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- 10. März 2004 2 Min.
Von Norbert Blech
Was wäre die schwule Presse ohne die Provinz (zu der auch gerne mal ganz Bayern samt Ministerpräsident zählt)? Soviel bitterböse wie dümmliche Ablehnung von Homosexulität gibt es sonst fast nirgendwo mehr, und ohne solche Aufreger ginge es uns Medien und auch der bewegten Szene schlecht. Der Wallfahrtsort Altötting ist da ein gutes Beispiel, dass wir noch benötigt werden.
Dort kämpfte nicht nur die Kirche mit harschen Worten gegen den CSD, auch der Bürgermeister verlor seinen Verstand und übersah wesentliche Merkmale einer Demokratie. Von ein paar örtlichen Schwulen-Gabis abgesehen, äußerte sich auch die Bevölkerung in Leserbriefen an die örtliche Zeitung alles andere als verständnisvoll.
Auch wenn man in vielen deutschen Provinzen mit einem CSD ähnliche Reaktionen hervorrufen kann, haben sich die (meisten) Bewohner von Altötting diese Homogurke verdient – Politiker und Organisator Thomas Grahammer eingeschlossen. Es ist grundsätzlich gut, nötig und lobenswert, wenn sich jemand in der Provinz für Homorechte engagiert. Aber dies sollte gerade dort durchdacht sein. Grahammer ist in dem kleinen Ort schon als Zugezogener und als Grüner stigmatisiert – dass er mit dem geplanten CSD für Aufruhr sorgen würde, musste ihm bewusst sein. Hier fehlte es an vorbereitenden Gesprächen, offenbar – soweit dies aus der Ferne beurteilbar ist – auch mit der Szene Restbayerns. Man muss sich sicher nicht anbiedern und Provokation ist eine feine Sache, der unüberlegte Aktionismus eines Einzelnen ist jedoch alles andere als dienlich.
Sein schnelles Zurückrudern spricht für dieses Chaos und ist das gegenteilige Extrem. Da lässt er die Parade platzen, aus angeblichen Sicherheitsgründen, die, wenn nicht erfunden, aus der Ferne und mit aller Erfahrung dieser Redaktion zumindest arg übertrieben wirken. Dabei wäre eine solche Bedrohung erst Recht ein Grund für eine Parade; Gewaltandrohung ist ein Problem der Polizei, nicht der Demonstranten.
Grashammer geht aber noch weiter: nicht schrill, nicht nackig, nicht provozierend werden die Kundgebungsteilnehmer sein, versprach er dem Bürgermeister. Eine Demonstration braver, hochmoralischer Homos geht aber an der Idee des CSDs vorbei: es geht nicht darum, als möglichst angepasst zu erscheinen, sondern darzustellen, dass es nicht Aufgabe des Staates und Aufgabe der Bürger ist, das Verhalten von Individuen moralisch zu beurteilen. Diese demokratische Lehrstunde haben die Bewohner Altöttings nötig – Grahammer wohl auch.
So bleibt der Szene nur noch eines: sie muss am 3. Juli nach Altötting reisen und unbeschränkt feiern, gleichzeitig aber auch mehr als bei Großstadt-CSDs den Kontakt zu den Bürgern suchen. Den nackten Hintern kann man dann Grahammer zeigen.
Mittwoch, 10. März, 17h










Gerade diese Art Provokation wäre notwendig, dem angegrauten Kader der katholischen Kirchenoberen eine gehörige Maulschelle zu verpassen. Sicher kann man jetzt im Nachhinein gut kritisieren, doch auch wenn gewisse Vorgespräche scheinbar nicht statt fanden, diese Art von Rückzieher Grahammers tut der Community keinen besonders großen Gefallen. Einmal mehr sehen sich jetzt die kath. Herrscher bestätigt und freuen sich bestimmt in ihren stillen Kämmerlein hämisch über ihren Sieg über die dreiviertelsnackten Lustknaben.
Wieviel Macht und kommunal-politisches Mitspracherecht will man diesem heuchlerischen Klerus einer dem Zeitgeist hinterher hinkenden Amtskirche noch gewähren? Es wäre an der Zeit, endlich diesen Herren, samt Herrn Grahammer den nackten Arsch zu zeigen - aber nicht nur zum CSD!