Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?6986

Plädoyer für eine radikale neue Definition des Familienbegriffs.

Von Micha Schulze

Niemand hätte gedacht, dass ausgerechnet unter der Großen Koalition Patchworkfamilien von der Politik erstmals gewürdigt werden, ja generell Bewegung in die Familienpolitik geraten ist. Während Rot-Grün schwul-lesbische Partnerschaften salonfähig gemacht hat, wagt sich Schwarz-Rot an eine komplette Neudefinition des Familienbegriffs. Die verantwortliche Ministerin Ursula von der Leyen, CDU-Mitglied und Mutter von sieben Kindern, schwärmt in regelmäßigen Abständen von der Großfamilie, und selbst der Bundespräsident stellt fest: "Familie ist da, wo Kinder sind" - und schließt bewusst unverheiratete wie homosexuelle Paare mit ein. Nur einige CSU-Hinterbänkler trauern noch der klassischen, auf Lebenszeit angelegten Hetero-Ehe mit ein, zwei Kindern als "Keimzelle des Staates" hinterher.

So weit, so gut. Doch die Lebenswirklichkeit in Deutschland ist noch weitaus vielfältiger, als es Ursula von der Leyen und Horst Köhler immerhin einzugestehen bereit sind. Auch ohne Kinder, ohne Trauschein, ohne eine sexuelle Beziehung und ohne ein lebenslanges Versprechen stehen Menschen füreinander ein und sind bereit, miteinander Verantwortung zu übernehmen – nicht nur in wilden und "echten" Ehen, Patchwork- und Regenbogenfamilien, sondern auch in Dreierbeziehungen, Wohn- oder Hausgemeinschaften und vielen anderen frei gewählten Lebensweisen, denen die Privilegien einer Ehe oder Eingetragenen Lebenspartnerschaft verwehrt sind.

Das progressive "Zukunftsforum Familie" (ZFF) formuliert es so: "Familie ist überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, Sorge tragen und Zuwendung schenken." In der Tat ist es höchste Zeit für eine radikale Neudefinition des Familienbegriffs.

Geborgenheit, Anteilnahme, Wertschätzung, Verbindlichkeit, Förderung - was viele Menschen in ihrer Herkunftsfamilie nie erfahren haben, finden sie in ihrer ganz persönlichen Wahlfamilie. Nur sehr selten stecken hinter den modernen Familien abstrakte Lebensentwürfe oder gar politisch-ideologische Utopien. Auch die meisten Kommunen und ehemaligen Hausbesetzer sind mittlerweile längst in der Realität angekommen. Die modernen Familien haben sich völlig unspektakulär aus gelebtem Alltag entwickelt. Die Macht der Liebe, persönliche Wünsche und Ziele und natürlich der Zwang, auf einem immer schwieriger werdenden Arbeitsmarkt Geld verdienen zu müssen, können das eigene Leben und das der Partner gehörig durcheinander wirbeln. Beispiele findet sicher jeder im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis. Nur die Politik tut sich nach wie vor schwer, diese neuen Beziehungsstrukturen und Netzwerke anzuerkennen und zeitgemäße Antworten in der Familienpolitik zu finden.

Vielleicht sollten manche Politiker einfach mal in alten Comicheften blättern. Wer kennt nicht den allein erziehenden "Onkel" Donald, der zusammen mit seinen drei Neffen Tick, Trick und Track in einem Ein-Familien-Haus in Entenhausen lebt? Gelegentlich kommt "Tante" Daisy zu Besuch, die mit Donald allerdings ein eher amouröses denn verwandtschaftliches Verhältnis pflegt. Ihre Ferien verbringen die Tick, Trick und Track stets bei "Oma" Duck, die nur von Donalds "Onkel" Dagobert bei ihrem Vornamen "Dorette" genannt wird…

Kurzum: Eine im Großen und Ganzen glückliche Großfamilie. Und Generationen von Lesern der "Lustigen Taschenbücher" haben sich nie an fehlendem Trauschein und den völlig undurchschaubaren Beziehungen gestört…

Der Text ist ein Auszug aus dem Vorwort zum neuen Buch "Alles, was Familie ist", hrsg. von Christian Scheuß und Micha Schulze, erschienen im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf.

25. Mai 2007



11 Kommentare

#1 TomAnonym
  • 26.05.2007, 00:01h
  • ...
    ich wette, dies gewählte Foto wird samt entsprechendem Kommentar alsbald in "kreuz.net" eingehender Würdigung bedacht...

    vielleicht sogar ganz zu Recht. Wer von uns würde sich schon wünschen, in einer Patchwork-WG aufgewachsen zu sein mit Eltern, die alle paar Monate/Jahre entscheiden, ob sie noch Eltern sein wollen...

    Tom
  • Antworten » | Direktlink »
#2 holgerAnonym
  • 26.05.2007, 11:46h
  • wie wahr!!!
    wir, zwei schwule mit 11jährigem sohn, werden in der politik immer noch nicht als familie wahrgenommen. wobei nachbarn und die familien der klassenkollegen selbstverständlich mit uns umgehen - und das in einem katholischen dorf :-))
    auf den elternabenden ist es schon merkwürdig, in die runde zu schauen und zu sehen, dass wir die einzigen sind, die steuerlich benachteiligt sind, nur weil in unserem haus keine frau lebt.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 hwAnonym
  • 26.05.2007, 13:09h
  • @ holger

    euere benachteiligung ist ungerecht.
    ..bei den werten oben, könnte man noch als
    basis stbailität hinzufügen. ist in eurem
    entwurf die ökonomische stabilität als grundlage eures lebensentwurfes denn
    gesichert ? wächst euer kind in gesicherten
    verhältnissen, vielleicht sogar in relativ planbaren ?
    wie erklärst du dir die fast wöchentlichen
    baby- und kindstötungen und dann häufig
    folgende suizid-versuche der mütter ?
    Im spiegel laufen diese meldungen unter
    kriminalität, in brisant und hallo deutschland als entertainment.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 holgerAnonym
  • 26.05.2007, 15:43h
  • @hw

    uns unterscheidet von anderen familien nur, dass es keine frau gibt. wir leben in eingetragener partnerschaft und sind berufstätig, bzw. selbstständig.
    wir brauchen keine steuerliche entlastung um über die runden zu kommen.
    hier geht es schlicht um diskriminierung durch ungleichbehandlung, die irgendwann darin gipfeln wird, dass der überlebende lebenspartner im erbrecht wie ein fremder behandelt wird.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 hwAnonym
  • 26.05.2007, 16:12h
  • @ holger

    ..lächelt die dorfgemeinschaft nur freundlich
    oder hattest du schon mal den eindruck, dass es welche interssiert was ihr lebt ?
  • Antworten » | Direktlink »
#6 tuxAnonym
  • 26.05.2007, 16:49h
  • @holger: Ich stimme dir zwar zu, nur in einem punkt möchte ich dir wiedersprechen: "wir brauchen keine steuerliche entlastung um über die runden zu kommen."

    Ich denke, das dies schon sein muss, denn wir haben auch die selben pflichten.
    Wenn du die steuerliche ungleichbehandlung nicht ablehnst, dann wird sich an der "zweite-klasse-behandlung" nichts ändern.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 DamienAnonym
#8 holgerAnonym
  • 27.05.2007, 12:32h
  • tatsächlich gibt es interesse an unserer familie, und das wie wir empfinden in sehr positiver form. über unseren alltag können wir uns also nocht beschweren.

    natürlich lehne ich die steuerliche ungleichbehandlung auch ab, aber nicht weil ich dem geld nachtrauere, was ich nicht bekomme, sondern weil sich daran diskriminierung festmachen lässt, und das hochoffiziell und von deutschen gerichten abgesegnet
  • Antworten » | Direktlink »
#9 hwAnonym
  • 27.05.2007, 13:20h
  • @ damian

    die etikettierung von schwulen als staatsfetischistisch auf einer webseite die ansonsten den kult staatlich alimentierter schlägertruppen gegen markthindernisse pflegt, hat schon eine gewisse komik.
    das hinz und neocons natürlich in sozialgesellschaftlichen bereich einsparen wollen, um geld in allerlei waffen- und propagandahaushalte "einzupflegen" ist ja bekannt. deine posting hier hält die leser für
    dämliche schwuppen, was dann nun mit gar keiner dort beschrieben menschengruppe zu beschreiben ist.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 gerdAnonym
  • 27.05.2007, 14:13h
  • Also diese Forderung des Vereins ist realpolitische Illusion.

    Wir kämpfen gegenwärtig darum erstmal Gerechtigkeit gegenüber Regenbogenfamilien zu schaffen, indem diese endlich im Steuerrecht gleichermaßen wie jede Heterofamilie auch.

    Den hier erwähnten Forderungen des Vereins kann ich in dieser weitreichenden Form nicht zustimmen. Denn es umfasst auch den islamischen patriarchalen Paschamann aus dem Fundamentalismus, der sich 5 Frauen hält und "fein" sich bedienen läßt und Kinder durch mehrere gleichzeitig bestehende Verhältnisse zu Frauen in die Welt setzt. Sowas ist für mich kein Familienmodell für unser Land.

    Nein da bin ich dagegen, was der Verein vorschlägt. Durch eine scheinbar linksideologische Anschauung kommt hier die Legitmierung von islamischen Mehrfachbeziehungen von einem Mann zu mehreren Frauen.

    DAHER hier in Deutschland muss die steuerliche Anerkennung von Regenbogenfamilien erfolgen; darum geht es uns und dafür sollte queer mitkämpfen. Dieser Verein ist eher schädlich, da er ablenkt von den Hauptforderungen, die Regenbogenfamilien haben.
  • Antworten » | Direktlink »