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Interview
"Gym Queens beeinflussen die gesamte Gay-Community"
Die Animationskomödie "Jim Queen" über einen aufgepumpten Fitness-Influencer ist der lustigste schwule Film des Jahres. Wir sprachen mit den Regisseuren über Normen in der Community, was die Heteros im Team lernten – und wieso ihre Geschichte wahr werden könnte.

Szene aus "Jim Queen": Jim ein durchtrainierter, selbstverliebter und in der schwulen Szene gefeierter Fitness-Influencer. Sein Leben gerät jedoch völlig aus den Fugen, als eine mysteriöse Krankheit namens "Heterosis" um sich greift, die schwule Männer plötzlich hetero macht. Mehr Szenenbilder zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Bobbypills / Umedia)
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12. September 2026, 12:37h 7 Min.
Dem schwulen Fitness-Influencer Jim fliegen nur so die Likes auf Social Media zu. Er sieht fantastisch aus – der Preis seiner stundenlangen Qualen im Fitnessstudio. Der Twink Lucien, Sohn einer rechten Politikerin, himmelt ihn an. Doch dann steckt sich Jim mit einer mysteriösen Krankheit an: Die Heterose macht schwule Männer hetero.
"Jim Queen" ist nicht nur eine wahnsinnig lustige, treffsichere und liebevolle schwule Animationskomödie. Der Film spricht auch ernste Themen an. Kurz nach der Weltpremiere bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes hatten wir Gelegenheit, mit den beiden Regisseuren Nicolas Athané und Marco Nguyen über ihren Film zu sprechen.
Wenn mich mein eigener Gaydar nicht täuscht, seid ihr keine Gym Queens, oder?
Marco Nguyen: Nein, sind wir nicht! Aber ich kenne Gym Queens schon lange. Früher bin ich viel feiern gegangen, zu Circuit-Partys oder oft ins Berghain. Und in der schwulen Community gibt es diese Maßstäbe, die von Gym Queens gesetzt werden: Wenn du Muskeln hast, bist du dabei, ohne eben nicht. Es gab so viel über diese Community zu sagen – und es hat Spaß gemacht, sich darüber lustig zu machen, aber immer auf eine liebevolle Art. Wir lachen über uns selbst und auch über die Community.

Marco Nguyen (l.) u Nicolas Athané beim Interview mit queer.de (Bild: Fabian Schäfer)
Euer Film ist also keine Rache-Geschichte an einer Gym Queen, mit der du schlechte Erfahrungen gemacht hast?
Marco: Nein! Ich sage zwar, dass ich keine Gym Queen bin, aber ich habe versucht, eine zu sein. Alle versuchen, so zu sein, weil das der Standard ist, dem man entsprechen will. Wenn man auf diese Partys gehen und in die Bars kommen will, muss man ins Gym gehen.
Nicolas Athané: Gym Queens beeinflussen die gesamte Gay-Community. Und deshalb hassen die Leute sie so sehr, weil sie irgendwie alle dominieren.
Marco: Und genau diesen Teil an mir selbst kritisiere ich auch in dem Film. Es ist nicht so, dass ich die anderen dafür kritisiere.
Nicolas: Du warst ja selbst wie Lucien.
Marco: Wir alle sind die Figuren in dem Film, denn alles entspringt unseren echten Erlebnissen und dem, was wir im Alltag in Paris erleben.
Nicolas: Ja, ich lebe das Leben von Lucien, weil ich heteropositiv bin. (lacht) Lucien haben wir als Charakter kreiert, um Menschen wie mir zu helfen, in die Welt der Gym Queens und der ganzen Community zu finden. Als Simon und Marco mir von ihrer Idee zum Film erzählt haben, habe ich mich gefragt, worüber die reden. Bären? Was ist ein Kiffeur? (Ein französisches Slang-Wort, geht in die Richtung Chav oder Proll, Anm. d. Red.)
Marco: Und Puppies! Du hast gedacht, wir denken uns das aus.
Nicolas: Ja, eine Fantasiewelt. Ich meinte, wir sollten lieber die echte Welt zeigen. Aber dann meinten sie, genau das sei ihre Welt. Das ist die Welt der schwulen Partys in Paris. Dann meinte ich: Da müsst ihr mich mitnehmen.
Marco: Genau, ich zeige dir die Darkrooms! (lacht)
Nicolas: Unser Charakter Lucien weiß noch nichts davon. Durch ihn lernt das Publikum die Communitys kennen.
Marco: Wir sind ein Team aus vier Drehbuchautoren. Wir zwei und Simon Balteaux und Brice Chevillard – zwei schwul, zwei heteropositiv. Wir konnten unsere Leben also gut vergleichen.
Nicolas: Wir wollten zeigen, dass es diese Welt wirklich gibt. Deshalb mussten die Details auch so korrekt sein. Zum Beispiel, wie man den Fächer benutzt, wenn man als Dragqueen aufs Podest stürmt. Ihr kennt das ja, aber für mich und Brice war das alles neu.
Und nicht nur Heteros, auch junge Schwule müssen diese Welt ja erst einmal kennenlernen und verstehen.
Nicolas: Genau! Simon kommt nicht aus Paris. Wenn man wie er vom Land kommt und zum ersten Mal nach Paris fährt, fühlt es sich so an wie für unseren Lucien.

Poster zum Film: "Jim Queen" startet am 24. September 2026 im Kino, aktuell gibt es Vorführungen beim Queerfilmfestival
"Jim Queen" hat auch eine tiefere Botschaft: Es geht um Solidarität und darum, innerhalb der Community nett zueinander zu sein. Trotzdem wird der Film nicht moralisch. Wie dünn war diese Linie für euch?
Marco: Wir wollten überhaupt nicht moralisch sein. Unser Ziel war es, Menschen zum Lachen zu bringen, aber das ist ziemlich schwierig. Leute zu schocken ist immer einfach, aber um sie zum Lachen zu bringen, muss man sie wirklich berühren. Außerdem ist der Film ein Liebesbrief an die Community. Sie ist wunderschön und voller unglaublicher Kultur. Aber es gibt eben auch Schwächen, die wir ansprechen wollen – aber nie auf eine gemeine Weise. Freundlichkeit ist zentral, weil die Community sehr hart zu sich selbst sein kann.
Ja, manchmal kann die queere Community härter zu sich selbst sein als die Mehrheitsgesellschaft.
Marco: Ja, aber ist das nicht komisch? Wenn man schwul ist, wird man von Heteronormen unterdrückt. Aber gleichzeitig kreieren Schwule eigene Normen, denen man entsprechen muss.
Wie provokant wolltet ihr sein? Ich denke zum Beispiel an die "Gaystapo" – hattet ihr irgendwelche roten Linien?
Marco: Als wir angefangen haben, wollten wir einfach alles machen, was wir wollten. Aber natürlich haben wir uns die ganze Zeit hinterfragt.
Nicolas: Wir wollten nicht schockieren. Aber wen es um "Konversionstherapie" geht, die oft sehr gewaltvoll ist, wollten wir sie auch so darstellen.
Marco: Ja, denn wir wollen ja, dass das Publikum reagiert. Das Schwierigste am Drehbuch war wirklich, da eine gute Balance zu finden – und nicht zu politisch zu sein, sondern auch sehr offen und lustig zu bleiben.
Aber der Film ist sehr politisch. Es geht um einen Virus, der sich unter Schwulen verbreitet, und das Gesundheitssystem interessiert sich nicht dafür.
Marco: Die Parallele zu Aids war beabsichtigt. Wenn Jim von seiner eigenen Community abgelehnt wird, weil er Heterose hat. Das haben Millionen Menschen mit HIV und Aids erlebt.
Nicolas: Aber wir zeigen auch die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, also auch die gute Seite in dieser Zeit.
Im Film gibt es eine rechte Gesundheitsministerin. Im kommenden Jahr finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt. Dann könnte so jemand wirklich das Gesundheitsministerium leiten.
Marco: Wir haben vor acht Jahren angefangen, den Film zu schreiben. Da war diese politische Seite gar nicht so beabsichtigt. Die Stimmung war ganz anders. Es gab diese Attacken auf die LGBT-Community nicht so. Alles war leichter, es gab in Frankreich die Ehe für alle, es gab Prep, alles war irgendwie gut. Wir wollten uns nur fragen, was passieren würde, wenn all das wieder verschwindet. Und das ist genau, was gerade passiert. Heterose haben wir als lustige Metapher geschrieben, die sich jetzt zur politischen Realität wird. Man hat das Gefühl, die Realität holt unsere Fiktion ein.
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Lass uns über den Stil des Films sprechen. Hattet ihr Vorbilder? Kennt ihr Ralf König?
Marco: Natürlich!
Nicolas: Er war eine unserer Referenzen. Was ich bei Ralf König liebe, ist, wie sexy und lustig zugleich seine Comics sind.
Marco: Die Männer haben Muskeln, aber auch diese großen comicartigen Nasen.
Nicolas: Bei uns verändern sich die Figuren je nach Szene, manchmal sind sie sexy, dann wieder sehr cartoony oder realistischer, je nach Geschichte, die wir erzählen wollen.
Marco: Unsere Technik ist eine Cut-Out-Animation, das geht sehr schnell, ist aber auch etwas limitiert, aber auch unser Budget war limitiert. Also mussten wir Lösungen finden, um unsere Kreativität mit unserem Budget in Einklang zu bringen.
Musik spielt eine große Rolle, manchmal fühlt sich "Jim Queen" wie ein Musical an. Wer hat die tollen Songs geschrieben?
Marco: Wir haben mit dem unglaublichen Duett Kirosen zusammengearbeitet, Mathieu Rosenzweig und Benjamin Nakache aus Paris. Wir brauchten jemanden, der zwischen verschiedenen Stilen wechseln kann, weil es so viele Genres gibt – weil die verschiedenen Communitys jeweils eigene Musik mögen. Und die zwei waren perfekt dafür. Ich selbst habe auch zwei Songs geschrieben. So hat das Projekt angefangen: Die allererste Musik im Film habe ich ursprünglich für Werbevideos für meine Partys geschrieben.
Jim Queen. Animation, Komödie. Frankreich, Belgien 2026. Regie: Marco Nguyen, Nicolas Athané. Laufzeit: 85 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: capelight pictures. Kinostart: 24. September 2026. Frühere Vorführungen gibt es beim Queerfilmfestival
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