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Schwule Fußballer

Schweißausbrüche und Angst: Thomas Hitzlsperger beschreibt sein Versteckspiel

Zwölfeinhalb Jahre nach seinem Coming-out gibt Thomas Hitzlsperger im Podcast "Wie geht's? mit Robin Gosens" tiefgehende Einblicke in seine damalige Gefühlswelt – und schildert den enormen Druck in der heteronormativen Welt der Fußball-Profis.


Thomas Hitzlsperger 2010 im Trikot von Lazio Rom (Bild: IMAGO / Insidefoto)

Im Januar 2014 schrieb Thomas Hitzlsperger Sportgeschichte, als er sich kurz nach dem Ende seiner aktiven Profilaufbahn als erster prominenter deutscher Fußball-Nationalspieler öffentlich als schwul outete (queer.de berichtete). Im Gespräch mit dem aktuellen Fußballprofi Robin Gosens für dessen NDR-Podcast erklärte der 52-fache Nationalspieler, dass sein Coming-out Resultat jahrelanger Qualen gewesen sei.

Vor allem in den letzten Jahren seiner Karriere habe die Diskrepanz zwischen öffentlicher Fußballer-Rolle und privater Identität zur Zerreißprobe geführt. Der jetzt 44-jährige Hitzlsperger beschrieb den Moment, als ihm klargeworden sei, dass er sich von der gewohnten Umgebung emotional entfremdete: Er habe damals "keinen Bock" gehabt, "rauszugehen mit den Jungs und irgendwie eine Freundin kennenzulernen, sondern ich will einen Freund kennenlernen. Und das geht nicht. Ich kann halt nicht in der Kabine über andere Jungs sprechen und sagen: 'Hey, ich war jetzt in einer Bar und ich interessiere mich für jemanden, hab jemanden kennengelernt. Das läuft nicht", so Hitzlsperger. "Ich passe nicht mehr rein und die Kabine ist nicht mehr mein Feld. Ich bin anders", erklärte der Sportler, der 2007 Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart geworden war.

Die negative Einstellung zu Homosexualität sei ihm bereits in seinem katholischen Elternhaus nahe gebracht worden. So habe er früh gedacht: "Eines der schlimmsten Dinge ist, schwul zu sein", sagte Hitzlsperger im Podcast.

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"Wie kommst du aus der Nummer raus?"

Lange habe das Versteckspiel trotzdem funktioniert. Bei seinem Wechsel 2010 zu Lazio Rom habe es ihn aber "echt zerrissen". In Stuttgart habe er seine Homosexualität noch verdrängen können, in Italien ging das nicht mehr. Der Grund: Die Umstellung fiel ihm schwer, so gab es gab sprachliche Probleme, aber auch ungewollte Fragen seiner Mitspieler: "Die Jungs fragen mich: 'Hast du Familie, hast du Frau, hast du Kinder?' Eine Woche später sagen sie: 'Hey, ich hab ein paar Mädels eingeladen, hast du Lust vorbeizukommen?' Und du denkst so: 'Ach, alles, nur nicht das jetzt! Wie kommst du aus der Nummer raus?' " Da habe er gewusst, dass er "raus müsse".

Der Trainer habe ihm nicht helfen können: "Ich kann dem nicht erklären: 'Ich hab grad ein Problem. Ich hab massive Ängste und schwul bin ich auch noch. Kannst du mir helfen?' Das lief nicht. Das halbe Jahr in Rom war echt die Hölle." Er habe zu diesem Zeitpunkt – er war gerade 28 Jahre alt – auch nicht einfach sagen können, dass er mit Fußball aufhöre.

Dieser permanente Spagat sei nicht ohne gesundheitliche Folgen geblieben. Hitzlsperger erinnert sich an schwere Schweißattacken und Panikmomente. Rückblickend fasst er diesen Lebensabschnitt prägnant zusammen: Die Zeit der Zerrissenheit sei "echt die Hölle" gewesen.

Angst vor sportlichem Versagen nach Coming-out

Er habe am Ende seiner aktiven Laufbahn bereits sein Coming-out in der Familie und gegenüber engen Freund*innen gehabt, aber habe nicht gedacht, dass er als offen schwuler Fußballer aktiv sein könne: "Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich in dem Moment, wo ich das ausspreche in der Kabine oder öffentlich, noch gut Fußball spielen kann. Ich war unter so brutaler Anspannung, dass ich immer Sorge hatte [wegen des] ersten Tags im Training oder des ersten Tags im Stadion." Er habe Angst gehabt, dass er nach seinem Coming-out den Ball nicht mehr kontrollieren und die einfachsten Dinge nicht mehr tun könne. "Und eins war für mich klar: Ich wollte nicht vor einer großen Öffentlichkeit scheitern und diese Klischee bedienen: 'Die können nicht gut Fußball spielen.'"

Nüchterner Blick auf den heutigen Profifußball

Auch wenn sein Schritt 2014 eine breite gesellschaftliche Debatte anstieß und Hitzlsperger sich seither für Vielfalt engagiert, warnte er vor verfrühtem Optimismus. Schließlich stelle ein aktives Coming-out in europäischen Top-Ligen bis heute eine absolute Ausnahme dar: "Wir haben uns in diesem Thema weiterentwickelt, aber es wird nie einen Zustand geben, wo das kein Thema ist und alle super-tolerant sind."

Hitzlsperger hatte sich erst nach dem Ende seiner aktiven Karriere geoutet. Bis heute gibt es in den deutschen Fußball-Profiligen der Männer keinen einzigen Spieler, der sich während seiner aktiven Laufbahn geoutet hat. Und auch bei vielen Fans ist Homosexuellenfeindlichkeit weiterhin verbreitet. Dies zeigte sich erst am Sonntag im Zweitligaspiel zwischen Energie Cottbus und dem FC St. Pauli. Cottbus-Fans attackierten die als queerfreundlich geltenden Hamburger mit einem großen Plakat, auf dem stand: "Eure Regenbogenutopie endet in Pädophilie – keine Akzeptanz für eure kranke Welt!" (queer.de berichtete). (dk)

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