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Ein poetisches Roadmovie über eine zutiefst queere Familie
"Vaterland" zeigt Thomas Manns Rückkehr 1949 ins zerstörte Deutschland – begleitet von Tochter Erika, überschattet vom Suizid des schwulen Sohnes Klaus. Ein Meisterwerk über Heimat(losigkeit), Familientragödien und Zusammenhalt.

Hanns Zischler als Thomas Mann in "Vaterland" (Bild: Agata Grzybowska)
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3. September 2026, 05:43h 4 Min.
Es gibt Szenen in "Vaterland", an die man sich auch noch Monate nach der Premiere beim Filmfestival von Cannes erinnert, als hätte man sie gerade gesehen: Wie Thomas Mann, meisterhaft dargestellt von Hanns Zischler, am DDR-Grenzübergang einem sowjetischen Soldaten eine Zigarre reicht: Ein Moment von zarter Menschlichkeit, in dem außerdem ein gewisses Begehren durchscheint. Man muss das nicht sehen, aber man kann es. Eine Begegnung, die zudem an die berühmte Bleistift-Szene im "Zauberberg" erinnert, die zweifelsohne homoerotisch aufgeladen ist.
Oder wie Erika Mann (Sandra Hüller, die für ihre Leistung hoffentlich einen Oscar erhält), die ihren Vater bei der Reise begleitet und chauffiert, bei einem Empfang auf ihren Ex-Mann trifft. Nach einem kurzen Streit ohrfeigt sie den schwulen Schauspieler Gustaf Gründgens, der vom NSDAP-Minister Hermann Göring gefordert wurde.
Thomas Mann kennt seine Heimat nicht mehr

Poster zum Film: "Vaterland" startet am 3. September 2026 bundesweit im Kino
Zwei von vielen Szenen, die im Kopf bleiben – und die für die Themen stehen, die "Vaterland" des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski verhandelt. Darin kehrt der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann im Jahr 1949 zurück nach Deutschland, nachdem er 1933 ins Exil gegangen war: zunächst in die Schweiz, später in die USA.
In Frankfurt wird ihm der Goethepreis verliehen. In Weimar soll er eine Rede zum 200. Geburtstag Goethes halten. Für Thomas Mann ist es eine Reise ins Ungewisse: Er kennt das in Schutt und Asche liegende Land – das jetzt aus zwei Staaten besteht – nicht mehr. Wie reagiert man auf den großen Schriftsteller, der mit seinen Radiosendungen "Deutsche Hörer!" zum aktiven Gegner des Nationalsozialismus wurde?
Alle Seiten zerren am Literaten
Oscarpreisträger Paweł Pawlikowski interessiert sich in seinem siebten Spielfilm für diese Suche nach einer Heimat und der erzwungenen Heimatlosigkeit: Themen von höchster politischer Aktualität und Brisanz, das ist dem Regisseur natürlich bewusst, aber er verhandelt sie geschickt im Historischen. Ist Deutschland noch Thomas Manns Vaterland?
Der Schriftsteller erfährt in Frankfurt Kritik, weil er nicht in die innere Emigration ging, sondern ins Exil. An ihm wird gezerrt, die Enkel Richard Wagners bitten ihn, den Ruf des antisemitischen Komponisten wiederherzustellen – was er bestimmt, fast unterhaltsam ablehnt. Das Zerren geht im anderen deutschen Staat weiter: Dort versucht man, ihn für seine Zwecke zu missbrauchen.
Erika verzweifelt an der Eiseskälte des Vaters
Erika Mann fährt ihren Vater durch das geteilte Deutschland. So entsteht ein leises, ein poetisches Roadmovie, in Schwarz-Weiß und im fast quadratischen Academy-Format gedreht. Die Bilder, die der Regisseur mit seinem Kameramann Łukasz Żal entwickelt, sind dabei von höchster Präzision. Der Wirkung der strengen Kompositionen kann man sich kaum entziehen.
Die Beziehung von Vater und Tochter ist dabei ambivalent: Erika liest seine Rede Korrektur, macht ihn auf einen dritten Nebensatz in einem Satz aufmerksam. Aber sie verzweifelt auch an der Eiseskälte, mit der er auf den Suizid von Klaus Mann (August Diehl) reagiert.
Thomas Mann bricht die Reise nicht ab
Der Sohn lebte seine Homosexualität offen aus – ganz zum Missfallen des Vaters, der sich genau das nie eingestand. Mit Klaus Mann beginnt "Vaterland": In seiner Wahlheimat Cannes liegt ein Mann in seinem Bett, er hockt davor, telefoniert mit Erika. Ihre Einladung, sie und den Vater bei der Reise zu begleiten, lehnt er ab. Stattdessen wird er sich wenige Tage später umbringen. Eine Nachricht, die Thomas Mann nicht davon abbringt, nach Weimar zu fahren. Die Goethe-Geburtstagsrede hält er für wichtiger.
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Dass "Vaterland" mit Klaus Mann losgeht, setzt den Akzent auf den weiteren großen Themenkomplex des Films: Die dysfunktionale Familie Mann, die bis heute zu Spekulationen einlädt. Wie viel Vater steckt tatsächlich in Thomas Mann, der sechs Kinder mit seiner Frau Katia hatte?
Eine queere Familie
Paweł Pawlikowski, der mit dem "Babylon Berlin"-Autor Henk Handloegten das Drehbuch schrieb, legt keinen Wert darauf, historisch akkurat zu erzählen. So wurde Thomas Mann auf der Reise nicht von Erika, sondern von seiner Frau begleitet. Und Klaus Mann starb einige Wochen davor. Diese Änderungen verdichten das Familiendrama, das ganz maßgeblich von der Queerness aller Beteiligten geprägt ist.
"Vaterland" ist ein echtes Meisterwerk. Der Film schafft es, in nur 82 Minuten eine Geschichte von großer politischer und persönlicher Tragweite zu erzählen, wie es nur selten gelingt. Das ist große Kunst, die lange im Kopf bleibt.
Vaterland. Biopic. Polen, Deutschland, Italien, Frankreich 2026. Regie: Paweł Pawlikowski. Cast: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt, Milan Peschel. Laufzeit: 82 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 0. Verleih: Neue Visionen. Kinostart: 3. September 2026
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