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Teil 4
Der "Vorwärts" und die Homosexualität: Die NS-Zeit
Vor 150 Jahren – am 1. Oktober 1876 – erschien zum ersten Mal der "Vorwärts". In der NS-Zeit kämpfte die Zeitung aus dem Exil gegen das NS-Regime und schwule Nazis wie Ernst Röhm.

Ernst Röhm und das Stereotyp des schwulen Nazis prägten die Berichterstattung über Homosexualität im "Vorwärts" und im "Neuen Vorwärts" von 1931 bis 1940 (Bild: Bundesarchiv / wikipedia)
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4. Oktober 2026, 04:41h 9 Min.
Die Homosexuellen und der "Vorwärts" in der NS-Zeit
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Homosexuellenbewegung gewaltsam und nachhaltig zerschlagen. Das Institut für Sexualwissenschaft wurde geplündert. Die Vereine und Organisationen lösten sich auf; die Homosexuellenzeitschriften konnten nicht mehr erscheinen. Homosexuelle wurden nun als Staatsfeinde angesehen und viele in Konzentrationslagern ermordet.
Der Parteivorstand der SPD musste ins Ausland fliehen, die gesamte Presse der Partei wurde verboten. Im Exil erschien die SPD-Zeitung – die nun "Neuer Vorwärts" hieß – von Juni 1933 bis Mai 1940, zunächst in Prag, ab 1938 in Paris bis zum deutschen Einmarsch in Frankreich. Die Berichterstattung über Homosexualität in diesen Jahren war homophob und vom Kampf gegen schwule Nazis wie Ernst Röhm geprägt.
Die Vorgeschichte: Der schwule Nazi als stereotypes neues Feindbild
Seit 1931 entstand das Stereotyp vom schwulen Nazi, wozu vor allem die politisch motivierte Thematisierung von Ernst Röhms Homosexualität beitrug. In der hehren Absicht, den Faschismus zu bekämpfen, bekämpfte der "Vorwärts" nun auch schwule Faschisten.
Seit Jahrzehnten war auch im "Vorwärts" der Begriff "drittes Geschlecht" als emanzipatorische Selbstbezeichnung bekannt (z. B. 14. Januar 1903). Nun formulierte der "Vorwärts" die Überschrift "Drittes Reich und drittes Geschlecht" (19. April 1932; 23. April 1932), als würden diese beiden Begriffe zusammengehören und als wären sie irgendwie deckungsgleich. Zu dieser Form der Diskreditierung gehörten auch "Schwul-Heil!"-Zwischenrufe im preußischen Landtag (18. März 1932).
Nach Meinung des "Neuen Vorwärts" wurde das "Dritte Reich zum allergrößten Teile von Homosexuellen regiert". Als prominentes Beispiel wurde Karl Ernst genannt, der Stammgast im "Eldorado", dem angeblichen "Stammlokal und Hauptquartier der homosexuellen SA", gewesen sei. Ernst Röhm habe sich in ihn verliebt, woraufhin Karl Ernst den Spitznamen "Frau Röhm" bekommen habe ("Neuer Vorwärts", 4. November 1934). Solche Artikel stellten sexuelle Denunzierungen auf homosexueller Grundlage dar, die im "Neuen Vorwärts" regelmäßig zu finden waren. So habe der 30-jährige Heinrich Eichen als Führer in der Hitlerjugend (HJ) "Burschen" "zur Homosexualität verführt" ("Neuer Vorwärts", 9. September 1935) und als der NS-Funktionär Hans Severus Ziegler Vorsitzender der Schiller-Stiftung wurde, betonte die Redaktion: "In seinen Mußestunden betätigte er sich homosexuell" ("Neuer Vorwärts", 24. November 1935). Wie der "Vorwärts" und der "Neue Vorwärts" das Stereotyp vom schwulen Nazi aufgriffen, lässt sich am besten an den prominenten Nazis Hanns Heinz Ewers, Edmund Heines, Karl Ernst und vor allem Ernst Röhm aufzeigen.
Der schwule Nazi Hanns Heinz Ewers
Der spätere Bestsellerautor Hanns Heinz Ewers veröffentlichte seine ersten Texte in der Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene". Der "Vorwärts" berichtete 1927 darüber, dass Ewers auf Einladung des Instituts für Sexualwissenschaft aus seinen Werken las (11. Februar 1927). Als Ewers am 1. November 1931 der NSDAP beitrat, veränderte sich die Sicht auf ihn. Der "Vorwärts" schrieb nun von Ewers' sensationslüsternen Veröffentlichungen und davon, dass er nun ein "strammer (…) Nazi" geworden sei (3. November 1931). Auch wegen seines 1932 erschienenen Horst-Wessel-Romans wurde Ewers nun als "Hitlerbarde" bezeichnet, der die "schwüle, schlüpfrige, zotige" Literatur pflege ("Neuer Vorwärts", 6. August 1933). Für Ewers als "Hofpoet des Hitlerstaates" seien "Bettfragen (unnatürlichster Art) (…) schon immer sein Lieblingsthema" ("Neuer Vorwärts", 20. August 1933).

Hanns Heinz Ewers, der am 1. November 1931 der NSDAP beitrat
Der schwule Nazi Ernst Röhm
Aus der Neujahrsansprache Adolf Hitlers vom 1. Januar 1931 las der "Vorwärts" die "Prophezeiung (heraus), daß noch im Lauf des Jahres 1931" offenbar mit Ernst Röhm eine NS-Diktatur in Deutschland errichtet werden solle (1. Januar 1931). Eine solche Interpretation ist aus der Rede nicht ableitbar und aus der politischen Situation heraus nicht plausibel. Fest steht, dass Ernst Röhm von Adolf Hitler am 5. Januar 1931 zum Stabschef der SA ernannt wurde. Durch diese Ernennung rückte Röhm, dessen Homosexualität allgemein bekannt war, schlagartig ins politische Rampenlicht und bot für die politischen Gegner*innen der NSDAP eine perfekte Angriffsfläche. Zwischen der Ernennung Röhms zum Chef der SA und der Denunziationskampagne ist ein unmittelbarer Zusammenhang zu sehen.
An der anti-homosexuellen Denunziationskampagne ab April 1931 beteiligten sich sozialdemokratische, kommunistische und bürgerliche Zeitungen – in der hehren Absicht, auf diese Weise den Faschismus zu bekämpfen. Den Anfang machte die sozialdemokratische "Münchener Post" am 14. April 1931 – viele andere Zeitungen zogen nach. Der "Vorwärts" machte zunächst nur eine Andeutung zur "Affäre Röhm" (3. Juni 1931), holte dann aber aus mit dem großen Artikel "Enthüllungen aus dem Braunen Haus" (25. Juni 1931). Dabei handelte es sich weitgehend um einen Nachdruck von Briefen, die die "Münchener Post" in den vorherigen Tagen veröffentlicht hatte und "die sich vor allem mit den homosexuellen Neigungen des Kreises um Röhm beschäftigten". Danach erschienen unzählige Beiträge über Röhm, die aus Artikeln, Witzen und Karikaturen bestanden.
"Witzige" Texte über Röhm
Es fällt auf, dass viele Textbeiträge im "Vorwärts" über Ernst Röhm humoristisch sein wollten. Hierzu gehörten Gedichte von eher minderer Qualität: "Deutschland wach auf und Hitler heil / Hoch Röhm und hoch das Hinterteil" (9. August 1931) oder auch "Nebenan hat Röhm sich sehr geziert / 'Huch, ich bin ja noch nicht manikürt'" (1. Dezember 1932). Mit Wortspielen wurde Röhms Name verballhornt in Überschriften wie "Das röhmische Prinzip" (7. März 1932), "Röhm und die 'Röhmlinge'" (13. März 1932) und "Röhmisches, aber nicht Katholisches" ("Neuer Vorwärts", 15. August 1937). Weitere Wortspiele und Witze folgten, etwa die Frage, ob Röhm, der "Warme", von Hitler "kaltgestellt" worden sei (18. November 1932). Die Männer um Röhm wurden als "Mädchen in Uniform" bezeichnet und in einem nacherzählten Witz wurde einem schwulen SA-Führer der Satz in den Mund gelegt: "Nero hat Rom angesteckt, ich habe Röhm angesteckt" ("Neuer Vorwärts", 18. März 1934; s. a. "Neuer Vorwärts", 15. Juli 1934). Der Humor bezieht sich vor allem auf zwei Bereiche: zum einen auf die "Verweiblichung" Röhms und zum anderen auf Analverkehr. Ähnliches gilt für die abgedruckten Karikaturen.
Karikaturen zu Ernst Röhm
Zur sexuellen Denunziationskampagne gegen Röhm gehörten auch Karikaturen, die mit ihren sexuellen Anspielungen noch deutlicher als die redaktionellen Texte ausfielen. Sie reichten zeitlich von der anfänglichen Verteidigung Röhms durch Adolf Hitler bis zu Röhms Ermordung 1934. Im "Vorwärts" wurden vor 1933 mindestens sechs Karikaturen zu Röhm veröffentlicht: "Hitlers Falstaffgarde" (21. Februar 1931), "Amor im Braunen Hause" (26. Juni 1931), "Geschenk für Hitlers Stabschef" (9. März 1932), "Rollkommando Heines" (14. Mai 1932), "Röhms Mordsangst" (5. Oktober 1932) und "Deutsches Lachkabinett" (6. Oktober 1932). Zur historischen Einordnung verweise ich auf meinen queer.de-Artikel "'Amor im Braunen Hause': Darf man über Röhm-Karikaturen lachen?". Hier vergleiche ich diese sechs "Vorwärts"-Karikaturen nicht nur mit solchen aus anderen Zeitungen, sondern auch mit Karikaturen, die zur Eulenburg-Affäre (1907-1909) publiziert wurden, wodurch sich historische Kontinuitäten aufzeigen lassen. Dazu gehört die Visualisierung der "Parade von hinten", die auf Analverkehr hindeutet. Dieses Motiv wurde auch in der wohl bekanntesten Röhm-Karikatur des "Vorwärts", "Amor im Braunen Hause" (s. o.), aufgegriffen. Die historischen Kontinuitäten zeigen deutlich, dass eine Gesellschaft über Jahrzehnte zum Thema Homosexualität nichts dazugelernt hatte.

In der Röhm-Karikatur "Amor im Braunen Hause" wird mit der "Parade von hinten" auf Analverkehr angespielt
Der "Röhm-Putsch", Edmund Heines und Karl Ernst
Als sogenannten "Röhm-Putsch" bezeichnete die Nazi-Führung die Ereignisse, bei denen auf Hitlers Befehl Führungskräfte der SA einschließlich des SA-Chefs Ernst Röhm ermordet wurden. Die NS-Propaganda rechtfertigte die Morde mit der unwahren Behauptung, dass die SA unter Röhm einen Putsch geplant habe. In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1934 wurden Ernst Röhm und weitere Funktionäre der SA-Führung wie Edmund Heines und Karl Ernst auf Hitlers Anweisung ermordet. Der "Neue Vorwärts" veröffentlichte dazu eine Titelgeschichte: "Hitlers blutiger Verrat!". Darin betonte die Zeitung, dass die Taten "in den Bereich des politischen Mordes" fielen. Es sei eine "wohlvorbereitete Massenabschlachtung", die die Mörder "gegen ihre eigenen Spießgesellen" ausgeführt hätten ("Neuer Vorwärts", 8. Juli 1934, S. 1, 2, 7).

Titelgeschichte zum "Röhm-Putsch": "Hitlers blutiger Verrat!" ("Neuer Vorwärts", 8. Juli 1934)
Mehrere Jahre später ging der "Neue Vorwärts" in zwei Artikeln nochmals auf die Ereignisse ein. Darin wurde betont, dass sich die drei "Schweinehunde" Röhm, Heines und Ernst nicht von den anderen Nazis unterschieden hätten ("Neuer Vorwärts", 30. August 1936). Alle drei seien Hitler seit mehr als zehn Jahren "vor dem 30. Juni als aktive Homos bekannt (gewesen). Sie blieben trotzdem seine Lieblinge; er machte die Böcke zu Gärtnern" ("Neuer Vorwärts", 6. Juni 1937).

Die beiden schwulen Nazis Edmund Heines und Karl Ernst
Resümee
Die Nationalsozialisten hatten schon lange vor 1933 das gesellschaftliche Klima vergiftet. Die Berichterstattung des "Vorwärts" über Homosexuelle veränderte sich nicht erst im Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und auch nicht im Juni 1931 mit Beginn der Röhm-Denunziation. Eine kriminalisierende Berichterstattung hatte es auch schon vorher gegeben, zum Teil parallel zur Unterstützung der Forderung nach Abschaffung des § 175. Die Veränderung ab 1930 bestand darin, dass die homosexuellenfreundlichen Anteile der Berichterstattung verschwanden und die schon vorher gleichzeitig vorhandenen kriminalisierenden Anteile blieben und mit der Röhm-Kampagne sogar noch zunahmen. Die Homosexuellen, für die sich die Zeitung zuvor jahrzehntelang stark gemacht hatte, schien es nicht mehr zu geben. Früher ging es in den Berichten um gleichaltrige Männer, die miteinander Sex hatten bzw. erpresst wurden – und die damit Opfer des § 175 bzw. von Erpressern wurden. Mit der veränderten Berichterstattung waren Schwule nicht mehr Opfer, sondern Täter.
Mit diesem Artikel, der sich gegen das Stereotyp bzw. das Klischee vom "schwulen Nazi" wendet, soll nicht bestritten werden, dass es "schwule Nazis" gab. Es gab sie wie schwule Kommunisten, Liberale und Sozialdemokraten. Nur das Stereotyp an sich ist problematisch, weil dadurch Homosexualität zu einer angeblichen Ursache und zum angeblichen Kennzeichen von Faschismus erklärt wird, was es nicht ist.
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Ein Satz hat mich kurz nachdenklich gemacht: Nach Ansicht der Redaktion war Röhm dafür "bekannt, daß er nicht nur homosexuell ist (das wäre eine Privatsache), sondern auch Jugendliche mißbraucht" ("Neuer Vorwärts", 1. Oktober 1933). Ist das Alter der Sexualpartner von Röhm überhaupt bekannt? Zielte die Denunziationskampagne nur auf den Schutz Jugendlicher in einem Abhängigkeitsverhältnis? Nein, denn die Kampagne war erkennbar nicht auf den Schutz von Opfern ausgerichtet, sondern eine politisch-taktische Aktion, mit der die NSDAP geschwächt werden sollte.
Der "Neue Vorwärts" verurteilte die Ermordung Röhms und anderer homosexueller SA-Führer 1934 scharf und kritisierte damit auch die Tatsache, dass das NS-Regime Morde als Mittel staatlicher Politik einsetzte. Es wird aber auch deutlich, dass die Haltung der Zeitung von klarer Abscheu vor den Opfern geprägt war. Aus ihrer Perspektive haben brutale Mörder ihre eigenen Komplizen aus dem Weg geräumt. Die Kritik am Faschismus und das Einfordern von demokratischen Prinzipien sind edle Motive der Zeitung. Zu Opfern eines Mordattentates eine abschätzige Haltung einzunehmen, ist nicht per se illegitim. Der "Vorwärts" ist jedoch dafür zu kritisieren, dass seine abschätzige Haltung gegenüber allen Homosexuellen nur einer homophoben Sichtweise entspringt.
Das 1931 in den Vordergrund getretene und für die Berichterstattung des "Vorwärts" so einflussreiche Stereotyp vom schwulen Nazi lebte übrigens nach dem Zweiten Weltkrieg in der Popkultur fort. Es waren auch die schwulen Filmemacher Luchino Visconti ("Die Verdammten") und Pier Paolo Pasolini ("Die 120 Tage von Sodom"), die im Filmgenre der Naziploitation das Stereotyp aufgriffen und unterstützten. Die Verknüpfung von SM-Ästhetik, Lederuniformen und bestimmten sexuellen Praktiken etablierte den "schwulen Nazi" als popkulturelles Motiv.
Insofern ist es umso wichtiger, darauf hinzuweisen, dass dieses Stereotyp die historische Realität vollkommen verzerrt. Es steht in diametralem Widerspruch zur systematischen, brutalen Verfolgung Homosexueller durch das NS-Regime.
















