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Attacken auf den Geschmack bringen Schwule leicht zur Weißglut und ersticken manche Beziehung im Keim.

Von Volker Ludewig/gay-parship.de

"Wir haben uns super verstanden - bis zur dritten Verabredung. Da waren wir im Kino." Für Andreas, Filmstudent, sind Spielfilme heilig. Geht man mit ihm ins Kino, dann darf während des Films weder geredet noch gegessen werden. "Die ersten fünf Minuten eines Films sind die wichtigsten. Da wird die gesamte Geschichte etabliert. Und was macht er? Er quatscht. Und dann sagt er noch, dass er Gewalt in Filmen furchtbar findet. Während wir uns Coppolas 'Dracula' anschauen! Meinen Lieblingsfilm!" Sein frisch an Land gezogener Lover Matthias mag zwar Filme, vergöttert sie aber nicht. Dem Wirbel, den Andreas veranstaltet, steht er verständnislos gegenüber. Während für Matthias einfach zwei Stunden mit einem für seinen Geschmack schlechten Film verstreichen, bricht für Andreas eine Welt zusammen. Die Beziehung gerät empfindlich ins Wanken.

Was ist wichtiger - mein Geschmack oder wir?

"Music Rage" nennt der Autor Nick Hornby den durch Geschmacksangriffe hervorgerufenen Gefühlszustand, abgeleitet von der "Road Rage" - der Wut des Autofahrers, der sich über die Fahrweise anderer ereifert. Weshalb überreagiert man so leicht, wenn der eigene Geschmack in Frage gestellt wird? Die persönlichen Vorlieben, Macken und Ticks sind ein essentieller Bestandteil des Selbstbildes. Vermutlich definieren auch Sie sich darüber, welche Musik Sie hören, welche Filme Ihnen gefallen, welche Bücher Sie lesen. Den Geschmack des anderen zu kritisieren kann bedeuten, ihn zu kritisieren. Aber: Auch wenn mich die Rosenstolz-CD-Sammlung im Regal des neuen Lovers irritiert - ich habe kein Recht darauf, ihm deshalb Punktabzug zu geben. In solchen Situationen ist es hilfreich, die "Music Rage" mit einer kurzen Bestandsaufnahme auszubremsen: Was für giftige Perlen lagern noch gleich im eigenen CD-Archiv? Natürlich sind Vorlieben für die eigene Individualität wichtig. In einer sich anbahnenden Beziehung geht es jedoch auch darum, ein Stück Individualität zugunsten des "Wir" zurückzustellen.

Alarmknöpfe und Minenfelder

Auch Matthias hat einen unsichtbaren Alarmknopf. Auf seinem steht der Name Nina Hagen. Spricht jemand den Namen der Sängerin in einem unlöblichen Zusammenhang aus, dann fängt sein Herz schneller an zu schlagen, das Blut steigt ihm zu Kopf und etwas in seinem Magen zieht sich zusammen. "Wir haben 'Popstars' geschaut, ich hab irgendwas über ihr Outfit gesagt, und als wir schlafen gehen wollen, zieht er sich die Jacke an und verschwindet. Wegen Nina Hagen! Kannst du dir das vorstellen?", berichtet Matthias' Exfreund.

Triggert man bei jemandem den empfindlichen Bereich des persönlichen Geschmacks, begibt man sich auf ein Minenfeld: man schafft es beim ersten Mal vielleicht unbeschadet über das Feld, aber früher oder später wird einem die Mine um die Ohren fliegen. "Geschmäcker sind nun mal verschieden", sagt Mike, Einrichtungsberater. "Aber es kann doch nicht angehen, dass jemand ständig darauf herumhackt, wie daneben mein Geschmack ist. Wenn ich mich in einer Beziehung dauernd für meinen Geschmack verteidigen soll, dann ist es vielleicht besser, Single zu sein." Was Mike beschreibt, bezeichnet man in der Kommunikationsforschung als "komplementäre Schismogenese" - eine wechselwirkende, eskalierende Dauerreizung, die zur Spaltung führt. Man kann es auch so ausdrücken: ein Brennpunkt wird zum Flächenbrand.

Wie den Krieg beilegen?

Wenn gerade ein Geschmackskrieg ausgebrochen ist, hilft es, sich die zentralste Frage der Verhaltentherapie zu stellen: Warum reagiere ich so (verletzt)? Möglicherweise steckt hinter der Verletzung keine Absicht. In diesem Fall wäre ein Wutausbruch keine adäquate Reaktion. Lieber dem anderen die Grenze aufzeigen, die gerade, vermutlich ungewollt, überschritten wurde: "Sorry, aber Madonna ist mein Heiligtum. Das findest du vielleicht blöd, aber wenn du Harmonie willst, kritisiere sie nicht in meiner Anwesenheit."

Aus der Reihe überstrapazierte Klischees, die trotzdem wahr sind: Gegensätze ziehen sich an, aber gleich und gleich gesellt sich gern. Auf Dauer sind es die Gemeinsamkeiten, welche die Basis für eine gute Beziehung liefern. Dennoch sollten wir auch das Andersartige unseres Partners mit Wertschätzung behandeln oder sich zumindest in Toleranz üben. Sich absichtlich gegenseitig in Rage zu bringen, erzeugt eine immer größer werdende Kluft zwischen zwei Menschen. Was vielleicht insofern nicht verkehrt ist, als dass zwei Menschen, die sich wiederholt und vorsätzlich angreifen, wirklich nicht zusammenpassen. Wenn es aber "nur" um Kino und Musik geht, behalten Sie Folgendes im Hinterkopf: Immerhin hat er keine Modelleisenbahn! Und selbst wenn ... Give Nina Hagen a chance!

2. Juni 2007



#1 madridEUAnonym
  • 02.06.2007, 16:06h
  • Ausgezeichneter Artikel der Redaktion !
    Erst im Alter versteht man, dass es die totale Übereinstimmung nicht geben kann.
    Wehmütig denkt man an die verpassten Chancen zurück, wo hier und da garantiert der langjährige Lebenspartner herausgesprungen wäre, hätte man seinen anderen Geschmack schlicht hingenommen. Dann kam die "Verlobungsreise" und die wilde Nacht im Hotel konnte den Katzenjammer nicht mehr wettmachen, wenn der stramme, schöne und für uns geschaffene heisse Kerl keinen Appetit auf Kathedralen und Burgen, sondern seinen Anspruch auf Diskos und "bis-um-14Uhr-pennen"
    angemeldet hatte. Die sanftere Variante war dann der süsse Bengel, der als
    "Santana"- oder "Sade"-Fan in alle Konzerte rennen musste, anstatt mit uns das Kitsch-Kerzenlicht-Abendessen im schwulen Restaurant an der Ecke zu geniessen. Heute berichtet man mir von hinreissenden Madonna-Auftritten und ich höre ganz einfach mal hin, denn vielleicht bin ich es ja, der da falsch liegt ?
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#2 WienerAnonym
  • 02.06.2007, 18:14h
  • Quatsch! Auf Dauer sind es nicht die Gemeinsamkeiten, welche die Basis für eine gute Beziehung liefern, sondern immer noch die Liebe! Wenn es so einfach wäre, würde ja die Entwicklung einer möglichst potenten Partnersuchsoftware genügen und alle wären glücklich!
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#3 WienerAnonym
  • 02.06.2007, 18:14h
  • Quatsch! Auf Dauer sind es nicht die Gemeinsamkeiten, welche die Basis für eine gute Beziehung liefern, sondern immer noch die Liebe! Wenn es so einfach wäre, würde ja die Entwicklung einer möglichst potenten Partnersuchsoftware genügen und alle wären glücklich!
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#4 tuxAnonym
  • 02.06.2007, 19:54h
  • Hm, bin da eher der Meinung, das es die Gegensätze sind.

    Denn, Gegensätze ziehen sich an...
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#5 madridEUAnonym
  • 02.06.2007, 23:50h
  • Ach @tux, das mit den Gegensätzen habe ich auch immer beschworen, aber das fasziniert nur am Anfang. Stell´Dir nur mal vor, unsere Partner wählten rechts und schwärmten vom Neoliberalismus. Wenn sie denn mal lesen, so ist es im günstigsten Falle die FAZ, aber Joachim Fest liessen sie aus. Sie trügen grundsätzlich Markenklamotten,schwärmten ohne Unterbrechung von Luxusautos oder würden stundenlang Privatsender mit amerikanischen Serien glotzen. Ich wette, dass Du auch trotz höchster sexueller Erfüllung in drei Tagen das Handtuch schmeisst. Ich übertreibe, um anschaulich zu machen, aber glaub´s mir, ich habe ähnlich gelagerte vermeintliche Volltreffer längst hinter mir ! Das läuft nicht , wie sie auch mit uns am Ende nichts anfangen können.
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#6 josefAnonym
  • 03.06.2007, 13:26h
  • aber ich habe so einen gegensatz und es geht gut.ich muss zwar mit in filme theater und oper,dafür muss er wenn wir in die ferien gehen mit in museen kirchen und sonstiges.und nicht nur drei wochen auf cran canaria in den dünen rumlungern das gibt es nicht.und da die liebe von jahr zu jahr wächst macht man das gerne.
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#7 madridEUAnonym
  • 03.06.2007, 14:21h
  • Na@josef: Dann findet bei Euch auch kaum ein Krieg der Geschmäcker statt. Immerhin liebt Ihr beide die Ästhetik , also das Zusammenspiel von Kunst und Schönheit. Da gibt es Nuancen und das kann wirklich nur zu einem tadellosen Verständnis beitragen. Auch mein junger Kolumbianer ist ein Freund der Schönen Künste, die er rein intuitiv mag, wobei ich meinen Schwerpunkt Kunstgeschichte mühelos bei ihm unterbringen kann. Er kann es kaum erwarten, wieder einmal mit mir zusammen durch unser vielseitig kulturelles Spanien und Europa zu reisen.
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