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Jungs in der Midlfe-Crisis: Erste graue Haare

"Du weißt, dass du alt bist, wenn du das erste graue Schamhaar entdeckst", klagt Matthias, der beste Mann von allen, und er hört sich kleinlaut dabei an. Ich unterbreche die Vorbereitungen zum Sonntagmorgen-Frühstück und stürze zu Erste Hilfe-Maßnahmen ins Badezimmer, wo ich ihn bei irrwitzigen Verrenkungen auf dem Badewannenrand finde. Alterserscheinungen funktionieren bei ihm als Motivationsanreiz offensichtlich besser als alle Pilates- und Yoga-Kurse zusammen.

"Was machst du da?" frage ich, ernsthaft besorgt um seine Hals und Lendenwirbel.
"Ich zupfe meine grauen Haare", antwortet Matthias und richtet sich stöhnend auf.
"Warum rasierst du sie nicht?"
"Weil sie dann wieder kommen. Wenn ich sie ausreiße, sind sie wirklich futsch."

Ich kann nicht beurteilen, ob diese Information einen ähnlichen Wahrheitsgehalt aufweist wie die Legende, dass rasierte Haare schneller und dicker nachwachsen oder jene, dass Spinat einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Eisen besitzt. Manchmal kommt es eben nicht auf Wissen, sondern auf Glauben an – und mit zunehmendem Lebensalter wird statistisch gesehen Spiritualität ja auch immer wichtiger.

"Hast du schon einmal in den Spiegel gesehen?" frage ich.
"Natürlich."
"Dann ist dir sicher aufgefallen, dass sich deine beneidenswert dichte Haarpracht längst nicht mehr als tiefschwarz definieren lässt, sonder eher in die Musterkategorie Salz und Pfeffer fällt."

Matthias knurrt und taucht mit seinem Kopf wieder ab.

Ganz persönlich finde ich graue Haare ja extrem chic. Vermutlich eine frühe Prägung, die im Paket mit meinem Faible für groß, kräftig und dunkelhaarig in Form einer familiären Bezugsperson bereits kurz nach meiner Geburt in mein Leben trat. Der Rest der Familie war blond, da erschienen mir schwarz und grau wie das Gras auf der anderen Seite des Zauns als unwiderstehliche Versuchung. Das hat sich bis heute nicht geändert – höchstens das Attribut blond, denn mein Haar verweigert Pigmentexperimente und fällt schreckhaft lieber völlig aus. Gut, dass das vielen Jungs so geht, denn sonst hätte sich nie der Modetrend durchsetzen können, der dem gewöhnlichen Homosexuellen über 40 Jahren problemlos Glatze zugesteht. Ich vermute ja, einzig damit Friseure nicht ganz ohne Kundschaft da stehen, wurden Goatie, Dreitage- und Vollbart wieder entdeckt, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Ein gedämpfter Schmerzensruf reißt mich aus meinen Gedanken. Der Anblick des besten Mannes von allen, wie er triumphierend eine Haarwurzel mit der Pinzette gegen das Licht hält, verursacht jedoch einen Lachreiz.

"Mach dich nur über mich lustig", schimpft Matthias. "Ich werde alt und du stehst da und lachst mich aus, statt etwas Positives zu sagen, dass mich aufbaut."

"Dann sieh es als Training unseres Sexlebens", schlage ich vor. "Das Suchen von grauen Haaren an solchen Stellen sorgt zumindest für eine gewisse Gelenkigkeit im Alter."

Die gelbe Gummiente vom Badewannenrand verfehlt mich um mindestens zehn Zentimeter. Ich verkneife mir die Frage, ob es nicht Zeit für eine Brille wäre.

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#1 hurra deutschlandAnonym
  • 02.05.2008, 16:54h
  • Ach naja, wegen grauen Haaren oder immer webiger auf`m Kopf mach ich mir keine Sorgen.

    Die Sorgen liegen eher in der Zukunft allgemein.

    Die Pole schmelzen, Süßwasser wird knapp, das Öl ist auch bald alle und keinen scheint es zu interessieren.

    Das sind die größten Probleme der Zukunft, da spielen Graue Haare aus meiner Sicht eher eine untergeordnete Rolle.
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#2 PupsbärAnonym
  • 02.05.2008, 23:48h
  • Ach ja. Die Otto-Normal-Schwuppe und ihr chronischer Jugendwahn. Lustig zu lesen und doch so wirklichkeitsnah. Hat man sich früher noch darüber echauffiert wenn man mit Mitte 20 noch immer aufgrund von Unglauben über die tatsächlich vorhandene Volljährigkeit den Perso vorzeigen musste, kommt das erste erschrecken, wenn man scharf auf die 30 zugeht. Am liebsten würde man die Lebensuhr anhalten und immer 29 bleiben. Doch irgendwann glaubt einem das auch niemand mehr und das Geburtsjahr wandert innerhalb kürzester Zeit um einige Jährchen zurück und schwups ist man 35 und hat inzwischen gelernt, zumindest damit ganz gut zu leben. Doch nun geht es auf die nächste Krise zu. Die nächste Null im tatsächlichen Geburtstag steht an. Da kann man zum Schein kaschieren wie man will und es vor anderen zu verbergen versuchen, man selbst weiß es ja doch am besten - man geht steil der Rente und dem Verfall entgegen. Schlag Mitternacht ist das schöne Leben vorbei. Vorbei die Zeit, als man der heiß begehrte jugendliche King auf jeder Party war. Nun werden sie sichtbar, die Falten, die grauen Haare. Mann versucht rauszuholen was nur geht, bevor die Zeit endgültig abgelaufen ist.... und vergisst dabei, dass man doch eigentlich noch genauso ausschaut wie am Tag davor.

    Ich finde es immer wieder herrlich, sympatisch, aber auch erschreckend, die Panik um mich herum mitzubekommen.

    Jungs, kommt zu euch und pfeift auf euer Geburtsjahr. Man ist doch immer nur so alt, wie man sich fühlt und auf andere wirkt - und "alt" kann man da auch schon mit 20 sein. Alt, langweilig und eingestaubt.

    Und wenn "grau" gleich "alt" bedeutet, dann sind manche von uns mit 65 noch Jungspunde, weil sie auch ohne chemische Nachhilfe noch kein graues Härchen besitzen.
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#3 KonstantinEhemaliges Profil
  • 03.05.2008, 09:35h
  • Antwort auf #1 von hurra deutschland
  • Meine nicht vorhandenen Haare sind mir trotdem immer noch näher als die Pol-Kappen, die Klimaerwärmung etc.pp.

    Ich weiss auch nicht, wo das Problem sein soll, wenn man mit "fortschreitendem Alter" auf sein Aussehen achtet und versucht möglichst gut auszusehen. Ich sehe nicht ein, nur weil ich älter werde in Schutt und Asche rum zu laufen - nur um "in Würde" alt zu werden. Für die Würde kann ich mir nix kaufen!
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