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Ein später Fund
Foucaults Nachlass: Was "Die Hermaphroditen" uns heute noch lehrt
Ein bislang unbekanntes Manuskript von Michel Foucault erscheint erstmals auf Deutsch: "Die Hermaphroditen" blickt auf die Geschichte der Intergeschlechtlichkeit – mit erstaunlicher Aktualität, aber auch blinden Flecken für heutige trans Diskurse.
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26. September 2026, 09:03h 7 Min.
An Kritik hatte es nie gemangelt. Sie mochte und mag von Fall zu Fall und mal mehr, mal weniger berechtigt sein, aber wie hätte es bei einem Denker vom Format eines Michel Foucault (1926-1984) anders sein können, der die als Normalität verkaufte Wahrheit radikal angriff und in Frage stellte. Foucault brachte vermeintliche Wahrheiten ins Wanken, wo immer es um die Frage ging, was gesund, krank, kriminell und verrückt sei oder was als sexuell "normal" zu gelten habe.
Zu erinnern wäre an grundlegende Werke wie beispielsweise "Wahnsinn und Gesellschaft", "Die Ordnung der Dinge", "Überwachen und Strafen" und schließlich "Sexualität und Wahrheit", erschienen im Rahmen einer auf sechs Bände projektierten Studie "Der Wille zum Wissen", die leider durch den frühen Tod des Autors unvollständig blieb.
Sein Einfluss ist überall dort spürbar geblieben, wo es in aktuellen Diskursen um Marginalisierung und Stigmatisierung gesellschaftlicher Gruppen geht und damit auch um Fragen kultureller Macht. Wenn nun ein bislang unbekannter Text aus dem Nachlass fast wie eine Stimme aus dem Jenseits auftaucht, lässt das natürlich aufhorchen.
Das Manuskript wurde erst nach Jahrzehnten entdeckt

Foucaults Buch "Die Hermaphroditen" ist am 9. September 2026 im Suhrkamp Verlag erschienen
Im Suhrkamp Verlag erschien kürzlich: "Die Hermaphroditen" (Amazon-Affiliate-Link ) – ein Titel, dessen Begrifflichkeit klar auf einen historischen Blick verweist, denn dieses Wording ist längst passé und durch inter oder Intergeschlechtlichkeit ersetzt. Wer allerdings eine Art Kulturarchäologie betreibt, wie dies Foucault zeitlebens tat, vermittelt nebenbei, dass die Beschäftigung mit Kulturgeschichte immer auch einen begriffsgeschichtlichen Aspekt kennt mit damit verbundenen Wahrnehmungsveränderungen. Foucault jedenfalls bescherte mit seinen Forschungen oft grandiose Einblicke in die Wechselverhältnisse von Kultur, Lebensalltag und politischer Macht.
Bei dem hier zu besprechenden Text handelt es sich in der Tat um eine Entdeckung. Denn die Foucault-Rezeption hatte bis jetzt nicht die geringste Kenntnis davon. Obschon bekannt war, dass der Autor sich mit dem Thema Intergeschlechtlichkeit beschäftigte, dokumentiert etwa durch seine Herausgabe der Lebensgeschichte von Herculine Barbin, einer inter Person (erschienen 1978 in Frankreich, deutsche Ausgabe 1998 "Über Hermaphrodismus"). Auch tauchte das Thema verschiedentlich in seinen Vorlesungen auf. Was der Autor mit dem immerhin 60-seitigen Manuskript genau vorhatte, wissen wir allerdings nicht.
Mit der Begrifflichkeit Hermaphrodit ist – wie gesagt – eine historische Wahrnehmung vorgegeben. Foucault interessierte sich dabei für deren Veränderungen und den damit zusammenhängenden Diskursverschiebungen, beginnend im 16. und endend im 19. Jahrhundert. Das Ergebnis besitzt durchaus "Pioniercharakter", wie es im Vorwort heißt.
Die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit
Das ist für sich spannend zu lesen, weil damit zugleich die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit beschrieben werden, die sich in dem Maße verschieben, wie das Wissen sich erweitert. Weil aber überall kulturelle Deutungsmacht mit hineinspielt, geht es letztlich immer um Fragen des Erkenntnisinteresses. Allerdings zeigt die Lektüre ebenso, wie sehr die Schlussfolgerungen des Autors über das Verhältnis von Geschlecht und Sexualität aus heutiger Sicht mittlerweile selbst historisch zu nennen sind.
Ihnen fehlt die Anschlussfähigkeit zum aktuellen Diskurs über Intergeschlechtlichkeit, der zum einen längst aktivistisch aus der Perspektive der inter Community geprägt wird, zum anderen aber auf fatale Weise durch die Medizin und deren im heteronormativen Sinne "normalisierenden" Eingriffen bei intergeschlechtlichen Menschen. Wie überhaupt Foucaults Aussagen über Sexualität gerade mit Blick auf trans mindestens irritieren. Kein Wunder, wenn hier ein Witzbold in seiner Buchbesprechung für die Zeitung "Die Welt" sogleich seine Chance wittert und von einer "Fundamentalkritik der heutigen Trans-Debatte" tönt. Ein solcher journalistischer Missgriff kann freilich nicht Foucault angekreidet werden.
Doch, was heißt das nun? Zum Beispiel dies: Foucault vermittelt uns, wie stark die Abwehr der Gesellschaft über Jahrhunderte und bis in unsere Zeit geblieben ist, nämlich wo immer es um die Vermischung von männlich und weiblich geht. Das trifft zunächst und sichtbar auf Intergeschlechtlichkeit zu, aber letztlich auch auf trans. Die Antwort damals war das Entsetzen. Bis in unsere Zeit blieb die Verunsicherung über eine geschlechtliche Uneindeutigkeit vorherrschend. Im gleichen Maße wurde und wird die geschlechtliche Dualität als unüberwindbar angesehen.
Inter Menschen galten als "Monster"
Noch bis ins 17. Jahrhundert galten inter Menschen als "Monster". Wobei lange Zeit weniger das Nebeneinander von Geschlechtsorganen interessierte als mehr das Nacheinander von verschiedenen Identitäten. Denn das Rechtssystem kannte keine Gleichzeitigkeit von männlich und weiblich und verlangte deshalb eine nicht revidierbare Entscheidung der betreffenden Person für das eine oder das andere Geschlecht. Das immerhin war möglich, obschon die Anerkennung im festgelegten Geschlecht weder als vollwertig noch gleichberechtigt galt.
Für das 18. Jahrhundert macht Foucault folgenreiche Wahrnehmungsveränderungen geltend. Hermaphroditen werden nicht länger als Monster gesehen, denn "gestört" sei ja nur, "was man als 'organische Realisierung' des Geschlechts bezeichnen könnte". Und genau hier kommt nun die Medizin in besonderer Weise ins Spiel und gibt die Vorstellung von der "Unklarheit der Natur" auf, um sich auf die Suche nach dem identifizierenden Geschlecht zu machen als eine Suche nach dem "wahren Geschlecht".
Gleichzeitig wird die Vorstellung aufgegeben, es gebe eine "echten Hermaphrodismus", denn es setzt sich in der Medizin die Überzeugung durch, es handele sich stets, anatomisch betrachtet, "um einen schlecht ausgebildeten Mann oder eine schlecht ausgebildete Frau". Damit wird inter als "Defekt" festgeschrieben und sozusagen der Weg bereitet in eine biopolitische Reinheitslehre. Das Echo klingt bis heute in unseren Ohren als ideologischer Kampfruf, der die Biologie zur politischen Biologie macht: Es gebe nur Frau und Mann. Gleichzeitig führt das 19. Jahrhundert zur Pathologie des Sexualtriebs. Das eine ist hier nicht ohne das andere zu denken.
Éric Fassin kommentiert dies in seinem Nachwort so: "Vom 'wahren Geschlecht' ist man zu einem Geschlecht im Sinne des gemeinen Menschenverstands übergegangen: Der Mann ist ein Mann, die Frau eine Frau. Eine solche Tautologie zielt darauf ab, nicht nur mit der Autorität, sondern auch mit der Idee der Wahrheit selbst zu brechen."
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Geschlechtslose Lust
Eine nicht unwesentliche Rolle spielt bei all dem die Sexualität. Sie spielte als Begehren eine Rolle bei der Bestimmung des "wahren Geschlechts" und wurde in dem Moment zum Problem, wenn der Körper auf zwei Arten gebraucht wurde – als Frau und als Mann. Dieses Sowohl-als-auch wurde als "Sodomie" verworfen und bestraft. Die Vorstellung, dass die sexuelle Praxis fest an ein Geschlecht gebunden war, ließ Foucault heftig intervenieren.
Denn für ihn sei Lust geschlechtslos, sie sei weder männlich noch weiblich. Lust funktioniere ohne Personalausweis, sie geschehe einfach zwischen zwei Menschen und sei nicht Mittelpunkt einer Identität. Ausgerechnet hier wirkt Foucault seltsam realitätsfern, denn sexuelles Begehren ist ein Spektrum mit ziemlich klaren Präferenzen – und da machen cis, trans und inter Menschen keinen Unterschied. Die Lust selbst mag geschlechtslos sein, nicht aber das Objekt der Begierde.
Was in Foucaults Überlegungen keine Rolle spielte, das ist das Thema der geschlechtlichen Identität, also dem wo auch immer herstammenden Wissen, welchem Geschlecht wir angehören. Dieser Bewusstseinsaspekt spielt bei inter wie bei trans Personen eine entscheidende, ja existentielle Rolle. Foucault rebelliert gegen eine solche Vorstellung, aber wohl vor allem deshalb, weil er begrifflich nicht zwischen Geschlecht und Sexualität unterscheidet. Natürlich gibt es kein "Gesetz der sexuellen Identifikation", weil es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Geschlechtsidentität auf der einen, Sexualität und Begehren auf der anderen Seite gibt, aber es gibt sehr wohl geschlechtliche Identifikationen.
Zum Schluss noch ein persönlicher Nachtrag: Michel Foucault hielt sich 1977 für kurze Zeit in West-Berlin auf und dann noch einmal 1978. Ich arbeitete damals im "Chez Romy Haag", und eines Abends sah ich Foucault an unserem Lokal vorbeilaufen – dieser markante, glattrasierte und bebrillte Schädel war unschwer zu identifizieren. Er lief in Richtung Motzstraße, und ich fragte mich, wo doch so viele Promis den Weg zu uns fanden, warum nicht auch der Experte für "sexuelle Feldforschung" sich bei uns umsah. Heute weiß ich freilich: Das alte Problem der Wissenschaft ist, dass sie lieber über uns als mit uns sprach. Deshalb fehlt so oft unsere Wirklichkeit in ihren vermeintlichen Erkenntnissen.
Michel Foucault: Die Hermaphroditen. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Mit einem Vorwort von Arianna Sforzini und einem Nachwort von Éric Fassin. 154 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. Gebundene Ausgabe: 26 € (ISBN 978-3-518-58857-4). E-Book: 21,99 €
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