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Reportage
Drei Stunden queere Geschichte, eine Dragqueen als Guide
Vorbei am "Eldorado", dem "Eisenherz" und einer Gedenkstele für Aids-Opfer: Bei der "KiezTour" rund um den Nollendorfplatz führen Dragqueens durch mehr als 140 Jahre queere Berliner Geschichte.

Dragqueen Harpy Fatale führt regelmäßig durch den Berliner Regenbogenkiez (Bild: Britta Meyer)
- Von Britta Meyer
13. September 2026, 15:52h 4 Min.
Die "KiezTour" entstand im August 2020 aus einer Idee des schwulen Anti-Gewalt-Projekts "Maneo" und von Gastronom*innen aus dem Regenbogenkiez. 2023 übernahm die Berliner Dragqueen und Aktivistin Margot Schlönzke das Konzept und entwickelte es zu einem regelmäßigen Angebot weiter. Seither führen Dragqueens durch mehr als 140 Jahre queere Geschichte rund um den Nollendorfplatz.
Die Reise startet mit einer Runde Getränken in der "Heilen Welt". Tour-Guide Harpy Fatale begrüßt die Gäste in der gemütlichen Cocktailbar, die sich als "Berlins queeres Wohnzimmer" versteht. Nach einem kurzen Vortrag über die Anfänge der schwulen Kiezkultur geht es zum "Metropol" am Nollendorfplatz.
Das 1906 als "Neues Schauspielhaus" eröffnete Gebäude diente im Laufe seiner Geschichte als Theater, Kino, Diskothek und Konzertsaal. Ab 1927 betrieb Erwin Piscator hier seine politisch wegweisende Bühne. 1978 wurde das Haus zu einem der wichtigsten Clubs West-Berlins, geprägt auch von seinem queeren Publikum. Der ursprüngliche Theatersaal wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört; erhalten blieb vor allem die monumentale Fassade. Seit 2019 heißt der Veranstaltungsort wieder "Metropol".
Eisbecher und Fetischmode
Für eine süße Stärkung sorgt "Vanille & Marille" in der Motzstraße: Harpy kommt mit einem Tablett voller Eisbecher heraus und spendiert allen eine Portion. Auch vegane Sorten stehen zur Auswahl.
Gleich gegenüber werden die Teilnehmenden in der "Butcherei Lindinger" empfangen und erhalten Einblick in die Fertigung maßgeschneiderter Fetischmode. Das 2005 eröffnete Atelier stellt in seiner Kellerwerkstatt hochwertige Kleidung und Accessoires aus Leder und Latex her. Bei Maßanfertigungen werden zunächst Wünsche und Körpermaße besprochen, bevor das individuelle Stück entsteht. Fast nichts ist unmöglich, aber die Schneiderkunst hat ihren Preis.
Harpy schreitet energisch und mit wehender Löwenmähne voran, ihr kleines Rudel eilt gut gelaunt hinterher. Anwohner*innen bleiben stehen und fragen amüsiert, was hier los sei. Eine Kieztour? Oh ja, wie schön. Wir werden wiedererkannt.
Aus dem "Eldorado" wurde ein Biomarkt
An der Nollendorfstraße 17 wohnte der britische Schriftsteller Christopher Isherwood Anfang der 1930er Jahre zur Untermiete. Er erkundete die queere Subkultur Berlins, während Arbeitslosigkeit, politische Gewalt und der Aufstieg der Nationalsozialisten die Stadt veränderten. Seine Begegnungen verarbeitete er später in "Leb wohl, Berlin": Vermieterin Meta Thurau wurde zum Vorbild für Fräulein Schröder, seine Bekannte Jean Ross für Sally Bowles. Das Buch bildete eine wesentliche Grundlage für das Musical "Cabaret".
Vor dem Biomarkt an der Ecke Motzstraße und Kalckreuthstraße erinnert Harpy an das "Eldorado", eines der bekanntesten Unterhaltungslokale der späten Weimarer Republik. Schwule, Lesben und Menschen, die damals als "Transvestiten" bezeichnet wurden, trafen dort auf Künstler*innen, Prominente und Tourist*innen. Zu den Gästen gehörten Marlene Dietrich und Anita Berber; für 1931 ist allerdings auch ein Besuch des schwulen SA-Chefs Ernst Röhm überliefert. Ende 1932 ließ die Berliner Polizei queere Tanzlokale schließen, kurz darauf nutzte die SA die Räume als Sturmlokal. Heute erinnert der Schriftzug "Biomarkt im Eldorado" an die Geschichte des Hauses.
Queere Literatur und Sexarbeit
Auch "Eisenherz" gehört zur Tour. Deutschlands erster schwuler Buchladen wurde 1978 als "Prinz Eisenherz" gegründet und war von Beginn an Treffpunkt und Informationsort der Community. Heute bietet er queere Literatur, Veranstaltungen und Ausstellungen und bewahrt damit ein Stück Berliner Emanzipationsgeschichte.
Weiter geht es zur "Dreizehn", einer der kleinsten und ältesten schwulen Kneipen des Viertels. Seit mehr als 40 Jahren treffen sich hier vor allem Stammgäste auf ein Bier und ein Gespräch an der Theke. Sie ist einer jener unscheinbaren Treffpunkte, die den Regenbogenkiez über Jahrzehnte zusammengehalten haben.
An der kleinen Parkecke an der Fuggerstraße und Eisenacher Straße spricht Harpy über männliche Sexarbeit. Sexarbeiter bahnen hier und in umliegenden Bars Kontakte zu Kunden an. Auf dem zugleich als Spielplatz genutzten Gelände steht heute ein Infopunkt, dessen Mitarbeitende Unterstützung vermitteln und bei Konflikten ansprechbar sind.
Hin und wieder stoppt Harpy die Wanderung für ein Quiz. Wer am schnellsten eine kuriose Detailfrage zum Viertel beantwortet, gewinnt mal einen Schlüsselanhänger, mal eine Flasche Gleitgel.
Die "KiezTour" endet unter einer goldenen Krone
Vom Feierabendverkehr umbrandet hält die Gruppe auf dem Mittelstreifen an der Kreuzung Kleiststraße und Martin-Luther-Straße inne. Hier steht die Internationale Stele "Gegen das Vergessen". Der Gedenkort entstand in den 1990er Jahren mit einer roten Metallschleife, die auf die hohe Zahl der Aids-Toten aufmerksam machen sollte. 2010 kam eine von Bernhard Keller entworfene Stele hinzu, in die in 22 Sprachen "Gegen das Vergessen" eingraviert ist. Sie erinnert an die Opfer von HIV und Aids sowie Hepatitis C und setzt ein Zeichen gegen Stigmatisierung. Seit 2016 pflegen die Berliner Schwestern der Perpetuellen Indulgenz den Ort.
Nach gut drei Stunden endet die "KiezTour" unter einer goldenen Krone: im "Neuen Oldtimer" in der Lietzenburger Straße. Die 1987 eröffnete queere Kneipe empfängt die Gruppe mit buntem Glitzer über gemütlichen Sitzecken. Die Gruppe plaudert noch ein wenig über das Gesehene.
Der Abend klingt aus, die Füße tun weh, aber das war es wert. Die "KiezTour" hat sich ihren guten Ruf mehr als verdient.
Links zum Thema:
» Homepage zur queeren KiezTour













