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Gastbeitrag

Warum ich immer noch zum CSD gehe – jetzt als Puppy

Sichtbarkeit ist kein Luxus: Nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt erklärt Kitsune Lilith, warum sie als Teil der Kink-Community weiterhin mit Puppy-Maske beim CSD dabei ist – und warum Pride für sie nie nur Party war.


Symbolbild: Puppys beim Berliner CSD 2026 (Bild: IMAGO / Bernd Elmenthaler)

Seit 2012 gehe ich regelmäßig auf Christopher Street Days. Ich habe CSDs als Besucherin erlebt, als Teil der queeren Community – und seit 2024 auch sichtbar als Puppy. In diesen Jahren hat sich viel verändert: Rechte wurden erkämpft, queeres Leben ist sichtbarer geworden, und Pride ist längst in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Unternehmen schmücken ihre Wagen mit Regenbogenflaggen, Politiker*innen halten Reden, Hunderttausende feiern gemeinsam auf den Straßen. Man könnte also fragen: Wozu brauchen wir den CSD überhaupt noch?

Für mich war der CSD nie einfach nur eine große Regenbogenparty. Hinter der Musik, den Trucks und den bunten Fahnen steht eine politische Botschaft: Wir sind hier, und wir haben das Recht, hier zu sein. Vielleicht haben wir uns zwischenzeitlich zu sehr daran gewöhnt, sichtbar sein zu können – und daraus die Vorstellung abgeleitet, der politische Kampf sei weitgehend gewonnen.

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Der AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt ist ein Warnsignal


Unsere Gastautorin Kitsune Lilith beschäftigt sich als Content Creatorin und YouTuberin intensiv mit Aufklärungsarbeit, um Brücken zu bauen und Vorurteile abzubauen (Bild: privat)

Wozu brauchen wir den CSD überhaupt noch? Spätestens nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fällt mir die Antwort erschreckend leicht. Die AfD erhielt dort bei der Wahl am 6. September 2026 nach dem vorläufigen Ergebnis 43,8 Prozent der Zweitstimmen, 39 der 83 Sitze im neuen Landtag entfallen auf sie. Eine Partei, die vom Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, ist damit mit großem Abstand stärkste Kraft geworden.

Für mich ist das ein Warnsignal – nicht, weil automatisch alle Menschen, die AfD gewählt haben, queere Menschen hassen, das wäre zu einfach und unfair. Aber politische Mehrheiten verändern gesellschaftliche Debatten, Sprache verändert sich, und die Grenzen dessen, was öffentlich gesagt werden kann, verschieben sich. Minderheiten spüren solche Veränderungen häufig zuerst.

Wenn ich solche Zahlen sehe, denke ich deshalb nicht zuerst an Parteien, Koalitionen oder Sitzverteilungen, sondern an Menschen: an queere Jugendliche, an trans Menschen, an schwule und lesbische Paare, an Menschen aus der Kink- und Fetisch-Community, an all jene, die vielleicht gerade erst den Mut gefunden haben, offen zu sich selbst zu stehen. Und ich frage mich: Was macht ein solches politisches Klima mit ihnen?

Fetisch ist ein Teil von mir

Seit 2024 gehe ich auch als Puppy auf den CSD, und damit hat sich meine eigene Sichtbarkeit verändert. Wenn ich meine Puppy-Maske trage, werde ich anders wahrgenommen: Manche Menschen lächeln, manche wollen wissen, was Pupplay eigentlich ist, manche reagieren irritiert. Und natürlich gibt es immer wieder die Frage, warum Fetisch auf dem CSD sichtbar sein muss.

Meine Antwort ist inzwischen sehr persönlich geworden: weil auch das ein Teil von mir ist. Ich bin nicht entweder queer oder Puppy, ich lege meine Zugehörigkeit zur Kink-Community nicht an der Garderobe ab, bevor ich einen CSD betrete. Pupplay bedeutet für mich zudem nicht einfach Sex, sondern Gemeinschaft, Vertrauen, Headspace, Freundschaft und Freiheit – natürlich kann Pupplay auch Sexualität beinhalten, das will ich nicht schönreden oder verschweigen. Aber eine Puppy-Maske ist noch keine sexuelle Handlung, genauso wenig wie Leder, Rubber oder ein Harness. Genau diese Unterscheidung fehlt mir in der Diskussion über Fetisch auf Pride häufig.

Selbstverständlich darf auf einem CSD nicht einfach alles passieren: Consent gilt dort genauso wie überall sonst, Rücksichtnahme gehört dazu. Öffentliche sexuelle Handlungen sind aber etwas völlig anderes als das sichtbare Tragen von Fetischkleidung, und darüber können und sollten wir diskutieren. Was mir Sorgen macht, ist etwas anderes: Wenn nicht mehr Verhalten kritisiert wird, sondern die Sichtbarkeit bestimmter Menschen – wenn Puppys ihre Masken absetzen sollen, wenn Leder angeblich nicht "familienfreundlich" genug ist, wenn Rubber versteckt werden soll. Dann frage ich mich: Wer kommt als Nächstes? Pride war nie dafür gedacht, dass queere Menschen möglichst unauffällig demonstrieren.

Sichtbarkeit ist gerade jetzt wichtig

Das Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt hat etwas in mir verstärkt: Ich möchte nicht leiser werden, ich möchte sichtbarer werden. Nicht aus Provokation und nicht, weil ich Menschen meine Lebensweise aufzwingen möchte, sondern weil Sichtbarkeit gerade dann wichtig wird, wenn gesellschaftlicher Gegenwind stärker wird.

Ich mache Aufklärungsarbeit, weil ich daran glaube, dass Vorurteile nicht verschwinden, indem wir uns verstecken. Ich möchte Menschen erklären, was Pupplay ist, was Kink bedeutet und warum hinter einer Maske ein ganz normaler Mensch steckt. Vielleicht wird mich nicht jede*r verstehen, das muss auch niemand. Aber ich möchte in einem Land leben, in dem Menschen verschieden sein können, ohne Angst davor haben zu müssen, was die nächste politische Entwicklung für ihre Existenz bedeutet.

Der CSD ist Feier, aber auch Protest und Erinnerung

2012 bin ich erstmals auf CSDs gegangen, 2024 habe ich begonnen, dort auch als Puppy sichtbar zu sein, und 2026 sehe ich weniger Grund denn je, damit aufzuhören. Wenn eine als rechtsextremistisch eingestufte Partei in einem deutschen Bundesland 43,8 Prozent erreicht, ist für mich nicht der Moment gekommen, darüber zu diskutieren, ob Pride vielleicht inzwischen überflüssig geworden ist. Es ist der Moment, sich daran zu erinnern, warum Menschen überhaupt auf diese Straßen gegangen sind.

Der CSD ist Feier, aber er ist auch Protest und Erinnerung – und ein Versprechen, das wir einander geben: Wenn gesellschaftlicher Gegenwind stärker wird, lassen wir niemanden aus unserer Community zurück. Deshalb werde ich dort stehen: als queerer Mensch, als Teil der Kink-Community und als Puppy, mit meiner Maske. Nicht, um zu provozieren, sondern weil auch ich ein Teil dieser Community bin.

Sichtbarkeit ist kein Luxus – gerade wenn eine Gesellschaft beginnt, sich politisch nach rechts zu verschieben, kann sie notwendig werden.

-w-