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Teil 1
Der "Vorwärts" und die Homosexualität: Die Wilhelminische Zeit
Heute vor genau 150 Jahren – am 1. Oktober 1876 – erschien zum ersten Mal die SPD-Zeitung "Vorwärts". In der ersten Folge dieser vierteiligen Serie geht es um die Beiträge über Homosexualität bis 1918.

Parteiblatt mit Tradition: Frank-Walter Steinmeier, damals SPD-Außenminister, zierte 2009 ein Titelblatt der Zeitung "Vorwärts" (Bild: IMAGO / Gerhard Leber)
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1. Oktober 2026, 04:58h 26 Min.
Von der SPD-Zeitung "Vorwärts" liegen von 1876 bis 1940 alle Ausgaben digitalisiert vor. Anlässlich des Jubiläums der Zeitung habe ich in den digitalisierten Ausgaben mit unterschiedlichen Begriffen wie "Homosexualität" und "drittes Geschlecht" nach Artikeln über Homosexualität gesucht, mehr als 1.000 Artikel gefunden, diese inhaltlich erschlossen, die Hinweise auf meine Homepage gestellt und verlinkt. Nachfolgend versuche ich die Ergebnisse der Recherche in vier Folgen zusammenzufassen. Ausgewertet habe ich den "Vorwärts" (1876-1933), der zwischenzeitlich als "Sozialdemokrat" (1879-1890) erschien, und die Fortsetzung im Exil als "Neuer Vorwärts" (1933-1940). Damit durchlebte die Zeitung in diesem Zeitraum drei Epochen deutscher Geschichte und dokumentierte mit den hier enthaltenen Artikeln auch die Positionen der SPD zur Homosexualität. Eine Recherche über das Jahr 1940 hinaus hätte den Rechercheaufwand für diese Artikelserie gesprengt.

Die erste Ausgabe vom "Vorwärts" vom 1. Oktober 1876
In erster Linie geht es mir nachfolgend darum, wie die Redaktion des "Vorwärts" über Homosexualität berichtete, welche Schwerpunkte sie dabei setzte und wie sie die jeweiligen Hintergründe kommentierte. Soweit es für das Verständnis notwendig ist, werde ich auch die Hintergründe zu den Artikeln erläutern, die nicht immer selbsterklärend sind, sondern meistens nur im Kontext der Zeit verstanden werden können.
Wenn ich nachfolgend die ersten 65 Jahre Berichterstattung im "Vorwärts" über Homosexualität Revue passieren lasse, darf dadurch nicht der Anschein erweckt werden, als würde ich mein Bild der Homosexuellen-Geschichte nur auf diese Quelle stützen. Bei der Auswertung einer einzelnen Zeitung wäre das grundlegend falsch. Der "Vorwärts" ist zwar repräsentativ für eine sozialdemokratische Sicht, aber natürlich nur eine Stimme in einem großen Chor der Meinungen über Schwule und Lesben jener Zeit, die vor einer Beurteilung und Einordnung mit anderen Quellen abgeglichen werden muss. Dass der "Vorwärts" eine sozialdemokratische Zeitung ist, habe ich bei jedem Artikel mitgedacht und nicht nur dann, wenn die Homosexuellenaktivisten Magnus Hirschfeld und Adolf Brand als "Genossen" (und damit als SPD-Mitglieder) bezeichnet wurden.
Die ersten Artikel über Homosexualität: der bayerische König Ludwig II.
Die erste Ausgabe des "Vorwärts" erschien am 1. Oktober 1876, also in einer Zeit der weitgehenden Tabuisierung von Homosexualität. Wenn man von einzelnen allgemeinen Andeutungen über "unnatürliche Laster" (30. Mai 1877) absieht, beginnt eine gut zuzuordnende Berichterstattung über Homosexualität mit einschlägigen Bemerkungen über den bayerischen König Ludwig II., und zwar bemerkenswerterweise schon zu dessen Lebzeiten. Für die Zeitung war Ludwig II. ein "knabenliebender" Einsiedler (14. Juni 1883) und Vergewaltiger seiner Reitknechte, der "dem viehischsten aller Laster, der Päderastie, fröhnt" (21. Februar 1884). In einem großen Artikel vom 3. November 1888 auf der ersten Seite der Zeitung wird wohl am deutlichsten, welchen Zweck die Hinweise auf Ludwigs Homosexualität hatten: Die Zeitung wollte die Unmoral der herrschenden und zu bekämpfenden Klasse verdeutlichen, was sich auch in späteren Jahrzehnten wiederholte.

Beiträge über Ludwig II. gehörten zu den ersten Artikeln, die im "Vorwärts" über Homosexualität erschienen (Bild: King Ludwig II Museum / wikipedia)
1862 hatte es einen Homosexuellenskandal um den sozialdemokratischen Politiker Johann Baptist von Schweitzer gegeben, der bei den Sozialdemokraten die erste Debatte über Homosexualität ausgelöst hatte (s. mein queer.de-Artikel "Der erste Homo-Skandal der sozialdemokratischen Bewegung"). Im "Vorwärts" wurde dies lange nicht thematisiert. Erst Jahrzehnte später wurde im Rahmen eines engagierten Artikels gegen den § 175 erwähnt, dass Ferdinand Lassalle, der wie August Bebel zu den Gründervätern der SPD gehörte, sich damals für Schweitzer eingesetzt habe (22. Juni 1914).
Beiträge zu Politik und Homosexualität
Im Gegensatz zur Weimarer Republik wurden in der Wilhelminischen Zeit viele Debatten des Reichstages im Wortlaut abgedruckt. Dazu gehört zwar nicht die Rede von August Bebel vom 13. Januar 1898, in der er die Abschaffung des § 175 befürwortete (nachzulesen in den Verhandlungen des Reichstages auf S. 410), die Zeitung druckte aber weitere Diskussionen aus den Reichstagssitzungen vom 19. Januar 1898 (20. Januar 1898) und 20. April 1904 (21. April 1904) ab. In der Sitzung vom 31. März 1905 (1. April 1905) ging es auch um den "Vorwärts" und seinen "Krupp auf Capri"-Artikel, zu dem unterschiedliche Meinungen geäußert wurden. Durch die Harden-Eulenburg-Affäre kippte danach die politische Stimmung in Bezug auf Homosexuelle, was auch den Protokollen der Reichstagssitzungen vom 29. November 1907 (30. November 1907), 4. Dezember 1907 (5. Dezember 1907) und 1. Februar 1908 (2. Februar 1908) anzumerken ist.
Der Kampf gegen den § 175 RStGB
Seit der Reichsgründung 1871 stellte der § 175 RStGB homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe. Die Frage, welche Handlungen genau nach dem § 175 strafbar waren, wurde vom "Vorwärts" explizit – beruhend auf der Rechtsprechung des Reichsgerichts – beantwortet: Strafbar seien nur die "immissio penis in anum" und "in os" (also Anal- und Oralverkehr), während sonstige "Schweinereien" straflos seien (25. Juli 1893). Das verweist nicht nur ausdrücklich (wenn auch durch den Gebrauch des Lateinischen verklausuliert) auf konkrete Sexualpraktiken, sondern auch auf die moralische Verurteilung gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens jenseits der Strafbarkeit. Es ist ein Beitrag in der Rubrik "Briefkasten der Redaktion", die den Charakter einer rechtlichen Beratung hat. Das wirft die Frage auf, ob diese Briefkasten-Antwort vielleicht auch als Ratschlag für "Betroffene" gelesen werden konnte, unabhängig davon, ob dies von der Redaktion gewollt war oder nicht.

Deutliche Rechtsberatung im "Vorwärts": Nach § 175 RStGB ist nur schwuler Anal- und Oralverkehr strafbar (25. Juli 1893)
Seit 1898 wurde über die Abschaffung des § 175 diskutiert. Zumindest auf juristischer Ebene forderte der "Vorwärts" bis zum Ersten Weltkrieges konsequent die Abschaffung des § 175 und verteidigte diese Position auch gegenüber der konservativen Berliner Zeitung "Die Post" (19. Februar 1905).
Das Reichsjustizamt legte Ende 1909 einen Vorentwurf für ein neues Strafgesetzbuch vor, der eine Ausweitung des § 175 RStGB auf Frauen vorsah. Auf dem Titelblatt des "Vorwärts" wurde die Redaktion unter der Überschrift "Der Vorentwurf zum neuen Strafgesetzbuch" recht deutlich: Vor allem vor dem Hintergrund von Erpressungen sei es bedenklich, den § 175 nicht nur beizubehalten, sondern "sogar auf die für den Staat so harmlose, bisher straflose weibliche Homosexualität auszudehnen" (5. Januar 1910, s. a. 14. Februar 1911 und 22. Juni 1914).
Die Skandale im deutschen Kaiserreich
Die Homosexualitätsskandale im deutschen Kaiserreich, allen voran die Eulenburg-Affäre (1906-1909), wirkten sich auf Politik und Gesellschaft aus und bestimmten die Einstellung gegenüber Homosexuellen wesentlich mit. Die Berichte befeuerten auch die Diskussion über den Paragrafen 175 – wenn auch meist nur in negativem Zusammenhang. Die Skandale gehörten oft zu den wenigen Anlässen, zu denen Zeitungen überhaupt über Homosexualität berichteten.
Die Prozesse Oscar Wildes (1895)
Als der Schriftsteller Oscar Wilde 1895 in London auf dem Höhepunkt seines Erfolges war, wurde er als Homosexueller diskreditiert, reichte eine Verleumdungsklage ein und verlor diese im April 1895. In einem zweiten Verfahren wurde Wilde im Mai 1895 wegen homosexueller Handlungen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Den Artikeln im "Vorwärts" über diese Prozesse ist die Tabuisierung und moralische Verurteilung von Homosexualität deutlich anzumerken: Zunächst war nur von "unnatürlichen Vergehen" (5. April, 7. April und 9. April 1895) zu lesen und es wurden moralische Begriffe wie "Sittlichkeit" (1. Mai 1895) und "Sünden" (8. Juni 1895) verwendet. Auch ein wenig Mitleid schwingt mit: "Wie klein erscheint doch das Wilde vorgeworfene Vergehen gegenüber der Folter" (9. Juli 1895). Das lag vielleicht auch daran, dass Oscar Wilde zwar der Oberschicht angehörte, wegen seines politischen Essays "The Soul of Man under Socialism" (1891) als Sozialist vereinnahmt werden konnte. Später wurde die Sprache im "Vorwärts" deutlicher. 30 Jahre nach dem Prozess hieß es, Oscar Wilde sei ins Zuchthaus gekommen, "weil er der mann-männlichen Liebe allzu herausfordernd huldigte" (1. April 1925), was indirekt eine Mitschuld unterstellt.
Der Krupp-Skandal (1902)
Der "Vorwärts" löste einen weitreichenden Homosexuellenskandal selber aus. Mit seinem Artikel "Krupp auf Capri" denunzierte er Friedrich Alfred Krupp, den reichsten Industriellen Deutschlands, als Homosexuellen. An der Forderung nach Abschaffung des § 175 hielt der "Vorwärts" in diesem Artikel fest, indem er schrieb, vielleicht gebe dieser Fall auch "den Anstoß (…), endlich jenen § 175 aus dem deutschen Strafgesetzbuch zu entfernen, der nicht nur das Laster trifft, sondern auch unglückselige Veranlagung sittlich fühlender Personen zu ewiger Furcht verdammt". Der Paragraph sei zwar auch für Krupp "Qual und Bedrohung". Weil Krupp jedoch sein Millionen-Vermögen benutzt habe, um junge Männer zu "korrumpieren" und um das Schweigen darüber zu erkaufen, gebe es für diesen "pervers veranlagten" Mann "keine Entschuldigung" (15. November 1902).
Wegen dieses Artikels wurde die Redaktion des "Vorwärts" heftig kritisiert. Der Homosexuellenaktivist Hirschfeld kam der Redaktion zur Hilfe, indem er ihr bescheinigte, bei der Veröffentlichung des Artikels "von edlen Motiven (die Streichung des § 175) geleitet worden" zu sein (13. Januar 1903). Die Unterstellung "niederer Motive" (der Denunzierung) wurde von der Redaktion als Verleumdung bezeichnet (8. Februar 1903, 10. Februar 1903).
Der Skandal Brand/Dasbach (1904)
Der "Vorwärts" berichtete ab dem 7. Dezember 1895 regelmäßig über Adolf Brand, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Homosexuellenaktivist hervortrat, jedoch wegen des Vertriebs eines "Proletarischen Manifests" Ärger mit dem Staat bekam, eine Aktivität, die die "Vorwärts"-Redaktion offenbar positiv sah. Brand provozierte die Gesellschaft auch in den folgenden Jahren auf verschiedene Weise. Durch diese Berichterstattung im "Vorwärts", die in der Homo-Forschung bisher nicht bekannt war, wird etwas deutlicher, wie Brand später zum lautstarken Homosexuellenaktivisten wurde. In dem Artikel "Brand kontra Vorwärts" (5. Mai 1900) wurde auch über eine Klage Brands gegen den "Vorwärts" berichtet. Später kam es zu einer außergerichtlichen Einigung. In den Jahren 1904 und 1907 war Brand zudem in zwei Homosexuellenskandale verwickelt.
Der Kaplan und Politiker der katholischen Zentrumspartei Georg Friedrich Dasbach wurde von dem Kellner Lambert Pohl wegen homosexueller Handlungen erpresst. Von einem Kölner Gericht wurde Pohl 1904 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Adolf Brand veröffentlichte im selben Jahr die Broschüre "Kaplan Dasbach und die Freundesliebe" und rückte ihn damit in die Nähe homosexueller Neigungen. Brands Vorgehen wird heute als Outing bezeichnet. Über diesen Skandal gab es im "Vorwärts" mehr als 20 Beiträge, einschließlich mindestens sieben Werbeanzeigen, die für die Broschüre "Kaplan Dasbach und die Freundesliebe" von Brands Organisation "Gemeinschaft der Eigenen" oder von ihm selbst zwischen dem 26. Juli 1904 und dem 4. September 1904 im "Vorwärts" geschaltet wurden.

Adolf Brand (ca. 1905) sorgte mit seiner Broschüre "Kaplan Dasbach und die Freundesliebe – hier Werbung aus dem "Vorwärts" vom 28. Juli 1904 – für einen Skandal
Nach Berichten über den Skandal (ab 7. April 1904) druckte die Redaktion auch eine Gegendarstellung von Kaplan Dasbach ab und gab an, dass sie sich noch kein eigenes Urteil zu dem Fall gebildet habe (3 August 1904). Einige Wochen später distanzierte sich die Redaktion von Brand. Dieser sei zwar Mitglied im sozialdemokratischen Wahlverein, habe aber auf eigene Faust gehandelt. Die "Vorwärts"-Redaktion warf Brand vor, er vertrete die "unglaublich naive Ansicht", dass die Sozialdemokraten in Bezug auf den § 175 nur deshalb uneinig seien, weil einige von ihnen mit dem Zentrum zusammenarbeiten wollten (11. September 1904).
Der Skandal Ackermann (1904)
Der Dresdner Ratsassessor und Hauptmann a.D. Dr. Paul Ackermann aus einer hoch angesehenen Familie hatte sich mit einem Mann in einem Hotel in der Berliner Friedrichstraße getroffen und war anschließend von drei Männern erpresst worden. Der "Vorwärts" geht in seiner Berichterstattung zunächst nicht auf die Erpressung, sondern nur auf homosexuelle Handlungen von Ackermann mit drei weiteren Männern ein und betont: "Es ist Teufelswerk, daß auf solch gesundem Boden so wurmstichiges Gewächs wuchert" (4. November 1904). Diese Äußerung ist Ausdruck politisierter Homophobie und zeigt einen tiefgreifenden moralischen Widerspruch innerhalb der SPD, die sich zwar auf parlamentarischer Ebene für die Abschaffung des § 175 einsetzte, aber manchmal wie in diesem Fall auch gezielt gesellschaftliche Ressentiments bediente, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Mit dem Hinweis auf Ackermanns Entlassung (11. November 1904) und seine Unterbringung in eine "Landesirrenanstalt" (12. Februar 1905) werden auch die Konsequenzen deutlich, die ein solcher Skandal nach sich ziehen konnte.
Berichterstattung über den Fall Hasse (1904-1905)
Der Breslauer Landgerichtsdirektor August Hasse wurde wegen Betastens auf einer öffentlichen Toilette von drei Männern erpresst. Am 19. Dezember 1904 traf sich Hasse mit einem der Erpresser, schoss auf ihn, verletzte ihn jedoch nur sehr leicht. Danach stellte er sich der Polizei. Die drei Täter wurden später zu hohen Haftstrafen verurteilt. Der "Vorwärts" berichtete mit zwölf Beiträgen nicht nur recht häufig und ausführlich über diesen Fall, sondern sprach sich dabei auch mehrfach deutlich für die Streichung des § 175 aus. In dem ersten ausführlichen Artikel "Der Fall Hasse" wurde ausdrücklich betont, dass Homosexuelle "unseretwegen Kranke, aber nimmermehr Verbrecher" seien (4. Januar 1905). Die Zeitung nannte weitere, ähnliche Erpressungsfälle und fragte, warum der § 175 nicht schon längst aufgegeben worden sei (6. Januar 1905). Der § 175 stelle in der aktuellen Fassung nur einen Schutz für die Erpresser dar (11. Januar 1905). Magnus Hirschfeld wird sich bei seinem Vortrag am 16. Januar 1905 über "Der § 175 und der Fall Hasse" sicher im gleichen Sinne geäußert haben (15. Januar 1905). Als Hirschfeld für eine Versammlung von 600 Männern und Frauen die Abschaffung des § 175 forderte, wirkt diese wie eine auch vom "Vorwärts" unterstützte Forderung (18. Januar 1905). Selbst zehn Jahre später wurde unter der Überschrift "Der Erpresserparagraph" bei der Forderung nach Streichung des § 175 noch einmal auf Hasse Bezug genommen (22. Juni 1914). Es ist erstaunlich, welche positive Berichterstattung der Fall Hasse mit Bezug auf den § 175 erreichte.
Der Mega-Skandal: Die Harden-Prozesse (1907-1909)
Die Harden-Eulenburg-Affäre war ein Skandal um eine Reihe von Gerichtsverfahren wegen Homosexualität und die gegen diese "Vorwürfe" geführten Verleumdungsklagen in den Jahren 1907 bis 1909. Ausgelöst wurde sie durch Texte des Journalisten Maximilian Harden, der den Freundeskreis und die politische Umgebung des Kaisers Wilhelm II. indirekt als homosexuell bezeichnete. Die Affäre wurde zu einem der größten Skandale des Deutschen Kaiserreiches und erregte weltweites Aufsehen.
Von den hunderten von Artikeln, die im Vorwärts erschienen, habe ich auf meiner Homepage unter dem Stichwort "Harden-Eulenburg-Affäre" nur die 60 wichtigsten verlinkt. Vom Oktober 1907 bis Juli 1908 wurde die Affäre mindestens 16 Mal auf dem Titelblatt der Zeitung behandelt, was den Stellenwert vielleicht ansatzweise verdeutlicht. Die Artikel mit Überschriften wie "Die große Reinigung" (4. Januar 1908). und "Vom Sumpf auf den Höhen" (23. April 1908) verweisen deutlich auf die moralische Verurteilung der Zeitung. Den allzu offensichtlichen Widerspruch zwischen ihrer moralischen Verurteilung und dem Wunsch nach Abschaffung des § 175 versuchte die Redaktion mit "Ja, aber"-Sätzen aufzulösen: "Wir sind Gegner der Bestrafung der homosexuellen Liebe", aber es gibt neben der angeborenen auch eine erworbene Homosexualität, die "ein Produkt des Verfalls ist" (24. Oktober 1907. Zu diesem Artikel s.a. "Arbeiterparteien und Homosexuellenfrage", 1980, S. 46). Eine Woche später schrieb die Redaktion: "Wir gehören nicht zu denjenigen, die sich über die Homosexualität furchtbar entrüsten. Aber die militärischen Untergebenen sollten vor solchen Attentaten geschützt werden". Die "sexuellen Dinge" wurden von der Redaktion als "das wirksamste Mittel" zum "Sturze" der homosexuellen Nebenregierung bezeichnet (1. November 1907). Was das Niveau angeht, scheute sich der "Vorwärts" nicht, das Gedicht von einem Leser über "Hintermänner" abzudrucken (30. Oktober 1907), was in diesem Kontext auf Analverkehr anspielt.

Der "Vorwärts" (4. Januar 1908) behandelt auf dem Titelblatt die "Die große Reinigung" von Homosexuellen aus dem politischen Umfeld von Wilhelm II.
Die Einstellung vom "Vorwärts" zur Harden-Eulenburg-Affäre ist von einer ambivalenten Grundhaltung geprägt: Das Blatt nutzte den Skandal gezielt als politische Waffe gegen die kaiserliche Elite, bediente dabei jedoch massiv homophobe Ressentiments. Obwohl die Zeitung Straffreiheit forderte, griff sie im journalistischen Alltag auf scharfe moralische Verurteilungen zurück. In der Berichterstattung überwog die populistische Sensationslust, um das Ansehen der Monarchie nachhaltig zu beschädigen.
Der Skandal Brand/Bülow (1907)
Drei Jahre nach dem Dasbach-Skandal nahm ein ähnlicher Skandal von Adolf Brand seinen Lauf. Brand bezichtigte den amtierenden Reichskanzler Fürst Bernhard von Bülow in einem Flugblatt vom 10. September unter der Überschrift "Fürst Bülow und die Abschaffung des § 175" öffentlich der Homosexualität und behauptete, dass Bülow intime Beziehungen zu seinem Privatsekretär Max Scheefer unterhalte. Der "Vorwärts" berichtete darüber (2. Oktober 1907) und ging davon aus, dass es Adolf Brand mit seiner Beweisführung schwerer als Maximilian Harden haben werde (3. November 1907). Diese Äußerung bezog sich darauf, dass die Brand-Bülow-Affäre ein direkter Ableger der weitaus größeren Harden-Eulenburg-Affäre war. Im ausführlichen Prozessbericht wurden auch die Unterschiede zwischen dem WhK und der Gemeinschaft der Eigenen betont. Brand wurde zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt (7. November 1907, S. 9-11). In einem längeren Kommentar ging der "Vorwärts" auf das Urteil ein und äußerte sich erfreut, dass die angebliche homosexuelle Nebenregierung, die sogenannte "Kamarilla", nun endgültig beseitigt sei (8. November 1907). Mit Bezug auf Brand war die Redaktion aber offenbar zwiegespalten. Brand hatte sich zu dieser Zeit politisch der SPD angenähert und lieferte gutes Material, um gegen das Zentrum und die herrschende Klasse kämpfen zu können, wählte aber Mittel in der politischen Auseinandersetzung, die als anrüchig galten. Später ging der "Vorwärts" offenbar dazu über, auf die von Brand provozierten Skandale hinzuweisen, ohne sich mit ihm politisch gemein zu machen.
Die Ermordung von Otto Klähn (1913)
Im Jahre 1913 wurde der 13-jährige Schüler Otto Klähn von Joseph Ritter sexuell missbraucht, ermordet und seine Leiche zerstückelt. Über den Mordfall berichtete zeitgenössisch nicht nur der "Vorwärts" als die Tat eines Homosexuellen. Schon im ersten Artikel verwies der "Vorwärts" auf einen verdächtigen Mann mit dem Hinweis auf ein "Sexualverbrechen" (13. Mai 1913). Einen Tag später berichtete sie unter der Überschrift "Die Bluttat des Homosexuellen" sehr ausführlich über den Tathergang (14. September 1913). Die Überschrift ist nicht wegen dem Hinweis auf die "Bluttat" zu kritisieren, sondern wegen dem Hinweis auf einen "Homosexuellen", weil die Zeitung in einem vergleichbaren Mordfall bestimmt nicht auf einen heterosexuellen Mörder verwiesen hätte. Nach nur zehn Tagen und nach nur zwei Verhandlungstagen wurde Ritter zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, worüber der "Vorwärts" berichtete (23. und. 24. September 1913), ohne dies zu kommentieren.

Ein ausführlich geschilderter Mord unter der Überschrift "Die Bluttat des Homosexuellen" ("Vorwärts", 14. September 1913)
Der Skandal Redl (1913)
Oberst Alfred Redl, der Chef der österreichischen Spionageabwehr, wurde wegen seiner Homosexualität erpresst und verriet Geheimnisse an Russland. Als er 1913 enttarnt wurde, erschoss er sich. Der "Vorwärts" schrieb dazu: "Man wird gut daran tun, dieser Erzählung von der geschlechtlichen Entartung nicht allzu sehr zu trauen. Sie kann auch eine glatte Erfindung sein, ersonnen und bestimmt, eine schwindlerische Entschuldigung zu bilden". Die von der Redaktion gewählte Überschrift "Das Panama des österreichischen Militarismus" (1. Juni 1913) spielt auf den französischen Panama-Skandal aus den 1890er-Jahren als Sinnbild für systemische Korruption und Vertuschung an. Von der Redaktion des "Vorwärts" wurde Redl mit dieser recht kruden Begründung nicht gegen "Verleumdungen" in Schutz genommen, sondern sie wollte nur verhindern, dass der Hinweis auf seine Homosexualität als eine Art Schutzbehauptung verwendet werden könne. Schon einige Tage später schrieb auch der "Vorwärts" von "homosexuellen Beziehungen" (6. Juni 1913), an der es bis heute keine Zweifel gibt. Auf die häufige mediale Verarbeitung seit der Weimarer Republik werde ich in der nächsten Folge noch eingehen.
Berichterstattung über Homosexuelle
Die Homosexuellenbewegung
Die frühe Homosexuellenbewegung bestand zum einen aus Magnus Hirschfeld, der gemeinsam mit anderen das Wissenschaftlich humanitäre Komitee (WhK) und damit die weltweit erste Interessenvertretung für Homosexuelle gründete. Das WhK gab seit 1898 das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" heraus. Zum anderen bestand sie aus Adolf Brand, der seit 1896 die Zeitschrift "Der Eigene" herausgab, die spätestens ab 1898 als erste Homosexuellenzeitschrift der Welt gelten kann.
Mit zur Homosexuellenbewegung gehört am Rande auch der schillernde adelige Günther Graf von der Schulenburg, der sich an der Seite von Hirschfeld engagierte und wegen Homosexualität entmündigt wurde. Der "Vorwärts" kritisierte zwar das Gutachten des Psychiaters, das zu seiner Entmündigung führte, verwendete aber die Überschrift "Höhere Entartung" für diesen Artikel (26. November 1913. Zu Schulenburg s. a. "Anders als die Andern", 1906. S. 99-106).
Die Verurteilungen nach § 175
Für die Homosexuellenbewegung war die ersatzlose Streichung des § 175 eines ihrer wichtigsten Ziele. Aufgrund sprachlicher Tabuisierung wurden Homosexuelle nicht nur, aber auch vom "Vorwärts" vielfach nur als 175er bezeichnet. Das merkt man auch an der Wahl der Überschriften im "Vorwärts" wie z.B. "Die Nebenregierung des § 175" (24. Oktober 1907) oder "§ 175 in der Kaserne" (14. Dezember 1907). Auf diese Weise wurde der § 175 – neben dem § 218 für Abtreibung – zu einer der bekanntesten Strafrechtsnummerierungen.
In zumeist unkommentierten Kurzmeldungen berichtete der "Vorwärts" über Gerichtsverhandlungen zum § 175, die meistens zu einer Verurteilung führten, wie bei dem Musiker Franz Legula (16. Juli 1896). einem Schankwirt aus der Berliner Müllerstraße (29. Juni 1900), Major Graf Nikolaus Pückler (6. Oktober 1904). dem Kaufmann Karl Moscholl und Gustav Haupt (20. August 1905), einem fahnenflüchtigen Offizier (19. Dezember 1907) und dem "Damenimitator" und Kellner Karl Röseler (4. Juli 1913). Dabei werden auch Vorbehalte gegenüber Prostitution (1. November 1904) und "Verführung" (20. Dezember 1908) deutlich.
In einigen Fällen berichtete die Zeitung auch von den Opfern von Erpressungen auf homosexueller Grundlage wie Benedict Friedländer (16. Dezember 1905. S. a. 19. Januar 1904, 20. September 1905 und 18. Mai 1913). Die deutlichsten Positionierungen des "Vorwärts" gegen den § 175 finden sich in Beiträgen über Erpressungen wie im Fall von Redl. Im Kontext einer Erpressung betonte die Redaktion neben der Forderung nach Streichung des § 175: Wer die "homosexuelle Neigung sich erst erworben" habe und damit nicht zu den tatsächlich so "veranlagten" Personen gehöre, habe nicht das "Recht auf besondere Schonung". Ein weiterer Kommentar wirkt zumindest konsequent: "Daß die Erpressungsfälle sich naturgemäß gegen vermögende Leute (…) richtet, kann uns nicht veranlassen, die Ungerechtigkeit (…) des § 175 nicht zu bekämpfen" (6. Juli 1910).
Es ist per se nicht zu beanstanden, wenn der "Vorwärts" auch Fälle dokumentiert, in denen Schwule selber Täter waren und Kinder bzw. Schutzbefohlene sexuell missbrauchten. Die wenigen Berichte über die Taten von Richard Bartsch (30. September 1908), Oscar Behrens (12. November 1910), des Erziehungsgehilfen Jung (8. April 1911) und von K. Braun (25. Juni 1914) fallen zudem auch kaum ins Gewicht. Das Datum der jeweiligen Veröffentlichung legt jedoch nahe, dass sie nur deshalb publiziert wurden, weil sich die gesellschaftliche Einstellung zu Homosexuellen seit der Harden-Eulenburg-Affäre verschlechterte.
Die Homosexuellenszene
Wo konnten sich Homosexuelle treffen und wie organisierten sie sich? Trotz Homosexuellenbewegung sind Berichte aus dem deutschen Kaiserreich zur Homosexuellenszene selten. Dass die Beiträge im "Vorwärts" seit 1907 erschienen, verweist auch hier deutlich auf die Auswirkungen der Harden-Eulenburg-Affäre.
Berichtet wurde u.a. von einem Verbrechertrio, von Herrenbekanntschaften im Tiergarten bzw. in der Friedrichstraße und eine Stricherszene in der Behrenstraße (28. August 1907). Berichtet wurde auch über einen Magdeburger Prozess gegen 17 Homosexuelle, einen Freundschaftskreis und Dokumente wie Liebesbriefe (3. Dezember 1910). Bei einer Razzia in einem kleinen Homosexuellenlokal in der Berliner Kochstraße wurden 100 Männer verhaftet (10. Dezember 1912). Unter der Überschrift "Die Leimrute für Lüstlinge" wurde betont, dass auf der Berliner Friedrichstraße Robert Musils Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" erst seit dem Moment gut verkauft wurde, seit dem er mit dem Hinweis auf Homosexualität beworben wurde (18. November 1913).
Diese negative Berichterstattung über die Szene ist mit der über die Szene im Ausland vergleichbar: In Belgrad wurde ein homosexueller Club entdeckt, es kam zu Verhaftungen und es sollen noch zwei weitere Clubs bestehen (12. Januar 1908). In einem "übel beleumdeten Restaurant" in Paris wurden 28 Homosexuelle verhaftet, von denen 16 ins Gefängnis kamen (1. Mai 1908). In einem öffentlichen Bad in Budapest wurden 24 Männer und Knaben während einer "Orgie" verhaftet und es soll eine "förmliche Organisation der Homosexuellen" bestanden haben (24. November 1909). Selbst in Chicago soll es einen "Club" geben (5. August 1911). Alle Beiträge im "Vorwärts" über die Szene sind abwertend, häufig kriminalisierend und verweisen auf das, was sich viele Menschen unter einem homosexuellen "Milieu" vorstellen.
Homosexuelle Belletristik
Bis heute ist Thomas Mann ein bedeutender Autor und eine literarische Lichtgestalt. Seine homoerotische Novelle "Der Tod in Venedig" (1912) wurde nach ihrer Veröffentlichung überwiegend positiv aufgenommen, was sich auch im "Vorwärts" widerspiegelt. In einer ausführlichen Rezension wird auf Goethes "Erklärung der päderastischen Neigungen" Winckelmanns hingewiesen, in der eine "ästhetische Bewunderung" zur "sinnlichen Leidenschaft" wird (25. April 1913). Mehr als zehn Jahre später wird darauf verwiesen, dass die Novelle die "dunklen Gebiete der Künstlerpsychologie" erforsche (6. Juni 1925). Etwas krude wirkt die Beschreibung, dass die "unfruchtbar gewordene Liebe durch das Gespenst des gleichgeschlechtlichen Eros vernichtet" werde (9. Juni 1927).
Unter dem Pseudonym Sagitta schrieb der Schriftsteller John Henry Mackay die "Die Bücher der namenlosen Liebe" (1906). Als es bei seinem Flugblatt "Sagitta: Gehör! Nur einen Augenblick" zu juristischen Auseinandersetzungen kam, berichtete der "Vorwärts" ohne dies jedoch zu kommentieren (10. Dezember 1908 s. a. 11. Dezember 1908). Über den dänischen Schriftsteller Herman Bang schrieb der "Vorwärts" ein Jahr nach seinem Tod: "Er erlag seiner (homosexuellen) Veranlagung" (28. Februar 1913). Im Rahmen der Rezension von Gustav Naumann: "Vom Lärm auf dunkeln Gassen" (1907) heißt es, dass der Lehrer ein "Homosexueller" gewesen sei, dem sexuelle Kontakte zu Schülern nachgesagt werden (7. März 1907). Viele Beiträge im "Vorwärts" über Belletristik lassen keine Rückschlüsse auf die Meinung der Redaktion zu.
Homosexuelle Sachliteratur
Es fällt auf, dass fast nur in einem bestimmten Zeitfenster auf sexualwissenschaftliche und aufklärende Schriften über Homosexualität (zum Teil mit Werbeanzeigen) hingewiesen wurde, wie Caspar Wirz: "Der Uranier vor Kirche und Schrift" (14. Juli 1905), Ferdinand Karsch-Haack: "Forschungen über gleichgeschlechtliche Liebe" (3. Februar 1906), Oscar Schumann-Arndt "Wir vom dritten Geschlecht" (12. November 1907), Hermann Michaelis "§ 175. Die Homosexualität in Sitte und Recht" (1. Dezember 1907) und M. Braunschweig: "Das dritte Geschlecht" (16. März 1910). Die Meinung des "Vorwärts" wurde nur in einem Fall deutlich. Als die homosexuelle Anthologie von Elisar von Kupffer "Lieblingminne und Freundesliebe" (1900) drei Jahre nach ihrem Erscheinen konfisziert wurde, schrieb die Zeitung von einer "Sittlichkeitsretterei" (24. Oktober 1903).

Emanzipatorische Literatur über Homosexualität: Oscar Schumann-Arndt "Wir vom dritten Geschlecht" (1913) und die Anthologie "Lieblingminne und Freundesliebe" (1900)
Im "Vorwärts" wurde auch auf Sachliteratur verwiesen, in denen Homosexualität negativ dargestellt wurde, wie bei der Werbung von "Zur Homosexualität der Jesuiten" von Karl Heinrich Ritter von Lang (26. November 1908), der schon seit 1890 auf die angeblichen homosexuellen Verfehlungen im Jesuitenorden aufmerksam machte. Grundsätzlich überwogen in dieser Zeit aber noch die Hinweise auf emanzipatorische Literatur.
Vorträge über Homosexualität
Magnus Hirschfeld hielt unzählige emanzipatorische Vorträge über Homosexualität. Im Gegensatz zur Weimarer Republik wurden im deutschen Kaiserreich auch viele Vorträge von anderen Personen angekündigt. In einigen Fällen wurden die Redner nicht angegeben (4. März 1900) oder sind heute unbekannt wie der Naturarzt R. Geist (12. März 1901), der Naturheilkundige Herrn Grundmann (3. April 1902) und G. Wagner (4. Dezember 1902). Der Umstand, dass diese Vorträge im Kontext von Naturheilvereinen und damit im Kontext der Lebensreformbewegung gehalten wurden, lässt zumindest auf eine gewisse Offenheit schließen.
Von Homosexuellenaktivisten wurden mehrere Vorträge zum Krupp-Skandal gehalten. Dazu gehört der Vortrag von Reinhold Gerling am 11. März 1903 über "Die Enterbten des Liebesglücks oder das dritte Geschlecht und der § 175" (10. März 1903) und die zwei Vorträge von Adolf Brand und Edwin Bab über den "Fall Krupp! (…) Homosexualität und Sittlichkeit. Die Betrogenen des Liebesglücks und der § 175" am 15. April (12. April 1903) und am 24. April (23. April 1903).

Ein Vortrag von Reinhold Gerling über den Krupp-Skandal ("Vorwärts", 10. März 1903)
Adolf Brand hielt auch zu dem von ihm initiierten Homosexuellenskandal um den Geistlichen Dasbach mehrere Vorträge über "Kaplan Dasbach und die Freundesliebe". Der Vortrag am 5. September 1904 mit 700 Personen wurde polizeilich aufgelöst, was der "Vorwärts" kritisierte (6. September 1904). Zu zwei weiteren Vorträgen zum gleichen Thema am 9. September 1904 (9. September 1904) und am 19. September 1904 (18. September 1904) erschienen im "Vorwärts" Werbeanzeigen. Interessant ist der Hinweis, dass Brand hier als ein "Genosse" bezeichnet wird, was eine Mitgliedschaft in der SPD bedeutet, die in der homosexuellen Geschichtsforschung bisher unbekannt war. Am 27. März 1905 wollte er den Dasbach-Vortrag noch einmal halten, kündigte den Vortrag aber vorsichtig mit "§ 175, das Zentrum und die Parlamente" an. Die Polizei drohte früh mit der Auflösung der Versammlung und hob, als Brand die Namen von Homosexuellen nannte, die Versammlung unter Drohung von Waffengewalt auf. Vom "Vorwärts" wurde das Verhalten der Polizei indirekt kritisiert (28. März 1905).

Ein Vortrag von Adolf Brand über "Kaplan Dasbach und die Freundesliebe" mit dem Hinweis auf den "Genossen Adolf Brand" ("Vorwärts", 9. September 1905)
Berichterstattung über "Transvestiten"
"Transvestiten" – ein Begriff, der damals sowohl Fremd- als auch Selbstbezeichnung war – wurden im "Vorwärts" häufig kriminalisiert, wie der Kellner Karl Röseler aus Berlin, der mehrfach in Frauenkleidung verhaftet wurde, wegen § 175 viermal vorbestraft war und wegen "widernatürlicher Unzucht" ins Gefängnis kam (14. Oktober 1893, 31. Januar 1899, 4. Juli 1913). Der 28-jährige Heinrich Müller stahl Damenwäsche "aus Wollust" und soll "in homosexuellen Kreisen verkehrt haben" (14. März 1911). In solchen Fällen wies der "Vorwärts" nie auf die Ungerechtigkeit des § 175 hin oder legitimierte das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts.
Wenn Magnus Hirschfeld als Gutachter involviert war, änderte sich der Tonfall im "Vorwärts". Die Angeklagten hatten nun jemanden, der sie verteidigte, wie der 19-jährige Julius Eichbaum aus Berlin-Lichterfelde, der in Presseartikeln, auch im "Vorwärts", als "falsche Hofdame" bezeichnet wurde (4. Oktober 1910, 1. April 1911; siehe hierzu den beachtenswerten Aufsatz von Rainer Herrn "Die falsche Hofdame vor Gericht", in: "Medizinhistorisches Journal", 2014, S. 199-236). Mit seinen Gutachten erreichte Magnus Hirschfeld, dass Personen wie der Kaufmann Josef Meissauer die Erlaubnis zum Tragen von Frauenkleidung erhalten konnten (5. Oktober 1911). Ein Mann, der in Frauenkleidern verhaftet wurde, gab an, auf dem Weg zu Magnus Hirschfeld zu sein, den er konsultieren wolle (23. August 1912).
Für ein gewisses Maß an Offenheit spricht auch die "Vorwärts"-Rezension des Buches von N. O. Body (= Karl M. Baer) "Aus eines Mannes Mädchenjahren". Das Buch schildert das reale Leben einer Person, die als intergeschlechtliches Kind geboren, als Mädchen aufgezogen wurde und später ihren Geschlechtseintrag korrigieren ließ. N. O. Bodys Autobiografie wurde in der "Vorwärts"-Rezension mit "Verbene Junkers Liebe", einem Roman über eine lesbische Liebe, verglichen (19. Juni 1907), der ein Plädoyer für die Akzeptanz von Homosexualität ist.
Lesben bleiben unterrepräsentiert
Dass der "Vorwärts" fast nur über männliche Homosexualität berichtete, hatte strafrechtliche, aber auch gesellschaftliche und ökonomische Gründe. Während schwule Männer durch das Gesetz kriminalisiert und damit im öffentlichen Diskurs sichtbar gemacht wurden, blieben lesbische Frauen rechtlich unsichtbar und gesellschaftlich stärker im Privaten verortet. In politischen Diskussionen wie der Reichstagssitzung am 29. November 1907 wurden Lesben meistens nur beiläufig miterwähnt (30. November 1907). Die Ausweitung des § 175 RStGB auf Frauen wurde abgewendet.
Nur in einem Artikel wird die Existenz einer lesbischen Szene angedeutet. Unter der Überschrift "Der Homosexuellenclub – neue Damengemeinschaft" nahm der "Vorwärts" auf einen Artikel in dem "Sensationsblättchens" bzw. der Tageszeitung "Die Glocke" Bezug. Der Autor dieses Artikels hatte behauptet, dass die Mitglieder des Clubs "Neue Damengemeinschaft" lesbisch seien, woraufhin der "Glocke"-Redakteur von fünf Mitgliedern des Vereins wegen Beleidigung verklagt worden war. Der Angeklagte wurde vom Gericht freigesprochen, weil die Hinweise "im großen und ganzen wahr sind". Er habe das Recht, dieses "Treiben als ein schamloses" zu bezeichnen (22. April 1909). Ein Kommentar des "Vorwärts" wird hier nicht wiedergegeben.
Auch zur Wahrnehmung von Lesben in Kunst und Kultur habe ich nur einen Hinweis in der Zeitung gefunden. Zu einer Inszenierung von August Strindbergs Drama "Kameraden" schrieb der Rezensent, die Schauspielerin "Frl. Somary (habe) in der Bohème-Figur der homosexuellen Intrigantin Abel (…) eine feingeschliffene Studie" geboten (20. November 1912). Abel ist im Stück eine Freundin der weiblichen Hauptfigur Berta und wird als emanzipierte Frau mit "männlichem Verstand" dargestellt. Emanzipierte Frauen als "maskulin" zu kennzeichnen, kann als eine zeitgenössische Chiffre nicht nur für das Aufbrechen von Geschlechterrollen, sondern auch für Homosexualität gesehen werden.
Der Erste Weltkrieg (1914-1918)
In der Zeit während des Ersten Weltkrieges – also von Juli 1914 bis November 1918 – pausierte die Homosexuellenbewegung. Mit der zur Schau getragenen militärischen "Männlichkeit" bot diese Zeit wenig Spielraum für Aktivitäten, mit denen Männer mit mehr oder weniger "weiblichen" zugeschriebenen Eigenschaften ihre Rechte einforderten (s. Marita Keilson-Lauritz: "Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 53-54, 114-117). Das spiegelt sich auch deutlich im "Vorwärts" wider: Die Zeitung brachte einzelne Hinweise auf Vorträge von Magnus Hirschfeld wie zum Beispiel "Kriegspsychologie" oder "Vom Wesen der menschlichen Persönlichkeit", aber noch nicht einmal Hinweise auf Homosexualität im Kontext von Gerichtsprozessen oder sonstigen Kriminalfällen.
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Fazit
Die SPD hat eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich – u. a. mit August Bebel, dem Gründer der SPD. In meinem queer.de-Artikel "Wie August Bebel gegen die schwulen 'Hintermänner' austeilte" habe ich Bebels Janusköpfigkeit verdeutlicht. Magnus Hirschfeld und August Bebel hatten sich 1890 kennen gelernt und ich halte es für möglich, dass Bebel wegen dieses persönlichen Kontakts sein Buch "Die Frau und der Sozialismus" (1879) in den Ausgaben ab 1891 um Passagen zur Homosexualität ergänzte und die Petition zur Abschaffung des § 175 unterschrieb.
Einige Jahre, nachdem sich 1897 in Berlin eine Homosexuellenbewegung gründete, wirkte sich dies positiv auf die Berichterstattung über Homosexualität im "Vorwärts" aus, wobei ein unterschiedlicher Umgang mit den beiden Genossen und Homosexuellenaktivisten Magnus Hirschfeld und Adolf Brand erkennbar ist.
Auf politischer Ebene ist der Kampf des "Vorwärts" gegen den § 175 im Kaiserreich grundsätzlich überzeugend. Allerdings wurde bei der Akzeptanz von Homosexualität zwischen "angeborener" und "erworbener" Homosexualität unterschieden und der "Vorwärts" hat mehrfach verdeutlicht, dass er sich moralisch eigentlich nur für die erstgenannte Gruppe einsetzen wollte. Weil sich die Zeitung immer für eine Streichung des § 175 eingesetzt hat, kann man an die Zeitung auch Erwartungen an eine emanzipatorische Berichterstattung haben, die z.B. dann nicht erfüllt werden, wenn sich die Zeitung nur abschätzig über die Homosexuellenszene äußerte.
In meinem Buch "Anders als die Andern" (hier online) bin ich nach der Auswertung von rheinischen Zeitungen zu dem Schluss gekommen, dass die Zeit von 1902 bis 1907 im Deutschen Reich offener und freier als die spätere Weimarer Republik war. Das zeigen auch die Artikel im "Vorwärts" über emanzipatorische Literatur.
Insgesamt ergeben die vielen Artikel kaum ein in sich geschlossenes Bild ab, was auch damit zu tun hatte, dass sich der Zeitgeist innerhalb des deutschen Kaiserreiches änderte und die Beiträge in unterschiedlichen Rubriken erschienen. Die Auswahl der Justizfälle, über die der "Vorwärts" berichtete, veränderten sich mit der Zeit. In der Wilhelminischen Zeit lag der Schwerpunkt noch auf Beiträgen über Verurteilungen nach § 175 und Erpressungen. Auf diese Weise waren Schwule als Opfer wahrnehmbar. In der Weimarer Republik stieg der Anteil der Artikel, die Homosexuelle kriminalisierten, an. Die Publikation "Späte Aufarbeitung. LSBTTIQ-Lebenswelten im deutschen Südwesten" (Hrsg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. 2018. S. 50) fasst die Einstellung der SPD, die auf den "Vorwärts" übertragbar ist, so zusammen: "Die Ambivalenz der Sozialdemokratie zwischen Emanzipationsbereitschaft und instrumenteller Homophobie blieb eine Konstante im 20. Jahrhundert."
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