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Einzelkommentar zu:
Schlichte Einfalt, stille Größe


#67 antosProfil
  • 03.08.2008, 10:47hBonn
  • Antwort auf #64 von anna freud
  • anna, wenn ichs schon nicht gut erklären kann, wenigstens ein Beispiel, das - jedenfalls für mich - gut die Probleme illustriert, die eine solche 'hermeneutische' Heransgehensweise an menschliche Fragen aufwirft:

    Meine mittlerweile leider verstorbene Freundin P. begann im Alter von 13/14 Jahren plötzlich, sich in die Hose zu pinkeln. Zuhause, in der Schule und an anderen öffentlichen Orten. Natürlich peinliche Erlebnisse für sie - dementsprechend, also der Situation angemessen wurde sie auch stiller, reagierte bei bestimmten Anlässen aggressiv oder ängstlich etc. Nachdem dies öfter passiert war, wurde sie von einem Allgemein-Mediziner untersucht, der aufgrund der schon 'verstehenden' Beschreibung, die die Mutter lieferte natürlich [aber warum denn: natürlich?], irgendeinen 'psychischen', 'pubertären' 'Konflikt' vermutete und ihr eine Therapie bescherte.

    Im Zuge einer langwierigen Therapie wurde das schon von den eigenen nassen Hosen irritierte Mädchen jetzt durch den Wolf der tiefenpsychologischen Vorannahmen und Vermutungen gedreht, so dass sich zunehmend ihr Gefühl verstärkte - ich übertreibe nur wenig! - sie müsse auf ihr zwar unverständliche Weise so irgendwie selbst Schuld sein an ihrem Einpinkeln, sie wolle damit irgendwas 'mitteilen' us. usf. So etwas suggerieren Therapeuten, die Symptome als 'Aussagen' 'verstehen' wollen. Auch die [alleinerziehende, - natürlich schon mal ein fettes Minus im Notizbuch des Triad-lethen...] Mutter begann selbstverständlich, sich mit Fragen zu zermürben: Was habe ich falsch gemacht? Auf welchen 'Konflikt' möchte meine Tochter hinweisen? Ist die Fährte in die Vergangenheit einmal gelegt, findet sich selbstverständlich immer was. Am besten eignet sich die frühkindliche Vergangenheit - ein Container, in dem der Versteher alles finden kann. So wie - Randbemerkung - dort auch iefenpsychologische Homo-Deuter immer ewas finden, was die Entstehung von Homosexualität als 'Reaktion auf ein Trauma' etc. bestätigen wird. Wenn wir diese Sorte 'Wissenschaft' nicht selbst analysieren und ihre Defizite erkennen, werden wir auch solchen Homoheilungstypen nie beikommen.

    Ich kürze das jetzt ab: Es folgte eine Therapiepause, dann eine weitere Therapie - und schließlich bekam P. eine Sehnerventzündung. Folgte der Besuch bei einem Neurologen, langwierige Untersuchungen auch in einer Klinik mit Liquor-Entnahme und allem Pipapo - Ergebnis: Verdacht auf Multiple Sklerose, abgekürzt als E. D. [Damals war man sehr vorsichtig mit dieser Diagnose.]

    Eine echte scheiß Diagnose, aber P. war - erstaunlich? - auch froh. Nämlich froh, eine Erklärung zu haben und aus der auf andere Weise zermürbenden Psychomühle rausgekommen zu sein. Vor Wut hat sie dann Medizin mit späterem Schwerpunkt Psychiatrie studiert...
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