Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59359

Queerfilmnacht

"Maspalomas": Nach diesem Film habe ich weniger Angst vorm schwulen Altern

Vicente vergnügt sich mit Mitte 70 noch in den Dünen von Gran Canaria. Ein Schlaganfall bringt ihn ins Heim, doch er erholt sich. Der Film "Maspalomas" zeigt endlich mal alte schwule Männer – mit ihren Herausforderungen, vor allem aber mit großer Lust aufs Leben.


Szene aus "Maspalomas" (Bild: Salzgeber)

Kurz vor meinem 30. Geburtstag wurde ich gefragt, ob ich mich auf meinen "schwulen Tod" freue. Das war natürlich ein Witz, über den ich ein bisschen lachen konnte, aber da steckte auch mehr als nur ein bisschen Wahres drin. Nicht umsonst gibt es überproportional viele 29-Jährige auf den ganzen Apps.

Es herrscht eine Angst vorm Altern, und unter Schwulen, so scheint mir, beginnt diese Angst noch früher. Die Mehrheitsgesellschaft macht uns das Leben oft nicht leicht. Aber untereinander machen wir uns das Leben schwer.

Jugendliche Schönheit verblasst mit jedem grauen Haar

Man könnte den Grund dahinter leicht in schwulen Oberflächlichkeiten finden. Wir sind streng zueinander, und wir sind streng zu uns selbst. Je nach Rolle, je nach Vorliebe ist ein dicker Bizeps wichtig, ein flacher Bauch, volle Haare, aber nur an den richtigen Stellen.

Jugendlichkeit ist ein Ideal, das sich mit jeder Falte weiter entfernt. Je mehr graue Haare wir haben, desto mehr verblasst die jugendliche Schönheit – bis scheinbar nichts mehr davon übrigbleibt. Wer nicht dem Muster entspricht, wird weggeklickt. Andere abzuwerten, wertet einen selbst auf. In einer Gesellschaft, die uns konstant abwertet, überrascht das nicht.

- Werbung -

Wo sind die schwulen Senioren?


Poster zum Film: "Maspalomas" läuft im September 2026 in der Queerfilmnacht

Ich glaube aber, dass diese Oberflächlichkeit die schwule Angst vorm Altern nur teilweise erklärt. Ein weiterer Grund: Es fehlen die Vorbilder. Wir verfügen kaum über positive oder wenigstens authentische Bilder von Schwulen über 60.

Es ist schon länger her, da fragte mich eine Freundin mal, wieso man eigentlich so wenige ältere schwule Paare sieht, selbst in Köln. Ich musste ein wenig überlegen. Aus mehreren Gründen: Tausende von ihnen, die heute ihren Ruhestand genießen würden, sind in den 1980er und 1990er Jahren an den Folgen von Aids gestorben. Wir haben sie verloren. Eine Epidemie, die die queere Community dezimierte – und die als Trauma noch immer fortwirkt.

Angst vor dem Alter, weil Vorbilder fehlen

Außerdem haben sich unzählig viele andere Männer, die heute als Rentner Händchen haltend durch einen Park spazieren würden, nie geoutet. Weil sie Angst vor den Reaktionen der Eltern, der Kolleg*­innen, der Gesellschaft hatten. Und weil sie in Sorge leben mussten, nicht nur moralisch, sondern auch vor Gericht verurteilt zu werden: Wer heute 76 Jahre alt ist, lebte unter der Nazi-Fassung von Paragraf 175, bis er 19 wurde. Und auch dann war der Paragraf noch in Kraft, wenn auch entschärft.

Wir sehen also im Alltag wenige schwule Senioren, weil viele nie so alt wurden oder nie zu sich stehen konnten. Kein Wunder, dass viele Angst vor dem Alter haben, wenn sie kein Bild davon haben, wie das Alter aussehen kann. Die eigenen Großväter sind ja in der Regel auch keine Vorbilder für ein gelingendes schwules Leben.

Queere Ü65: So gut wie unsichtbar

Natürlich gibt es Ausnahmen, von Karl Lagerfeld bis Klaus Wowereit. Doch auch im öffentlichen Leben spielen Schwule im Rentenalter kaum eine Rolle. Das gilt auch für Filme und Serien. Schon lange wird zurecht beklagt, dass es für Schauspielerinnen mit steigendem Alter weniger Rollen gibt. Und die, die es gibt, sind eindimensional – und ganz selten Hauptrollen.

Und um Sexualität im Alter dreht es sich ohnehin nie. Es scheint kaum ein größeres Tabu zu geben. Das erklärt auch die begeisterten Stimmen, als 2008 der Film "Wolke 9" in die Kinos kam, der Intimität und Lust eines Paares über 60 thematisierte. Ähnliches gilt auch für schwule Senioren und queere Menschen jenseits der 65 ganz generell: Sie sind so gut wie unsichtbar.

Die Lust ist nicht schwächer als mit 20

Und damit kommen wir zu "Maspalomas": Im spanischen Drama des Regieduos Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi geht es um den 76-jährigen Vicente, der auf Gran Canaria lebt. Er ist frisch getrennt und genießt seine neue Freiheit in den Dünen von Maspalomas.

Der Film zeigt das im besten Sinne vollkommen schambefreit: Ist doch egal, dass seine Haut nicht mehr straff ist, dass er einen Bauchansatz hat. Die Lust ist da und kein Stückchen schwächer als bei einem 20-Jährigen.

Natürlich ist das utopisch, und nicht überall wird ein Mann wie Vicente so selbstverständlich im schummrigen Licht eines Darkrooms zu sich gewunken wie hier dargestellt. Aber es geht ja um die Message. Und Repräsentation muss nicht realistisch sein, um zu helfen.

Repräsentation ist wichtig – in jedem Alter

Nach einem Schlaganfall kommt der Senior ins Pflegeheim. Ein Einschnitt, weil er hier nicht über seine Homosexualität spricht. Es ist ein lustfeindlicher Ort, sein Zimmergenosse noch dazu ein Macho. Doch die Kamera bleibt dynamisch, sie umkreist Vicente (José Ramón Soroiz). Die Bilder vermitteln, dass hier noch Kraft und Lebensfreude sind, auch wenn Vicente sie erst wiederfinden muss.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Das Kino eröffnet Fenster in unbekannte Welten. Es formt unsere Wahrnehmung und beeinflusst, wie wir unsere Umwelt und uns selbst sehen. Deshalb ist Repräsentation so wichtig. Und daher ist ein Film wie "Maspalomas" so wertvoll.

Der Film lässt uns das Altern vorstellen

"Maspalomas" zeigt, dass schwule Sexualität nicht in irgendeinem Alter aufhören muss, dass sie immer noch erfüllend sein kann, dass Lust immer noch (oder wieder) einen hohen Stellenwert hat, dass Cruising geil ist, dass man begehren kann und begehrt wird. Dass es auch Rückschläge gibt, aber man es zurück ins Leben schaffen kann.

Das ist wichtig für schwule Senioren, die sich selbst und ihre Herausforderungen auf der großen Leinwand verhandelt sehen können. Und es ist wichtig für jüngere Generationen, die merken, dass so manches Altersklischee überhaupt nicht zutreffen muss. Vicente kann ein Vorbild sein – oder zumindest ein Korrektiv.

Das Drama schenkt uns ein positives Bild eines schwulen Lebens über 70. Ein Bild, das helfen kann, sich das eigene Alter vorzustellen. Ich habe dank "Maspalomas" jetzt weniger Angst davor, alt zu sein.

Infos zum Film

Maspalomas. Comedy-Drama. Spanien 2025. Regie: Moriarti. Cast: José Ramón Soroiz, Kandido Uranga, Zorion Eguileor, Nagore Aranburu, Kepa Errasti. Laufzeit: 115 Minuten. Sprache: baskisch-spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im September 2026 in der Queerfilmnacht
Wöchentliche Umfrage

» Hast du Angst vorm Älterwerden?
    Ergebnis der Umfrage vom 31.08.2026 bis 07.09.2026
Galerie:
Maspalomas
8 Bilder
-w-

Queere TV-Tipps
-w-

-w-