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Interview
"Mein Mecklenburg-Vorpommern ist viel zu schön, um das den Rechten zu überlassen"
Sebastian Hüller, Grünen-Landtagskandidat und Mitorganisator des CSD Wismar, erzählt im Interview, wie man einen Pride im ländlichen Raum plant, queeres Leben trotz Bedrohungen sichtbar bleibt – und wie man mit AfD-Wähler*innen umgehen sollte.

Sebastian Hüller wird bei seiner Kandidatur für den Landtag von Brand New Bundestag unterstützt, einer überparteilichen Organisation, die progressive Kandidierende fördert, die gesellschaftliche Vielfalt in Parlamente bringen und politische Veränderung vor Ort vorantreiben (Bild: privat)
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30. August 2026, 12:15h 6 Min.
Am 20. September 2026 wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Einer der Kandidierenden ist Sebastian Hüller. Er ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen, ausgebildeter Fachinformatiker und seit Jahren in seinem Heimatort ehrenamtlich aktiv. Seine Kandidatur auf Listenplatz vier (2021 gewannen die Grünen fünf Sitze) wird von Brand New Bundestag unterstützt, einer Organisation, die progressive Stimmen in die Parlamente bringen möchte.
Parallel zu seinem Wahlkampf organisiert Hüller den Christopher Street Day in Wismar am 12. September. Wenige Wochen nach dem Anschlag auf den Berliner CSD steht er dabei vor einer besonderen Belastung. Er führt Gespräche mit Polizei und Kommune, plant die Demonstration und achtet zusätzlich darauf, seine politische Rolle klar von seiner Verantwortung als Organisator zu trennen.
Im Interview spricht er darüber, welche neuen Herausforderungen sich für die Organisation eines CSDs ergeben haben, wie er mit der Mehrfachbelastung durch verschiedene Ämter umgeht und warum er auch künftig in Mecklenburg-Vorpommern bleiben möchte.
Sebastian, du organisierst den CSD in Wismar mit einem rein ehrenamtlichen Team. Wie hat der Anschlag auf den Berliner CSD eure Sicherheitsplanung konkret verändert?
Erstmal möchte ich betonen, dass ich gemeinsam mit Rachel Hanf und Luis Dannewitz den CSD im tollen Dreiergespann organisiere. Wir haben schwer geschluckt und tatsächlich mit der Polizei Wismar und der Versammlungsbehörde NWM am Montag direkt nach dem Anschlag ein Kooperationsgespräch geführt. Die Anspannung war deutlich, die Sicherheitsmaßnahmen werden noch exzessiver als letztes Jahr. Zunehmend können wir uns weniger auf den Kern einer politischen Demonstration – der politischen Meinungsgebung – konzentrieren und müssen uns mehr damit auseinandersetzen, wie wir unseren Teilnehmenden Sicherheit gewährleisten können.
Welche Rolle spielt die Polizei in der Vorbereitung des CSD Wismar, und wie erlebst du die Zusammenarbeit, wenn es um Bedrohungslagen und Schutzkonzepte geht?
Die Polizei übernimmt vor allem im ländlichen Raum bei der Organisation von CSDs eine immer größere Rolle. Normalerweise sitzt eine Person mit in den Kooperationsgesprächen. Aktuell sind es aber sechs. Bundespolizei, Dienststelle, Einsatzleitung, Vertretungen etc. Das verändert auch die Themen und die Länge dieser Sitzungen. Ich nehme die Zusammenarbeit aktuell als sehr gut, wertschätzend und werteorientiert wahr. Wir verfolgen ein gemeinsames Ziel: die sichere Durchführung des CSDs Wismar.
Der CSD findet in einer Region statt, in der Queerfeindlichkeit für viele Menschen Alltag ist. Welche strukturellen Probleme begegnen euch bei der Planung am häufigsten?
Ordner*innen finden, finanzielle Mittel auftreiben und ehrenamtliche Helfer*innen dabeihaben, die neben Familie, Arbeit und meist weiteren Ehrenämtern überhaupt die Zeit haben, diese so wichtige Arbeit zu leisten. Dass wir dadurch ganz automatisch noch ins Fadenkreuz von Rechtsextremen kommen und bedroht werden, rückt irgendwie in den Hintergrund. An sich traurig, dass man das mit einpreisen muss.
Du hast schon CSDs organisiert, bei denen große Gegenproteste aufgetreten sind. Wie bereitest du dich persönlich darauf vor, dass es auch in Wismar zu Konflikten kommen kann?
Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen. Wir haben ein Sicherheitskonzept, treffen Vorkehrungen und haben interne Abläufe für Szenarien. Wir bereiten unsere Ordner*innen dementsprechend auch vor. Wir dürfen und werden vor Angst nicht von unserem Ziel abweichen.
Viele junge Menschen verlassen Mecklenburg-Vorpommern. Du bleibst und baust queere Sichtbarkeit im ländlichen Raum auf. Was macht diesen Ort für dich politisch und persönlich unverzichtbar?
Mein Mecklenburg-Vorpommern ist viel zu schön, um das den Rechten zu überlassen. Hass wird nicht gewinnen, und ich kenne meine Leute auf dem Dorf, den meisten ist das komplett egal, ob man queer ist. Es wird sich mit Pronomen bemüht, und Queers werden eingebunden. Ich möchte einen Gegenbeweis liefern, dass ländlicher Raum auch queer kann. Zusammen mit queeren Freund*innen auf dem Land zu entspannen und die Natur zu genießen, ist viel zu mausig, um darauf zu verzichten.
Du hast in einem Interview erzählt, dass du als Jugendlicher lange geschwiegen hast, weil Queersein im Dorf nicht vorkam. Wie beeinflusst diese Erfahrung deine Arbeit für queere Räume heute?
Ich möchte laut sein, wo andere noch leise sind. Vielleicht müssen sie das aus Sicherheitsgründen, wegen der Familie oder weil sie das vor sich selbst noch nicht eingestehen können. Schwuppig in der Kleinstadt zu sein, inspiriert und beweist, dass das doch gar nicht so schlimm ist.
Du arbeitest als IT-Admin, engagierst dich ehrenamtlich und kandidierst für den Landtag. Wie organisierst du deinen Alltag, damit diese drei Rollen nicht miteinander kollidieren?
Verschiedene Accounts bei Windows. Aber tatsächlich geht das sehr schwer. Gerade erst heute habe ich beim Einkaufen für eine Begrünungsaktion in Schwerin vorm Baumarkt mit der Polizeidirektion Wismar telefoniert. Trennschärfe halte ich für mich durch klare Rollenverständnisse ein, an die ich auch immer wieder von meinen Freund*innen gehalten werde. Ein CSD-Organisator tritt nicht als Parteikandidat auf und andersherum.
Einsamkeit ist für dich ein politisches Thema. Welche Entwicklungen beobachtest du in Mecklenburg-Vorpommern, die dieses Gefühl verstärken oder abmildern?
Polarisierung, der Abbau von öffentlicher Daseinsvorsorge und die allgemeine Verteuerung zwingen Menschen dazu, bei sich zu bleiben. Da viele das Problem erkannt haben, regt sich aber Widerstand. Menschen reden mehr, verzeihen mehr, hören mehr zu und dafür gibt es auch Förderung – Hoffnung gilt es zu organisieren, die fällt nicht vom Himmel.
Du führst viele Gespräche mit Menschen, die AfD wählen. Welche Haltung hilft dir, in solchen Gesprächen nicht abzubrechen, sondern weiter im Dialog zu bleiben?
Ich bin das ein Stück weit vom Dorf gewöhnt. Das sind meine Nachbarn, ehemalige Erzieher*innen oder Schrauber. Diese Menschen sind nicht das pure Böse, sie haben Sorgen und Ängste – aber ihr Lösungsansatz ist fundamental falsch. Ich gehe darauf ein, zeige auf, wo die AfD aktiv ihr Leben verschlechtern würde, appelliere an Menschlichkeit. Das Schöne ist, nach einer Weile fängt bei einigen das Rattern an, es kommt zum Nachdenken, und ich kann nur hoffen, dass sie sich von der AfD abwenden. Klar ist aber auch, mit AfD-Funktionären bzw. Politiker*innen der AfD lohnt sich das Reden nicht mehr. Für diese Partei zu arbeiten, ist komplett unverständlich für mich.
Abschließend: Was soll vom CSD Wismar in diesem Jahr ausgehen, gerade in einer Zeit, in der viele Menschen im ländlichen Raum das Gefühl haben, dass queere Sichtbarkeit gefährdet ist?
Es soll ausgehen, dass der Protest lebt, gebraucht wird und dass wir, wenn wir wollen, extrem viele Menschen organisieren können. Wismar wählt Liebe, und das werden wir an diesem Tag beweisen.
Links zum Thema:
» Homepage von Sebastian Hüller
» Der CSD Wismar auf Instagram
Mehr zum Thema:
» Alle CSD-Termine 2026 auf queer.de















