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  • 15. Oktober 2008 18 7 Min.

Warum gibt es wieder mehr HIV-Neudiagnosen bei schwulen Männern, die eigentlich bestens Bescheid wissen über die Risiken? Und was kann die neue Kampagne "Ich weiß, was ich tu" dagegen tun? Antworten von Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen Aids-Hilfe. Wir dokumentieren hier sein Statement, dass er auf der Pressekonferenz am 13.10. 2008 in Berlin abgegeben hat.

Die HIV-Prävention in der Bundesrepublik Deutschland ist auch im internationalen Vergleich als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen. Diese Aussage mag einige verwundern:

Beobachten wir doch seit Beginn dieses Jahrtausends einen Anstieg der HIV-Neudiagnosen, insbesondere in der Gruppe, die seit Beginn der Aids-Epidemie in den 80er Jahren am meisten von HIV und Aids betroffen war -und ist. Nämlich bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben. Wir beobachten diesen Anstieg gleichfalls in einer Gruppe, die – so zeigen es soziologische Studien – in aller Regel auch bestens über Infektionswege und Schutzmöglichkeiten aufgeklärt zu sein scheint.

Über die Gründe für diesen Anstieg ist auch in den Medien in den letzten Jahren viel spekuliert worden: Es wird zum Beispiel immer wieder eine "neue" oder "wiederkehrende Sorglosigkeit" im Schutzverhalten bei schwulen Männern behauptet. Skandalisierend wird von "Pozzern" und "bug-chasern" berichtet. Diese mag es geben, allerdings stellen sie dann ein absolutes Randphänomen im HIV-Infektionsgeschehen dar. Wenig wird sich übrigens bei der teilweise reißerischen Berichterstattung mit der Frage auseinandergesetzt, welche sozialen und psychischen Hintergründe ein solches selbst- und fremdschädigendes Verhalten haben könnte.
Auch geraten immer wieder HIV-Positive unter Generalverdacht! Sie hätten deshalb mehr – wenn nicht die alleinige Verantwortung für die epidemiologische Entwicklung zu tragen. Diesen Anspruch lehnen wir allerdings aus guten ethischen aber auch medizinisch-therapeutischen Gründen ab. Darauf komme ich noch mal zurück.

"Der Schutz vor HIV ist kein Auslaufmodell!"

Als Begründung für die unterstellte "zunehmende Sorglosigkeit" wird behauptet, dass die Ursache für ein abnehmendes Schutzverhalten in den beeindruckenden medizinisch-technischen Entwicklungen in der Behandelbarkeit der HIV-Infektion zu sehen sei. Diese Fortschritte haben nämlich in den letzten zehn Jahren dazu beigetragen, dass eine HIV-Infektion - wenn sie rechtzeitig erkannt wird -, nicht mehr wie früher schnell zu AIDS und einem frühen Tod führt. Wir sprechen heute allgemein von HIV als einer chronischen behandelbaren Krankheit mit langen Überlebenszeiten, die allerdings durch viele negative körperliche, seelische sowie soziale Einschränkungen und Einschnitte gekennzeichnet sein kann. Auch deshalb lohnt es sich weiterhin, sich vor HIV zu schützen!

Behauptet wird aber ohne empirische Belege, dass - kurz gesagt – die Angst abgenommen habe und deshalb das Schutzverhalten erodieren würde. Aber der Schutz vor HIV ist kein Auslaufmodell!

Im Gegenteil! Die Schutzmotivationen sind auch nach 25 Jahren "Safer Sex" – Botschaften bei 80 % unserer Zielgruppe ungebrochen hoch. Bei weiteren 10 % kommt es zu sporadischen Risikokontakten, - soweit jedenfalls die Zahlen in der aktuellen Erhebung von Michael Bochow und Axel Schmidt. Auch andere Studien stellen keine Abnahme der Schutzmotivationen fest. Trotzdem haben wir einen Anstieg in den Neuinfektionen seit Beginn dieses Jahrtausends zu verzeichnen.

Wie hängt das zusammen, fragt man sich? Und hier komme ich nun zur Beantwortung der Frage, warum wir die Kampagne "ICH WEISS WAS ICH TU" in dieser Form entwickelt haben. Der Anstieg der HIV-Infektionen ist nämlich auf ein komplexes Bedingungsgeflecht zurückzuführen.

1. Zum einen ist HIV durch andere sexuell-übertragbare Infektionen – wie zum Beispiel die seit Beginn dieses Jahrtausends grassierende Syphilis - wieder leichter übertragbar. Liegt aber eine ulzerierende (geschwürige) Infektion wie zum Beispiel die Syphilis vor, so ist es für HIV einfacher, anzudocken. Das gilt zum einen für den HIV-negativen Partner, der eine solche Syphilis-Infektion hat. Das gilt aber auch für gut therapierte schon HIV-positive Menschen: Hier erhöht eine zusätzliche andere sexuell-übertragbare-Infektion die Übertragungswahrscheinlichkeit. Denn, und das möchte ich an dieser Stelle auch festhalten: Eine erfolgreiche HIV-Therapie verringert auf individueller Ebene die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV immens. Insgesamt müssen wir also stärker noch als bisher die Infektionswege und Behandlungsmöglichkeiten anderer sexuell-übertragbarer Infektionen in der Prävention aufgreifen.

2. Wir gehen von einer gar nicht geringen Anzahl von Menschen aus, die nicht wissen, oder nicht wissen wollen, wie ihr Immunstatus ist. Wir wollen die Leute aber zum Test ermuntern. Das ist uns auch zum Teil schon in den letzten Jahren gelungen: Schwule Männer lassen sich im Vergleich zu anderen Teilgruppen der Gesellschaft öfter testen. Auch das ist ein Grund für den Anstieg der Neudiagnosen. Wir wollen aber trotzdem niedrigschwellige regionale (Schnell-)Testangebote weiter ausbauen. Denn aus medizinisch-therapeutischer Sicht lohnt es sich heute zu wissen, ob man HIV-positiv ist, oder nicht. Aber ein Test muss sich auch aus sozialer Sicht lohnen! Denn immer noch erfahren Menschen, die HIV-positiv sind, massive Stigmatisierungen, sie werden diskriminiert, ihnen wird Leichtfertigkeit unterstellt. Auch hier muss Prävention quasi aufklärerisch ansetzen.

"Alte Safer Sex Botschaften ergänzen"

3. Deshalb verfolgt die neue Kampagne auch keinen rein primärpräventiven Ansatz. Wir werden gleichberechtigt HIV-negative und HIV-positive Personen als Rollenmodelle in die Kampagne einführen. Die HIV-positiven können zum Beispiel in der Prävention die Aufgabe übernehmen, falsche Bilder vom Leben mit HIV aufzuweichen, falsche Risikostrategien entlarven, und die oben genannten falschen Bilder von HIV-Positiven selbst korrigieren helfen! Denn: HIV-Infektionen passieren viel banaler als es in den Medien bisher dargestellt wird; zum Beispiel nicht auf gewissen Partys, sondern in Beziehungen. Sie beruhen auf kommunikativen Missverständnissen, auf Infektionsmythen und Wunschdenken. Auf den Schutz verzichtet wird auch manchmal, wenn man sich in biographisch krisenhaften Situationen befindet. All das wird in der Kampagne aufgegriffen werden.

4. Die alten Safer-Sex-Botschaften (Beim Analverkehr Kondome, beim Blasen: Raus bevor‘s kommt) sind gelernt. Sie verschwinden deshalb aber nicht, sondern sie müssen durch neue lebensweltbezogene Botschaften ergänzt werden. Es geht heute deshalb nicht mehr nur darum, den Leuten zu sagen, wann ein Kondom auf jeden Fall zum Einsatz kommen sollte (nämlich dann, wenn der Sex sporadisch ist, wenn man nichts über den gesundheitlichen Zustand des Partners weiß, also im Unsicherheitsfall); man muss unseres Erachtens heute auch darüber reden, wann das Kondom ohne Risiken mal weggelassen werden kann. Dazu gehört aber die Bereitschaft, sich intensiv mit seinen sexuellen Wünschen und dem eigenen sexuellen Handeln auseinander zu setzen und individuelle passgenaue Risikomanagementstrategien zu entwickeln. Das tun die Individuen zwar schon, aber nicht immer sind die Strategien wirklich sicher. Dieses Management erfordert Kommunikation und Kommunikationsbereitschaft. Hier will die Kampagne, deren Motto "ICH WEISS WAS ICH TU" sie jetzt schon besser verstehen, Informationen bereit stellen.

5. Die widersprüchlichen Bilder von Aids müssen aufgegriffen und korrigiert werden. Wie eine aktuelle Studie festhält, existieren zwei gegensätzliche Bilder von Aids in der Zielgruppe. Auf der einen Seite die Angst machenden Bilder des "Alten Aids". Auf der anderen Seite die Bilder von und Kontakte zu Menschen, die HIV-positiv sind, offensichtlich aber relativ gut damit leben können. Diese widersprüchlichen Erfahrungswerte bzw. kognitiven Dissonanzen können zur selektiven Wahrnehmung von Informationen führen, und sind deshalb für die Prävention kontraproduktiv. Sie "forcieren" – so schreibt der Autor der Studie – "sexuelles Risikoverhalten bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben". Auch hier müssen wir in der Prävention ansetzen.

6. Die alten Medien der Prävention müssen zunehmend durch neue Medien ergänzt und ersetzt werden. Die Kontakt- und Informationssuche hat sich nämlich insbesondere in unserer Zielgruppe in den letzten Jahren deutlich ins Internet verschoben. Ein Großteil der jungen Schwulen – so zeigt es eine angloamerikanische Studie - findet heute seinen ersten Sexpartner im Internet! Hierauf haben wir uns in der Deutschen Aids-Hilfe auch schon eingestellt: Unsere Online-Beratung, aber auch der "health-support" auf dem beliebtesten deutschen schwulen Kontaktportal erfreut sich eines wachsenden Nachfrage-Zulaufs. Was bisher noch in der Bundesrepublik fehlte ist eine Internetkommunikationsplattform für die am meisten von HIV betroffene Zielgruppe. Dieses zentrale Kampagnenmodul werden wir ebenfalls heute starten. Die "ICH WEISS WAS ICH TU"- Internetplattform wollen wir in den nächsten Jahren zu dem zentralen Gesundheits-, Informations- und Diskussionsportal für die Zielgruppe ausbauen. Wir erreichen damit Personen, die wir durch die herkömmlichen Medien nur noch schlecht erreichen.

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#1 frizzAnonym
  • 15.10.2008, 15:32h
  • Da stellt Herr Sander nun seine nicht ganz billige Kampagne vor. Leider erklärt er wieder einmal nicht, warum die bisherige Präventionskampagne der DAH eine Erfolgsgschichte ist...
    Nun heißt es alter Wein in neuen Schläuchen, es ändert sich nichts an der Sprache und der Inhalte der DAH, "wir waren immer schon die Besten".
    Zielgruppenorientierte Prävention, das heißt nicht nur den "normalen Großstadtschwulen" mit dessen deftigen Sprache zu bedienen, sondern auch der nicht geoutete Schwule auf dem Land will in seinem Doppelleben mit adäquater Sprache angesprochen sein.Leider scheinen sich die Präventionsstrategen der DAH sich diesem Thema weiterhin zu verweigern.
    Statt dessen heißt weiter die Losung: Der schwule Mann und die böse Welt um ihn herum.
    Schade.
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#2 Super MarioAnonym
  • 15.10.2008, 17:27h
  • "...man muss unseres Erachtens heute auch darüber reden, wann das Kondom ohne Risiken mal weggelassen werden kann."

    Wie bitte? Wann kann man denn von solch einem Fall ausgehen?
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#3 TimmAnonym
  • 15.10.2008, 18:32h
  • Gründe der Ansteckung sind meines Erachtens heute zum einem, dass der "große" Schrecken des Todes der 1980er/Anfang der 1990er nicht mehr vorhanden ist. Es ist schon ein Unterschied, ob einem Menschen der Tod droht oder ob er sich auf eine jahrzehntelange Medikamentbehandlung mit Nebenwirkungen einstellen muß.

    Zudem sehe ich ein Ansteckungspotential immer noch gerade in der sexuellen Unerfahrenheit/Unsicherheit junger, passiver Männer unter 30 gegenüber älteren, aktiven Männern, die dann ausgenutzt wird.

    In der sexuellen Situation des Dominanzspiels insbesondere in der Lederszene haben da jüngere Männer kaum eine Chance, sich gegen den älteren, dominanteren Part zu wehren. Das schaffen viele jüngere Männer in ihrer Psyche nicht: dafür sind sie häufig "zu nett" und "zu lieb", um sich dagegen wehren zu können. Das ist einfach Fakt. Da kann das Wissen, um die Ansteckung noch so gut ausgeprägt sein. Und meines Erachtens sind einige Männer gerade auch in der Lederszene/S-M-Szene "absolute Schweine" ohne Hemmung. Um hier Erfolge zu erreichen, müßte die Aidshilfe insbesondere am Selbstbewußtsein der jungen, schwulen Männer arbeiten. Durch Angstsuggerierung vor Aids wird eine Selbstbewußtseinsstärkung junger schwuler Männer nicht erreicht. Der andere Weg der Aufklärung auf ältere schwule Männer einzuwirken, wird bereits seit Jahren gegangen: aber da muss halt immer wieder auch ehrlich geantwortet werden: längst nicht alle schwule/bisexuelle Männer haben einen guten Charakter.
    Daher muss meines Erachtens als Fazit, an der Stärkung des Selbstbewußtsein junger schwuler Männer unter 30 gearbeitet werden.
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