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"The Heart of the Matter"

Politisierter Blick auf das Private

Carrie Mae Weems gilt als eine der bedeutendsten Fotograf*innen der USA. Nun zeigt das Ausstellungshaus C/O Berlin ihr Werk erstmals in einer großen Retrospektive.


Welcome Home, 1978-84; from the series Family Pictures and Stories. © Carrie Mae Weems and reproduced courtesy the artist and Gladstone, New York, Fraenkel Gallery, San Francisco, and Galerie Barbara Thumm, Berlin

Das Ausstellungshaus C/O Berlin zeigt eine Retrospektive mit Werken der Fotografin Carrie Mae Weems. Die Schau umfasst mehr als hundert Fotografien und ist überhaupt die erste große Präsentation ihres Werks in der Stadt. Zu sehen ist ein Querschnitt aus allen Schaffensperioden der heute 73-jährigen Schwarzen Künstlerin unter dem Titel "The Heart of the Matter" (ursprünglich ein Projekt der Galleria d'Italia und kuratiert von Sarah Hermanson-Meister).

Weems zählt zweifellos zu den bedeutendsten US-amerikanischen Fotograf*innen unserer Zeit. Ihre Werkserien fokussieren Fragen der Identität und dokumentieren einen Alltag unter rassistischen Bedingungen, sie beschreiben Geschlechterbeziehungen mit einer klaren feministischen Perspektive auf Rollenklischees und -erwartungen, auf Machtverhältnisse und Abhängigkeiten.

Sie benutzt dafür das Mittel der Inszenierung und arbeitet vorzugsweise in Serien. Weems hat dabei nicht nur untersucht, wie mit Fotografien Geschichte geschrieben wurde unter Verwendung historischer Aufnahmen, sondern sie erzählt in ihren eigenen Arbeiten immer wieder Geschichten und darf unter den Fotograf*innen der Gegenwart zu Recht als Expertin in "Storytelling" genannt werden.

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Alltagsszenen am Küchentisch

Geboren wurde sie 1953 in Portland (Oregon/USA). Sie studierte Fotografie und Design am City College in San Francisco und belegte Kurse am Studio Museum in Harlem. Und sie wuchs in einer Zeit auf, die geprägt war von der Bürgerrechtsbewegung und dem Kampf gegen die Rassentrennung in den USA. Die daraus entstandene Black Cultural Revolution verlangte von den Künstler*innen, engagiert zu sein. Weems' Antwort blieb von Anfang an antidogmatisch und setzte auf Individualität und dadurch gleichermaßen entschieden auf Befreiung.

In diesem Sinne ist die zwischen 1978 und 1984 entstandene Werkgruppe "Family Pictures und Stories" zu verstehen. Zwar gilt die Familie als privater Ort, aber er kann am Ende nicht isoliert von der Außenwelt und den darin herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen verstanden werden. Kulturelle Identitäten sind nie anders als politisch zu begreifen. Mit den Familienfotos, die Weems in Alltagssituationen mit ihren Eltern zeigen, war zugleich der rote Faden geknüpft, der sich fortan durch ihr Werk ziehen sollte, nämlich dieser politisierte Blick auf das Private. Dabei präsentiert sie die Familie als "Mikrokosmos" der eigenen Position in der Welt.


Untitled (Woman and Daughter with Make Up), 1990; from the Kitchen Table Series © Carrie Mae Weems. Courtesy the artist and Gladstone, New York, Fraenkel Gallery, San Francisco, and Galerie Barbara Thumm, Berlin

Von besonderer Qualität ist die 1990 entstandene Serie "Kitchen Table". Diese großformatigen und atmosphärisch dichten Fotografien als "ikonisch" zu bezeichnen, ist wohl nicht übertrieben. Sie sind von einer wohl kaum überbietbaren Prägnanz und wie die meisten Fotografien von Weems in Schwarz/Weiß aufgenommen. An einem Küchentisch inszenierte die Künstlerin Alltagsszenen aus einer Ehe, wo sich Frau und Mann sozusagen um ihr "Love Business" mehr schlecht als recht kümmern. Hinzu kommt der Aspekt Familie und ebenso Mutter-Kind-Beziehungen. Das Performative in diesen Aufnahmen macht sie buchstäblich zu sprechenden Bildern. Um Geschlechterbeziehungen auszudrücken braucht es keine Worte, sondern lediglich Haltungen, Gesten, Blicke, die alles offenlegen.

Mehrfach ausgezeichnete Pionierin

Als Schwarze Künstlerin hat sie mit ihrer Karriere selbst Geschichte geschrieben. So war sie überhaupt die erste Schwarze Frau, der im berühmten New Yorker Guggenheim Museum (dieser überdimensionalen Hutschachtel an der 5th Avenue) 2014 eine Retrospektive gewidmet wurde – ein Meilenstein, der "wirklich spät" gekommen sei, wie sie kommentierte. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Sie war auch die erste Schwarze Künstlerin, die damals von Präsident Joe Biden die National Medal of Arts verliehen bekam. Und schließlich wurde sie 2020 für mehrere Jahre Artist-in-Residence an der Syracuse University (Bundesstaat New York/USA).

Weems selbst kommentierte all diese Ehrungen eher nüchtern, als sie meinte: "Ich glaube nie, dass ich etwas Wichtiges tue. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich an Dingen arbeiten muss, die mir wichtig sind, die mich beflügeln, die mich inspirieren, die mich tragen." Klar, das klingt nach einer ziemlichen Untertreibung. Entscheidend war im Laufe ihrer Karriere, dass ihrer eigenen Inspiration etwas Ansteckendes innewohnt, nämlich Inspiration sozusagen in ein Nachdenken beim Betrachtenden zu verwandeln.


Untitled; from the series Preach, 2024 © Carrie Mae Weems. Courtesy the artist and Gladstone, New York, Fraenkel Gallery, San Francisco, and Galerie Barbara Thumm, Berlin

Ohne hier die ganze thematische Vielfalt der Schau vorstellen zu können, so sei zumindest noch die Serie "Preach" erwähnt, die Einblicke in Schwarze Glaubensgemeinschaften gewährt, die nicht nur für Spiritualität stehen, sondern in ihrer Geschichte auch vom Widerstand gegen rassistische Unterdrückung erzählen. Neben all den S/W-Fotos in der Ausstellung verblüffen großformatige Farbaufnahmen aus der Serie "Painting the Town", die aussehen, als wären es Gemälde eines abstrakten Expressionismus. Wir sehen aneinandergefügte Farbflächen, die in ihrer Ästhetik an Malerei denken lassen, während uns die Bildbeschreibung eines Besseren belehrt: Es sind die holzverkleideten Ladengeschäfte, die sich so vor Plünderungen während der Unruhen in Portland im Zusammenhang mit den Protesten von Black Lives Matter schützten.

Die Ausstellung läuft bis zum 3. Februar 2027 und ist im ehemaligen Amerikahaus in der Hardenbergstraße direkt neben dem Bahnhof Zoologischer Garten täglich von 11 bis 20 Uhr zu besichtigen.

-w-