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Kinotipp

Ferzan Özpeteks Vaginodrom

Er wird als italienischer Almodóvar bezeichnet: Regisseur Ferzan Özpetek macht mit seinem neuen Film diesem Ruf alle Ehren. "Diamanti" ist Melodrama durch und durch, feiert die Opulenz, die Solidarität von Frauen – und schöne Männer.


Szene aus "Diamanti" (Bild: missingFILMs)

Ein Vaginodrom: So bezeichnet eine der Schauspielerinnen das, was Ferzan Özpetek vorhat. Die vielen Frauen sitzen um einen langen Tisch, am Ende der Tafel der Regisseur selbst. Er möchte einen Film drehen mit seinen liebsten Schauspielerinnen, die er hier versammelt hat. Nach dieser kurzen Meta-Szene beginnt die Reise in die 1970er Jahre, in denen genau dieser Film spielt.

Vaginodrom: Diese ironische Neuschöpfung trifft es deshalb so gut, weil die Frauen in "Diamanti" wirklich die ganze Zeit auf den Beinen sind. Sie laufen, sie rennen, sie eilen von einem Raum zum nächsten. Alle sind ständig in Bewegung. Dabei arbeiten sie als Schneiderinnen in einem Atelier für Filmkostüme. Ein Handwerk, das eigentlich viel Ruhe erfordert. Doch in der Werkstatt – die so gar nicht nach Werkstatt aussieht, eher nach einem durchgestylten Wohnhaus – herrscht ständig kreative Hektik.

Die Chefin schnipst mit dem Finger – und alle folgen

Nur eine rennt nicht: Alberta, die die Firma mit ihrer Schwester Gabriella leitet, stolziert. Sie gibt Anweisungen, sie weist eine Designerin zurecht, die gerade ihren Abschluss gemacht hat ("Hier gibt es kein Ich, hier gibt es nur ein Wir!"), und sie schnipst mit dem Finger, so wie es eine gute Chefin eben tut, wenn sie meint, ihren Laden zusammenhalten zu müssen.

Alberta kann schreien, sie kann toben, aber sie kann auch stolz auf ihre Mitarbeiterinnen sein und einer von ihnen die Schule für den Sohn bezahlen. Selbstverständlich sieht sie dabei zu jeder Zeit fabelhaft aus. Die Chefin trägt perfekt sitzende Blazer, deren Schnitte ins Militärische gehen. Ihre kupferfarbenen Haare sind immer perfekt geföhnt.

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Schläge, wenn das Risotto nicht schmeckt


Poster zum Film: "Diamanti" startet am 3. September 2026 bundesweit im Kino

Natürlich ist das bei ihren Schneiderinnen nicht anders. Die haben zwar einen petrolfarbenen Arbeitsmantel an, doch darunter tragen die Arbeiterinnen die buntesten Farben, lautesten Muster und elegantesten Stoffe.

Die Frauen sind nicht nur emsig beim Schneidern, sie haben auch alle ihre privaten Dramen: Ein Teenie-Sohn kommt überhaupt nicht mehr aus seinem Zimmer. Für ein junges Kind findet eine Schneiderin keine Betreuung, und so muss es sich zwischen Knöpfen verstecken. Und eine der Frauen wird nach einem langen Arbeitstag von ihrem Mann angemeckert und geschlagen, weil ihm ihr Risotto nicht schmeckt.

Keine Angst vor Melodramatik

Ja, die familiären Probleme und die brutale Gewalt werden eher als ausschmückendes Schlaglicht dargestellt, statt in aller Tiefe verhandelt zu werden. Ist das weibliche Leid nur ein dramaturgisches Vehikel? Das ließe sich dem Film vorwerfen. Relevant scheint jedoch vor allem die Botschaft: Alle Frauen tragen mindestens doppelte Lasten. Regisseur Ferzan Özpetek interessiert sich ohnehin mehr für die solidarische Gemeinschaft der Frauen, als dass er die Probleme strukturell angehen möchte.

Seinem Ruf als italienischer Almodóvar wird er damit auch in "Diamanti" gerecht: Der schwule Regisseur hat keine Angst vor der Melodramatik. Im Gegenteil, er genießt es, sie sie vollends auszukosten. So schnell sich die Gefühlsgewalten im Atelier aufbauen und die Geigen einsetzen, so schnell finden sie meist auch eine Lösung.

Aufopferung für eine Scheinwelt

Und davon gibt es im 135 Minuten langen Film mehr als genug. Kleider müssen fertig werden, ein größenwahnsinniger Regisseur schreit herum, eine oscarprämierte Designerin zerfetzt Kleider vor den Schneiderinnen, manche Schauspielerinnen dürfen sich bei der Anprobe nicht begegnen, weil es sonst zum Divenkrieg kommt, dann kommt auch noch Albertas ehemaliger Lover auf einen Überraschungsbesuch vorbei: "Diamanti" hält den Puls über 135 Minuten hinweg konstant hoch, Langeweile kommt da nie auf. Zeit zum Durchatmen bleibt auch wenig. Das Publikum weiß das zu schätzen: Das Melodrama wurde in Italien Özpeteks erfolgreichster Film.

Der Film verfolgt dabei gar nicht die eine Geschichte, vielmehr porträtiert er die Gemeinschaft der Schneiderinnen. Dabei steht deren Leidenschaft fürs Schöne im Vordergrund, genau wie der Anspruch, jedes noch so nichtig wirkende Detail eines Kostüms zu perfektionieren. Die Frauen nähen nicht nur, sie gestalten – auch wenn ihre Selbstaufopferung am Ende der künstlichen Scheinwelt des Kinos gilt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film
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Ein Fest für die Sinne

Männer spielen dabei höchstens eine Nebenrolle. Sie kommen als hübsche Boten ins Atelier, die zum schnellen Flirt einladen, oder werden beim oberkörperfreien Maßnehmen begutachtet. "Das Gesicht eines Höflings, der Hintern eines Bauern", kommentiert einmal eine – eine geschickte Umkehrung des männlichen Blicks, der sonst das Kino dominiert. Hier sind die Männer Statisten in einer von Frauen geleiteten Welt. Oder, wie es der Regisseur im queer.de-Interview ausdrückte: "Ich betrachte Frauen wirklich als eine Art höhere Wesen."

Es ist diese Bewunderung für die Stärke der Frauen, die den Film so sehenswert macht – neben all den interessanten Figuren, den leuchtenden Farben und dem schnellen Rhythmus. "Diamanti" ist eine Verneigung vor der Inszenierung, die hinter den Kulissen stattfindet, und ein Fest für die Sinne.

Infos zum Film

Diamanti. Drama. Italien 2024. Regie: Ferzan Özpetek. Cast: Luisa Ranieri, Jasmine Trinca, Stefano Accorsi, Luca Barbarossa, Sara Bosi, Loredana Cannata, Geppi Cucciari, Anna Ferzetti, Aurora Giovinazzo, Nicole Grimaudo, Milena Mancini, Vinicio Marchioni, Paola Minaccioni, Edoardo Purgatori, Carmine Recano, Elena Sofia Ricci, Lunetta Savino, Vanessa Scalera, Carla Signoris, Kasia Smutniak, Mara Venier, Giselda Volodi, Milena Vukotic. Laufzeit: 135 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 3. September 2026
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