Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?8495
  • 28. März 2008 19 3 Min.

Die schwulen Sportclubs von Peking und Shanghai laden Vereine ein, nach China zu kommen – auch um ihre eigenen neuen Freiheiten zu sichern.

Von Hermann J. Huber

Ein Weltreich öffnet sich. Das ist der Eindruck, den Gay-Touristen gewinnen, wenn sie derzeit nach China reisen. Das größte Land der Welt galt bislang als vermintes Gelände für Schwule. Doch gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking sprießen in den Großstädten dutzendweise Szenelokale aus dem Boden, gründen sich Gruppen, bilden sich Netzwerke an den Universitäten.

Das brutale Vorgehen der chinesischen Regierung in Tibet droht dieses positive Bild der neuen Freiheiten im Ausland zu verzerren oder gar zu zerstören. Vertreter schwule Sportclubs in China sind daher besorgt und wenden sich massiv gegen einen Olympia-Boykott durch den Westen. Jue Yan, Kapitän von Beijing Shenlan Football, des ersten schwulen Fußballvereins Chinas, ruft im Gegenzug schwule Fußballclubs aus aller Welt auf, nach zu Peking reisen, um sich mit seinem Team "in großer Freundschaft" zu messen.

Sein Club, am 20. September 2003 gegründet, hat längst neben 36 anderen Vereinen weltweit unter dem Dach der IGLFA (International Gay & Lesbian Football Association) eine sportliche Heimat gefunden. Auch an deren Weltmeisterschaft vom 24. bis 30. August 2008 in London will man teilnehmen.

Ebenfalls strikt gegen einen westlichen Olympia-Boykott ist Fei Long, der Leiter des Shanghai Tongxin Football Teams. Sein Kommentar: "Wir setzen auf viele internationale Kontakte und wollen, dass die Sportler zu uns kommen." Die Tibet-Frage dürfe den Aufbruch, den die Gay-Community in China erlebe, nicht gefährden.

Gerade in Shanghai, der 20-Millionen-Metropole, in der 2010 die Weltausstellung Expo stattfindet, steht die Gayszene in voller Blüte. Mit einer großen Gala feierte man gerade das fünfjährige Bestehen von SUNHOMO. Der Verband wurde 2002 gegründet, gleich nachdem Homosexualität legalisiert und nicht mehr als "Geisteskrankheit" eingestuft wurde. Analverkehr unter Männern ist seit 1997 kein Straftatbestand mehr. Das Schutzalter liegt für Hetero- und Homosexuelle bei 14 Jahren.

SUNHOMO ist eine Vereinigung von schwulen Sport- und Kulturgruppen. Sie zählt bereits sieben Badminton-Gruppen, fünf Schwimmvereine, mehrere Volleyball-, und Tischtennis-Gruppen sowie die Sparten Fußball, Tennis, Yoga, Kung-Fu, Marathonlauf, Bodybuilding oder Fitness. Zum Verein gehören auch Abteilungen, die sich mit Kochen oder Fotografie befassen oder sich um die Pflege der klassischen Peking-Oper, um Gesang und Schauspiel kümmern. Bei der Fünf-Jahres-Feier wurden begeisternde Shows geboten, mit Musik zwischen Beethoven und Village People. Aber auch Theaterstücke zum Thema Aids kamen zur Aufführung.

Insbesondere die China-Oper ist ein Betätigungsfeld für viele junge schwule Männer. In wundervollen Gewändern und bestem Make-up verwandeln sie sich in bildhübsche Frauen. Überhaupt ist Travestie ein sehr beliebtes Freizeitvergnügen und in zahlreichen Gaybars zu bewundern.

Noch verbreiteter in der Gayszene ist Karaoke, ebenfalls eine eigene Sparte bei SUNHOMO. Es gibt fast keinen Gayclub in Shanghai und Peking ohne eigene Bühnen und Kabinen, in denen Schwule mit ihren Freunden bei "K-TV" die Hits von Madonna oder Dutzender asiatischer Boygroups trällern.

Der Erfolg von SUNHOMO ist ansteckend. Denn mittlerweile hat der schwule Dachverband Ableger in den Städten Peking, Guangzhou, Shenzhen, Wuhan, Nanking, Chonqing, Lanzhou und selbst kleineren Städten gefunden. Ray M., einer von 50.000 Ausländern, die mittlerweile in Shanghai leben (davon allein 17.000 Deutsche) und Mitglied bei SUNHOMO, erklärt: "Unser Verband ist für die Schwulen eine wichtige gesellschaftliche und soziale Heimat geworden. Denn nicht jeder mag es, in Bars, Discos und Saunen zu verkehren."

Um ihren gesellschaftlichen Status, ihre neu gewonnen Freiheiten auszuschöpfen und auszubauen, wünschen sich die schwulen Sportgruppen Chinas internationale Kontakte. Sie wollen zeigen, dass Gaylife in ihrem Land Normalität wird und dabei die "eigene Stabilität im Palast der schwulen Emanzipation" (ein schwuler Sportfunktionär) absichern. Ray M.: "Da käme ein Olympia-Boykott zum völlig falschen Zeitpunkt. Das wäre das absolut falsche Signal auch für die vielen Gay-Sportvereine. Wir wollen, dass gerade sie nach China kommen."

28. März 2008

-w-

#1 SvenAnonym
  • 28.03.2008, 09:09h
  • Na, das ist ja mal wieder fein!
    Minderheiten gegeneinander ausspielen, also jetzt bin selbst ich für einen Boykott von Olympia!
  • Direktlink »
#2 NobbiAnonym
  • 28.03.2008, 10:26h
  • "Die Tibet-Frage dürfe den Aufbruch, den die Gay-Community in China erlebe, nicht gefährden."

    Wo ist der Zusammenhang zur Boykott-Begründung, wo vor allem die Gefährdung?

    Natürlich hat sich in China in den letzten Jahren einiges entwickelt, nicht nur die schwule Szene. Bei dem Boykott sollte es aber um die Frage gehen, ob man den derzeitigen Entwicklungs-Stand in Sachen Menschen- und Arbeiterrechte und das Verhalten in der Tibet-Frage im speziellen akzeptiert.

    Das sollte die Grundlage sein, aber es scheint ja viele Sportler (und übrigens auch, nicht nur zu Olypia, die gesamte deutsche Wirtschaft) nicht sonderlich zu interessieren.
  • Direktlink »
#3 FloAnonym
  • 28.03.2008, 10:51h
  • Das hört sich so an: "Akzeptiert die Lage in Tibet, damit Homorechte nicht gefährdet werden."

    Das finde ich nicht gut... Homorechte sind weder wichtiger noch unwichtiger als die Lage in Tibet. Dann zu versuchen, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen, ist für alle Beteiligten, egal auf welcher Seite, nachteilig.

    Ob jemand Olympia boykottiert oder nicht, ist jedermanns persönliche Entscheidung, die man zu akzeptieren hat. Dann zu versuchen, Leuten ein schlechtes Gewissen einzureden oder verschiedene Interessen gegeneinander auszuspielen, gehört sich einfach nicht. Das zeigt, dass demokratisches Gedankengut in China noch nicht sehr verbreitet ist.
  • Direktlink »