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Berlin

Was für eine mutige Schau: Rachel Seidu macht queeres Leben in Nigeria sichtbar

"Love is the Work" in Wolfgang Tillmans' Berliner Galerie ist eine der couragiertesten Ausstellungen seit Jahren. Nebenbei rückt sie eine brisante Frage in den Fokus: Ist Sichtbarkeit queerer Identität wirklich ein westliches Konzept?


Rachel Seidu, Sacraments of recognition, 2024

Männer, die sich zärtlich aneinanderschmiegen, und Frauen in traditionell westafrikanischer Kleidung, die sich begehrend umarmen: Die Bilder von Rachel Seidu wirken auf den ersten Blick nicht inszeniert, wie man das von klassischen Porträts kennt – eher stellt sich der Eindruck äußerst privater Momente ein. Gleichwohl blicken viele der Porträtierten selbstbewusst in die Kamera.

Die dargestellte Intimität und Zärtlichkeit wirken so selbstverständlich, dass man nicht ahnen würde, unter welchem persönlichen Risiko die Bilder entstanden.

Wie groß die Gefahr ist, erzählt die 1997 in Lagos geborene Fotografin in einem Gespräch mit Wolfgang Tillmans, das sich im Begleitheft der Ausstellung nachlesen lässt. Seidu sagt, es komme in Nigeria immer wieder zu Belästigungen und Gewalt gegen queere Menschen. Sie berichtet von einem 16-Jährigen, der von Kommilitonen zu Tode geprügelt worden sei, weil sie ihn für schwul hielten, und von einem Mann, den homophobe Männer aus einem dreistöckigen Gebäude geworfen hätten.

Auch der Staat kriminalisiert queeres Leben: Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen und Lebensgemeinschaften sind in Nigeria strafbar, ebenso schwule und lesbische Vereinigungen und Versammlungen.

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"Nigeria ist einer der queersten Orte, denen man begegnen kann"

Dabei macht die Ausstellungs-Einführung des nigerianischen Autors und Wissenschaftlers Adebayo Quadry-Adekanbi zunächst den Eindruck, als sei Queerness in der nigerianischen Gesellschaft längst fest verankert. Sein ebenfalls im Begleitheft abgedruckter Text beginnt mit dem überraschenden Satz: "Nigeria ist einer der queersten Orte, denen man begegnen kann." Allerdings sei Queersein dort "etwas, das man tut, nicht etwas, das man ist".

Quadry-Adekanbi beschreibt eine Gesellschaft, in der Queerness auch dort existiere, wo sie nicht ausdrücklich benannt werde. In den dicht bewohnten "Face-Me-I-Face-You"-Wohnanlagen etwa, in denen Familien mit geringem Einkommen einzelne Zimmer bewohnen und Küche und Badezimmer teilen, entstehe eine besondere Form des "offenen Geheimnisses". Die Menschen spürten die Queerness anderer, ohne eine ausdrückliche Bestätigung zu verlangen. Queerness sei damit weniger eine Identität, die beansprucht werden müsse, als eine "gelebte, materielle Praxis". Das schaffe "Raum für eine alternative Intimität", die nicht benannt oder kategorisiert werden müsse.

Auch was im Westen "Drag" genannt werde, geschehe in Nigeria "ständig, in Maskenspielen, Performances sowie zahlreichen kulturellen, traditionellen und spirituellen Praktiken", so Quadry-Adekanbi. "Ständig tragen wir 'Drag'. Wir nennen es nur nicht so – und müssen das auch nicht."


Rachel Seidus Werkserie "Repossessing sexuality, culture and identity in post-colonial Nigeria", seit 2022 (Bild: Axel Krämer)

Akzeptanz mit Grenzen

Seidu kennt diese Welt aus eigener Erfahrung. Sie wuchs selbst in einem dieser Wohnkomplexe auf. Ihre Erinnerungen an die räumlichen Verhältnisse decken sich größtenteils mit Quadry-Adekanbis Schilderungen, allerdings klingt bei ihr eine völlig andere Bewertung der Situation durch. Mehr als 50 Menschen lebten dort, erzählt sie im Gespräch, Badezimmer und Toiletten wurden geteilt, zum Duschen musste man Schlange stehen. Sie selbst besaß nicht einmal ein Bett und schlief auf dem Boden.

Auch die Geschichte zweier schwuler Freunde aus ihrer Kindheit lässt die Vorstellung einer Queerness, die keiner ausdrücklichen Benennung bedarf, in einem anderen Licht erscheinen. Zwar mussten die beiden ihre Femininität keineswegs verstecken – bei den jährlichen Street Jams tanzten sie öffentlich, wurden bejubelt und mit Geldscheinen beworfen. "Na ja, so sind sie halt", hätten die Leute gesagt. Doch diese Akzeptanz hatte und hat eine Grenze.

"Du kannst feminin sein, aber in dem Moment, in dem du sagst, dass du schwul bist, beginnt das Problem", sagt Seidu. "Eine Sexualität ist ihnen nicht erlaubt." Von ihnen werde vielmehr erwartet, irgendwann aus dieser vermeintlichen Phase "herauszuwachsen" und das "Richtige" zu tun: eine Frau zu heiraten.

Damit bekommt das Nichtbenennen eine doppelte Bedeutung. Bei Quadry-Adekanbi erscheint es als Möglichkeit einer eigenständigen kulturellen Form von Queerness, die keiner westlichen Identitätskategorie bedarf. Bei Seidu zeigt sich dagegen der Preis dieser Ambiguität: Toleriert wird lediglich, was feminin oder queer erscheint, solange homosexuelles Begehren unausgesprochen bleibt und geleugnet werden kann – und schließlich einer heterosexuellen Ehe Platz macht.


Rachel Seidu, aus der Werkserie "Pride in Lagos" 2026

Selbstbewusste Subkultur, die sich eigene Räume geschaffen hat

Dass Queerness in Lagos deshalb keineswegs unsichtbar ist, zeigen Seidus Fotografien selbst. Neben stillen Porträts und intimen Szenen fotografiert sie auch das Nachtleben der Millionenstadt. Bilder von Drag-Balls zeigen eine selbstbewusste Subkultur, die sich eigene Räume geschaffen hat – mit Mode, Performance und Tanz.

Seidu kannte diese Welt schon, bevor sie selbst Teil der Szene wurde. Die beiden femininen Freunde aus ihrer Kindheit besuchten Gay-Partys; herausgeputzt und mit Handtaschen kamen sie auf dem Weg dorthin am Essensstand ihrer Stiefmutter vorbei. Solche Erinnerungen zeichnen ein vielschichtigeres Bild eines Landes, in dem queeres Leben keineswegs nur im Verborgenen stattfindet.

Doch zwischen einer queeren Party in der nächtlichen Subkultur einer Millionenstadt und einer Regenbogenflagge an einem der belebtesten Orte von Lagos besteht ein entscheidender Unterschied. Mit ihrem noch nicht abgeschlossenen Projekt "This land knows us" verlässt Seidu die geschützten oder zumindest codierten Räume der Community und sucht ausdrücklich die Öffentlichkeit.

Die Shootings finden auf Brücken, an Busbahnhöfen, auf Booten und anderen belebten Orten statt. Manche der Porträtierten tragen die Regenbogenflagge. Zum ersten Mal, sagt Seidu, komme das Projekt einem öffentlichen Coming-out gleich. Aus Sicherheitsgründen bleibt die Gruppe jedoch nie länger als 30 Minuten an einem Ort.

Sichtbarkeit auf der Straße

Dass diese Sichtbarkeit gerade auf den Straßen Nigerias stattfindet, ist für Seidu entscheidend. Im Gespräch verweist sie auf Rotimi Fani-Kayode, den 1955 in Lagos geborenen Fotografen, dessen sinnliche Inszenierungen des schwarzen männlichen Körpers zu den bedeutenden frühen Beispielen schwuler Fotografie mit nigerianischem Bezug zählen. Fani-Kayode lebte jedoch seit seiner Jugend außerhalb Nigerias und schuf sein Werk vor allem in Großbritannien.

Queere Menschen seien, so Seidu, "auf den Straßen Nigerias nach wie vor nicht ausreichend repräsentiert". Ihre eigenen Bilder setzen genau dort an: Sie zeigen die Angehörigen der Community nicht nur als Teil Nigerias, sondern sichtbar vor Ort im öffentlichen Raum.

"This land knows us" heißt das noch nicht abgeschlossene Projekt, das einen zentralen Teil der Ausstellung "Love is the Work" bei "Between Bridges" bildet – dem von Wolfgang Tillmans gegründeten Berliner Projektraum, der seit Jahren Kunst und gesellschaftspolitische Debatten zusammenbringt. Der Titel formuliert zugleich Seidus Anspruch: Gegen die Vorstellung, queere Identität sei etwas aus dem Westen Importiertes, behauptet sie die Zugehörigkeit queerer Menschen zu Nigeria.

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"Happy Pride, Leute!"

An der Regenbogenflagge wird diese Spannung besonders deutlich. Quadry-Adekanbi erinnert daran, dass das Symbol "an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit eine Geschichte hatte, bevor es in Nigeria ankam". Es sei bereits voller Bedeutungen und "nie für diesen Kontext geschaffen" worden. Er fragt deshalb, ob der Anspruch auf Sichtbarkeit auf ein "geborgtes Symbol" angewiesen sei oder dessen Verwendung womöglich subtilere lokale Arten des Queerseins verdecke.

Seidus Antwort könnte deutlicher kaum ausfallen: "In Nigeria hat die Flagge nicht die gleiche Bedeutung wie in New York oder Paris."

Gerade diese unterschiedliche Bedeutung ist für Seidu entscheidend. In Berlin, Paris oder New York ist die Regenbogenflagge längst Teil institutioneller Repräsentation und kommerzieller Pride-Kampagnen, bekommt als öffentlich sichtbares Zeichen in Lagos aber ein völlig anderes Gewicht.

Dass die Flagge dennoch verstanden wird, erlebt Seidu bei einem Shooting. Eine Jugendliche ruft der Gruppe "Happy Pride, Leute!" zu. Seidu erzählt, wie emotional dieser Augenblick für alle Beteiligten gewesen sei. Die Jugendliche hatte das Zeichen erkannt – und verstanden.


Rachel Seidu, "Boiz will be Boiz", seit 2024 (Bild: Axel Krämer)

Wir sind queer. Wir gehören zu Nigeria

Möglicherweise liegt darin bereits eine Antwort auf den Einwand, die Flagge sei aus dem Westen importiert: Ein Symbol kann seine Bedeutung verändern, ohne seine Lesbarkeit zu verlieren. Die Regenbogenflagge ist westlichen Ursprungs, transportiert in Seidus Bildern jedoch einen spezifisch nigerianischen Anspruch: Wir sind queer. Wir gehören zu Nigeria.

Darin lässt sich sogar etwas erkennen, das man einen queeren Universalismus nennen könnte. Damit ist nicht die Vorstellung gemeint, Queerness müsse überall gleich aussehen oder mit denselben Begriffen beschrieben werden. Vielmehr steht der Begriff für den Anspruch, dass Menschen überall ihre Sexualität und geschlechtliche Identität sichtbar leben können, ohne dafür Gewalt und Ausgrenzung fürchten zu müssen.

Seidus Fotografien versuchen nicht, diesen Konflikt aufzulösen. Ihre Stärke liegt darin, ihn sichtbar zu machen. Sie zeigen eine selbstbewusste queere Kultur, die längst da ist – genau darum ist "Love is the Work" eine so mutige Ausstellung.

-w-