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- Kolumne: Micha Schulze28. Juli 2008 4 Min.
Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist geschäftsführender Redakteur von queer.de. Zusammen mit Christian Scheuß hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt „Das Orgasmusbuch“ (Bruno Gmünder Verlag), „Alles, was Familie ist“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) und „Sexparty! Mehr Spaß bei Dreier, Gangbang und Orgie“ (Himmelstürmer). Auf queer.de schreibt er jeden Monat über Interna aus dem schwulen Redaktions- und Medienalltag.
Queer.de intim: Vom Queer-Tower zum virtuellen Büro ohne Nana Mouskuri und Currywurst aus der Mikrowelle
Nicht häufig, aber doch etwa einmal die Woche, werden wir von unseren Usern gelobt. "Mensch, ihr schaltet ja sogar um vier Uhr nachts die Userkommentare frei. Danke für euren tollen Service!", hieß es neulich in einer freundlichen Nachricht über das Kontaktformular.
Nun, ich beließ diesen netten User in der Annahme, dass wir tatsächlich ein großes 24-Stunden-Usersupport-Center betreiben und dafür womöglich etliche süße studentische Aushilfen mit Nachtzuschlag beschäftigen… Es war allerdings auch nicht so, dass der verantwortliche Redakteur einfach mal wieder spät aus dem Schampanja nach Hause kehrte und vor dem Schlafengehen zufällig noch einen Blick auf den Rechner warf. Ich selbst hatte den Kommentar freigeschaltet, und zwar gemütlich nach dem Frühstück.
Wie bitte? Nach dem Frühstück um vier Uhr nachts? Ganz richtig: In meiner Wahl-Heimat Bangkok ist es dann nämlich schon neun Uhr am Morgen. Der Zeitunterschied von momentan fünf Stunden wirkt sich äußerst positiv auf unseren User-Support aus. Wobei das, ehrlich gesagt, nicht wirklich der Hauptgrund war, warum es mich nach Thailand verschlagen hat…
Vor vielen Jahren, als wir noch Zeitung machten und eine kleine Aktiengesellschaft waren, haben wir mal auf einer unser gruppendynamischen Teamklausuren im Waldschlösschen einen großen Queer-Tower mit bunter Kreide auf Packpapier gemalt. Ein großer Wolkenkratzer sollte die Zukunft unseres prosperierenden schwul-lesbischen Medienkonzerns symbolisieren. Was waren wir naiv! Wobei ich mir damals auch nicht hätte träumen lassen, dass man als Verlag auch komplett auf ein Büro verzichten kann.
Mittlerweile, nach der Insolvenz der AG und wo wir "nur" noch online publizieren, arbeiten sämtliche Kollegen von zu Hause aus – verstreut über mehrere Städte und Kontinente. Das dezentrale Arbeiten ist auf der einen Seite total modern: Der Finanz-Boss freut sich, dass keine Büromiete mehr anfällt, es gibt keinen Streit mehr zwischen Rauchern und Nichtrauchern, der Programmierer aus Düsseldorf hat keine Ausrede mehr, dass die Bahn nach Köln Verspätung hat, und man muss keinen Geruch einer Mikrowellen-Currywurst und keine Nana-Mouskouri-CDs von den Kollegen mehr ertragen. Vor allem: Man kann seinen Job mal eben auch von Muttis Haus in Bottrop oder aus einem Bungalow auf Ko Samui erledigen, eine funktionierende Internetverbindung vorausgesetzt.
Dank VoIP-Telefon mit Kölner Vorwahl weiß niemand, wo sein Anruf bei queer.de tatsächlich landet. Allerdings ruft die große, wichtige Werbeagentur natürlich genau immer dann an, wenn die Katze miaut oder die Waschmaschine schleudert. Wir drucksen auch stets etwas herum, wenn Fernsehteams Interviews anfragen und dafür in unseren "Redaktionsräumen" drehen wollen. Ganz zu schweigen von der unzuverlässigen Verbindung von Sipgate, die vorzugsweise dann streikt, wenn wir gerade ein Interview mit der Familienministerin führen. Auch die Praktikanten sind nun etwas enttäuscht, dass sie nur noch Kaffee für eine Person aufsetzen müssen.
Während ich selbst aufgrund des Zeitunterschieds den Vorteil habe, den Kollegen meist informationsmäßig voraus zu sein, bekomme ich sofort mit, wenn jemand erst ein paar Minuten vor unserer täglichen 9:30-Uhr-Telefonkonferenz aufgestanden ist und mit tiefer Stimme seine Themen runterstottert. Wobei es umso peinlicher ist, wenn ich selbst nach einer ausgiebigen Party-Nacht im "DJ Station" um 14:30 Uhr Thai-Zeit noch nicht ganz fit bin…
Dennoch leidet die interne Kommunikation an unserem virtuellen Büro-Konstrukt. Was man früher kurz in der Teeküche besprochen hat, muss nun umständlich per Email erklärt werden. Und weil man irgendwie doch Mikrowellen-Currywurst und Nana-Mouskuri-Songs vermisst, treffen sich zumindest die Kölner Kollegen einmal die Woche zum gemeinsamen Arbeiten und Kochen. Wenn also bei queer.de gerade mal niemand ans Telefon geht, streikt entweder das Internet oder es wird gebrutzelt.
Das dezentrale Büro macht auch die Suche nach neuen Mitarbeitern nicht unbedingt einfacher. So sollte der ideale neue Kollege am besten in einer Zeitzone irgendwo zwischen New York und San Francisco leben, um einen optimalen 24-Stunden-User-Support gewährleisten zu können. Wobei sich die Online-Konferenzen weiterhin an deutscher Zeit orientieren. Und sich das Gehalt – trotz eingesparter Büromiete – noch immer auf Bangkoker Niveau bewegt…
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Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist geschäftsführender Redakteur von queer.de. Zusammen mit Christian Scheuß hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt „Das Orgasmusbuch“ (Bruno Gmünder Verlag), „Alles, was Familie ist“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) und „Sexparty! Mehr Spaß bei Dreier, Gangbang und Orgie“ (Himmelstürmer). Auf queer.de schreibt er jeden Monat über Interna aus dem schwulen Redaktions- und Medienalltag.
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onlineredakteur mitten im schönsten land auf der welt und sein geld am computer verdienen.
ich muß zugeben - ich bin etwas neidisch :-)