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Schlussstrich im Mahnmal-Streit: Künstler, LSVD und Bund einigten sich auf eine Quotenregelung – alle zwei Jahre wechseln sich Lesben und Schwule ab.

Von Dennis Klein

Noch in diesem Jahr soll das Homo-Mahnmal am südlichen Rand des Berliner Tiergartens fertiggestellt werden. Gestern haben sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), der Lesben- und Schwulenverband sowie das Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset auf einen Kompromiss in der Umsetzung des Mahnmals geeinigt, das an die von den Nazis ermordeten Homosexuellen erinnern soll. Zuvor hatte es heftigen Streit gegeben – es ging dabei um ein projiziertes Schwarzweiß-Filmbild, das der Betrachter durch ein schräg eingeschnittenes Loch im Denkmal sehen sollte. Hier sollte eine endlose Kussszene zwischen zwei Männern gezeigt werden. Jetzt wird dieses Bild zwar umgesetzt – allerdings soll es alle zwei Jahre ausgewechselt werden. "Im Nationalsozialismus konzentrierte sich die Verfolgung aufgrund von Homosexualität auf Männer. Dafür steht das Startvideo eines küssenden Männerpaares", schreibt die Bundesregierung dazu in einer Pressemitteilung. Danach sollen die Frauen das Zepter übernehmen – zumindest 24 Monate lang. Damit solle auch eine weitere Funktion des Mahnmals erfüllt werden, nämlich "für die heutige Zeit ein Zeichen gegen Ausgrenzung von Schwulen und Lesben zu setzen."

Rückblick: Der ursprüngliche Entwurf mit dem Männerpaar war im Januar 2006 nach einem langwierigen Auswahlverfahren noch ohne Widerstand beschlossen worden (queer.de berichtete). Sieben Monate später startete "Emma"-Chefin Alice Schwarzer eine Kampagne gegen das Mahnmal und forderte: "Der Entwurf des Denkmals für die homosexuellen Opfer in der NS-Zeit muss ergänzt werden: um die lesbischen Opfer." Die Aktion wurde dabei von hochrangigen Persönlichkeiten unterstützt, unter ihnen Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Volker Beck, dem "grünen Homosexuellen vom Dienst" ("Emma").

"Emma" nicht zufrieden

Mit dem jetzt beschlossenen "faulen Kompromiss" ist die Frauenzeitschrift allerdings nicht einverstanden, wie sie bereits vor dessen offizieller Bekanntgabe klarstellte: "Wer garantiert, dass nach zwei Jahren tatsächlich die Frauen zum Zuge kommen?", fragte "Emma" und fuhr fort: "Verschärfend hinzu kommt: Nach wie vor argumentiert der von den Grünen dominierte Lesben- und Schwulenverband Deutschland (...) wider alle historischen Erkenntnisse damit, dass Lesben von den Nazis nicht verfolgt wurden."

Tatsächlich herrscht derzeit eine geradezu ideologische Debatte zwischen Schwulenaktivisten und Frauenrechtlerinnen, in der er darum geht, wer von den Nationalsozialisten mehr verfolgt wurde. Die Männer verweisen auf den seit 1935 verschärften Paragrafen 175, nach dem schon ein lüsterner Blick zur Strafverfolgung führte – die in Kastration oder im Konzentrationslager enden konnte. Der Paragraf richtete sich allerdings nur gegen Männer. Lesbische Aktivistinnen erklären aber, dass die Verfolgung von Lesben als "Asoziale" auch ohne ein ausdrückliches Gesetz stattgefunden habe. Insgesamt gibt es zu lesbischem Leben im Dritten Reich weniger Untersuchungen. Und auch bei Schwule gehen die Schätzungen der Todesopfer weit auseinander – zwischen 7.000 und 250.000 Männer sollen die Nazis demnach wegen ihrer Homosexualität in Konzentrationslagern ermordet haben.

Das jetzt beschlossene Mahnmal ist ähnlich wie das sich in unmittelbarer Nähe befindende Denkmal für die ermordeteten Juden in Stelen aufgebaut. Diese sollen schräg emporragen und zusammenstehen wie in einer Art Haus. "Mit diesem künstlerischen Entwurf ist eine würdige Form der Erinnerung an diese Opfer gefunden worden", sagte Kulturstaatsminister Neumann über den Kompromiss. Für die Finanzierung hat die Bundesregierung Mittel in Höhe von insgesamt 600.000 Euro zugesagt. Das Land Berlin stellt den Standort für das Denkmal zur Verfügung.

5. Juni 2007



10 Kommentare

#1 SaschaAnonym
  • 05.06.2007, 13:46h
  • Na, wunderbar! Knutschende Frauen sind doch genau das, was sich die heteronormative Gesellschaft wünscht!

    Dass damit die historischen Tatsachen ignoriert und die Idee des Gedenkens ad absurdum geführt wird, interessiert doch niemanden.
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#2 max-gay-berlinAnonym
  • 05.06.2007, 19:13h
  • Ich bleibe dabei das dieses Denkmal so aussieht als ob es der LSVD vom Holocaus-Denkmal einen Übrig gebliebenen Klotz bekommen hätte. Für min. 8000 Tote Schwule (und was weis ich wie viele Lesben) ist das eindeutig zu wenig. Das ist doch nicht besonderes. Nach 2 Wochen werden Köter dran gepisst und Nazi-Jugendliche Hakenkreuze draufgeschmiert haben.
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#3 SaschaAnonym
  • 05.06.2007, 21:28h
  • @max-gay:

    Zustimmung! Dieses Mahnmal bleibt eigentlich in der Tradition des Versteckens homosexueller Identität. Da hätte man sich eine wesentlich deutlicher sichtbare Darstellung zweier sich küssender Männer gewünscht, denn das wäre sowohl ein angemessenes Gedenken als auch ein notwendiges Zeichen für die Gegenwart!
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#4 rudolfAnonym
  • 06.06.2007, 11:21h
  • Also, ich bin froh, daß die Kuh vom Eis ist, und das Denkmal gebaut wird. Es wird so manchem Homophoben im In- und Ausland ein Dorn im Auge sein (Berlin liegt 80km. von der poln. Grenze entfernt). Und das ist gut so!

    Das peinliche Geplänkel von Berufsfrauen bzw. Berufsschwulen um die Gestaltung des Mahnmals ist m. E. ein Zeichen dafür, daß einige in diesem Lande einfach die Maßstäbe abhanden gekommen sind. Traurig, aber wahr...
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#5 MarstophProfil
  • 06.06.2007, 14:13hBerlin
  • In der Tat ist der Entwurf einer umgekippten Pseudo-Holocaust-Mahnmal-Stele eine Geschmacksfrage.
    Leider ist der ursprüngliche Ansatz der Küstler doch etwas verwässert und durch die unsägliche Diskussion vom Sinn her beschädigt.

    Der jetzige "Kompromiß" ist in der Tat ein fauler und bleibt eine Verkennung historischer Tatsachen.
    Aber da wir ja alle so poltisch korrekt sind, darf man das lieber nicht so laut sagen.
    Ästethisch ansprechender und "sinn"voller fand ich da schon immer das Frankfurter Mahnmal, den "Frankfurter Engel" von der Künstlerin Rosemarie Trockel. Wer´s nicht kennt...: www.frankfurter-engel.de
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#6 FelixxxAnonym
  • 06.06.2007, 16:25h
  • Und noch einmal: Das Denkmal wurde entsprechend der gesetzlichen Vorgabe erstellt.
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#7 SebiAnonym
  • 06.06.2007, 20:43h
  • Ich ignoriere die partiellen Holocaust-Leugner mal einfach und gratuliere dem geschmacksverirrten geldgeilen Künstlerpärchen zum Zuschlag, der für die beiden gewiss gut bezahlt wird, vom Geld, das man für Forschungsprojekte bezüglich dieses Themas und für Aufklärungsunterricht in den Schulen hätte verwenden können. Damit verlasse ich verbittert mit meiner EMMA unterm Arm das Schlachtfeld und überlasse selbiges den Kitschbesessenen.
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#8 REMchenAnonym
  • 06.06.2007, 22:44h
  • Solange das Mahnmal nicht die homosexuellen Opfer während *und nach* der NS-Zeit würdigt, lehne ich es weiterhin generell komplett ab - egal, wer sich da auf dem Monitor auch immer mit wem abknutscht (ich warte ja nur drauf, dass jetzt auch ein paar Bisexuelle einfordern, doch bitte auch im Wechsel dann jeweils 24 Monate ein Heteropaar zu zeigen...)

    Nach der Befreiung der KZs wurden viele schwule Häftlinge direkt in die Zuchthäuser verfrachtet, wo sie dann in der neu entstandenen Bundesrepublik ihre Reststrafe absitzen mussten. Diese politischen Opfer des Nachkriegsdeutschland sind zudem weiterhin von jeglicher Entschädigungszahlung ausgeschlossen - auch für das erlittene NS-Unrecht. Begründung: der Paragraf 175 sei kein genuiner NS-Unrechtsparagraf gewesen, sondern habe als Strafparagraf auch schon vorher bestanden.

    Damit ich nicht falsch verstanden werde:
    Ich will natürlich nicht die KZs mit den Zuchthäusern
    vergleichen, und schon gar nicht die NS-Zeit mit der BRD-Zeit.

    Aber Fakt bleibt trotzdem:
    Die schwulen Strafrechts-Opfer *nach* 1945 werden durch dieses Mahnmal diskriminiert und ausgegrenzt.

    Denn durch die Ignorierung dieser Opfer durch das Mahnmal wird meiner Ansicht nach indirekt das Unrecht an Schwulen nach 1945 legitimiert oder zumindest indiskutabel verschwiegen.

    Aber anstatt sich darüber Gedanken zu machen, ob die schwulen Unrechts-Opfer *nach* 1945 nicht zumindest irgendwo auf einer kleinen Tafel oder so am Mahnmal erwähnt werden sollten, begibt man/frau sich lieber auf den unsäglichen Nebenkriegsschauplatz des Videostreits.

    Was wohl Schwule, die bis 1969 wegen des §175 im Zuchthaus gesessen haben, über diesen überflüssigen Streit denken?
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#9 DragonwarriorAnonym
  • 07.06.2007, 09:54h
  • @REMchen

    Zu dem Mahnmal wird es eine Gedenktafel mit einem Text geben.
    Ich denke darauf sollte tatsächlich auf den Fortbestand des Unrechts hingewiesen werden.

    Hierzu gab es Anfang Mai eine hochinteressante Tagung im Bundestag zum 50. Jahrestag dieses unsäglichen Urteils des Bundesverfassungsgerichts.

    Da gibts für die Bewegung und die Politik noch einiges aufzuarbeiten.
    Vor allem sollten die Zeugnisse der Opfer dieser Verfolgung dringend gesichert werden, damit ihre Geschichten der Nachwelt nicht verloren gehen. Was weiß denn die durchschnittliche Jungschwuppe schon über diese Zeit.
    Wenn ich über die Anfänge meiner "Bewegung" mit Männern rede, die unter 30 sind bekommen die regelmäßig große Augen...

    Die Rechte und die Freiheiten, die schwule Männer und lesbische Frauen meiner Generation (bin 44) und ältere erkämpft haben, werden doch heute als komplette Selbstverständlichkeit wahrgenommen.
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#10 hugoAnonym
  • 14.06.2007, 21:15h
  • Ist jetzt "die Luft draußen"?

    Der Skandal mit dem geplanten Lesbenkuss-Video bleibt ein Skandal. Die Initiatioren - und mit ihnen im gleichen Boot die Bundesregierung - haben das geplante Denkmal zur Ehrung der wegen ihrer Homosexualität Verfolgten und zur Erinnerung an das von den Verfolgten erlittene Unrecht zu einem gesichts- und geschichtslosen Mahnmal für die Nicht-Diskriminierung des Küssens verfälscht.

    Und da soll man ruhig bleiben?
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