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Buchkritik
Von queeren Ahn*innen und Vorfahr*innen
In dem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Eine queere Art der Geschichte" überträgt die kanadische Historikerin Jennifer V. Evans den Verwandtschaftsbegriff auf queere Beziehungsformen im Nachkriegsdeutschland.

Queere Verwandschaften in Berlin-Kreuzberg: "Ellis Bierbar" war eine der legendärsten und geschichtsträchtigsten queeren Kneipen, die von 1912 bis 1986 existierte (Bild: Goethe-Institut Nordamerika)
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30. September 2026, 12:24h 3 Min.
Man blickt zunächst recht ungläubig drein, wenn man das der Einleitung vorangestellte Zitat von Jennifer V. Evans' "Eine queere Art der Geschichte" (Amazon-Affiliate-Link ) liest: Vom "Strom meiner Ahnen" ist da die Rede – sowie von "biologischen Eltern" und "queeren Vorfahren".
Um es gleich vorwegzunehmen: Evans zielt mit ihrem neuen Buch (glücklicherweise!) nicht auf eine Verzahnung von Queer- und Ahnen-Forschung ab. Wie sollte die auch aussehen? Ohnehin ist es doch über die Jahrzehnte zu einer Binse geworden, dass das Schöne am Queersein doch gerade die Möglichkeit ist, sich seine Familie selbst aussuchen zu dürfen: Hoch lebe die Wahlverwandtschaft!
Verwandtschaftskonzepte und queere Beziehungsformen

"Eine queere Art der Geschichte" ist am 30. September 2026 im Suhrkamp Verlag erschienen
Und um genau die geht es auch Evans in ihrem Buch. Darin widmet sich die kanadische Historikerin und Professorin dem queeren Leben im postfaschistischen Deutschland nach 1945. Ihre zentrale Frage: Wie lässt sich aus heutiger Sicht über jene sozialen Zusammenhänge sprechen, die sich jenseits des cis-geschlechtlichen und heterosexuellen Alltagslebens abgespielt haben? Eigen- und Fremdzuschreibungen wie schwul, lesbisch, trans, bi, pan & Co. haben sich schließlich in der Alltagssprache teils erst weit nach 1945 etabliert.
Evans Idee: Eine Übertragung des Verwandtschaftskonzeptes auf queere Beziehungsformen, die sie im Buch als "queere Verwandtschaften" zusammenfasst. Ein Begriff, den sie, wie sie selbst betont, nicht als normativ oder gar progressiv aufgeladen verstanden wissen will: So berichtet sie etwa an einer Stelle von der Barbetreiberin Elisabeth Hartung, die mit ihrer "Ellis Bierbar" eine Art Auffangbecken für jene queeren Menschen bildete, die von der Mehrheitsgesellschaft verstoßen wurden.
Größere Bekanntheit erlangte Hartung 1971, als Rosa von Praunheim sie in seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" porträtierte. Zugleich, und das ist das Besondere an diesem Fall, war Hartung – eine Butch-Lesbe – ab 1939 NSDAP-Mitglied und gut befreundet mit hochrangigen NS-Offizieren. Gerade diese Widersprüchlichkeit und moralische Fragwürdigkeit ist für Evans von besonderem Interesse.
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Gewaltverhältnisse ausgeblendet

Jennifer V. Evans ist Professorin für moderne europäische Geschichte an der Carleton University in Ottawa (Bild: Carleton University)
Das unterstreicht auch ein anderes Beispiel, auf das sie im Laufe des Buches wiederholt zu sprechen kommt: Sexuelle Beziehungen zwischen Männern und (teils) minderjährigen Jungs, die bekanntermaßen ein Einfallstor für Machtmissbrauch darstellen.
Auch diese Formen der ausgelebten Sexualität fasst Evans unter ihren weiten Begriff der queeren Verwandtschaft – wohlgemerkt nicht in Form einer normativen Relativierung, sondern als historische Zu- und Umschreibung. Dass durch Evans' antinormativen Fokus die potenziellen Gewaltverhältnisse solcher Beziehungsformen in den Hintergrund rücken, ist eine der Schwachstellen des Buches.
Keine leichte Kost
Mit "Eine queere Art der Geschichte" knüpft Evans an ihre langjährige Forschung zum queeren Alltagsleben im Nachkriegsdeutschland an. Einmal mehr schafft sie dabei einen beeindruckenden Spagat zwischen der detailgetreuen Schilderung biografischer Einzelschicksale und gleichzeitiger Geschichtsverdichtung, die mit dazu beiträgt, als Leser*in Abstand zum Gegenstand zu gewinnen und somit einen Blick für das Gesamtbild zu erhalten.
Zugleich ist das Buch angesichts seines wissenschaftlichen Anspruches alles andere als leichte Kost. Doch allen, die ein Interesse für Theoriearbeit und das queere Alltagsleben im Nachkriegsdeutschland mitbringen, kann die Lektüre uneingeschränkt empfohlen werden.
Jennifer V. Evans: Eine queere Art der Geschichte. Queeres Leben in Deutschland nach dem Faschismus. Aus dem Englischen von Elisa Barth. 500 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 28 € (ISBN 978-3-518-30092-3). E-Book: 27,99 €
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