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Buchtipp
Brandneuer trans Horror aus Deutschland
Ein trans Koch kehrt nach seiner Mastektomie ins konservative Elternhaus zurück – und gerät in die Fänge seiner Familie. Brian Franks Roman "Please Come And Get Me" verbindet dörflichen Horror mit schonungslosem Blick auf Transfeindlichkeit.

Brian Frank, geboren 1993, studierte Kreatives Schreiben in Hildesheim, lebt heute in Hamburg und schreibt Literarisches, Suspense und queeren und trans Horror (Bild: Alexander Frank)
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30. August 2026, 04:26h 5 Min.
Bosloh ist ein kleiner, leicht zu übersehender Ort irgendwo im ländlichen Niedersachsen. Umgeben von "Viehweiden, abgeernteten Maisfeldern und dunklen Wäldchen" heben sich die mit Reet gedeckten Dächer der gutbürgerlichen Häuser. Hinter ihren finsteren Fassaden entspinnt sich eine klaustrophobe Erzählung, die es in sich hat: Brian Franks literarisches Debüt "Please Come And Get Me" (Amazon-Affiliate-Link ), das am 31. August im Eichborn Verlag erscheint.
Der 1993 geborene Autor Brian Frank, der in Hildesheim Literarisches Schreiben studiert hat und nun in Hamburg lebt, beschäftigte sich schon in seinem letzten Roman "Spaßpark" (2024) mit den Themenkomplexen queere Identität und dörflicher Horror. In "Please Come And Get Me" bearbeitet er diese Verknüpfung weiter: in der Geschichte von Fabian, einem dreißigjährigen transmännlichen Koch, der gerade seine Mastektomie hinter sich hat. Nach einer chaotischen Trennung bleibt Fabian keine andere Möglichkeit, als die Wochen der Heilung bei seiner konservativen Familie zu verbringen – obwohl der Kontakt seit seinem Coming-out alles andere als gut verläuft. Doch wie schlimm kann es schon werden, denkt er sich, als er in das lang nicht mehr betretene Elternhaus in Bosloh zurückkehrt.
Seine Familie würde ihn niemals vergiften, oder?

"Please Come And Get Me" erscheint am 31. August 2026 im Eichborn Verlag
Wie sich über die dreihundert Seiten von "Please Come And Get Me" herausstellen wird: sehr schlimm. Es fängt unauffällig an: Fabians Handy verschwindet. Plötzlich muss er den ganzen Tag schlafen, nachdem er aus einer angebotenen Wasserflasche getrunken hat, ist müder als im Krankenhaus; doch seine Familie würde ihn ja niemals vergiften, oder? Seine mitgebrachten Klamotten werden nicht gewaschen, weil er doch genug im Schrank hätte – Kleidung, die er das letzte Mal als Teenager-Mädchen getragen hat. Aus einer Reihe von harmlosen Zufällen wird ein Verdacht, der sich schließlich brutal bestätigt. Das Ziel seiner Familie ist es, ihre "verlorene Tochter" wiederherzustellen – und dabei Fabian zu zerstören.
"Die Wißmanns", schreibt Frank, sind "seit über zweihundert Jahren in Bosloh ansässig und bis zum Einheiraten der Kreyes aus dem Nachbarort im Spätsommer 1993 vom Unglück verschont, zufriedene Leute mit vielen gesunden Kindern und Enkeln und Urenkeln, von denen kaum einer weiter als ein paar Dörfer wegzieht, Bürgermeister und Heideköniginnen und Geschäftsleute, fest in Politik und Kirche und Schützenverein verankert". Franks präzise Beobachtung der westdeutschen Familienidylle und die starke Verortung des Geschehens in Bosloh ist einer meiner Lieblingsaspekte des Romans.
Ein nie aufgearbeitetes Trauma
Es kristallisieren sich zwei Antagonist*innen heraus: die junge Geliebte von Fabians Vater, Arla, die sich zuerst als die perfekte trans Ally inszeniert. Und Fabians Onkel Steffen, ein standhafter und charismatischer Polizist, der Fabian immer näher war als sein eigener Vater Thomas, der wiederum Geschäftsleiter ist von "Wißmann Landmaschinen GmbH". Beide Männer sind beliebt im Dorf, sind verwoben mit Polizei, Rettungskräften, Politik, Schule und religiösem Leben.
Hinter dieser Fassade lauert nie aufgearbeitetes Trauma in den dunklen Ecken des alten Hofes, Trauma, das (wie sich über die Erzählung hinweg langsam herausstellt), über Generationen hinweg an die Töchter der Familie weitergegeben wurde. Sowohl Fabians Großmutter als auch seine Mutter und schließlich auch seine große Schwester sind unter traumatischen Umständen ums Leben gekommen. Diese Historie ist eine Grundlage für die perfide Motivation von Thomas, Arla und Steffen, Fabian zur "Umkehr" zu zwingen – ihn will man nicht auch noch "verlieren". Sie sehen sich nicht als Monster (als die man sie irgendwann zwangsläufig lesen muss), sondern als die Normalen, die doch nur helfen wollen.
Fabian ist keineswegs sympathisch
Doch Fabian weiß, wer er ist. Vor allem ist er – mein zweiter Lieblingsaspekt des Romans – nicht einfach zu mögen. Fabian musste sich eine harte Schale zulegen, die ihn keineswegs sympathisch erscheinen lässt, zumindest nicht über die ersten Kapitel. Er ist ein zutiefst fehlerhafter, unsicherer, verurteilender Mensch, der einen "politisch neutralen" Rucksack trägt und die Sticker und Regenbogenflaggen belächelt, mit denen andere ihre Identität "vor sich her tragen". Er gratuliert sich zu seinem guten Passing, er ist nicht so wie andere trans Männer, die darauf keinen Wert legen, nicht "wie andere Leute, die Heulkrämpfe kriegen, wenn man sie einmal misgendert".
Fabian ist ein echter Mensch, kein perfektes Opfer. Entgegen all der Widrigkeiten – eingesperrt in sein Zimmer, ohne Autoschlüssel, Handy, Kleidung oder irgendwelche Menschen, die ihm helfen könnten – bleibt Fabian störrisch. Er gibt sich seinem Schicksal nicht hin, versucht kontinuierlich, gegen die Situation anzukämpfen. Er beißt die Zähne zusammen. Und bleibt am Ende gezeichnet zurück.
Kein Roman, der Schmerz vermeidet
Horror und psychologischer Thriller bieten sich als Genre ausgezeichnet an, um sich produktiv mit marginalisierten Lebenserfahrungen auseinanderzusetzen – vorgemacht haben das schon US-amerikanische Künstler*innen wie Jordan Peele und Gretchen Felker-Martin. Dass diese Themenverknüpfungen nun so präzise in einen deutschen Kontext transportiert werden, ist wirklich begrüßenswert. Die Leseerfahrung von "Please Come And Get Me" ist nicht immer spaßig: Sie entspricht einem tiefen Schnitt, in den man kontinuierlich Salz hineinreibt, sich aber gleichzeitig so darüber freut, wie ausgezeichnet es wehtut. Jeder Moment der Ruhe – ein Augenblick allein sein, eine Cola light – fühlt sich an wie eine gewaltige Erleichterung, die Fabian aber nie lange zugutekommt. Es ist kein Roman, der Schmerz vermeidet.
Brian Franks literarisches Debüt bewegt sich zwischen psychologischem Thriller sowie dörflich-pastoralem und körperlich einschneidendem Horror. Diese beiden Aspekte des Romans kommen wohl am ehesten in der Szene zum Höhepunkt, in der Fabian sich die Drainagen vom ekelhaft transfeindlichen Dorfarzt untersuchen lassen muss.
Das wäre alles weniger schlimm, wenn schlecht informierte Dorfärzt*innen, kontrollierende Familien und ökonomische Prekarität sich für trans Menschen nur im Spektrum der Fiktion abspielen würden. Doch Brian Franks Roman "Please Come And Get Me" ist eben gerade deswegen so gut, weil die Erzählung existierende Realitäten wiedergibt – scharf beobachtet und dramaturgisch aufgearbeitet in einem Roman, über den wir noch in vielen Jahren sprechen werden. Und Franks Werk ist auch ein Aufruf an trans Autor*innen, dort hinzugehen, wo es wehtut. Den Schmerz auszuhalten. Denn nur so kommen wir weiter.
Brian Frank: Please Come And Get Me. Roman. 336 Seiten. Eichborn Verlag. Köln 2026. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-8479-0253-9). E-Book: 9,99 €
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