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Ausstellung
Maurizio Cattelan in Berlin: Das Schwinden männlicher Autorität
Der für seine provokanten Arbeiten bekannte Künstler Maurizio Cattelan bringt die Insignien männlicher Macht zu Fall. Seine neue Ausstellung "Night" in der Neuen Nationalgalerie eröffnet dabei eine queere Perspektive.

In der Neuen Nationalgalerie beinahe sakral exponiert: "Him" (2001), eines der umstrittensten Werke Cattelans (Bild: David von Becker)
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10. September 2026, 06:06h 5 Min.
Zwei Männer liegen nebeneinander in einem schmalen Holzbett. Sie tragen dunkle Anzüge, weiße Hemden und schwarze Schuhe. Die Augen sind geöffnet, doch ihre Körper wirken steif und seltsam leblos. Bei näherem Hinschauen erkennt man: Es ist zweimal derselbe Mann – Maurizio Cattelan. Für sein Werk "We" aus dem Jahr 2010 ließ der italienische Künstler zwei täuschend echte Wachsfiguren seiner selbst anfertigen. Die Szene könnte aber auch einen intimen Moment zwischen einem gleichgeschlechtlichen Paar zeigen – oder ihre gemeinsame Aufbahrung.
Tatsächlich ist die Installation die detailgetreue Nachstellung einer Fotografie des schwulen Künstlerpaars Gilbert & George. Drei Jahre zuvor hatten sie sich für "In Bed with Lorca" in das Bett Federico García Lorcas im ehemaligen Sommerhaus seiner Familie bei Granada gelegt. In ihren charakteristischen Anzügen und steif nebeneinander ausgestreckt, wirken sie wie Liegefiguren auf einem mittelalterlichen Grabmal. Der Ort verleiht der Inszenierung ihre besondere Bedeutung: Lorca lebte und arbeitete hier, bevor der homosexuelle Dichter 1936 von franquistischen Milizen ermordet wurde.

Detailgetreue Nachstellung einer Fotografie des schwulen Künstlerpaars Gilbert & George: "We" von Maurizio Cattelan (Bild: Axel Krämer)
Eine Verbeugung vor Gilbert & George
Gilbert & George, die seit Jahrzehnten Leben, Liebe und Kunst miteinander verbinden, rücken damit nicht nur Lorcas Homosexualität in den Fokus. Sie stellen auch eine Verbindung zwischen schwulen Künstlern verschiedener Generationen her – und machen eine Sexualität sichtbar, die Lorca zu Lebzeiten nicht offen leben konnte.
Cattelan verändert an dieser Inszenierung, die nun in seiner Ausstellung "Night" in der Berliner Neuen Nationalgalerie zu sehen ist, nur ein kleines, jedoch entscheidendes Detail: Er ersetzt das schwule Paar durch sich selbst. Aus zwei Männern wird einer, der sich verdoppelt – vielleicht, weil Cattelan sich selbst nicht zu genügen scheint. Bei allem Humor wirkt die Aneignung weniger wie eine Parodie als wie eine Verbeugung vor Gilbert & George. Zugleich führt sie mitten hinein in eine Frage, die Cattelans Werk immer wieder stellt: Wie stabil ist das männliche Ich?
Erste umfassende Einzelschau in Deutschland
"We" ist eines der Werke in Cattelans erster umfassender Einzelschau in Deutschland – eine Retrospektive will die Berliner Ausstellung allerdings nicht sein. Für die gläserne Halle von Mies van der Rohe hat Cattelan ältere Arbeiten mit mehreren Neuproduktionen zu einer Installation verbunden, die um Geschichte, Macht, Gedenken und Glauben kreist. Das Museum selbst verwandelt sich dabei in eine Art säkulare Kirche.
Im Zentrum steht "Him" – eines der bekanntesten und umstrittensten Werke Cattelans aus dem Jahr 2001, das in der Ausstellung beinahe sakral exponiert wird. Von hinten sieht man zunächst nur eine kleine männliche Gestalt, die mit gefalteten Händen kniet – dem ersten Anschein nach ein betender Junge. Erst wenn man um die Figur herumgeht, erkennt man Adolf Hitlers Gesicht. Cattelan hat dem Diktator Uniform, Pose und Insignien genommen, mit denen sich Macht gewöhnlich zu erkennen gibt. Übrig bleibt ein kindlicher Körper in einer Haltung der Demut und Unterwerfung. "Der historische Schrecken erscheint verletzlich, betend und beinahe harmlos", sagt Cattelan über das Werk. "Das Böse wird gefährlich, wenn es um Mitgefühl bittet."
Göttliche Strafe für den Papst

Maurizio Cattelan zeigt sich beim Presserundgang zu seiner Schau "Night" gut gelaunt – kein Wunder, hat er doch kurz zuvor den Preis der Neuen Nationalgalerie 2026 erhalten (Bild: Axel Krämer)
Diese Wirkung zieht sich wie ein roter Faden durch Cattelans Werk: Er demontiert immer wieder die Bilder, auf denen sich Autorität als männlich, souverän und unverwundbar inszeniert. Besonders drastisch geschah das bereits 1999 in "La Nona Ora", dem Werk, mit dem Cattelan international berühmt wurde – und das in der Berliner Schau leider nicht zu sehen ist. Papst Johannes Paul II. liegt in dieser Installation auf einem roten Teppich, niedergestreckt von einem Meteoriten, der scheinbar geradewegs vom Himmel auf ihn herabgestürzt ist.
Cattelan verkehrt damit ein uraltes religiöses Motiv ins Groteske. Die Vorstellung von einer göttlichen Strafe, die etwa in der Geschichte von Sodom und Gomorra häufig instrumentalisiert wird, trifft hier ausgerechnet den obersten Repräsentanten Gottes auf Erden. Der Papst hält noch sein Kreuz umklammert, doch weder sein Amt noch sein Glaube schützen seinen Körper vor der Katastrophe. Aus der unangreifbaren Vaterfigur wird ein verletzlicher alter Mann.
Auseinandersetzung mit Schuld, Körper, Opfer und Erlösung
Dabei zeigt sich, dass Cattelan Macht nicht einfach in Ohnmacht verwandelt. Ihn interessiert der Moment, in dem Oberfläche und Bedeutung auseinanderfallen: Der Papst bleibt Papst, während sein Körper am Boden liegt. Hitler bleibt Hitler, obwohl er aussieht wie ein kniender Junge. Und in "Bones" (2025), das als eines der neuen Werke in Berlin zu sehen ist, liegt selbst der Adler, traditionelles Symbol von Staatshoheit, militärischer Autorität und imperialer Macht, mit ausgebreiteten Flügeln am Boden.

Die Ausstellung ist vom 10. September 2026 bis zum 7. März 2027 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen (Bild: Axel Krämer)
Dass Cattelan für solche Umkehrungen immer wieder auf die Bildwelt des Katholizismus zurückgreift, ist kein Zufall. Aufgewachsen im katholisch geprägten Padua, beschäftigt er sich seit Jahrzehnten mit Schuld, Körper, Opfer und Erlösung. An Religion fasziniere ihn weniger der Glaube als ihre symbolische Sprache, sagte er anlässlich der Berliner Ausstellung: Nur wenige Bildwelten könnten gleichzeitig von Schuld, Opfer, Hoffnung, Vergebung, Versagen und Erlösung erzählen.
Was bleibt, ist der männliche Körper – verletzlich, fehlbar und seiner souveränen Pose beraubt. In der von Lisa Botti kuratierten Ausstellung in Berlin lässt sich diese Spur gut nachvollziehen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage der Neuen Nationalgalerie
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















