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Teil 2

Der "Vorwärts" und die Homosexualität: Die Weimarer Republik

Vor 150 Jahren – am 1. Oktober 1876 – erschien zum ersten Mal die SPD-Zeitung "Vorwärts". Die zweite Folge unserer vierteiligen Serie behandelt die Beiträge über Homosexualität von 1919 bis 1933.


Zum berühmten Berliner Szenelokal "Eldorado" gab es im "Vorwärts" zur Zeit der Weimarer Republik keinen einzigen Artikel (Bild: German Federal Archives / wikipedia)

Die Homosexuellenbewegung in der Weimarer Republik

Die Homosexuellenbewegung der Weimarer Republik war von Aufbruch, starker politischer Aktivierung und einer blühenden Subkultur geprägt. In Berlin gab es über 100 queere Lokale, Bars und Tanzcafés wie das berühmte "Eldorado" und es entstand eine vielfältige Presselandschaft mit Homosexuellenzeitschriften wie "Die Freundschaft" oder "Die Freundin". Mit dem "Bund für Menschenrecht" (BfM) gab es die erste große Bürgerrechtsorganisation für Homosexuelle. Der Kampf für die Streichung des § 175 RStGB blieb das zentrale politische Ziel.

Die großen Errungenschaften der Weimarer Republik, die mit Magnus Hirschfeld in Verbindung stehen, werden in der dritten Folge behandelt. Er gründete 1919 das Institut für Sexualwissenschaft, das eine wichtige Rolle für die Geschichte der Homosexuellen spielte, und trat als Berater des Films "Anders als die Andern" (1919) auf, der als emanzipatorischer Film über Homosexualität ein halbes Jahrhundert ohne Konkurrenz blieb.

Die SPD und der § 175 RStGB

Die SPD war in der Weimarer Republik (ähnlich wie die KPD) fast durchgängig eine treibende politische Kraft bei dem Versuch der Legalisierung von Homosexualität und forderte die Abschaffung des § 175 auch im Reichstag. Diese Positionierung wird auch im "Vorwärts" deutlich. Auch wenn im sogenannten Heidelberger Programm der SPD, das am 18. September 1925 auf dem Parteitag in Heidelberg beschlossen wurde, der § 175 nicht explizit erwähnt wird, kann festgehalten werden, dass einen Monat vorher ein Entwurf für dieses neue Parteiprogramm der SPD vorgestellt wurde, der die Legalisierung von Homosexualität vorsah (16. August 1925). Zu den hervorzuhebenden Äußerungen des "Vorwärts" zu diesem Thema gehört der Schlusssatz eines Artikels über eine Gerichtsverhandlung gegen Homosexuelle: "Der § 175 macht aber nach wie vor die Homosexuellen zum Freiwild für Erpresser" (17. März 1927). Angenehm deutlich fand ich den "Vorwärts" auch bei seiner Entgegnung auf den Mediziner Joseph Mayer, der im "Deutschen Ärzteblatt" das Festhalten am § 175 gefordert hatte: Der "Vorwärts" betonte, dass die Gesellschaft nicht vor den Homosexuellen, sondern vor Joseph Mayer geschützt werden solle (4. März 1930). Im "Vorwärts" gab es eine Berichterstattung, die sich für eine Abschaffung des § 175 aussprach.

Ernst Röhm vergiftete das politische Klima, und auch im "Vorwärts" war ab 1931 eigentlich nur noch das Stereotyp des "homosexuellen Nazis" präsent. Um so bemerkenswerter ist, dass es auch noch danach eine gewichtige Stimme gab, die auf die Notwendigkeit der Straffreiheit hinwies. In der Reichstagssitzung am 11. Mai 1932 erwähnte der ehemalige Reichsinnenminister Wilhelm Sollmann (SPD), dass der SPD von politischen Gegner*innen die Propagierung von Homosexualität vorgeworfen werde, nur weil sie sich "aus tiefem sozialem Mitgefühl für die Opfer einer krankhaften Veranlagung" für die Straffreiheit eingesetzt habe (12. Mai 1932).

Schon 1929 hatte die Reform des Strafrechts kurz vor dem Durchbruch gestanden und im "Vorwärts" konnte man die verheißungsvolle Überschrift lesen: "Homosexualität keine Straftat. (…) Die Strafbestimmung gefallen" (17. Oktober 1929). Die politische Lähmung der Republik verhinderte jedoch die Streichung des Paragrafen, der unter den Nazis sogar noch verschärft wurde. Die Schwulen hatten sich zu früh gefreut.


Die Streichung des § 175 RStGB wurde im "Vorwärts" (17. Oktober 1929) angekündigt, aber im Reichstag nicht mehr beschlossen

Die Skandale der Weimarer Republik

Die vielen Homosexuellenskandale wirkten sich auf die homosexuelle Emanzipationsbewegung unterschiedlich aus. Die Verurteilung Oscar Wildes 1895 war für ihn selbst eine Tragödie, hat aber zur Gründung der Homosexuellenbewegung maßgeblich beigetragen. Der Krupp-Skandal 1902 förderte eine gesellschaftliche Öffnung, während der Harden-Eulenburg-Skandal, der Fall Fritz Haarmann und der Fall Ernst Röhm die Bewegung massiv zurückwarfen. Bei allen anderen Skandalen gehe ich davon aus, dass sie keinen negativen Einfluss auf die Homosexuellenbewegung hatten. Anhand von Gutachten Magnus Hirschfelds werde ich einige Skandale der Weimarer Republik wie die sogenannte "Steglitzer Schülertragödie" (1928) in der dritten Folge behandeln. Auf den Röhm-Skandal (1931-1932) werde ich in der vierten Folge über die NS-Zeit eingehen.

Zwei Skandale, die aus der Kaiserzeit nachwirkten

Zwei bis heute bekannte Beispiele zeigen, wie Skandale der Kaiserzeit bis in die Weimarer Republik nachwirkten. Dazu gehört die Verurteilung Oscar Wildes in England 1895 wegen Homosexualität. Der "Vorwärts" wies in einer Rezension der viel beachteten Oscar-Wilde-Biographie von Frank Harris noch einmal auf Wildes homosexuelle Verhältnisse mit anderen Männern hin (4. Dezember 1923) und anlässlich des Dramas "Oscar Wilde" von Carl Sternheim wurde betont, dass Wilde nur deshalb ins Zuchthaus gekommen sei, "weil er der mann-männlichen Liebe allzu herausfordernd huldigte" (1. April 1925). Auch im Zusammenhang mit den Briefen Wildes an Robert Ross, die unter dem Titel "Letzte Briefe" 1925 von Max Meyerfeld herausgegeben wurden, bezog sich der "Vorwärts" auf das Urteil wegen "homosexueller Vergehen", das ihn ins Zuchthaus gebracht hatte (13. März 1926). Im Gegensatz zur Berichterstattung des "Vorwärts" im Jahr 1895 kamen nun all diese Artikel ganz ohne sprachliche Rumdruckserei aus, wobei ein offeneres, direkteres Sprechen über sexuelle Themen nicht auf den "Vorwärts" beschränkt blieb. Die Einstellungen, die über Wilde zum Ausdruck kommen, sind allerdings unterschiedlich. Der Hinweis, dass Wilde "der mann-männlichen Liebe allzu herausfordernd" gehuldigt habe, lässt sich als indirekte Schuldzuweisung erkennen, weil ihm ja schließlich nichts passiert wäre, wenn er sich nur ein bisschen mehr zurückgehalten hätte.


Die früheren Skandale um Oscar Wilde und Alfred Redl wirkten bis in die Weimarer Republik hinein nach

Das zweite Beispiel ist Oberst Alfred Redl, der Chef der österreichisch-ungarischen Spionageabwehr. Wegen seiner Homosexualität wurde er erpresst und verriet Geheimnisse an Russland. Als er 1913 enttarnt wurde, erschoss er sich. Das damals brisante Thema wurde häufig medial verarbeitet. Von insgesamt sechs Verfilmungen stammen die ersten drei aus der Zeit der Weimarer Republik: "Oberst Redl" (1925), "Oberst Redls Erben" (1926) und "Der Fall des Generalstabsoberst Redl" (1931). Außerdem wurde 1930 das Theaterstück "Der Fall des Generalstabschefs Redl" aufgeführt. Nach den Rezensionen im "Vorwärts" zu urteilen, gingen die Filme und das Theaterstück unterschiedlich mit Redls Homosexualität um. Zum Film von 1925 wurde darauf hingewiesen, dass hier eine heterosexuelle Erpressungsgeschichte frei erfunden wurde (12. April 1925), während das Theaterstück recht deutlich zeige, dass Redl "als Homosexueller erpresst wurde" (27. November 1930). Im Film von 1931 deute der Regisseur mit "wenigen Strichen (…) diskret die Homosexualität Redls an" (28. Februar 1931).

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Die Morde an Schöning, Daube, Schnäpel und Lehrke

Im Folgenden fasse ich die Beiträge des "Vorwärts" zu vier Morden mit möglicherweise homosexuellem Hintergrund zusammen. Ende Oktober 1925 wurde der 16-jährige Gerhard Schnäpel ermordet aus der Havel gezogen (30. Oktober 1925, Artikel ohne Hinweis auf Homosexualität). Monate später wurde die Leiche des 15- oder 17-jährigen Bäckerlehrlings Kurt Lehrke aus dem Luisenstädtischen Kanal geborgen, wobei die Polizei vermutete, dass er einem "Knabenschänder" in die Hände gefallen sein könnte (27. Mai 1926). Im August 1932 wurde in Berlin der 16-jährige Kurt Schöning ermordet. Ihm waren die Kehle mit einem Rasiermesser durchgeschnitten und die Genitalien abgeschnitten worden. Der "Vorwärts" meldete, dass das "Sonderdezernat für homosexuelle Vergehen" eingeschaltet wurde (23. August 1932). Schon im März 1928 war in Gladbeck der 19-jährige Helmut Daube auf ähnliche Weise ermordet worden. Nach Angaben des "Vorwärts" spielte im anschließenden Prozess die Homosexualität des 20-jährigen Tatverdächtigen Fritz Hußmann eine entscheidende Rolle. Die Zeitung veröffentlichte zudem ein Foto vom Tatort (16. Oktober 1928). Auch in späteren Prozessberichten zu diesem Fall ging es um den "Verdacht auf anormale Neigungen" des Angeklagten (24. Oktober 1928, s. a. 25. Oktober 1928). Der "Vorwärts" berichtete weitgehend sachlich und ohne einen homophoben Unterton.

Möglicherweise wurden alle vier Jugendlichen von Rolf vom Busch ermordet, zumindest den Mord an Kurt Schöning gab er später zu. Viola Meike und Sarah Baldy haben für ihr Buch "Zeuge Waldeck. Das erfundene Leben des Rolf vom Busch" (2019) viele Spuren verfolgt und Querverbindungen gefunden. Damit können nun die Geschichten dieser vier Opfer zusammengeführt und ein wenig weitererzählt werden (s. Jens Doblers Buchrezension in: "Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft", Nr. 65/66, Dezember 2020).


Die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 10) beteiligte sich mit dieser Anzeige an der Suche nach einem Mörder

Der Serienmörder Fritz Haarmann

Der homosexuelle Serienmörder Fritz Haarmann wurde wegen Mordes an insgesamt 24 Jungen bzw. jungen Männern im Alter von 10 bis 22 Jahren in Hannover 1924 zum Tode verurteilt. Haarmanns Taten und die reißerische Berichterstattung darüber warfen die Homosexuellenbewegung zurück und beeinflussten auch die Diskussion um den § 175. In meinem queer.de-Artikel "Der schlimmste deutsche schwule Serienmörder aller Zeiten" bin ich auf viele Aspekte dieses Falles näher eingegangen.

Von den mehr als 220 Artikeln des "Vorwärts" zum Fall Haarmann habe ich nur die mit Bezug auf Homosexualität wichtigsten 60 Artikel auf meiner Homepage verlinkt. Schon im ersten Artikel über Haarmann wird auf den "widernatürlichen Geschlechtsverkehr" hingewiesen, den der Täter vor der Ermordung mit den Opfern gehabt hatte (3. Juli 1924). Der Fall Haarmann diente auch als Aufhänger für einen längeren Artikel über die Berliner Vermisstenzentrale, in dem im Zusammenhang mit Vermisstenanzeigen Kritik an Eltern geübt wird, die keine Auskunft über die homosexuelle Orientierung ihrer Söhne gäben, was die Arbeit der Polizei erschwere. Der Artikel enthält eine Zeichnung mit der Darstellung eines jungen Mannes am Hafen, der die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zieht (4. September 1924). Eine breite Berichterstattung mit mehreren ganzseitigen Beiträgen erfolgte während des Prozesses vom 4. Dezember bis zum 19. Dezember 1924 (4. Dezember bis zur Abendausgabe des 19. Dezember 1924). In der Morgenausgabe des 19. Dezember 1924 erschien ein emotional formulierter Kommentar, in dem es hieß: "Triebhaftes Schicksal war es, das über Haarmann waltete." Das Urteil wurde am 20. Dezember 1924 kommentiert. Am 15. April 1925 wurde Haarmann hingerichtet und im "Vorwärts" erschienen noch die Artikel "Das Recht auf den Tod" und "Haarmann hingerichtet" (15. April 1925). Weitere Artikel behandelten seinen Komplizen Hans Grans, mit dem ihn auch eine sexuelle Beziehung verband.


Die begehrenden Blicke eines Mannes auf einen jüngeren Mann in einer Zeichnung, die im "Vorwärts" (4. September 1924, links) im Zusammenhang mit dem Serienmörder Fritz Haarmann (rechts) veröffentlicht wurde

Berichterstattung über die Homosexuellenbewegung in Berlin

Bezogen auf die Berichterstattung des "Vorwärts" über die Homosexuellenbewegung rund um Magnus Hirschfeld lässt sich vieles schreiben (s. Folge 3 dieser Serie). Ganz anders ist die Situation bei den Beiträgen über den Teil der Homosexuellenbewegung rund um Adolf Brand. Aus den wenigen Beiträgen über Brand lässt sich nur ableiten, dass er ein streitbarer Aktivist war, der für die Herausgabe seiner Homosexuellenzeitschriften auch juristische Schwierigkeiten in Kauf nahm. So berichtete der "Vorwärts" über eine Klage Brands auf Zuteilung von kontingentiertem Papier, das er für seine Zeitschrift "Der Eigene" dringend benötigte (14. August 1920). Später wurden die beiden ersten Ausgaben seiner Zeitschrift "Freundschaft und Freiheit" wegen seiner kritischen bzw. beleidigenden Beiträge zur katholischen Kirche von der Polizei konfisziert (15. Februar 1921). Ein Sonderheft des "Eigenen", das unter dem Titel "Die Tante" (= die Tunte) erschien, wurde wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften und Bilder" beschlagnahmt. Inkriminiert wurden Texte und Karikaturen, die sich gegen Hirschfeld richteten (6. Mai 1925). Die Artikel im "Vorwärts" geben ein sehr verzerrtes Bild des Homosexuellenaktivisten Brand wieder, der mit seiner Zeitschrift "Der Eigene" und mit der "Gemeinschaft der Eigenen" auch viel Positives erreichte, im "Vorwärts" aber nur wie ein krimineller Querulant wirkt.


Der "Vorwärts" (6. Mai 1925) berichtete über die Beschlagnahme des Sonderhefts "Die Tante" (= die Tunte)

Über den Homosexuellenaktivisten Friedrich Radszuweit wurde im "Vorwärts" nicht berichtet. In seinem Verlag gab Radszuweit mehrere Homosexuellenzeitschriften wie die "Blätter für Menschenrecht", "Das Freundschaftsblatt" und "Die Freundin" heraus. Im Jahr 1926 wurde das "Schund- und Schmutzgesetz" beschlossen, das Kinder und Jugendliche vor "jugendgefährdenden Schriften" schützen sollte. Auch einige von Radszuweits Zeitschriften landeten auf diesen Listen. Der "Vorwärts" positionierte sich zwar grundsätzlich gegen Zensur, meinte aber in Bezug auf dieses Gesetz, dass nur "belangloses Zeug" und die "eine oder andere homosexuelle Winkelzeitschrift (verboten wurde), die ohnehin von allen normal veranlagten Menschen abgelehnt wird" (8. Juni 1929).

Vorträge über Homosexualität

Die unterschiedlichen Teile der Homosexuellenbewegung klärten in der Weimarer Republik die Öffentlichkeit sehr engagiert auch mit Vorträgen über Homosexualität auf. Die in der damaligen Presse nachweisbaren Vorträge habe ich für die Jahre 1924 und 1925 auf queer.de dokumentiert. Im "Vorwärts" wurden in sehr einseitiger Form fast nur die Vorträge von Magnus Hirschfeld bzw. diejenigen im Institut für Sexualwissenschaft angekündigt oder ausführlicher besprochen (s. dritte Folge dieser Serie). Vorträge aus anderen Teilen der Homosexuellenbewegung wurden offenbar ignoriert. Auch im Bereich der Vorträge über Homosexualität haben wir es daher mit einer recht verzerrten Berichterstattung des "Vorwärts" zu tun. Vermutlich wurden die öffentlichen Vorträge, die nicht von Magnus Hirschfeld und dem Institut für Sexualwissenschaft durchgeführt wurden, fast nur innerhalb einer homosexuellen "Blase" wahrgenommen.

Die wenigen Hinweise zu anderen Vorträgen im "Vorwärts" sind außerdem schwer einzuordnen. Ein Beispiel dafür sind die Ankündigungen zweier Vorträge am 21. Mai und 26. September 1924 über "Das Wesen der Homosexualität" in einer Schule in Berlin-Niederschöneweide, in denen kein Referent, kein Veranstalter und auch kein genauer Inhalt mitgeteilt wurde (21. Mai 1924, 26. September 1924). Das lag nicht an dem Thema Homosexualität. Auch bei allen anderen Vorträgen in dieser Ankündigungsrubrik fehlen vergleichbare Angaben.

Belletristische Texte und Beiträge über homosexuelle Belletristik

Es kam selten vor, dass der "Vorwärts" auf homosexuelle Belletristik einging, wofür ich vier Beispiele nennen möchte. Recht positiv wurde Alec Scouffis Roman "Hotel zum Goldfisch" besprochen, der von männlicher Prostitution handelt (1. Juli 1930). Der Roman wird bis heute wahrgenommen und erschien 2019 als Reprint bei Männerschwarm. Im "Vorwärts" wurde auch über eine Gerichtsverhandlung berichtet, in der darüber entschieden werden sollte, ob Eugen Ludwig Gattermanns Roman "Die Erlösung der Freunde" "unzüchtig" sei. Verteidigt wurde der Roman mit einem Gutachten des Instituts für Sexualwissenschaft (18. November 1921; zur Einordnung dieses schwulen und auch online verfügbaren Kitsch-Romans s. meinen Artikel auf queer.de).

Interessant ist das Verhältnis des "Vorwärts" zu zwei homosexuellen Autoren. Der eine ist der Homosexuellenaktivist Peter Hamecher, der im "Vorwärts" regelmäßig Gedichte veröffentlichte. In seinem Artikel "Das trunkene Schiff" behandelte er die Liebe von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine (21. Oktober 1924). Auch sein bereits 1913 im "Vorwärts" abgedrucktes Gedicht "Von Lucifers Geschlecht" (22. September 1913) kann homoerotisch interpretiert werden. Zu Peter Hamecher s. a. das Kapitel in meinem Buch "Anders als die Andern" (2006, S. 135-138).

Der andere Autor ist Bruno Vogel. Er war zeitweise Mitglied der SPD und schrieb ab 1923 unter anderem für die sozialdemokratische "Leipziger Volkszeitung". Sein Antikriegs-Buch "Es lebe der Krieg!" wurde im "Vorwärts" beworben (29. Mai 1925). Als sich Vogel wegen angeblicher "Unzüchtigkeit" dieses Werks – das auch homosexuelle Bezüge enthält – vor Gericht verantworten musste, erschienen dazu im "Vorwärts" mehrere Beiträge. Die Art, in der darin auf die entlastenden Gutachten u. a. von Thomas Mann und Magnus Hirschfeld verwiesen wurde (1. Juni 1926; 14. Januar 1927), kam einer Verteidigung gleich. Zu den Hintergründen dieser Zensurgeschichte s. meinen Beitrag auf queer.de. Vogels Roman "Alf" als Reprint bei Männerschwarm erschienen.

"Transvestiten" bleiben unterrepräsentiert

Die wenigen "Vorwärts"-Beiträge über "Transvestiten" zeigen diese im Sinne Magnus Hirschfelds als selbstverständlichen Teil der "sexuellen Zwischenstufen", für die er sich engagierte. Es wurde auf Hirschfelds Buch "Die Transvestiten" (1910/1912) verwiesen (17. Februar 1925) und unter der unglücklichen Überschrift "Halb Mann halb Weib" über Dora Hiese berichtet, die aufgrund eines Gutachtens von Hirschfeld Männerkleidung tragen durfte (4. Januar 1924). Der "Vorwärts" warb außerdem für einen Vortrag Hirschfelds am 25. Februar 1926 über "Sexualität und Kleidung und zwar unter besonderer Berücksichtigung der Gepflogenheiten der Transvestiten" (25. Februar 1926). Diese Beiträge zeigen, dass der "Vorwärts" sich Hirschfelds Ansichten über "Transvestiten" – zumindest in der Theorie – mehr oder weniger zu eigen machte.

Der "Vorwärts" brachte "Transvestiten" jedoch gleichzeitig auch mit Kriminalität und unteren sozialen Schichten in Verbindung. So werden sie beispielsweise im Kontext einer Razzia erwähnt (17. März 1925). Ebenso an anderer Stelle unter der Überschrift "Burschen in Mädchenkleidern. Razzia und Festnahme von 32 Transvestiten". Hier heißt es über sie diffamierend, dass ihr "Treiben (…) immer widerwärtiger wurde". Als ihre Treffpunkte werden die Friedrichstraße, mehrere große Bahnhöfe, die nahegelegenen Bedürfnisanstalten und die Passage Unter den Linden genannt (10. Dezember 1923). In weiteren Artikeln ist die Rede von "alten Transvestiten in schlampiger Frauenkleidung, die als 'Damendarsteller' in drittrangigen Homosexuellentingeltangels aufgetreten sind" (26. Oktober 1930), sowie von einem "Transvestiten", der wegen Heiratsschwindel vor Gericht stand (23. März 1932).

Die im "Vorwärts" geäußerten Auffassungen scheinen nicht immer konsistent und einheitlich zu sein. In diesem Fall dürften die unterschiedlichen Kontexte bzw. Rubriken innerhalb der Zeitung eine Rolle spielen. Auf der einen Seite gab es Artikel, die der aufklärenden Wissensvermittlung dienen sollten und auf der anderen Seite die Berichterstattung über Gerichtsprozesse, Polizeiaktionen und Kriminalfälle, die voyeuristisch gefärbt sein konnten und in der "Transvestiten" als Kuriositäten geschildert und/oder mit Prostitution und Kriminalität in Verbindung gebracht wurden. Bis heute ist es ein Problem in vielen Medien, dass nachgedruckte Polizeiberichte häufig unkritisch wiedergegeben werden, einschließlich nicht hinterfragter diskriminierender Stereotype und fragwürdiger Kategorisierungen.

Einen Artikel möchte ich noch positiv hervorheben: Am 10. November 1924 starb in Berlin der 65-jährige Dr. Franz Duysen, Dozent an der dortigen Landwirtschaftlichen Hochschule, der bis dahin 31 Jahre lang mit seinem Lebenspartner zusammengewohnt hatte. Im emotionalen Schlussabsatz des Artikels "Transvestiten. Zum Fall Dr. Duysen" schrieb der "Vorwärts": "Der Fall Duysen mahnt zum Nachdenken" und stellte die Leserschaft vor Fragen: "Wie erzieht man die Menschen zu größerer Vorurteilslosigkeit, zur inneren Freiheit gegenüber ihren Mitmenschen, zur Aufmerksamkeit, zum Ernst und zur Liebe gegenüber dem Innenleben ihresgleichen und doch nicht ihresgleichen?" (18. November 1924; zu Franz Duysen und seinem Lebenspartner Dr. med. Kraatz siehe auch meinen Artikel auf queer.de). Es sind Fragen, die sich der "Vorwärts" auch selbst hätte stellen können.

Lesben bleiben unterrepräsentiert

Das öffentliche Leben in der Weimarer Republik war männlich dominiert und nur männliche Homosexualität war strafbar. Dementsprechend wurde in der Presse fast nur über männliche Homosexualität berichtet. Wenn über Lesben berichtet wurde, sorgten leider auch hier die Skandale für ein vollkommen verzerrtes Bild lesbischen Lebens. Neben kleineren Kriminalfällen gehörten dazu auch die größeren um das Paar Ella Klein und Margarete Nebbe (1923), um Dora Hiese (1924), Mathilde Staverock (1924) und Käthe Hagedorn (1927), die ich noch in der dritten Folge dieser Serie behandeln werde. In den Beiträgen des "Vorwärts" über die Homosexuellenszene mit ihren Bars und Kneipen geht die Thematisierung von Lesben über beiläufige Erwähnungen von sich küssenden Frauen offenbar nicht hinaus (25. Dezember 1927).

Überrascht war ich, dass bei mehreren Theaterstücken auf lesbische Nebenhandlungen verwiesen wurde. Bekannt ist vor allem Hans Kaltnekers Stück "Die Schwester". Im "Vorwärts" wird hervorgehoben, dass es darin um das "Mysterium der lesbischen Liebe" gehe (30. September 1927), wobei allerdings die lesbische Rolle "als Gipfel und Zentrum des Egoismus" charakterisiert wurde (23. Dezember 1924). Das Schauspiel "Tumult der Herzen", das von einem Autor namens Alatscheff stammen soll und in der "Vorwärts"-Rezension als "Schund" und "Dreck" verrissen wird, enthielt eine Verteidigungsrede für die lesbische Liebe (8. Juni 1927). In Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" begehren sich die Heldinnen (27. April 1928), in Alfred H. Ungers "Menschen wie du und ich" will – laut "Vorwärts" – ein "Luxusweibchen" eine "reine Mädchenblüte lesbisch verführen" (2. November 1929) und in Heinz Eules "Das Mädchen aus der Fürsorge" führt Helen die Haustocher "in die lesbische Liebe ein" (15. Juli 1931).

Auch auf zwei kleinere Beiträge im "Vorwärts" möchte ich hinweisen. 1925 berichtete die Zeitung über die Klage einer Frau, die für lesbisch gehalten wurde. Ein Mann hatte den Satz geäußert: "Mir kam das auch so vor", woraufhin er zu 50 Mark Geldstrafe wegen "Beleidigung" verurteilt wurde. Der "Vorwärts" kritisierte das Urteil, weil nur homosexuelle Handlungen unter Männern, aber nicht eine homosexuelle Veranlagung im Allgemeinen unter Strafe stehe (26. September 1925). In einem anderen Beitrag geht es um eine 15-jährige Schülerin an einem Berliner Mädchengymnasium, die angeblich gefragt habe, "wie sich der gleichgeschlechtliche Verkehr von Weib zu Weib vollziehe", keine Antwort bekommen und sich daraufhin beim Schuldirektor beschwert habe. Der preußische Kultusminister sei informiert worden und habe die Beantwortung der Frage angeordnet. Diese Geschichte, die vom "Bayerischen Kurier" veröffentlicht worden war, erwies sich jedoch als Fake. Der "Vorwärts" führte sie als Beispiel für die in Bayern von rechten Kreisen praktizierte politische Hetze gegen Preußen und Berlin an (8. Mai 1930). Es handelt sich also um keine reale Schulgeschichte, sie kann aber die damalige politische Situation verdeutlichen.

Der Film "Mädchen in Uniform"

Der Spielfilm "Mädchen in Uniform" von 1931 wird laut Wikipedia "seit den 1970er Jahren" als ein Film angesehen, aus dem "die Möglichkeit einer lesbischen Liebe herausgelesen werden kann" (Wikipedia). Dies ist ein Satz, der die mögliche zeitgenössische lesbische Rezeption als offen und recht unklar erscheinen lässt. Mir ist keine zeitgenössische Filmrezension bekannt, die die lesbische Thematik aufgreift, auch wenn ich dies nicht ausschließe. Im "Vorwärts" lassen sich vom 28. November 1931 bis zum 14. Februar 1933 rund 40 Erwähnungen des Films finden – meistens wenig aussagekräftige Kino-Werbeanzeigen. In keinem der Beiträge – auch nicht in der ausführlichen Rezension des Films vom 28. November 1931 – wird angedeutet, dass der durch die Theatervorlage bekannte lesbische Subtext erkannt wurde, vielmehr steht das noch augenfälligere Hauptthema der Geschichte im Mittelpunkt: die Kritik an autoritärer, militarisierter Erziehung. Heute hat "Mädchen in Uniform" von 1931 – wie auch das gleichnamige Remake von 1958 mit Lilli Palmer und Romy Schneider – unter Lesben einen gewissen Kultstatus.


Szene aus dem Film "Mädchen in Uniform" von 1931

Die Homosexuellenszene in Berlin

Gelegentlich berichtete der "Vorwärts" über die Berliner Homosexuellenszene mit ihren vielen Bars und Gaststätten. Dabei ging es jedoch nie um einen empfehlenden Kneipenführer oder um eine Hilfestellung für Homosexuelle. Die Absicht war vielmehr, vor dieser Szene zu warnen, besonders vor der "Verführung" Jugendlicher und vor männlicher Prostitution.

Ein Artikel über "offenes Treiben von Homosexuellen" in "etwa 150 Berliner Lokalen" verweist auf die "Verführung" von "Knaben zwischen 12 und 14 Jahren", macht aber auch deutlich, dass nur die "Verführer", aber nicht die "Verführten" bestraft werden sollten (2. März 1922). Je nachdem, wie ausführlich über Razzien in Homosexuellenlokalen berichtet wird, bieten die Artikel heute wichtige Hinweise auf die frühere Szene. Der Hinweis auf eine Razzia in einem Homosexuellenlokal in der Flottwellstraße (4. November 1922) lässt sich nicht näher verifizieren. Dagegen werden zu einer Razzia in der "August-Klause" in der Auguststraße einige reißerisch dargebotene Details genannt, wie etwa dass es sich um eine "Lasterhöhle schlimmster Art" handle, in der "wüste Orgien" stattfänden (3. Januar 1923). Anders als diesed Ereignis sind die Razzia im "Landgrafen-Kasino", früher "Pan-Palais", und die folgende Schließung dieses Lokals (17. März 1925) auch aus anderen Quellen bekannt und ich habe hier auf queer.de schon darüber geschrieben, wie auch viele andere Zeitungen darüber berichteten. Homosexuellenlokale in Berlin werden im "Vorwärts", ohne ihre Namen zu nennen, auch im Kontext von Prostitution erwähnt (24. September 1929). Zum berühmten Lokal "Eldorado" habe ich nur einen Artikel aus der NS-Zeit recherchieren können ("Neuer Vorwärts", 4. November 1934).


Werbeanzeige zur Neueröffnung des "Pan-Palais" am 28. Februar 1925 ("Fanfare", 1925, Heft 8), das nach einigen Wochen wieder schließen musste

Ähnlich kritisch waren die Berichte über sonstige Homosexuellentreffpunkte wie die Berliner Friedrichstraße mit ihren Strichern, die als "Straße der verlorenen Hoffnungen" bezeichnet wurde (26. Oktober 1930). Ein anderer Artikel erwähnt am Rande das Cruising im Tiergarten (2. August 1928).

In der Weimarer Republik gab es bereits Schwule, die sich öffentlich gegen Missstände wehrten. So machten Homosexuelle Lärm, weil sie sich die negative Darstellung von Homosexualität in einem (nicht bestimmbaren) Theaterstück in der Komischen Oper in Berlin nicht gefallen lassen wollten (28. Juni 1927). Einige Jahre später lieferten sich Mitglieder der Homosexuellenorganisation "Bund für Menschenrecht" im Süden von Berlin (Rauchfangswerder) sogar eine Schlägerei mit der Polizei (8. Juli 1930). Diese Artikel boten Schwulen wohl kaum die Möglichkeit einer Identifikation, konnten ihnen vielleicht aber das Gefühl geben, nicht alleine zu sein.

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Ablehnende Berichterstattung ab Mitte 1930

In der Kaiserzeit gab es eine engagierte Berichterstattung des "Vorwärts" über einvernehmliche homosexuelle Handlungen, die nach § 175 bestraft wurden, und über Erpressungen mit homosexuellem Hintergrund; in einem Artikel wurden sieben Erpressungsfälle genannt (6. Januar 1905). In der Weimarer Republik wurden kritische Artikel über die Strafbarkeit einvernehmlicher homosexueller Handlungen und über Erpressungen zur Ausnahme (19. Juni 1925, 17. März 1927).

Parallel zur veränderten Berichterstattung über den § 175, für dessen Streichung sich der "Vorwärts" ab Mitte 1930 (mit Ausnahme der eingangs erwähnten Zitierung des SPD-Abgeordneten Wilhelm Sollmann) nicht mehr einsetzte und der nun nur noch mit Bezug auf Ernst Röhm erwähnt wurde, veränderte sich im "Vorwärts" ab Mitte 1930 auch die Berichterstattung über schwule Männer, die nun zunehmend kriminalisiert wurden. Dazu einige Beispiele: Der junge Dieb Willi Perlewitz "trieb sich (…) in homosexuellen Lokalen herum" (20. Juli 1930), der Räuber Willi B. führe ein "unstetes Leben in homosexuellen Lokalen" (22. Juli 1930), ein Junge sei zum Räuber geworden, weil "gleichgeschlechtliche Beziehungen (…) ihn in homosexuelle Lokale" geführt hätten (7. März 1931), und ein anderer Straftäter "war in homosexuellen Lokalen verludert" (22. März 1931). Dies sind vier Beispiele aus wenigen Monaten, in denen homosexuelle Lokale mit Kriminalität in Verbindung gebracht wurden. Damit wurde die Homosexuellenszene als "homosexuelles Milieu" diskreditiert, auch wenn es diesen Begriff noch nicht gab, der sich als abwertendes Stereotyp erst in der Nachkriegszeit etablierte.

Ein anderes Beispiel für Kriminalisierung ist ein "Vorwärts"-Artikel über die Ermordung des Versicherungsvertreters Johannes Bessert: Weil dieser die "Bekanntschaft mit jungen Männern" gesucht habe, sei wohl auch der Täter in "entsprechenden Kreisen" zu suchen (4. Dezember 1932). Aus einer schwulen Opfergeschichte wird damit eine Art schwule Tätergeschichte – was heute auch als "victim blaming" bezeichnet wird.

Die Veränderung besteht anscheinend darin, dass ab 1930 das Gegengewicht weitgehend verschwand, nämlich die Kritik am § 175 und die wohlwollende Rezeption der Aufklärungsbemühungen der Homosexuellenbewegung. Übrig blieben die Berichte über Kriminalität und Razzien, die durch die homophobe Berichterstattung über Röhm gesteigert wurden. Der "Fall Röhm", an dessen Denunzierung die SPD-Presse maßgeblich beteiligt war, begann schon am Ende der Weimarer Republik. Es erschien mir jedoch angebracht, den Fall in der vierten Folge dieser Serie über die NS-Zeit geschlossen zu behandeln.


Im "Vorwärts" wurden Homosexuelle mit den Jahren immer mehr vom Opfer zum Täter – wie bei einem Jungen, der zum Räuber wurde (7. März 1931), oder in einem Beitrag über Raubüberfälle (22. März 1931)

Fazit

Magnus Hirschfeld hatte nicht nur einen guten Draht zum SPD-Politiker August Bebel, sondern auch zur "Vorwärts"-Redaktion, die sich bis 1930/1931 sehr engagiert für die Streichung des § 175 RStGB einsetzte. Es ist zu würdigen, dass das SPD-Mitglied Magnus Hirschfeld durch seine engen Kontakte über Jahrzehnte eine wohlwollende Berichterstattung über die Bestrebungen der Homosexuellenbewegung erreichte – bei näherer Betrachtung jedoch nur für sich und das WhK. Andere Teile der früheren Homosexuellenbewegung wurden vom "Vorwärts" ausgeblendet bzw. verzerrt dargestellt. Damit meine ich Adolf Brand mit seiner "Gemeinschaft der Eigenen" und Friedrich Radszuweit mit seinen vielen Homosexuellenzeitschriften und dem "Bund für Menschenrecht".

Außerdem fällt auf, dass sich das Engagement des "Vorwärts" und der SPD immer nur auf die Streichung des § 175 RStGB bezog und es damit immer nur um diese juristische und damit in gewisser Weise theoretische Ebene ging. Zu einer gleichberechtigten Lebensweise gehört jedoch noch mehr als nur nicht ins Gefängnis zu kommen. Über die Homosexuellenzeitschriften und die Homosexuellenszene mit ihren vielen Bars und Kneipen hat sich der "Vorwärts" ausschließlich abfällig geäußert. Die Zeitschriften wurden abgelehnt, die Bars und Kneipen mit Kriminalität, Prostitution und "Verführung" Jugendlicher assoziiert. Über die Razzien in Homo-Bars mit ihren Verhaftungen, die bestimmt auch zur Zerstörung sozialer Existenzen führten, wurde berichtet, diese Razzien wurden aber nicht hinterfragt. Es erscheint inkonsequent, die gesellschaftliche Situation von Homosexuellen verbessern zu wollen und gleichzeitig deren selbstgeschaffene Infrastruktur zu verteufeln. Die Zeitschriften, Bars und Kneipen waren für Homosexuelle wichtig, um Gleichgesinnte kennenzulernen.

Die politische Linie einer Zeitung ist nicht nur an den Kommentaren, sondern auch an der Auswahl der Themen ablesbar. Die strafrechtlichen Delikte, die mit Homosexuellen in Verbindung gebracht wurden, haben sich im "Vorwärts" mit den Jahren allmählich verändert. In der Kaiserzeit wurden Homosexuelle als Opfer thematisiert und die Berichte kreisten um den § 175 und um Erpressungen. In der Weimarer Republik wurden eher "Verführung", Machtmissbrauch und sexueller Missbrauch von Kindern fokussiert, wodurch die früheren Opfer nun in der medialen Wahrnehmung zunehmend zu Tätern wurden.

Was wäre, wenn ich vor 100 Jahren den "Vorwärts" gelesen hätte? Ich hätte mich anfangs über die Offenheit des "Vorwärts" gefreut und mir sehnlichst die Streichung des § 175 gewünscht. Mit der Zeit wäre ich mir über die Schwulenszene aber nur bruchstückhaft und verzerrt informiert vorgekommen. Als Kneipengänger hätte ich mich diffamiert gefühlt und hätte wohl spätestens 1930 das Abo gekündigt.

-w-