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- 25. Mai 2007 3 Min.
Plädoyer für eine radikale neue Definition des Familienbegriffs.
Von Micha Schulze
Niemand hätte gedacht, dass ausgerechnet unter der Großen Koalition Patchworkfamilien von der Politik erstmals gewürdigt werden, ja generell Bewegung in die Familienpolitik geraten ist. Während Rot-Grün schwul-lesbische Partnerschaften salonfähig gemacht hat, wagt sich Schwarz-Rot an eine komplette Neudefinition des Familienbegriffs. Die verantwortliche Ministerin Ursula von der Leyen, CDU-Mitglied und Mutter von sieben Kindern, schwärmt in regelmäßigen Abständen von der Großfamilie, und selbst der Bundespräsident stellt fest: "Familie ist da, wo Kinder sind" - und schließt bewusst unverheiratete wie homosexuelle Paare mit ein. Nur einige CSU-Hinterbänkler trauern noch der klassischen, auf Lebenszeit angelegten Hetero-Ehe mit ein, zwei Kindern als "Keimzelle des Staates" hinterher.
So weit, so gut. Doch die Lebenswirklichkeit in Deutschland ist noch weitaus vielfältiger, als es Ursula von der Leyen und Horst Köhler immerhin einzugestehen bereit sind. Auch ohne Kinder, ohne Trauschein, ohne eine sexuelle Beziehung und ohne ein lebenslanges Versprechen stehen Menschen füreinander ein und sind bereit, miteinander Verantwortung zu übernehmen – nicht nur in wilden und "echten" Ehen, Patchwork- und Regenbogenfamilien, sondern auch in Dreierbeziehungen, Wohn- oder Hausgemeinschaften und vielen anderen frei gewählten Lebensweisen, denen die Privilegien einer Ehe oder Eingetragenen Lebenspartnerschaft verwehrt sind.
Das progressive "Zukunftsforum Familie" (ZFF) formuliert es so: "Familie ist überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, Sorge tragen und Zuwendung schenken." In der Tat ist es höchste Zeit für eine radikale Neudefinition des Familienbegriffs.
Geborgenheit, Anteilnahme, Wertschätzung, Verbindlichkeit, Förderung - was viele Menschen in ihrer Herkunftsfamilie nie erfahren haben, finden sie in ihrer ganz persönlichen Wahlfamilie. Nur sehr selten stecken hinter den modernen Familien abstrakte Lebensentwürfe oder gar politisch-ideologische Utopien. Auch die meisten Kommunen und ehemaligen Hausbesetzer sind mittlerweile längst in der Realität angekommen. Die modernen Familien haben sich völlig unspektakulär aus gelebtem Alltag entwickelt. Die Macht der Liebe, persönliche Wünsche und Ziele und natürlich der Zwang, auf einem immer schwieriger werdenden Arbeitsmarkt Geld verdienen zu müssen, können das eigene Leben und das der Partner gehörig durcheinander wirbeln. Beispiele findet sicher jeder im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis. Nur die Politik tut sich nach wie vor schwer, diese neuen Beziehungsstrukturen und Netzwerke anzuerkennen und zeitgemäße Antworten in der Familienpolitik zu finden.
Vielleicht sollten manche Politiker einfach mal in alten Comicheften blättern. Wer kennt nicht den allein erziehenden "Onkel" Donald, der zusammen mit seinen drei Neffen Tick, Trick und Track in einem Ein-Familien-Haus in Entenhausen lebt? Gelegentlich kommt "Tante" Daisy zu Besuch, die mit Donald allerdings ein eher amouröses denn verwandtschaftliches Verhältnis pflegt. Ihre Ferien verbringen die Tick, Trick und Track stets bei "Oma" Duck, die nur von Donalds "Onkel" Dagobert bei ihrem Vornamen "Dorette" genannt wird…
Kurzum: Eine im Großen und Ganzen glückliche Großfamilie. Und Generationen von Lesern der "Lustigen Taschenbücher" haben sich nie an fehlendem Trauschein und den völlig undurchschaubaren Beziehungen gestört…
Der Text ist ein Auszug aus dem Vorwort zum neuen Buch "Alles, was Familie ist", hrsg. von Christian Scheuß und Micha Schulze, erschienen im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf.
25. Mai 2007
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ich wette, dies gewählte Foto wird samt entsprechendem Kommentar alsbald in "kreuz.net" eingehender Würdigung bedacht...
vielleicht sogar ganz zu Recht. Wer von uns würde sich schon wünschen, in einer Patchwork-WG aufgewachsen zu sein mit Eltern, die alle paar Monate/Jahre entscheiden, ob sie noch Eltern sein wollen...
Tom