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- 17. Februar 2007 3 Min.
Ein orakelnder Helmut Berger, schwafelnde Moderatoren und gute Jury-Entscheidungen: Der schwul-lesbische Filmpreis wurde vergeben.
Von Christian Scheuß
Helmut Berger hatte seinen Auftritt, wie man ihn aus Talkshows der vergangenen Jahre gewohnt ist: Entweder unter Drogen, Medikamenten oder Alkohol stakst er auf die Bühne, lässt sich dort auf ein Sofa fallen und spricht mit schwerer Stimme merkwürdige Dinge. Etwa: "Warum soll man immer Äpfel essen, wenn man Erdbeeren naschen kann." Oder "Ich freue mich, das die Deutschen nach 40 Jahren aufgewacht sind, und mir einen Preis geben." Und: "Man kennt ja das Leben". Der Schauspieler erhielt am Freitagabend den "Special Teddy Award" für sein Gesamtwerk, und gibt die dadaistische Vorstellung eines Mannes, der sämtliche Abgründe des Lebens kennt. Die Moderatoren stehen hilflos vor ihm. Wissen nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen.
Zum 21. Mal wurde der schwul-lesbische Filmpreis, der Teddy Award, im Rahmen der Berlinale vergeben. Der weltweit einzige Preis dieser Art, der im Rahmen eines sogenannten A-Festivals – also eines besonders wichtigen Filmfestes – vergeben wird. Die acht Mitglieder der Teddy-Jury, die aus dem Kreis schwuler oder lesbischer Filmfestivalmacher und -macherinnen gewählt werden, sichteten Filme aller Sektionen des Festivals, die in einem schwulen, lesbischen und/oder transgender Kontext standen. Der Teddy wird jeweils in den Kategorien Bester Spielfilm, Bester Dokumentar-/Essayfilm und üblicherweise Bester Kurzfilm vergeben.
Bester Spielfilm war in diesem Jahr Ci Quing - Spider Lilies. Der Film handelt von einem Cybersex- Mädchen und seiner Beziehung zu einer Tattoo-Künstlerin. Die Regisseurin Zero Chou aus Taiwan kann sich nun über 3.000 € freuen, gestiftet vom Teddy e.V. mit Unterstützung der Berliner schwul lesbischen Szene und ihrer diversen Spenderinnen und Spender. Der Teddy für den besten Dokumentarfilm, ebenfalls dotiert mit 3.000 €, gestiftet vom schwul lesbischen Förderverein elledorado e.V., ging an "A Walk Into The Sea". Es ist die Rekonstruktion des Lebens des Pop-Art-Künstlers Danny Williams. Da es in diesem Jahr keine Kurzfilme im Programm gab, konnte dafür auch kein Preis vergeben werden. Was die Jury ausdrücklich kritisierte: "Wir hoffen aufrichtig, dass diese Situation nicht die Zukunft des LGBT-Films in diesem Festival aufzeigt, das in der Vergangenheit maßgeblich bei der Entdeckung und Vorstellung solcher Arbeiten im Rahmen einer Veranstaltung von internationaler Bedeutung beteiligt war," hieß es in ihrer Stellungnahme. Erstmals in diesem Jahr wurde ein Zuschauerpreis vergeben, gestiftet von der Autofirma Volkswagen. "Notes On A Scandal", die Geschichte einer lesbischen Lehrerin, gespielt von Judi Dench, überzeugte die Kinobesucher.
Insgesamt lobte die Jury die große Bandbreite und Qualität der Produktionen, die sie gesehen hatten. Und Wieland Speck, einer der Väter des Teddy-Awards, freute sich, das die Zahl der lesbischen Filme in diesem Jahr bedeutend höher war. Weniger gelungen war allerdings die Preisverleihung, die von mehreren tausend Besuchern im Hangar 2 am Flughafen Tempelhof besucht wurde. Unsichere und mit Plattitüden um sich werfende ModeratorInnen sowie peinliche Interviewblöcke zu Aids und antischwuler Gewalt ließen das Publikum schnell unruhig auf den Stühlen hin- und herrücken. Man sehnte sich die anschließende Party herbei. Helmut Berger hatte schon Recht: Warum Äpfel essen, wenn man Erdbeeren naschen kann. Er kennt schließlich das Leben.
17.02.2007
Links zum Thema:
» www.teddyaward.org
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