Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59824

Teil 3

Der "Vorwärts" und die Homosexualität: Magnus Hirschfeld

Vor 150 Jahren – am 1. Oktober 1876 – erschien zum ersten Mal der "Vorwärts". In der dritten Folge unserer vierteiligen Serie geht es um seine Berichterstattung über Magnus Hirschfeld.


Magnus Hirschfeld hat wie kein anderer die Homosexuellenbewegung nach außen verkörpert (Foto von 1928)

Magnus Hirschfeld hatte mit anderen Aktivisten 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt gegründet. Mit dem WhK reichte er mehrere (letztendlich erfolglose) Petitionen zur Abschaffung des § 175 RStGB ein und veröffentlichte darüber hinaus wissenschaftliche und emanzipatorische Schriften über Geschlechtervielfalt mit dem Schwerpunkt Homosexualität.

Nur Magnus Hirschfeld wirkte in die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft hinein

Mit Adolf Brand und Friedrich Radszuweit gab es zwei weitere wichtige Homosexuellenaktivisten bis 1933. Zwar waren Brand und Radszuweit aus der Perspektive der Homosexuellenbewegung durchaus einflussreich, aus der Perspektive der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft spielten sie allerdings keine große Rolle. Das gelang Hirschfeld, was wohl auch daran lag, dass er als Mediziner ein populärer Sexualwissenschaftler und -reformer war. Als Vorsitzender des WhK verstand er es, die linksliberale bürgerliche Gesellschaft für seine sexualpolitischen Ziele zu gewinnen. Der maskulinistisch argumentierende Brand war als Kopf der kleinen, elitären und kunstbeflissenen "Gemeinschaft der Eigenen" genauso wenig mehrheitsfähig wie der kommerziell agierende Populist Friedrich Radszuweit als Vorsitzender des mitgliederstarken Bundes für Menschenrecht. Magnus Hirschfeld und das WhK konnten sich auch gegenüber dem "Vorwärts" als die etablierte und "seriösere" Interessenvertretung sexueller Minderheiten, insbesondere der homosexuellen Männer präsentieren, weil sie sich auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse beriefen.

Magnus Hirschfeld und der "Vorwärts"

Bei der Auswertung der Beiträge über Magnus Hirschfeld, das WhK und das Institut für Sexualwissenschaft im "Vorwärts" ist zu berücksichtigen, dass deren hohe Anzahl von rund 480 recherchierbaren Artikeln auch auf den Umstand zurückzuführen sein dürfte, dass der Sozialdemokrat Magnus Hirschfeld als "Genosse" angesehen wurde, was nicht nur die Anzahl, sondern auch den Inhalt der Beiträge erkennbar beeinflusste. Insofern ist es verständlich, dass Hirschfeld für den "Vorwärts" zunächst ein Genosse war, sodann prominenter und stets präsenter Sexualwissenschaftler und schließlich Homosexuellenaktivist. Um eine Aussage über die Zeitung treffen zu können, ist – wie bei anderen Zeitungen auch – schon allein die Auswahl der zu berichtenden Themen relevant und nicht erst der Umstand, wie berichtet wurde. Kommentare der Redaktion sind zur inhaltlichen Einschätzung hilfreich, aber eher selten. Soweit nicht anders angegeben, beziehen sich die mehr als 80 Links in diesem Artikel auf den "Vorwärts". Ich bedanke mich bei Rainer Herrn von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft für seine Rückmeldung zu meinem Text.

Hirschfeld und die Homosexuellenbewegung

Das WhK und das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"

Dass es sich beim WhK um eine homosexuelle Interessenvertretung handelte, erfuhr die "Vorwärts"-Leserschaft vermutlich erstmals im Dezember 1902. Der "Vorwärts" hatte zuvor mit seinem Artikel "Krupp auf Capri" vom 15. November 1902 einen weitreichenden Homosexuellen-Skandal um Friedrich Alfred Krupp ausgelöst (s. Wiki). Rund zwei Wochen später druckte u. a. der "Vorwärts" eine WhK-Erklärung ab, dass der Hinweis, homosexuell zu sein, keine "Beleidigung" und "Ehrenkränkung" darstellt und dass Homosexuelle "genau so ehrenhaft" seien wie alle anderen Menschen (2. Dezember 1902). Über den Abdruck dieser Klarstellung in vielen Zeitungen wird sich Hirschfeld gefreut haben. Schon einige Wochen später konnte er sich bei der "Vorwärts"-Redaktion dafür revanchieren. Denn dem "Vorwärts" wurde vorgeworfen, den Artikel vom 15. November aus "niederen Motiven" heraus (Denunziation eines Kapitalisten) veröffentlicht zu haben. Hirschfeld hielt der Redaktion jedoch zugute, dass sie bei dem Artikel "von edlen Motiven (nämlich dem Wunsch nach Abschaffung des § 175) geleitet worden sei" (13. Januar 1903). Beide Motive sind denkbar, auch eine Mischung aus beiden.

Unter der Leitung von Magnus Hirschfeld gab das WhK seit 1899 das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität" als weltweit erste sexualwissenschaftliche Zeitschrift überhaupt heraus. Im "Vorwärts" wurde dieses Jahrbuch zwischen dem 3. Mai 1900 und dem 24. Oktober 1906 rund zehn Mal erwähnt. Damit wurde es zwar nicht rezensiert, der breiten Öffentlichkeit aber wenigstens zur Kenntnis gebracht. Der Zeitraum der Erwähnungen entspricht ungefähr der Hochzeit des Jahrbuchs, dessen Umfang in den darauffolgenden Jahren abnahm. Mit dem hier verlinkten Artikel vom 3. Mai 1900 beginnt im "Vorwärts" die Berichterstattung im Kontext von Magnus Hirschfeld und dem Komitee.


Das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1899-1923, hier Ausgaben von 1900, 1903 und 1904) war die erste wissenschaftliche Homosexuellenzeitschrift der Welt

Die Petition

Von den "Vorwärts"-Artikeln, die sich nicht nur allgemein auf den § 175, sondern speziell auf die Petition des WhK an die gesetzgebenden Körperschaften des Deutschen Reiches bezogen, möchte ich zwei hervorheben: Anlässlich der öffentlichen Debatte eines wegen homosexueller Handlungen Angeklagten hielt Hirschfeld einen Vortrag vor 600 Personen, an dessen Ende die Versammlung den Beschluss fasste, "sich der Petition an den Reichstag" anzuschließen. Dieser im "Vorwärts" abgedruckte Resolutionstext ist zwar nur ein Zitat der Versammlung, vermittelt aber den Eindruck, als identifiziere sich die Redaktion mit dem Inhalt (18. Januar 1905). Darüber hinaus belegt dieser Beitrag Hirschfelds Geschick, vor großem Publikum überzeugend für seine Ziele zu werben. Wilhelm Kauffmann lobte in seinem Artikel "Moral und Homosexualität" (7. Mai 1929) die Arbeit von Magnus Hirschfeld und verwies darauf, welche prominenten Persönlichkeiten diese Petition bereits unterstützt haben. Bemerkenswert ist die dezente Distanzierung der Redaktion von inhaltlichen Einzelaspekten von Kauffmanns Argumentation. (Noch im gleichen Jahr wurde Kauffmann wegen einer homosexuellen Beziehung aus dem Staatsdienst entlassen und wurde danach in Magnus Hirschfelds "Institut für Sexualwissenschaft" als Sekretär der 1928 von Hirschfeld mitgegründeten "Weltliga für Sexualreform" angestellt).

- Werbung -

Hirschfelds Sex-Fragebogen

Magnus Hirschfeld wurde am 7. Mai 1904 wegen Beleidigung verurteilt, nachdem er eine statistische Umfrage zur Häufigkeit der sexuellen Orientierung unter Metallarbeitern sowie Studenten der Technischen Hochschule Berlin durchgeführt hatte. Einige der befragten Studenten empfanden diese Fragen, die lediglich darin bestanden, ob sich ihr "Liebestrieb" auf Männer, Frauen oder beides richtet, als ehrverletzend und zeigten Hirschfeld an. Das Gericht gab den Studenten Recht. Bei dieser Kontroverse hat der "Vorwärts" sich sehr deutlich positioniert und Hirschfelds Vorgehen in zwei Artikeln ausdrücklich verteidigt. Dabei wurde auch auf das WhK, die Petition und deren namhafte Unterzeichner sowie viele von Hirschfelds Publikationen wie das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" und "Das Ergebnis der statistischen Untersuchungen über den Prozentsatz der Homosexuellen" verwiesen (7. Mai 1904, s.a. 28. April 1904). Der ironische Kommentar der "Vorwärts"-Redaktion zum Urteil: "Nach dieser Begründung erhält man auch für den seiner Zeit gegen Galilei geführten Inquisitionsprozess einiges Verständnis" (8. Mai 1904).

Hirschfelds Vorträge über Homosexualität

In einer Zeit, in der es die heute üblichen Massenmedien wie Fernsehen oder gar Internet nicht gab und Printmedien nicht für jeden erschwinglich waren, kam dem Vortrag eine zentrale Bedeutung für die Meinungsbildung zu. Hirschfeld hatte sich früh einen anschaulichen, leicht verständlichen Vortragsstil angeeignet, sodass er in der Lage war, vor großem Publikum überzeugend zu sprechen. Insgesamt dürfte Hirschfeld mehr als 1.000 Vorträge in seinem Leben in verschiedenen Ländern vor höchst unterschiedlichem Publikum zu sehr diversen Themen gehalten haben. Im "Vorwärts" finden sich Hinweise und Berichte aus den Jahren 1902-1930 zu rund 120 Vorträgen von ihm, die nur einen kleinen Teil davon abbilden. Thematisch interessierte sich Hirschfeld vor allem für Sexualität in all ihren Spielarten, aber auch für Themen der Lebensreformbewegung wie FKK, Erziehung, Tanz, Kleidung und Alkohol und nicht zuletzt für Politik. Hirschfelds erster (aus dem "Vorwärts" bekannter) Vortrag sollte am 26. November 1902 vor einem medizinischen Fachpublikum stattfinden, aber der "Rektor der ersten Universität Preußens", gemeint ist die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, verbot diesen Vortrag "unter besonderer Berücksichtigung des dritten Geschlechts (konträre Sexualempfindung)". Der "Vorwärts" stellt sich dabei deutlich auf die Seite Hirschfelds (26. November 1902). Aus den redaktionellen Meldungen oder aus den Anzeigen des "Vorwärts" kennen wir manchmal nur den Vortragstitel, den Ort und das Datum. Die Inhalte seiner Vorträge, wie etwa über "Das dritte Geschlecht" (s. 14. Januar 1903, 8. Februar 1903, 4. Juli 1903), lassen sich direkt aus seinen Publikationen ableiten.

Während des Ersten Weltkrieges liefen auch Hirschfelds Emanzipationsbemühungen auf Sparflamme, er hielt nur zwei Vorträge über "Kriegspsychologie" (26. Oktober 1915) und "Vom Wesen der menschlichen Persönlichkeit" (7. Juni 1917). Obwohl er SPD-Mitglied war, gab sich Hirschfeld bei seinen Vorträgen meistens recht unpolitisch. Das ändert sich, als 1919 die Weichen für die Weimarer Republik gestellt wurden. Es ist das einzige Jahr, in dem sich Hirschfeld im Rahmen von rund zehn Vorträgen auch parteipolitisch äußerte – wie bei seiner "Einführung in den Sozialismus" (4. April 1919).

Nach einem Vortrag in München wurde Hirschfeld auf offener Straße niedergeschlagen (5. Oktober 1920, s. a. Beitrag auf queer.de) und auch der "Vorwärts" brachte die (später korrigierte) Meldung von seinem Tod (11. Oktober 1920). Viele andere Vorträge konnten nicht wie geplant durchgeführt werden. Am 23. Februar 1920 wurde in Hamburg ein Vortrag über sexuelle Fragen mit Stinkbomben verhindert (24. Februar 1920). In Köln wollte Hirschfeld am 27. Oktober 1927 einen Vortrag über "Das Recht auf Liebe" halten. Dafür wurden ihm jedoch der Gürzenichsaal und der Saal der Kölner Lesegesellschaft verwehrt, sodass er auf das Reichshallentheater ausweichen musste. Mit der Überschrift "Kölnisches Muckertum" bezog der "Vorwärts" erneut sehr klar Stellung (21. Oktober 1927, s. a. 31. Oktober 1927). Es ist ein Vorfall, der in Köln auch lokal beachtet wurde und heute auf schwulen Stadtführungen vom Centrum Schwule Geschichte thematisiert wird.


Magnus Hirschfeld bei einem (inszenierten) Vortrag. Eine Filmszene aus "Anders als die Andern" von 1919

Nicht selten griff Hirschfeld in seinen Vorträgen laufende Gerichtsprozesse oder Skandale, die im weitesten Sinne mit sexuellen Fragen einhergingen, auf, andere tagesaktuelle Themen eher selten. So zum Beispiel beim Skandal um August Hasse (18. Januar 1905) oder bei seinem Vortrag über "Die Geschlechtsnot der Jugend", in dem er die Steglitzer Schülertragödie behandelte (11. November 1924; 26. März 1928). Übrigens: Hirschfeld hatte offenbar eine kräftige Stimme: Als der Sexualaufklärer Theodoor Hendrik van de Velde bei einem Vortrag mit seiner Stimme einen großen Veranstaltungsraum nicht füllen konnte und das Publikum ungeduldig wurde, kam als "Retter in der Not" Magnus Hirschfeld und las dessen Manuskript vor (23. Februar 1928).


Ein Vortrag von Magnus Hirschfeld über Homosexualität und den Fall um August Hasse ("Vorwärts", 18. Januar 1905)

Hirschfeld als Gutachter

Magnus Hirschfeld hatte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg einen Namen als meinungsstarker Sexualwissenschaftler gemacht und wurde deshalb recht häufig von der Verteidigung mit der Erstellung von Gutachten für "Sexualdelinquenten" beauftragt. Durch die Artikel im "Vorwärts" lassen sich rund 40 solcher Gutachterfälle von 1906-1930 dokumentieren. Vermutlich machten diese nur einen Bruchteil von Hirschfelds Gutachterfällen aus. Rainer Herrn macht in seinem Buch "Der Liebe und dem Leid" (2022, S. 161) darauf aufmerksam, dass das 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaft "eine vielgefragte und versierte Einrichtung für die Begutachtung von Sexualdelinquenten" war und im ersten Jahr des Bestehens fast 100 Gutachterfälle von Hirschfeld und den Mitarbeitenden übernommen wurden. Bei den meisten Gutachten ging es nicht um Homosexualität.

Im Folgenden möchte ich auf elf Strafrechtsfälle im queeren Kontext eingehen, wozu Morde und Verleumdungen mit Bezug zu Homosexualität, Verstöße gegen den § 175 RStGB, Männer in Frauenkleidung, sogenannte Transvestiten und auch "unsittliche" Literatur gehören. Der Einfluss von Gutachtern wie Hirschfeld auf die Gerichtsentscheidungen ist dabei nicht zu unterschätzen. Deutlich wird dies nicht nur in der Harden-Eulenburg-Affäre und im Fall Eichbaum, sondern auch anhand der Kurzmeldung über das Urteil zu einem Kleptomanen: Magnus Hirschfeld stand ihm vor Gericht "zur Seite", das "war sein Glück" und er wurde freigesprochen (28. Dezember 1929). Bei meinen Ausführungen geht es mir um beides: Wie berichtete der "Vorwärts" über diese Skandale und wie fielen die jeweiligen Gutachten von Hirschfeld aus. Es ging oft um den § 51 RStGB und damit um die Frage, ob der Täter als "unzurechnungsfähig" zu gelten hat und somit nicht für die Tat verantwortlich zu machen ist und infolgedessen straflos bleibt.

Die mit den Gutachten in Verbindung stehenden Skandale – vor allem der Fall Haarmann – haben in hohe, Maße die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Homosexuellen negativ beeinflusst. Ich gehe zur Zeit davon aus, dass die folgenden Gutachterfälle Haase (1912), Hiese (1924) und Staverock (1924) in der homosexuellen Geschichtsforschung bisher unbekannt sind.

Als Gutachter bei Kuno von Moltke (1907)

Wie der "Vorwärts" über die Harden-Eulenburg-Affäre mit seinen vielen anhängigen Gerichtsverfahren berichtete, habe ich bereits in der ersten Folge ausgeführt. Eine dieser Verleumdungsklagen gegen den Journalisten Maximilian Harden wurde von Kuno von Moltke eingereicht. Im anschließenden Gerichtsverfahren war Magnus Hirschfeld Gutachter. Im Gerichtsprozess vom 23.-29. Oktober 1907 sagte Magnus Hirschfeld mit Bezug auf Moltke aus, dass dieser eine "ihm selbst auch nicht bewusste Anlage, die man als homosexuell zu bezeichnen pflegt", habe (26. Oktober 1907). Damit stärkte er Harden den Rücken und Harden wurde wohl wegen dieses Gutachtens freigesprochen. Mit seinem Gutachten hatte sich Hirschfeld auf die Angaben Moltkes geschiedener Frau Lili von Elbe berufen, die über mangelnden ehelichen Beischlaf berichtete. Gegen dieses Urteil legte Moltke Berufung ein.

Im Berufungsverfahren (18.-25. Dezember 1907) widerrief Lili von Elbe ihre Aussage, woraufhin Hirschfeld sein Gutachten zurückziehen musste. Im "Vorwärts" wurde nicht nur das veränderte Gutachten von Hirschfeld abgedruckt (31. Dezember 1907, S. 6), sondern auch Hirschfelds Versuch einer Rechtfertigung, dass er "bei der veränderten Grundlage zu anderen Schlüssen" gekommen sei (31. Dezember 1907, S. 7). Das konnte ihn nicht vor einer deutlichen Kritik des "Vorwärts" in der gleichen Ausgabe (31. Dezember 1907, S. 2) bewahren. Auch der Staatsanwalt wies darauf hin, dass Hirschfeld zunächst anderer Meinung war, aber "sich bekehrt" habe (1. Januar 1908). Im zweiten Prozess wurde Harden – wohl auch hier wegen des korrigierten Gutachtens – verurteilt. Rainer Herrn zufolge ("Der Liebe und dem Leid", 2022, S. 166-167) "dürfte (dies) eine prägende Niederlage gewesen sein"; "sein Ruf als Gutachter hatte gelitten".

Als Gutachter bei Eichbaum, Haase und Ritter (1910-1913)

Der 19-jährige Kaufmann Julius Eichbaum aus Berlin-Lichterfelde fiel als "falsche Hofdame" zunächst nur deshalb auf, weil er in Frauenkleidung angetroffen und verhaftet worden war. Weil Magnus Hirschfeld seine "Unzurechnungsfähigkeit" nach § 51 RStGB attestierte und ihn auch nach Hause brachte, gab es zunächst offenbar kein gerichtliches Nachspiel (4. Oktober 1910). Ein halbes Jahr später stand diese "falsche Hofdame" (hier mit dem zweiten Vornamen "Franz Eichbaum" genannt) jedoch wegen Betruges vor Gericht. Magnus Hirschfeld sagt nun als Gutachter aus, dass für den Betrug der § 51 RStGB nicht anzuwenden sei, auch wenn Eichbaum ein "erblich schwer belasteter Mensch" sei, woraufhin dieser zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde (1. April 1911). Auf den beachtenswerten Artikel "Die falsche Hofdame vor Gericht" (In: "Medizinhistorisches Journal". 2014. S. 199-236) von Rainer Herrn hatte ich ja bereits verwiesen.

Ein Jahr später musste sich der 22-jährige homosexuelle Kassenbote Max Haase wegen Unterschlagung vor Gericht verantworten. In einigen Artikeln ging der "Vorwärts" am Rande auch darauf ein, dass er in den "Kreisen der Homosexuellen" verkehrte (24. Mai 1912). In seinem Gutachten nahm Magnus Hirschfeld zwar ebenfalls an, dass Haase einem anderen Mann sexuell hörig sei, dass aber ungeachtet dessen § 51 nicht anzuwenden sei. Daraufhin wurde Haase zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt (3. September 1912).

Bei dem Strafverfahren gegen Joseph Ritter ging es darum, dass er den 13-jährigen Schüler Otto Klähn sexuell missbraucht, ermordet und seine Leiche zerstückelt haben soll, wobei Ritters sexuelle Handlungen an einem Kind zeitgenössisch als homosexuelle Handlungen wahrgenommen wurden. Von vier "Vorwärts"-Artikeln ist der Artikel "Die Bluttat des Homosexuellen" (14. September 1913) wegen der Überschrift und der Schilderung des Tathergangs als reißerisch hervorzuheben. Magnus Hirschfeld betonte in seinem Gutachten, dass Ritters Homosexualität für die Frage der Zurechnungsfähigkeit keine Rolle spiele und dass Ritter, obwohl kein Fall von Sadismus oder Lustmord vorliegt, für ihn trotzdem ein "gemeingefährlicher Geisteskranker" sei. Weiterhin argumentierte er, entgegen seiner ansonsten bei ähnlichen Fällen geäußerten Position, dass sich die Anwendung des §51 RStGB trotzdem "nicht mit der vom Reichsgericht erforderten Sicherheit bejahen läßt". Am Ende dieses zweiten Verhandlungstages wurde Ritter zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt (24. September 1913).


Die reißerische Berichterstattung über "Die Bluttat des Homosexuellen" ("Vorwärts", 14. September 1913) in der Rubrik "Gerichts-Zeitung"

Als Gutachter bei Klein und Nebbe (1923)

In dem Prozess Klein/Nebbe ging es um die Tatverdächtige Ella Klein, die ihren Ehemann Willi Klein 1922 vergiftet haben soll. Ihre Partnerin Margarete Nebbe wurde wegen Mittäterschaft angeklagt. Der Prozess in Berlin wurde medial ausführlich begleitet. Am 16. März 1923 wurde die Haupttäterin Ella Klein zu vier Jahren Gefängnis, ihre Mittäterin zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Mindestens zehn Mal wurde im "Vorwärts" auf diesen Kriminalfall eingegangen, wobei mit der lesbischen Beziehung der beiden Frauen dezent umgegangen wurde. In dem Artikel "Die Gutachten über die Giftmischerinnen" (16. März 1923) wurden vier unterschiedliche psychiatrische bzw. sexualpathologische Gutachten u.a. von Magnus Hirschfeld aufgeführt. Einig waren sich die Gutachter, dass bei beiden Frauen eine "geistige Defektheit" und eine homosexuelle "Anlage" vorläge. Dabei sei Nebbe "der aktive männliche Teil". Unterschiede bei den Gutachten gab es bei der "Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit" nach § 51 RStGB, die einige als "stark vermindert" ansahen. Von Hirschfeld wurde die sexuelle Seite ausführlich analysiert, und er führte aus, dass die homosexuelle Natur zu ihrem "Ekel gegen ihre Ehemänner" beitrug. Zu dem breit rezipierten Strafverfahren schrieb Alfred Döblin seine Erzählung "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" (1924), die 1978 verfilmt wurde. Bei der Form der medialen Berichterstattung lassen sich Parallelen zum "Lesben-Mord-Prozess" von 1974 rund um Marion Ihns und Judy Andersen erkennen.

Als Gutachter bei Hiese und Staverock (1924)

Die Dentistin und Pflegerin Dora Hiese (1924) hatte Gelder unterschlagen bzw. gestohlen und diese für "Frauenfreundschaften" verwendet. Sie wurde daraufhin zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Artikel erschien unter der Überschrift "Halb Mann halb Weib" und spielt damit auf die in einem Gutachten behauptete Intersexualität Hieses an. Darin wurde auch darauf verwiesen, dass sie aufgrund eines Gutachtens von Magnus Hirschfeld Männerkleidung tragen durfte und folglich den polizeilich beglaubigten "Transvestitenschein" erhalten hatte (4. Januar 1924).

Mathilde Staverock (1924) musste sich gemeinsam mit Theodor Just wegen der Ermordung von Berta Raekling (bzw. Räkling) und der Zerstückelung ihrer Leiche vor Gericht verantworten. Staverock wurde vom Gericht als lesbisch und sadistisch, Just als heterosexuell und masochistisch beschrieben. Raekling war zwar einmal verheiratet, hat aber nie "eine richtige Fühlung" mit Männern gefunden (9. Mai 1924). Auf der folgenden Seite wurde auf Hirschfelds Gutachten eingegangen. Er "äußerte sich über die Bisexualität der Angeklagten, unterstrich die Häufigkeit, mit der homosexuelle Frauen das Eheglück zerstören" und ging "von einer verminderten Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten" aus. Inwiefern sein wenig einfühlsames Gutachten das Strafmaß beeinflusste, geht daraus nicht hervor. Wegen Anstiftung zum Totschlag wurde sie zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.

Kein Gutachter bei Haarmann (1924)

Wie der "Vorwärts" über den homosexuellen Serienmörder Fritz Haarmann berichtete, habe ich bereits in der zweiten Folge ausgeführt. Nach dem "Vorwärts" vom 15. August 1924 schien Magnus Hirschfeld als Gutachter zunächst "geeignet" zu sein. Hirschfeld schlug das Angebot jedoch aus (oder wurde abgelehnt) und nahm nur als Beobachter am Prozess teil. Rainer Herrn zeigt in seinem Buch "Der Liebe und dem Leid" (2022. S. 249-254) gut auf, wie Hirschfeld durch seine Veröffentlichung einen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung nahm, wobei es ihm vermutlich weniger um "seinen forensischen Standpunkt" als um eine "Schadenbegrenzung" ging, um der von einzelnen Zeitungen vorgenommenen Gleichsetzung von Homosexualität und Kriminalität etwas entgegenzusetzen.

Als Gutachter bei Vogel (1926)

In einigen Fällen erstellte Hirschfeld auch Gutachten darüber, ob es sich bei einer Publikation um eine "unzüchtige Schrift" im Sinne des § 184 RStGB handelte. Bei der Schrift des homosexuellen Autors und WhK-Aktivisten Bruno Vogel "Es lebe der Krieg" (1926/1927) verwies der "Vorwärts" auf die entlastenden Gutachten von Magnus Hirschfeld, Helene Stöcker und Thomas Mann (1. Juni 1926 und 14. Januar 1927). Zwei Jahre später wurde Bruno Vogel in Bezug auf diesen Antikriegsroman zwar freigesprochen; das Werk durfte trotzdem nur noch in zensierter Form erscheinen (28. Mai 1929. Zur Zensurgeschichte und den inkriminierten Stellen des Buches s. a. meinen queer.de-Artikel).

Als Gutachter bei Hagedorn (1927)

Die 18-jährige Käthe Hagedorn (1927) musste sich wegen sexuellem Missbrauchs und Mordes an der sechsjährigen Käthe und dem neunjährigen Friedel, ihrem Bruder, verantworten. Magnus Hirschfeld ging in seinem Gutachten von einem hormonbedingten "Sexualrausch" und davon aus, dass sie daher nicht gewusst habe, was sie tat (13. Juni 1927). Eher nebenbei verwies der "Vorwärts" auch darauf, dass Hagedorns Beziehung zu der Schauspielerin Paula C. offenbar "lesbischer Natur" war (15. Juni 1927). Schließlich wurde sie zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Als Gutachter im Rahmen der "Steglitzer Schülertragödie" (1928)

Bis heute ist die "Steglitzer Schülertragödie" (1928) bekannt. Der Oberschüler Paul Krantz (18) und Günther Scheller (19) hatten einen Selbstmordpakt geschlossen: Scheller sollte seinen Freund Hans Stephan (18) erschießen. Krantz sollte anschließend Günther Scheller, dessen Schwester und sich selbst umbringen. Günther Scheller hielt seinen Teil der Verabredung. Paul Krantz dagegen führte die geplante Tat nicht aus und wurde vor Gericht gestellt. Der "Vorwärts" ging bei der Freundschaft von Hans Stephan und Günther Scheller am Rande auch auf ihre homosexuelle Beziehung ein (9. Februar 1928). Magnus Hirschfeld war einer von mehreren Sachverständigen. Die Zeitung veröffentlichte auch eine Zeichnung von Magnus Hirschfeld aus der Gerichtsverhandlung (15. Februar 1928). Nach Hirschfeld war Krantz in der Entwicklung auf der Stufe eines 15-Jährigen stehen geblieben und "erblich erheblich belastet" (19. Februar 1928). Er wurde freigesprochen. Einige Wochen später griff Hirschfeld den Fall auch in einem Vortrag auf und machte die mangelnde sexuelle Aufklärung der Jugend für die gesamte Tragödie verantwortlich (26. März 1928). Der Fall wurde schon mehrfach verfilmt (s. Wiki), u. a. mit Daniel Brühl als Paul Krantz in "Was nützt die Liebe in Gedanken" (2004).


Eine Zeichnung von Magnus Hirschfeld (links) aus der Gerichtsverhandlung über die Steglitzer Schülertragödie ("Vorwärts", 15. Februar 1928)

Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft

Magnus Hirschfeld hatte 1919 das Institut für Sexualwissenschaft gegründet – zum einen, um die Sexualwissenschaft akademisch zu institutionalisieren, zum anderen, um dort wissenschaftliche Forschungen anzustellen, die eine Änderung des Sexualstrafrechts unterstützen konnten. Mit seinem Buch "Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933" hat Rainer Herrn die Geschichte des Instituts aufwendig und mustergültig aufbereitet (2022). Seit Hirschfeld ein Haus für die geplante Stiftung gekauft hatte (22. April 1919), berichtete der "Vorwärts" regelmäßig und mehr als 130 Mal über das Institut. Zuerst über den Tag der Eröffnung im Juli 1919 (5. Juni 1919) und darüber, dass ab September 1919 die regelmäßigen Lehrtätigkeiten aufgenommen wurden (4. September 1919). Nach einem Jahr berichtete Magnus Hirschfeld von den Besuchen von 1.100 Ärzten, von 1.200 Kursteilnehmern und von 18.000 ärztlichen Beratungen. (24. Oktober 1920). Mit dem Ernst-Haeckel-Saal wurde ein neuer Vortragssaal eingerichtet, in dem ab Januar 1922 die ersten Vorlesungen geplant wurden (21. Dezember 1921). Anfang 1924 wurde das Institut aus Hirschfelds Privatbesitz an die von Hirschfeld gegründete Dr. Magnus-Hirschfeld-Stiftung übertragen, worüber viele Zeitungen berichteten (3. Februar 1924).

Im "Vorwärts" wurden mindestens sieben Werbeanzeigen für "Titus-Perlen" gegen Impotenz veröffentlicht. Zwei verschiedene Formen der Anzeigen (s. erste Anzeige vom 5. Dezember 1929 und letzte Anzeige vom 6. Januar 1931) verwiesen auf das Institut für Sexualwissenschaft und die Magnus-Hirschfeld-Stiftung. Rainer Herrn zufolge ("Der Liebe und dem Leid". 2022. S. 366-376) waren im Institut verschiedene Präparate gegen Impotenz von Magnus Hirschfeld und seinem Mitarbeiter Bernhard Schapiro entwickelt und in Verbindung mit Pharmafirmen auf den Markt gebracht worden, wozu die nahezu identischen Präparate "Testifortan" und die "Titus-Perlen" gehörten. Bei beiden Medikamenten waren die Entwickler am Umsatz beteiligt.


Werbung für "Titus-Perlen" gegen Impotenz aus Hirschfelds Institut ("Vorwärts", 6. Januar 1931)

Das Institut und die Homosexuellenbewegung

Der größte "Vorwärts"-Artikel über das Institut erschien im Februar 1925 unter der Überschrift "Die unbekannte Wissenschaft". Hier wurden nicht nur die Verdienste von Magnus Hirschfeld und dem von ihm gegründeten Institut für Sexualwissenschaft hervorgehoben, sondern auch die gesamte Palette der Arbeitsbereiche, von der Forschung über die Beratungs- und Behandlungsmethoden sowie die sexualreformerischen Aktivitäten. Dabei wurden auch zwei in der Homosexuellenforschung bislang unbekannte Zeichnungen vom Institut und dem Ernst-Haeckel-Saal abgedruckt. Für die Redaktion ist es "selbstverständlich", dass das Institut auch von den Menschen aufgesucht wird, die ein "von der Norm abweichendes Geschlechts- und Gefühlsleben" haben, was auch als "Homosexualität" bekannt sei. Die Tätigkeit des WhK (als die homosexuelle Interessenvertretung) "und des Instituts fallen hier mehr als einmal zusammen" (22. Februar 1925, S. 5 und S. 6). "Berlin" so endet der Bericht, "kann auf das Institut (…) stolz sein." Eine hohe Bedeutung hatte z.B. der erste Kongress über "Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage" von 1921, der im Institut stattfand und über den auch der "Vorwärts" berichtete (16. September 1921, 17. September 1921).


Eine Zeichnung vom Ernst Haeckel-Saal ("Vorwärts", 22. Februar 1925) und ein Foto desselben Saales

Vom Institut sind aus dem "Vorwärts" nur einzelne Veranstaltungen im queeren Kontext bekannt, wozu u. a. der Vortrag vom Institutsarchivar Karl Giese über "Die sexuellen Zwischenstufen" am 19. Februar 1924 gehört (17. Februar 1924). Sehr ausführlich berichtete der "Vorwärts" über eine Vortragsreihe, die im Institut angesichts der bevorstehenden Reform des Sexualstrafrechts organisiert wurde, bei der die Vorträge von Magnus Hirschfeld über die "Bestrafung sexueller Triebabweichungen" und von Kriminalinspekteur a. D. Hans von Tresckow (ehemaliger Leiter der "Berliner Sittenpolizei") über "Erpressungen auf sexueller Grundlage" den Abschluss bildeten (13. August 1925). Am 25. Februar 1926 hielt Magnus Hirschfeld einen Vortrag über "Sexualität und Kleidung unter besonderer Berücksichtigung der Gepflogenheiten der Transvestiten" (25. Februar 1926) und ein Jahr später las Hanns Heinz Ewers auf Einladung des WhK Sexualpsychologisches aus seinen Werken wie "Der Tod des Jesus Maria von Friedel" über "seelischen Hermaphroditismus" (11. Februar 1927).

Dass das Institut in der Geschichte der Homosexuellenbewegung eine bedeutende Rolle spielte, ist nur bedingt an den im "Vorwärts" angekündigten Veranstaltungen ablesbar. Ein Beispiel dafür sind die in den Jahren 1926 bis 1932 durchgeführten öffentlichen Frageabende, zu deren Inhalten bestimmt auch Themen wie Homosexualität gehörten. Den rund 20 Ankündigungen im "Vorwärts" zufolge fand am 5. September 1932 der letzte Frageabend statt (4. September 1932). Mit dieser Meldung endete auch die Berichterstattung über das Institut und damit zu einem Zeitpunkt, als das Institut schon fast zwei Jahre lang ohne seinen Leiter Magnus Hirschfeld auskommen musste, denn er war im Herbst 1930 zu einer Weltreise aufgebrochen, die ihn über mehrere Kontinente 1932 zwar zurück nach Europa führte, jedoch deutschen Boden nie wieder betreten ließ.

Hirschfeld als Filmberater

Magnus Hirschfeld war bei vielleicht acht bis zehn Filmen als wissenschaftlicher Berater tätig. Vom "Vorwärts" wird Hirschfeld mit sechs Filmen in Verbindung gebracht. Bei den ersten vier der nachfolgend genannten Filme führte Richard Oswald Regie, der als Vorreiter der Aufklärungsfilme der Weimarer Republik gilt.

Vier Filme mit dem Regisseur Richard Oswald

Die beiden Filme "Sündige Mütter" (1918) über Abtreibung und "Die Prostitution" (1919) wurden mit dem Hinweis auf Magnus Hirschfeld beworben, was als Indiz für seinen Bekanntheitsgrad zu dieser Zeit anzusehen ist. Hirschfeld begriff das neue Medium Film, dem damals noch der Ruf des Unseriösen und Sensationellen anhaftete, als ideales Aufklärungsmittel. Sexuelle Aufklärung, die damals hoch umstritten war, musste daher durch medizinische Wissenschaftler legitimiert werden. (Dieses Prinzip galt übrigens auch noch ein halbes Jahrhundert später, als der Sexualwissenschaftler Hans Giese die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle legitimierte).

Zwei weitere Filme von Oswald stehen mit Homosexualität in Verbindung. "Anders als die Andern" (1919) ist auch als "Das dritte Geschlecht" bekannt. Am 29. Mai 1919 wurde die Uraufführung für "Morgen" (=30. Mai 1919) angekündigt – mit einleitenden Worten von Magnus Hirschfeld. Danach wurde der Film bis zum 8. August 1919 beworben. Schon im September 1919 kolportiert der "Vorwärts" die Frage eines Abgeordneten der Preußischen Landesversammlung, wie solche Filme denn verhindert werden können (24. September 1919). Kurz nach seinem Erscheinen trug der Homosexualität "verherrlichende Film" zur Wiedereinführung der Filmzensur bei, weil er als homosexuelle Propaganda denunziert wurde. Nunmehr war er für die breite Bevölkerung verboten und durfte nur noch vor Fachpublikum gezeigt werden. Bei einer dieser Vorstellungen vor Pädagogen und Medizinern wurde der Film gezeigt, wobei es zu einem Eklat kam: Nach einem "schreienden Zwischenruf" Richard Oswalds wurde dieser vor die Tür gesetzt (11. Oktober 1919). Acht Jahre später wurde der Film vor geladenen Gästen im Institut für Sexualwissenschaft im Dezember 1927 gezeigt (13. Dezember 1927. Der Filmtitel wird hier fälschlicherweise mit "Die Homosexualität" wiedergegeben). Zur Geschichte dieses bedeutsamen Films verweise ich auf James Steakley: "Anders als die Andern" (2007, S. 9), der die Premiere abweichend auf den 31. Mai 1919 datiert. Der Film ist heute leicht verfügbar. Das Filmmuseum München hat ihn teilrekonstruiert – einige Episoden des Films gelten als verschollen – und auf DVD veröffentlicht.


Werbung für den Film "Anders als die Andern" ("Vorwärts", 8. August 1919). Der Hinweis auf § 175 hatte offensichtlich mehr Zugkraft als der Filmtitel

Von dem Film "Gesetze der Liebe. Aus der Mappe eines Sexualforschers" von 1927 – mit einzelnen Szenen aus "Anders als die Andern" – wurden von einigen Kinos Werbeanzeigen geschaltet (u. a. 24. Februar 1928), wobei offensichtlich auch bei diesem Film ein begleitender "Vortrag eines Arztes" vorgesehen war (12. Juli 1929). Weil auch von diesem Film heute nur noch Fragmente erhalten geblieben sind, ist ein redaktioneller Beitrag im "Vorwärts" wichtig, der auf die Zensur homosexueller Filmszenen aufmerksam macht (4. Dezember 1927). Es irritiert ein wenig, dass der Film einige Monate später ohne einen Hinweis auf Magnus Hirschfeld angekündigt wurde (12. Juli 1929) und sogar mit dem Hinweis "mit Vortrag eines Arztes" (24. Februar 1928). Hirschfelds Name war wohl zum Reizwort für die Verantwortlichen der Filmzensur geworden, sodass man versuchte, den ohnehin heiklen Film ohne Nennung seines Namens zu vermarkten.

Zwei Filme ohne den Regisseur Richard Oswald

Anfang der 1930er Jahre erschienen – ohne die Regiearbeit von Richard Oswald – zwei Filme, bei denen im "Vorwärts" ein Namensmissbrauch angedeutet wird. Bei dem Film "Das Recht auf Liebe" (1930) über Soldaten des Ersten Weltkrieges wird Magnus Hirschfeld als Mitautor des Drehbuchs genannt. Etwas unklar bleiben die Formulierungen im "Vorwärts", der mit Blick auf Magnus Hirschfeld betont, dass weite Kreise "gegen den Missbrauch seines Namens für diesen Film" protestieren (18. Januar 1930).

Eine andere Form eines Namensmissbrauchs deutet sich bei dem Film "Liebe ein Naturgesetz" (offiziell 1933, faktisch aber schon 1932 erschienen) an. Der Film über die Liebe zwischen Mann und Frau wurde im "Vorwärts" zwischen Januar und August 1932 mehrfach von Kinos beworben (s. 17 Werbeanzeigen). Der Film hatte keine Jugendfreigabe und es war offensichtlich notwendig, ihn mit einem medizinischen Vortrag einzuleiten, was wohl meistens ein Dr. Edwards übernahm (16. Februar 1932). In einer Anzeige wurde betont, dass der Film mit einem ärztlichen Vortrag "nach Dr. Magnus Hirschfeld" stattfand (12. August 1932), was wohl eine Beteiligung von Magnus Hirschfeld suggerieren sollte, der sich aber in dieser Zeit aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr in Deutschland aufhielt.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Hirschfelds letzte Jahre

Das jahrzehntelange Verhältnis von Magnus Hirschfeld und der "Vorwärts"-Redaktion war bis 1930 so eng und erfolgreich, dass die Beiträge über Hirschfeld fast als Hofberichterstattung bezeichnet werden können. Hirschfeld wiederum half dem "Vorwärts" mit Stellungnahmen aus und schaltete im "Vorwärts" zwischen dem 10. August 1910 und dem 10. August 1924 mindestens elf Werbeanzeigen für seine Praxis. Nach eigenen Angaben war Hirschfeld "Abonnent des 'Vorwärts' (…) vom ersten Tage seines Erscheinens und bin es bis heute (…) geblieben" ("Von einst bis jetzt", 1986, S. 154). Diese Äußerung von 1922/23 ist vielleicht auch als Werbung für seinen langjährigen Medienpartner zu sehen. Zu Hirschfelds 60. Geburtstag gratulierte ihm der "Vorwärts" (14. Mai 1928) und verwies auf seine großen Verdienste als Sexualwissenschaftler. Dabei wurden auch seine "speziellen" Veröffentlichungen über Homosexualität genannt, außerdem wurde er als "rühriger Vorkämpfer für fortschrittliche Ideen" (wie der Legalisierung der Homosexualität) bezeichnet. Ende 1930 wurde noch darüber berichtet, dass Hirschfeld im Oktober und November als Redner auf zwei verschiedenen Kundgebungen gegen den § 218 auftrat (30. September 1930, 12. November 1930), ein Thema, das angesichts der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise kontrovers diskutiert wurde. Hirschfeld plädierte erst seit dieser Zeit neben der eugenischen auch – im Sinne der Frauenrechte – für die soziale Indikation der Abtreibung. Am 15. November 1930 trat Hirschfeld eine Forschungsreise in die USA an. Von dieser Reise kehrte er nie zurück. Aus berechtigter Sorge um seine Sicherheit betrat er danach nie wieder deutschen Boden.


Eine Würdigung zu Hirschfelds 60. Geburtstag ("Vorwärts", 14. Mai 1928)

Vom "Vorwärts" totgeschwiegen

Der "Vorwärts" bzw. der "Neue Vorwärts" erschien noch zehn weitere Jahre. Zehn lange Jahre, in denen Magnus Hirschfeld totschwiegen wurde. Weder wurde den Leser*innen erklärt, warum er nicht mehr nach Berlin zurückkehrte, noch dass das Institut für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933 geplündert wurde; auch einen Nachruf gab es nicht, als Hirschfeld 1935 im Exil starb. Im Gegensatz zu anderen Zeitungen erschienen im "Vorwärts" nie Schmähartikel über Hirschfeld.


Die Plünderung der Institutsbibliothek von Nazis im Mai 1933

Dass die Redaktion des "Vorwärts" Anfang 1933 ebenfalls ins Exil musste, ist aus zwei Gründen erwähnenswert. Zum einen hätten sie ihrem alten SPD-Genossen Hirschfeld, der ebenfalls ein Opfer des Faschismus geworden war, mehr Empathie und Aufmerksamkeit entgegenbringen können. Zum anderen waren sie im Exil frei, um mit dem "Neuen Vorwärts" bis 1940 die Faschisten in Deutschland zu bekämpfen, wie sie es ja auch in anderen Bereichen taten. Die politische Stimmung hatte sich aber gedreht. Die Homosexuellen wurden nun von den Nazis als Staatsfeinde verfolgt, und die Sozialdemokraten standen meistens achselzuckend daneben.

-w-