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Neuauflage eines Klassikers
Warum man "Stone Butch Blues" auch 2026 noch lesen sollte
Leslie Feinbergs Roman "Stone Butch Blues" aus dem Jahr 1993 ist ein trans-lesbischer Klassiker. Auf Deutsch war er lange Zeit vergriffen. Im Querverlag ist Claudia Brusdeylins' bis heute lesenswerte Übersetzung neu erschienen.

Leslie Feinberg (1949-2014) galt neben Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson als eine der bekanntesten Personen der US-amerikanischen Trans-Liberation- und LGBTI-Bewegung
- Von Julia-Isabelle Cavagnet
30. August 2026, 11:39h 7 Min.
Beim Berliner "Querverlag" ist im Frühjahr die deutsche Übersetzung von Leslie Feinbergs mehrfach prämiertem trans-lesbischen Klassiker "Stone Butch Blues" (Amazon-Affiliate-Link ) aus dem Jahr 1993 neu erschienen. Die Übersetzung stammt von der Anglistin Claudia Brusdeylins. Sie wurde erstmals 1996 unter dem Titel "Träume in den erwachenden Morgen" verlegt, war aber bereits seit einigen Jahren vergriffen.
Die US-amerikanische Autorin, Aktivistin und Butch-Lesbe Leslie Feinberg (1949-2014) wuchs in einer Familie jüdischer Arbeiter*innen in Buffalo auf. Bei Geburt wurde ihr das weibliche Geschlecht zugewiesen; sie verließ als Jugendliche ihre Eltern, weil diese ihr Auftreten als Butch-Lesbe, d. h. als maskuline Lesbe, nicht akzeptierten. Um ihren Körper zu vermännlichen, nahm sie männliche Sexualhormone ein und unterzog sich mehreren Operationen. Sie arbeitete als Industriearbeiterin sowie Journalistin und war Mitglied der stalinistischen Kleinstpartei "Workers World Party". 1993 veröffentlichte sie die fiktive, aber stark von ihrem eigenen Lebensweg beeinflusste Erzählung "Stone Butch Blues". Bis zu ihrem Tod engagierte sie sich für die Rechte von trans Personen.
(K)eine Autobiografie

Die Neuauflage von "Stone Butch Blues" ist im Berliner Querverlag erschienen
Die Protagonistin und Erzählerin von "Stone Butch Blues", Jess Goldberg, wird im selben Jahr geboren wie Feinberg und in einer jüdischen Arbeiter*innen-Familie in Buffalo als Mädchen erzogen. Sie fühlt sich jedoch schon früh weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht wirklich zugehörig. Weil ihre Neigung zu maskulinem Auftreten bei ihrer Familie auf Unverständnis stößt, lässt sie früh ihr Elternhaus hinter sich und verdient ihren Lebensunterhalt als ungelernte Arbeiterin. Sie lernt die Gewerkschafts- und Streikkultur der amerikanischen Arbeiter*innen ebenso kennen wie die schwul-lesbische Subkultur der 1960er Jahre.
Sie nimmt für sich die Rolle und namensgebende Selbstbeschreibung einer "Stone Butch" an, d. h. einer Butch, die beim Geschlechtsverkehr von ihrer Partnerin nicht an den eigenen Genitalien berührt werden möchte. Jess findet als Stone Butch mit ihrer Partnerin Theresa, einer "Femme", also einer femininen Lesbe, eine Zeit lang Lebensglück. Doch an Jess nagt das Bedürfnis, männlicher zu wirken, ohne ganz ein Mann zu werden. Entsprechend bedeutend ist in "Stone Butch Blues" Jess' Ringen mit ihrer Geschlechterrolle und ihrer Körperlichkeit. Am Ende bleibt die Frage, ob sie ihr Leben richtig gelebt hat.
"Spielzeugfelsen" und "Kesse Väter"
Man merkt dem Buch an, dass es 1993 erschien und seine Handlung zwischen 1949 und den 1980er Jahren spielt. Dies liegt nicht unbedingt an den kleinen Details wie dem "pet rock" – "Spielzeugfelsen" -, einem Verkaufsschlager der US-amerikanischen Konsumgesellschaft der 1970er Jahre, den sich ein befreundetes Kind von Jess wünscht. Gerade die Wortwahl wirkt für uns Leser*innen des 21. Jahrhunderts immer wieder befremdlich: So spricht die Erzählerin Jess immer wieder von "drag queens". Der heutige Sprachgebrauch versteht unter einer "Drag Queen" eine*n Künstler*in, die*der sich durch Kleidung, Make-up, Gestik und Stimmlage übertrieben und stereotyp feminin gibt. In den 1960ern dagegen konnte mit "Drag Queen" auch ein feminin auftretender Mann oder eine transgeschlechtliche Frau gemeint sein. Indem Brusdeylins in ihrer Übersetzung gar nicht erst versucht, in dieses Durcheinander an geschlechtlichen Erscheinungsformen scheinbare Ordnung hineinzubringen, sondern "drag queen" quasi durchgehend als "Drag Queen" übersetzt, bleibt sie dem Werk Feinbergs treu.
Fremd könnte vielen zeitgenössischen Leser*innen die Abkürzung "KV" sein, die in Brusdeylins Übersetzung immer wieder auftaucht. Sie steht für "Kesser Vater", d. h. für "Butch". Aber während "butch" im Englischen noch heute allgemeinverständlich ist, war "KV" nicht zuletzt im Berlin der "Goldenen Zwanziger" gebräuchlich und ist heute nicht mehr Teil des alltäglichen deutschen Sprachgebrauchs. Vielleicht könnte man die Abkürzung "KV" in der nächsten Auflage von Brusdeylins Übersetzung in einer Fußnote erklären.
Über die "Drag Queens" und "KVs" hinaus ist das Motiv der Suche nach einem für sich selbst passenden "Label" in "Stone Butch Blues" zentral. Über das gesamte Buch hinweg versucht Jess, ihr inneres Empfinden klar zu bezeichnen. Ist sie ein "he-she" ("Mannweib")? Ist sie eine "Butch"? So bezeichnen Fremde sie in einer Druckerei, ihrer ersten Arbeitsstelle, noch bevor sie sich den Begriff aneignet. Ist sie "transsexuell"? Jess entscheidet sich dagegen, sich vom Gesundheitssystem als transsexuell diagnostizieren und behandeln zu lassen. In ihrer Danksagung verwendet Feinberg einen Begriff, unter den Jess wohl fallen könnte: "transgender". 33 Jahre später würde sich die fiktive Figur Jess, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlt, vielleicht als "nichtbinär" beschreiben.
Ein noch heute relevantes Werk
Ist "Stone Butch Blues" also nur eine Zeitkapsel trans-lesbischer Vergangenheit? Nein. Viele der Themen des Buches sind bis heute aktuell, weshalb man es auch im Jahr 2026 noch als Kommentar zu unserer Gegenwart lesen kann. Denn der Konstanzer Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß stellte schon vor Jahrzehnten fest: Jede Epoche schreibt ihre eigene Geschichte der eigenen Vergangenheit und liest die literarischen Zeugnisse der Vergangenheit mit einem ihr eigenen Blick.
Welchen Sinn können wir "Stone Butch Blues" im Jahr 2026 geben? Das L, G, B und T hängen schon lange zusammen. In den Kneipen, von denen Feinberg ihre Erzählerin Jess erzählen lässt, verkehren schwule Männer und lesbische Frauen, Drag Queens, Butches und Femmes gleichermaßen. Alle verletzen dabei die Regeln einer Gesellschaft, in der die geschlechtliche Rolle einer jeden Person bei ihrer Geburt festgelegt wird und Heterosexualität die einzig legitime Spielart von Sexualität und Partnerschaft ist. In den Räumen, in denen sich diese Gemeinschaft, die noch keinen Namen für sich selbst hat, zusammenfindet, können sich unterschiedliche Lebensentwürfe relativ frei ausdrücken.
Aber in einer intoleranten Gesellschaft gibt es für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten keine wirkliche Sicherheit, und so durchziehen drastische Beschreibungen von Gewalt Feinbergs Erzählung. Zwischen Labeln unterscheidet die Mehrheitsgesellschaft dabei mitnichten: Drag Queens werden in Haft von der Polizei misshandelt, während die mit ihnen befreundeten Butches zusehen müssen und ihnen gut zureden; kurz danach trifft die gleiche Gewalt auch die Butches. Gemeinsame Verfolgung bricht zwar Körper und Geist, schafft aber auch Solidarität zwischen den Verfolgten.
Diese gemeinsame Verfolgungs- und Aktivismus-Geschichte ignorieren die Stimmen jener Minderheit, die einen oder mehrere Buchstaben aus der LGBTI-Community ausschließen möchte. Oft wird dabei argumentiert, bestimmte Anliegen seien erst später aufgekommen. Leslie Feinbergs "Stone Butch Blues" straft diese Behauptungen Lügen.
Ein Plädoyer für Perspektiven-Vielfalt
Relevant sind etwa die Einblicke, die das Buch in die US-amerikanische Arbeitswelt der Nachkriegszeit ermöglicht: Wie Feinberg stammt auch ihre Romanfigur Jess aus einer Familie von Arbeiter*innen und arbeitet an Maschinen und in Fabriken. Jess organisiert die Butches ihrer Fabrik gewerkschaftlich und erkämpft ihnen in der männlich dominierten Gewerkschaft das Recht, bei den Beratungen im Betrieb mitzureden und mitzubestimmen.
In den heutigen USA beschwören politische Debatten gerne das Bild des männlichen, weißen und heterosexuellen Arbeiters herbei. Dieser fremdle mit den Anliegen der LGBTI-Community. Deshalb, so heißt es weiter, müssten politische Kräfte, die Arbeiter*innen vertreten, möglichst wenig über queere Themen reden, am besten sogar noch explizit gegen LGBTI-Rechte Stellung beziehen. Doch neben den weißen, heterosexuellen Arbeitern gab es auch immer Arbeiter*innen mit anderen Geschlechtern, Hautfarben, Herkunftsländern und sexuellen Orientierungen. Diese Perspektiven gehen in einem politischen Diskurs, der es sich gerne etwas zu einfach macht, unter – in "Stone Butch Blues" nicht.
Leslie Feinberg legt den Finger immer wieder in die Wunde: Auf fast jeder Seite spricht sie gesellschaftliche Vorurteile, Benachteiligungen und Konflikte an. Feinberg zeichnet dabei einen fiktiven und doch plausiblen trans-lesbischen Lebensweg in den USA der Nachkriegszeit nach und erzählt noch dazu zwei ergreifende Liebesgeschichten. Es verwundert deshalb auch nicht, dass das Buch ein Klassiker des intersektionalen Queer-Feminismus wurde. Dieser Klassiker ist jetzt auch wieder auf Deutsch verfügbar – in einer, mit ganz kleinen Einschränkungen, gut gelungenen Übersetzung.
Leslie Feinberg: Stone Butch Blues. Roman. Deutsche Übersetzung von Claudia Brusdeylins. 424 Seiten. Querverlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 25 € (ISBN 978-3-89656-366-8). E-Book: 12,99 €.
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