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Interview

"Ich mache meine Filme alle mit dem Herzen und dem Kopf, für alle Menschen"

Kein queeres Thema, aber viel Herz: Der schwule Kultregisseur Ferzan Özpetek ("Hamam") erzählt, warum er mit "Diamanti" einen Film über Frauen und ihre Welt drehen wollte – und weshalb ihn ein deutscher Titel eines seiner Filme bis heute ärgert.


Mit seinem ersten Spielfilm "Hamam – Das türkische Bad" (1997) wurde der türkisch-italienische Regisseur Ferzan Özpetek schlagartig bekannt (Bild: IMAGO / Independent Photo Agency Int. / Duilio Piaggesi)

Mit "Diamanti" bringt der schwule Regisseur Ferzan Özpetek ("Hamam – Das türkische Bad", "Die Ahnungslosen", "Männer al dente") erstmals seit Langem einen Film ohne explizit queeres Thema in die Kinos. Im Zentrum steht ein Regisseur, der einen Film über seine liebsten Schauspielerinnen drehen will – und sich dabei in eine Vergangenheit hineinträumt, in der Frauen die Näh-Ateliers der Kostümbildnerei prägten und Männer nur Nebenrollen spielten. Realität und Fiktion, das Leben der Schauspielerinnen und ihrer Figuren verschwimmen ineinander. Eine ausführliche Besprechung folgt.

Im Interview mit queer.de spricht Özpetek über die Ateliers seiner eigenen Vergangenheit, den Verlust einer eigentlich für den Film vorgesehenen Kollegin und darüber, warum ihn ein deutscher Filmtitel bis heute wurmt.

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Poster zum Film: "Diamanti" startet am 3. September 2026 bundesweit im Kino

Lieber Ferzan Özpetek, was war Dein Antrieb diesen Film, "Diamanti", umzusetzen?

Seit zehn Jahren schon wollte ich unbedingt einen Film mit all meinen Lieblingsschauspielerinnen machen. Schauspielerinnen, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite und eine enge Verbindung habe. Ich wollte die Welt der Frauen in den Mittelpunkt meines Films stellen, denn die Welt der Frauen ist interessant und faszinierend. Genau wie die Frauen, die Schauspielerinnen dieses Films. In der Entscheidung diesen Film umzusetzen bin ich meinem Instinkt, meinem Herzen gefolgt.

Wenn man Diamanti anschaut, scheint es, als kämen in diesem Film alle Deine Talente und beruflichen Ausrichtungen zusammen. Die Opulenz der Oper, Du hast das Drehbuch mitgeschrieben, die Thematik der Bedeutung der Kostüme, die Regie. Ist dies Zufall oder wolltest Du gezielt einen Film schaffen, in dem alle diese Aspekte Deines Lebens zusammenkommen?

Mein Leben ist immer die Inspirationsquelle für mich, Filme zu machen. Ich habe 16 Jahre lang als Regieassistent gearbeitet und habe dabei auch viele Schauspielerinnen, Regisseure, Kostümbildnerinnen in Ateliers begleitet, vielfach in das bekannte Atelier Tirelli. Diese Welt der Ateliers ist mir also sehr gut bekannt, auch die Dimension, dass sie oft eine Welt der Frauen, die dort arbeiten, widerspiegelt. Heute existiert diese Welt der Ateliers in dieser Form eigentlich gar nicht mehr, sie ist verloren gegangen. Diese Detailtreue in der Ausstattung, selbst bis zu den Statistenrollen. Da wird heute viel öfter mit gemieteten Kostümen gearbeitet. Mir war es wichtig, die Erinnerung daran zu bewahren und wieder aufleben zu lassen.

In meiner Kindheit und Jugend war ich immer von Frauen umgeben, und das war ein großes Glück für mich. Ich betrachte Frauen wirklich als eine Art höhere Wesen, die ganz natürlich in der Lage sind, auch große Schwierigkeiten zu überwinden. Diese Erfahrungen meiner Kindheit und Jugend haben es mir leicht gemacht, diese Geschichten in "Diamanti" zu erzählen. Das Schwierige war eher, ein Gleichgewicht zu finden, sodass alle Figuren gleichberechtigt nebeneinander in diesem Film in Erscheinung treten konnten.


Szene aus "Diamanti" (Bild: missingFILMs)

Dein Film trägt sein Publikum ja durch die Kraft der Emotionen und die Kraft seiner Bilder. Er beinhaltet so viele, so intensive Szenen, da hast Du sicher auch sehr viel Persönliches von Dir selbst hinein- und preisgegeben. Wie schwer war es am Ende, den Film auch loszulassen, also zu sagen: Jetzt ist er wirklich fertig und gut?

Eigentlich lasse ich meine Filme nie wirklich ganz los, denn sie sind ein Teil meines Lebens. Schwierig für mich war vor allem, selbst vor der Kamera zu agieren. Besonders die Nahaufnahmen von mir, gegen Ende des Films, da habe ich lange überlegt, ob ich etwas verändern wollte. Aber diese Szenen sind für mich sehr wichtig, denn diese Szenen verdeutlichen das, was ich über den Tod und das Leben denke, wie ich empfinde. So habe ich mich am Ende entschlossen, diese Szenen genau so zu belassen. Sicher ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie die finale Version eines Films aussehen soll. Es gibt Filme, wie etwa "La Dea Fortuna", "La fate ignoranti" oder auch "Saturno contro", wo ich sehr viel meiner persönlichen Erfahrungen investiert habe. Das ist schon schwer, diese persönlichen Erfahrungen dann auf der Leinwand zu präsentieren. Wenn dann aber diese Filme dem Publikum gefallen, dann bin ich doppelt und dreifach glücklich und dankbar.

Im Film gibt es eine Szene, in der Alberta sich abschminkt und die Zuschauer*­innen gewissermaßen direkt erleben, wie ihre Maske fällt. Markieren die Szenen mit Dir selbst im Mittelpunkt zum Ende des Films, den Moment wo Deine Maske fällt, gewissermaßen Dein "Abschminken"?

Ja, absolut, das stimmt! Das sind genau die Szenen, in denen ich gar nicht mehr spielen musste. Die einfach ganz authentisch geschehen sind. Der Drehort des Ateliers war bereits ganz leergeräumt und eine große Traurigkeit hat mich überkommen. Ich habe in diesem Moment einen Teil meiner eigenen Vergangenheit unwiederbringlich entschwinden sehen.

Als wenn ein Kind aus dem elterlichen Haus auszieht?

Ja, das ist etwas vergleichbar. In diesen letzten Szenen wird ja auch der innere Dialog mit einer Schauspielerin dargestellt, die ich mir eigentlich für diesen Film sehr gewünscht hatte, die aber die Zusammenarbeit letztlich nicht verwirklichen konnte, da sie schwer erkrankte und verstarb. Es war sehr bewegend zu erleben, wie im Film Elena Sofia Ricci, die diese erkrankte Kollegin verkörpert, diese Verbindung mit Leben erfüllt. Ich stehe in dieser Szene wirklich emotional vollkommen nackt da. In Italien, wo der Film bereits im Dezember 2024 in die Kinos kam, zeigte sich das Publikum sehr bewegt von gerade diesen Schlussszenen.

Im Gegensatz zu vielen Deiner bisherigen Filme, steht bei "Diamanti" ja keine dezidiert schwule oder queere Thematik im Mittelpunkt. Ist für Dich eher wichtig, dass sich Menschen darauf einlassen können, sich von diesen Emotionen, der gezeigten Menschlichkeit von Deinem Film mitnehmen und tragen zu lassen? Egal ob Männer, Frauen, queer oder nicht?

Danke! Genau dies war meine Intention! Homosexualität oder Heterosexualität sind zunächst für mich nicht die maßgebenden Kategorien, die eine Rolle spielen, einen Film zu machen oder nicht. Ich mache meine Filme alle mit dem Herzen und dem Kopf, für alle Menschen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Eine Frage zum Abschluss. Für viele unserer Leser*innen ist "Mine Vaganti" ein nahezu ikonischer Film, den sie sehr lieben. Dieser Originaltitel (übersetzt Treibmine, wandelndes Pulverfass) beschreibt ja ganz haargenau diesen permanenten Tanz auf dem Vulkan, den die Protagonist*innen im Verlauf des Films betreiben. Was denkst Du eigentlich über den deutschen Titel "Männer al dente"?

Ich war überhaupt nicht einverstanden mit dem deutschen Titel!

Das ist gut vorstellbar…

Ich habe deswegen sehr gelitten! Aber dies war nicht der einzige Fall dieser Art. "Le fate ignoranti" (Die Ahnungslosen) etwa kam in Frankreich unter dem Titel "Das Familienporträt" in die Kinos. Ergänzt durch ein Filmplakat, das einen Bilderrahmen voller Chili-Schoten zeigte, wie für eine schlechte Komödie. "Mine Vaganti" wurde in Deutschland auch unter dem Titel "Männer al dente" sehr gut aufgenommen und wurde ein guter Publikumserfolg. Am Ende reichte meine Kraft nicht, mich gegen diesen Titel ausreichend zur Wehr zu setzen. Dies geschieht immer einmal wieder im Zuge der Übersetzungen. Bei "Diamanti" (Diamanten) bin ich diesmal auf Nummer sicher gegangen. (lacht)

Infos zum Film

Diamanti. Drama. Italien 2024. Regie: Ferzan Özpetek. Cast: Luisa Ranieri, Jasmine Trinca, Stefano Accorsi, Luca Barbarossa, Sara Bosi, Loredana Cannata, Geppi Cucciari, Anna Ferzetti, Aurora Giovinazzo, Nicole Grimaudo, Milena Mancini, Vinicio Marchioni, Paola Minaccioni, Edoardo Purgatori, Carmine Recano, Elena Sofia Ricci, Lunetta Savino, Vanessa Scalera, Carla Signoris, Kasia Smutniak, Mara Venier, Giselda Volodi, Milena Vukotic. Laufzeit: 135 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 3. September 2026
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