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- Kolumne: Mark Simpson19. Mai 2008 2 Min.
Der „Skinhead Oscar Wilde“, wie er in Großbritannien genannt wird, ist der Erfinder des Begriffs metrosexuell und ein ausgewiesener Kritiker der klassischen Schwulenbewegung. In den Neunzigern stieß er mit der Anthologie „Anti-Gay“ eine breite Diskussion über die Fehler der Schwulenbewegung an. Seine klugen und witzigen Essays erscheinen in Zeitungen und Magazinen wie „The Independent“ oder „Details", Lob erhielt er auch für eine Biographie des Sängers Morrissey. Im Magazin Front schreibt er erstmalig auf Deutsch, queer.de darf diese Texte freundlicherweise übernehmen. Mehr Infos über den Autor unter www.marksimpson.com.
Der kurzgeschorene Oscar Wilde teilt aus: Obama ist die größere Diva
Womöglich weil es sonst nichts mehr zu sagen gibt, wird in den amerikanischen Blogs derzeit eine Debatte darüber geführt, was für eine campe Diva die schwule Ikone Hillary Clinton eigentlich sei. Das einflussreiche Huffington-Post-Blog beschrieb sie als vom Geist Joan Crawfords besessen. Pro-Obama-Huffington will damit wohl andeuten, Hillary sei geistig verwirrt; allein dass eine Frau die Idee habe, den mächtigsten Job der Welt anzustreben, sei eine Form von Hysterie.
Die US-Medien hatten wahre Nervenzusammenbrüche angesichts der arroganten, hoffnungslosen, spaltenden, giftigen und hässlichen Vorstellung, diese Bitch, Kuh, Hure, kurz: dieses Monster könnte werden, was Herr Obama werden will. Ödipus lässt sich mit Händen greifen. Wahrhaft camp ist vor allem der Terror all dieser verunsicherten möglichen Kommentatoren, die unwillkürlich ihre Beine übereinanderschlagen, sobald Hillary auf dem Bildschirm erscheint. Engländer und Deutsche können sich einer Frau unterordnen, ohne dabei ihre Eier zu verlieren, amerikanische Journalisten anscheinend nicht.
Starke Frauen existieren in Amerika nun mal nur als Kleinholz in Arthur Millers Theaterstücken. Und so wurden sie schwachen Frauen in den Hollywood-Melodramen der Vierzigerjahre verkauft: als Diven wie Joan, Bette und Katherine. Wenn Hillary die alten Stars manchmal ein wenig in sich hervorholt, dann, weil sie das Bild einer starken Frau in einer Männerwelt braucht und die amerikanische Geschichte nicht viel bietet, außer Eleanor Roosevelt, womit sie arbeiten könne. Der hübsche, halb weiß/halb schwarze, aber durch und durch männliche Obama kann sich dagegen seine Legitimation von Martin Luther King und von JFK besorgen, wenn er will, sogar zurückgehen bis Abraham Lincoln.
Hillary steht der Gay Community viel näher als Obama, doch ausgenommen von der Unterstützung durch (den Briten) Elton John wird sie von den meisten amerikanischen Schwulen verachtet und die meisten schwulen Blogs tanzen ihr auf dem Kopf herum. Herr O. hingegen ziert sich, sich von der schwulen Presse interviewen zu lassen. Seine christlichen Wurzeln, seine Unbestimmtheit in allen schwulen Fragen hindern ihn nicht daran, der schwulere Kandidat zu sein, nur weil er neuer ist, besser aussieht, sich gut anzieht, cool wirkt und ein Mann ist.
Wenn camp Stil über Substanz bedeutet, dann ist der telegene Obama sicher viel camper als Hillary und auch viel mehr Diva. Und die männlichen Diven sind es, vor denen man sich in der Politik hüten sollte. Wir in England erholen uns noch immer von unserem christlichen Popstar-Politiker, diesem netten Herrn Blair, der uns mit seinem Drag-Queen-Lächeln in einen desaströsen Krieg hineinzog.
Links zum Thema:
» Mehr Infos über das Magazin ''Front''
Mehr zum Thema:
» Ist Obama eine Schwester? (15.02.08)
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Der „Skinhead Oscar Wilde“, wie er in Großbritannien genannt wird, ist der Erfinder des Begriffs metrosexuell und ein ausgewiesener Kritiker der klassischen Schwulenbewegung. In den Neunzigern stieß er mit der Anthologie „Anti-Gay“ eine breite Diskussion über die Fehler der Schwulenbewegung an. Seine klugen und witzigen Essays erscheinen in Zeitungen und Magazinen wie „The Independent“ oder „Details", Lob erhielt er auch für eine Biographie des Sängers Morrissey. Im Magazin Front schreibt er erstmalig auf Deutsch, queer.de darf diese Texte freundlicherweise übernehmen. Mehr Infos über den Autor unter www.marksimpson.com.
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