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Berlin

"Lear" im Flughafen Tempelhof: Ein queerer Riss im Patriarchat

Barrie Kosky inszeniert Reimanns Oper "Lear" als Auseinandersetzung mit dem Patriarchat – und entdeckt im verstoßenen Edgar eine queere Figur, die bereits in der Musik angelegt ist.


Der Tenor Aryeh Nussbaum Cohen wechselt in Barrie Koskys Inszenierung in die extreme Höhe des Countertenors (Bild: Monika Rittershaus)

"Warum Bastard?" Wie ein Aufschrei hallt Edmunds Frage durch den riesigen Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Markerschütternd schleudert sie der Tenor Brenton Ryan in die Welt, während dissonante Bläser und tumultartiges Schlagwerk seine Empörung ins schier Unerträgliche steigern. In schrill-durchdringenden Tönen insistiert er kurz darauf noch einmal: "Warum nennt man mich Bastard?" – und setzt der gesellschaftlichen Schmach seiner unehelichen Geburt seinen ganzen Stolz entgegen: Er entstamme "glühenderen Feuern als dem Ehebett".

Es ist einer jener Momente in Aribert Reimanns Oper "Lear", in denen die hochexpressive Musik das Innere einer Figur nach außen kehrt und es dem Publikum buchstäblich um die Ohren fliegen lässt.

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Der ausgestoßene Edgar wird zur queeren Figur des Abends


"Warum Bastard?" Wie ein Aufschrei hallt Edmunds Frage durch den riesigen Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof. – verkörpert wird er durch den Tenor Brenton Ryan (Bild: Monika Rittershaus)

Edmund ist der uneheliche Sohn Gloucesters, er besitzt keinen legitimen Anspruch auf das väterliche Erbe. Dass allein die Umstände seiner Zeugung darüber entscheiden sollen, wer er in dieser Welt sein darf, will er nicht hinnehmen. Hier verschafft sich seine gesellschaftliche Kränkung mit aller Wucht Gehör – und man ahnt, dass diese Wut für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht ohne Folgen bleibt: weder für ihn noch für seinen legitimen Halbbruder Edgar. Der gesamte Hof wird im Lauf der folgenden zwei Stunden zum Schauplatz eines bluttriefenden Machtkampfes.

Auch wenn Edmund als Außenseiter gegen seine gesellschaftliche Stellung aufbegehrt, will er die herrschende Ordnung doch nicht überwinden, sondern in ihr selbst nach oben gelangen. Mit einer Intrige bringt er den gemeinsamen Vater Gloucester dazu, Edgar zu verstoßen, während er zugleich ein doppeltes Spiel mit den Königstöchtern Goneril und Regan treibt. Regisseur Barrie Kosky nimmt diesen Faden für seine Inszenierung in der inzwischen zum Kult gewordenen Außenstelle der Komischen Oper gekonnt auf – bei ihm wird der ausgestoßene Edgar zur queeren Figur des Abends, und diese entwickelt er direkt aus der Partitur Aribert Reimanns.

Denn Reimann hat Edgars Stimme bereits eine Art Queerness eingeschrieben: Der Tenor Aryeh Nussbaum Cohen wechselt in dieser Inszenierung in die extreme Höhe des Countertenors, sobald der verstoßene Sohn als vermeintlich wahnsinniger Bettler Poor Tom durch die Wildnis irrt. Kosky macht diesen Identitätswechsel auf seine ihm eigene Weise sichtbar. Edgar trägt nun Büstenhalter, Minirock, Ballerinas und eine glitzernde Kopfbedeckung. Aus dem privilegierten Sohn ist auch äußerlich ein queerer Außenseiter geworden.

Panorama zerfallender familiärer und gesellschaftlicher Bindungen

Dabei handelt es sich um eine interessante Volte. Reimann, der selbst schwul war, hat seine Homosexualität in seinen Opern nie direkt zum Thema gemacht. Sein besonderes Interesse galt vielmehr Außenseitern, die "in Liebe und Hass quer zur Gesellschaft stehen", schreibt die Musikwissenschaftlerin Kadja Grönke in ihrem Reimann-Porträt für den schwulen Opernführer "Casta Diva". Deren Konflikte ließen sich "unschwer auch auf homosexuelle Weltentwürfe ausweiten".


Eine patriarchale Ordnung, die sich selbst zerlegt (Bild: Monika Rittershaus)

Schon Shakespeares um 1605 entstandene Tragödie erzählt von zwei Vätern, die ihre Kinder verstoßen: Gloucester seinen Sohn Edgar, König Lear seine Lieblingstochter Cordelia, weil sie sich weigert, ihm ihre Liebe wortreich zu versichern. Aribert Reimann und sein Librettist Claus H. Henneberg verdichteten den Stoff für ihre 1978 in München uraufgeführte Oper zu einem zweistündigen Panorama zerfallender familiärer und gesellschaftlicher Bindungen.

Ein Drama männlicher Arroganz

Kosky sieht darin vor allem ein Drama männlicher Arroganz. "Das Stück veranschaulicht, was passiert, wenn man nur den Männern erlaubt, zu machen, was sie wollen", sagt der schwule Regisseur im Interview. Die Mütter fehlen bei Shakespeare vollständig. Im Zentrum stehen zwei Väter und ihre Kinder – und eine patriarchale Ordnung, die sich selbst zerlegt. Auf der fast leeren, quadratischen Spielfläche zwischen zwei gegenüberliegenden Zuschauertribünen im Hangar Tempelhof lässt Kosky diese Menschen unerbittlich aufeinanderprallen.

Reimanns hochexpressive Musik macht die seelischen Verwüstungen körperlich erfahrbar. Mit "extremen Höhen oder bodenlosen Tiefen", so Grönke, öffne der Komponist Räume für das Unsagbare. Kosky macht sichtbar, was darin längst angelegt ist: wie schnell scheinbar feste Gewissheiten ins Wanken geraten können. Und am Ende ist es ausgerechnet der ausgestoßene Edgar, der eine Welt überlebt, in der Väter, Herrscher und ihre vermeintlich unverrückbare Ordnung untergehen. Diese mehr als 400 Jahre alte Geschichte wirkt dabei heute wieder beängstigend aktuell.

Weitere Vorstellungen von "Lear" gibt es bis zum 3. Oktober 2026 im Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Tempelhof (jeweils um 19:30 Uhr).

-w-