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Queerfilmfestival

Ein wilder queerer Ritt

18 Filme, 13 Städte: Am Donnerstag startet das Queerfilmfestival mit einem umwerfenden queeren Balkanmärchen – und dem vielleicht schönsten schwulen Liebesfilm der vergangenen Jahre.


Szene aus dem schwulen Truckerdrama "Flesh & Fuel" (Bild: Salzgeber)

Das Queerfilmfestival ist ein seltsames Gebilde: Was 2019 eher als verlängertes Filmwochenende in Berlin, Stuttgart und München begann, ist zum siebentägigen Spektakel mit 18 Filmen in 13 Städten gewachsen, verteilt auf 19 Kinos. München ist nicht mehr dabei (dort gab und gibt es mit dem verlässlich schönen QFFM schon ein eigenes queeres Festival), dafür sind mittlerweile neben Berlin und Stuttgart auch Städte wie Potsdam, Halle, Saarbrücken und Düsseldorf im Boot.

Es ist alles maximal unübersichtlich, aber auch das gehört zum Charme: In Dresden, Wien und Köln teilen sich immer zwei Kinos das Programm untereinander auf, in Nürnberg und Frankfurt spielen jeweils zwei Kinos alle Filme komplett. In der Gelsenkirchener flora, in diesem Jahr neu dabei, laufen 14 von 18 Filmen – in den zwei Leipziger Kinos dagegen insgesamt nur elf. Am besten nicht zu viel darüber nachdenken und einfach genießen.

Am Donnerstag geht es los

Immerhin der Starttag ist überall gleich: Am Donnerstag, den 10. September, geht es los – in den meisten Städten sogar mit denselben beiden Filmen! Und das sind schon mal veritable Highlights: "Fantasy" von der slowenischen Regisseurin Kukla erzählt in großen, glänzenden Bildern von einer dreiköpfigen Mädchenclique, die in ihrer zubetonierten Heimatstadt den queeren Aufstand probt – inspiriert von ihrer Club-Bekanntschaft Fantasy, einer glamourösen wie widerständigen trans Frau, die weiß, wie man sich gegen das Patriarchat auflehnt. Kukla erzählt das als dreifache Coming-of-Age-Geschichte im Gewand eines wilden urbanen Balkanmärchens: mit viel Stil und noch mehr Lebenslust, getragen von vier hinreißenden Darsteller:innen. In Wien stellt Kukla ihren Film übrigens am Eröffnungsabend persönlich vor.


Szene aus "Fantasy" (Bild: Salzgeber)

Der zweite Eröffnungsfilm hat schon in Cannes für Aufsehen gesorgt: "Flesh & Fuel" von Pierre Le Gall erzählt die Geschichte des zurückhaltenden französischen Fernfahrers Étienne, der sich beim Parkplatz-Cruising neben der Autobahn rettungslos in den lebenslustigen Truckerkollegen Bartosz aus Polen verliebt. Schnell können sie nicht mehr ohne einander – müssen es aber oft, weil ihre streng getakteten Dienstpläne sie unter immer prekäreren Arbeitsbedingungen in die verschiedensten Ecken Europas schicken.

"Flesh & Fuel" ist ein Film mit zwei Seelen: auf der einen Seite entschlossen sozialkritisch und kämpferisch, auf der anderen wahrscheinlich der schönste schwule Liebesfilm der vergangenen Jahre – melancholisch, wahrhaftig und voller Hoffnung; mit zwei Hauptdarstellern, die in jeder Sekunde klarmachen, dass ihre beiden Figuren bei allen Problemen für einander geschaffen sind. In Cannes gab es dafür die neu geschaffene Queer Palm Revelation, für die queere Entdeckung des Festivals. Wer darüber alles wissen will: Regisseur Pierre Le Gall ist zur Eröffnung des Queerfilmfestivals im Berliner delphi LUX zum Filmgespräch zu Gast.

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Schwule Muschelfarmer und lesbischer Widerstand

Und die anderen 16 Filme? Ein wilder queerer Ritt durch die unterschiedlichsten Lebenswirklichkeiten, von kunstvoll bis verwegen, von zärtlich bis zügellos. Es gibt ein herzzerreißendes Liebesdrama um schwule Muschelfarmer in Wales ("On the Sea"), einen mitreißenden Aufruf zum lesbischen Widerstand in der griechischen Provinz ("Bearcave"), Demokratie-Rezepte aus Taiwan von der Queer-Kino-Ikone Monika Treut. Als logische Entsprechung des letztjährigen Festival-Hits "Lesbian Space Princess" ist mit "Jim Queen" auch wieder eine völlig überdrehte und irrsinnig witzige Animationskomödie dabei – nur, dass es diesmal um einen egomanen Fitness-Influencer geht, der von einer tückischen Krankheit befallen wird: der Heterose.

Vieles wurde schon auf den großen internationalen Festivals ausgezeichnet, wie der heiß-harte Thriller "On the Road" (Queer Lion in Venedig), "Iván & Hadoum" über einen verliebten trans Mann im Arbeitskampf (Teddy auf der Berlinale) und das unendlich warmherzige Comedy-Drama "Maspalomas" (Silberne Muschel in San Sebastián). Besonders neugierig sein dürften viele auf Elliot Tuttles verstörenden Cam-Boy-Psycho-Thriller "Blue Film", der mit diversen Tabus spielt und bricht – und den das Sundance-Festival angeblich als zu riskant abgelehnt hat. Wer Lust auf ein orgiastisches Chemsex-Kammerspiel mit viel echtem Sex und philosophischen Exkursen in die brasilianische Literatur hat, sollte "Die Passion nach G.H.B." nicht verpassen.

Ach, und noch jede Menge mehr. Am besten stöbert man sich einmal selbst durch das Programm. Und für alle, die den Überblick verlieren: Das gehört dazu.

Ausführliche Informationen zu allen Filmen, allen Städten und allen Kinos gibt es auf queerfilmfestival.net.

-w-