten nicht permanent gezwungen sein, uns dafür zu rechtfertigen, dass wir Solidarität, Menschenwürde oder Gleichberechtigung verteidigen – in Schulen, im öffentlichen Raum oder in der Politik. Wir dürfen uns nicht auf eine rechte Rhetorik einlassen, die genau diese Werte infrage stellt.
Was in den vergangenen Jahren passiert ist, ist im Grunde eine Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte. Große Parteien haben Forderungen der AfD Stück für Stück in Regierungspolitik übersetzt. Dadurch werden rechtsextreme Positionen salonfähig.
Gerade deshalb ist der Verweis auf das Grundgesetz heute fast schon ein politischer Akt. Viele Menschen erleben gerade, dass sie allein dadurch, dass sie sich für Solidarität, Gemeinschaft oder gleiche Rechte einsetzen, als links abgestempelt werden – selbst wenn sie sich gar nicht als links verstehen. Genau diese Erfahrung wollten wir im Film sichtbar machen.
Die Szene funktioniert deshalb auch so gut. Bei fast jedem Screening, bei dem ich bisher war, gab es an dieser Stelle Szenenapplaus. Das freut mich natürlich, weil viele Menschen in diesem Moment merken: Ja, genauso fühlt sich die aktuelle Debatte an. Und aus dieser Rhetorik müssen wir wieder herauskommen.
Das war beim Berlinale-Sommerkino ebenso. Was bedeutet vor diesem Hintergrund der Titel "Staatsschutz"? Wen schützt der Staat – und wer schützt den Staat?
Genau dieses Wortspiel hat uns von Anfang an gefallen. "Staatsschutz" heißt zunächst einmal die Abteilung der Staatsanwaltschaft, die sich mit politisch motivierter Gewalt beschäftigt – also mit rechtsextremen, linksextremen oder islamistischen Straftaten. Ihr Auftrag ist es, die Betroffenen solcher Gewalt zu schützen.
Gleichzeitig beschreiben viele Betroffene rechter Gewalt eine ganz andere Erfahrung: Sie haben das Gefühl, dass der Staat vor allem sich selbst schützt – dass Kritik an Ermittlungen abgewehrt, institutionelles Versagen nicht eingestanden und die eigenen Behörden geschützt werden, anstatt Verantwortung zu übernehmen.
Genau darin liegt das Problem. Das Vertrauen, das viele Betroffene rechter Gewalt über Jahrzehnte verloren haben, ließe sich nur zurückgewinnen, wenn staatliche Institutionen bereit wären, Verantwortung zu übernehmen und sich tatsächlich zu verändern. Dazu gehört auch, diese Institutionen vielfältiger aufzustellen. Denn – wie ich schon gesagt habe – Behörden können nur so objektiv sein wie die Menschen, die in ihnen arbeiten.
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Würdest du sagen, es gibt Objektivität – also im gerichtlichen Sinne?
Ich würde sagen: Objektivität ist, wenn überhaupt, nur möglich, wenn es vielstimmige Perspektiven gibt, die einen Aushandlungsprozess ermöglichen. Objektivität ist kein neutraler Ist-Zustand, sondern entsteht durch die Auseinandersetzung verschiedener Subjektivitäten.
Der Film legt überraschend viel Gewicht auf die Zuschauer*innen im Gerichtssaal. Wie kam das zustande?
Uns interessiert die Rolle der Zivilgesellschaft in der Frage: Wie kann Wehrhaftigkeit gegen Rechtsextremismus aussehen? In "Staatsschutz" geht es stark um Widerstand innerhalb von Institutionen. Aber zivilgesellschaftliches Engagement ist ein zentraler Teil des Kampfes gegen Rechts. Das Publikum im Gerichtssaal war uns deshalb wichtig, weil es einerseits Transparenz schafft, andererseits aber auch Solidarität und Emotionalität in einen Raum bringt, in dem diese eigentlich oft unterbunden werden.
Durch Seyo verbindet sich außerdem ihr eigener Fall mit anderen Fällen rechter Gewalt. Es geht zwar um einen konkreten Fall, aber die Konsequenzen betreffen uns alle als Gesellschaft.
Der Film zeigt auch stark die Perspektive von Menschen, die sich kaum wehren können – etwa wegen ihres Aufenthaltsstatus. Wie wichtig war diese migrantische Perspektive?
Das Rechtssystem funktioniert immer nur so gut, wie es für die vulnerabelsten Gruppen funktioniert. Gerade geflüchtete Menschen oder Menschen mit wenig Ressourcen haben oft wenig Vertrauen in die Justiz und gleichzeitig eine enorme Bedrohungslage. Wie soll jemand gegen einen stadtbekannten Neonazi aussagen, wenn danach kein Schutz gewährleistet ist?
Deshalb geht es in "Staatsschutz" auch um die Wehrhaftigkeit von Institutionen. Zivilgesellschaftliches Engagement ist wichtig, aber Institutionen haben die Mittel, um klare Signale zu setzen: Wir verfolgen rechte Gewalt und schützen diejenigen, die dagegen kämpfen. Wenn das nicht passiert, entsteht ein Klima, in dem rechte Gewalt toleriert wird.
Hast du Angst vor der Reaktion auf den Film? Der Kinostart fällt auch in eine Zeit mit mehreren Wahlen. Der Film wird bereits jetzt von rechter Seite angegriffen und mit "Citizen Vigilante" in Verbindung gebracht. Macht dir das Angst – oder zeigt es eher, dass der Film einen Nerv trifft?
Der Kinostart wurde bewusst vor die Landtagswahlen in Ostdeutschland gelegt. Uns war wichtig, den Film noch vor den Wahlen ins Kino zu bringen, um auf das Thema aufmerksam zu machen und mit lokalen Akteur*innen ins Gespräch zu kommen. Wir hoffen, Screenings und Diskussionen zu organisieren und den Film als Anlass für Austausch zu nutzen.
Was die Reaktionen angeht, bin ich zwiegespalten. Ich beschäftige mich gerne mit Rückmeldungen – vor allem dann, wenn sie im direkten Austausch mit dem Publikum entstehen. Aber im Internet geben viele Leute von morgens bis abends einfach sehr viel Scheiße von sich. Ich glaube nicht, dass man dem zu viel Gewicht geben sollte.
Dass von rechten Trollen Gegenwind kommen wird, erwarten wir ohnehin. Das überrascht uns nicht. Ich musste sogar über manche Kommentare schmunzeln. Einer behauptete, der Film sei im Auftrag der Bundesregierung entstanden. Dabei wären sie wahrscheinlich gerade die Letzten, die sich wünschen würden, dass es einen Film wie "Staatsschutz" gibt.
Der Film wurde trotzdem von der Filmförderung breit gefördert, obwohl er eine sehr klare Haltung hat. Wie erklärst du dir das?
Das war für uns tatsächlich auch eine interessante Erfahrung, weil wir den Film schon als sehr radikal in seiner Haltung verstehen – zumindest als einen Film, der den Finger in die Wunde legt und davor nicht zurückschreckt. Dass er trotzdem so breit gefördert wurde, hat, glaube ich, mehrere Gründe. Zum einen hat "Futur Drei" in der Filmlandschaft viel Aufmerksamkeit bekommen, obwohl er damals kaum gefördert wurde. Da konnten wir beim zweiten Film schon auch sagen: Jetzt möchte ich meinen zweiten Kinofilm machen – rückt mal euer Geld raus. Andererseits sind institutioneller Rassismus und der Umgang der Justiz mit Rechtsextremismus Themen, bei denen viele Förderinstitutionen gesehen haben, dass sie relevant sind. Das Drehbuch war außerdem sehr gut recherchiert und aufgebaut, das hat viele überzeugt.
Natürlich gibt es trotzdem Stimmen, die sagen, der Film sei zu schwarz-weiß oder analysiere die Ursachen von Rechtsextremismus nicht tief genug. Aber das war auch nie unser Anspruch. "Staatsschutz" betreibt keine Ursachenforschung. Der Film fragt vielmehr: Wie kann Widerstand aussehen? Und konkreter: Kann man Institutionen, die anfangen zu kippen oder korrumpiert werden, von innen heraus überhaupt noch verteidigen?
Trotz der düsteren Atmosphäre gibt es immer wieder Momente von Freund*innenschaft und queeren Beziehungen. Warum war dir das wichtig?
Je weiter der Film voranschreitet, desto wichtiger war es mir, auch sichtbar zu machen, was eigentlich auf dem Spiel steht. Seyo steht permanent unter Druck – durch die Behörde und durch die Bedrohung, die sie erlebt. Sie erlaubt sich kaum, Wut oder Angst wirklich zuzulassen.
Deshalb wollte ich immer wieder Momente von Solidarität, Gemeinschaft, Liebe und Humor zeigen – als das, was hier eigentlich verteidigt werden soll. Ob das der Sommerabend mit einer Kollegin am See ist oder die Begegnungen mit ihrem On-off-Love-Interest: Das sind Momente von Intimität, Zweifel und Sinnlichkeit in einer Geschichte, die sonst sehr stark von Unbehagen und Gewalt geprägt ist.
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Am Ende verschiebt sich der Film fast vom Justizdrama in Richtung Thriller. Wie kam diese Genreverschiebung zustande?
Als wir "Futur Drei" gemacht haben, haben wir oft von aktivistischem Popcornkino gesprochen. Für mich ist Kino ein Ort, an dem man komplizierte Fragen stellen und den Status quo herausfordern kann. Gleichzeitig ist es aber auch ein Versprechen, unterhalten zu werden. Mir ist wichtig, dass meine Filme zugänglich bleiben und die Kraft des Kinos nutzen, nicht nur Gegenwart abzubilden, sondern sich auch andere Möglichkeiten vorzustellen.
Das Genre erlaubt es einer Figur wie Seyo, die sich in einer unmenschlichen Situation befindet, etwas zurückzugeben. Niemand könnte unter solchen Bedingungen – isoliert und ohne den Schutz der Institutionen – einfach weitermachen. Dass sie am Ende mit einer Waffe und einem sicheren Auto ausgestattet wird, ist deshalb auch eine Form poetischer Gerechtigkeit.
Gleichzeitig geht es gar nicht um Rache. Sie geht nicht in die Offensive, sondern verteidigt sich, weil sie das Gefühl hat, sich selbst schützen zu müssen. Am Ende wollten wir vor allem die Frage stellen: Wo liegt Hoffnung? Für mich liegt sie darin, dass wir als Gesellschaft und als Justiz daran arbeiten, dass die Angst die Seite wechselt – dass sich Rechtsextreme nicht mehr so sicher fühlen, wie sie es im Moment tun. Wenn wir das nicht mehr für möglich halten, können wir eigentlich sofort aufgeben.
Was können wir von dir und den "Jünglingen" in Zukunft erwarten?
Ich bin selbst gespannt, wohin die Reise geht. Gerade arbeite ich an einem lesbischen Horrorfilm, der im Iran der 1990er Jahre spielt. Ich habe große Lust, weiter im Genre zu arbeiten und auch iranisches Kino zu machen. Außerdem arbeite ich an meinem ersten englischsprachigen Projekt. Gemeinsam mit der US-amerikanischen Autorin Ottessa Moshfegh habe ich ein Drehbuch geschrieben. Im Kern geht es um das späte Coming-out eines 70-jährigen Mannes nach dem Tod seiner Frau – allerdings als ziemlich abgefuckte, düstere Comedy.
Ich möchte weiterhin politisches Kino machen, aber ich möchte mir auch erlauben, meiner Intuition zu folgen und mich nicht immer nur an Deutschland und seinen Abgründen abzuarbeiten. Es gibt genug andere Abgründe. Ich möchte meinen Blick ein bisschen erweitern.
Staatsschutz. Politthriller, Drama. Deutschland 2026. Regie: Faraz Shariat. Cast: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky, Kathrin Angerer. Laufzeit: 113 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Plaion Pictures. Kinostart: 27. August 2026
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