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Gewalt ist auf dem Vormarsch. Solange wir Schwulen isoliert im Ghetto lebten, fühlten sich die Heteros nicht von uns bedroht.

Von Jürgen Friedenberg

Die Gewalt ist auf dem Vormarsch. Nicht nur in den von Bürgerkriegen und Terror erschütterten Staaten, sondern auch bei uns, ja überall: in der Schule, im Betrieb, auf der Straße. Brutale Gewaltdarstellungen beherrschen das Fernsehen und dringen übers Internet anscheinend unaufhaltsam selbst in Kinderzimmer ein. Immer mehr Jugendliche spielen das nach, was ihnen in harten Pornos so verlockend serviert wird, als sei dies alles ganz normal und gehöre zum modernen Leben einfach dazu. Der "Stern" beschwört in einer wissenschaftlich fundierten Reportage eine "sexuelle Verwahrlosung", die "Zeit" stellt in einem nicht minder gründlichen Dossier über "Schwulsein heute" fest, dass die angebliche Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben neuerdings in Hass und Gewalt gegen Homos umschlägt.

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Wieso das? Hat man etwa vergebens gehofft, dass die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften die Homosexualität auch in der Bevölkerung endlich "gesellschaftsfähig" machen würde? Erweisen sich die Jahrhunderte lang gehegten und gepflegten Vorurteile und Feindbilder noch immer als stärker? Mag sein. Die Brutalisierung des Sexuallebens, die auch und gerade Heten trifft, deutet aber auf tiefere Ursachen hin: etwa auf den weit verbreiteten Verlust der Fähigkeit, zärtliche Gefühle zu zeigen und zu leben. Das anerzogene, falsche Männerbild – die harte Männlichkeit – macht dies vielen Männern so schwer. Und der Neid der Heten auf die Schwulen, die zärtliche Gefühle eher zulassen, führt rasch zu Hass und Gewaltausbrüchen.

Solange wir Schwulen gesellschaftlich isoliert in einer Art Ghetto lebten, sahen sich die Nichtschwulen von uns nicht bedroht. Jetzt aber, wo die alten Grenzzäune gottlob gefallen sind, gibt es Ängste vor dem Fremdartigen, manchmal auf beiden Seiten. Diese Ängste schwinden nur, wenn man sich selber und auch den anderen besser kennen lernt. Letztlich sehnen sich Homos und Heten nach liebevoller Geborgenheit. Deshalb: Retten wir die Zärtlichkeit! Denn Zärtlichkeit erschließt die wahren Wonnen der Liebe und lässt die zärtlich Liebenden ein Lebensglück jenseits von Kommerz und Gewalt erfahren.

28. Juni 2007

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#1 hwAnonym
  • 28.06.2007, 22:11h
  • "....Denn Zärtlichkeit erschließt die wahren Wonnen der Liebe und lässt die zärtlich Liebenden ein Lebensglück jenseits von Kommerz und Gewalt erfahren...."

    das spricht mir als buddhist aus dem herzen, gerade auch für kinder und heranwachsende, zärtlichkeit, zärtlichkeit
    ein leben lang, ein buch zu jedem anlass:

    www.beltz.de/katalog/buch.asp?ISBN=3-407-78913-0
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#2 schaumkroneAnonym
  • 29.06.2007, 00:22h
  • vielleicht ist es so ruhig hier, weil mit zärtlichkeit kein geschäft , kein sieg gemacht werden kann...
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#3 SaschaAnonym
  • 29.06.2007, 01:06h
  • Wow, @Jürgen Friedberg, ein eindrucksvolles und in jeder Hinsicht zutreffendes Plädoyer für mehr Achtung und Zärtlichkeit, letztlich Liebe, im Umgang miteinander!

    Ich muss mich da manchmal selbst an die eigene Nase fassen, da ich im Eifer der politischen Auseinandersetzung auch sehr gern provoziere und zuspitze.

    Aber letztlich, da stimme ich dir zu, geht es um die große und alles entscheidende Frage, ob wir in dieser Gesellschaft endlich wieder wegkommen von der Logik des Fressens oder Gefressen-Werdens, weg vom Recht des Stärkeren und einem System, das dem Menschen ihren Wert vorwiegend in Abhängigkeit materieller und konsumistischer "Errungenschaften" zuteilt.

    Letztlich liegt eine Ursache vieler Probleme, gerade auch der zunehmenden Aggressionen und der Gewalt unter jungen Menschen, in dem extremen Konsumdruck, der da lautet:

    "Wenn du nichts hast, dann bist du nichts."

    Wenn ich daher in diesem Forum immer wieder drastische Veränderungen im Bildungssystem und in den Schulen einfordere, dann meine ich damit insbesondere auch mehr Zeit für eben diese Fragen: Wer bin ich? Was macht mich und meinen Wert als Mensch (und den Wert anderer) aus? Was hält uns als Gesellschaft und Menschheit zusammen?

    Nochmals danke für den hervorragenden Kommentar, der leider bislang kein Echo gefunden hat - er passt schließlich so gar nicht zum allgemeinen Zeitgeist, der leider auch unter Schwulen weit verbreitet ist.
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