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- 24. November 2008 3 Min.
Endlich ein vernünftiger Beitrag zur aufgeheizten Debatte über Homosexualität und Islam. Autor Georg Klauda geht wissenschaftlich an das Thema und rückt damit Einiges gerade.
Von Christian Scheuß
Seit den Anschlägen auf das World Trade Center und dem Krieg der westlichen Welt gegen den Irak tobt er, der Diskurs über den angeblichen "Kampf der Kulturen". Hier steht der vermeintlich so aufgeklärte Westen, dort der angeblich durch die Religion so erstarrte unaufgeklärte arabische Raum, der den Terror nutzt, um unsere Freiheiten zu bedrohen. Diese schwarz-weiße Sicht auf die Welt hat inzwischen auch die schwule Community in Deutschland erreicht. Wann immer auch über Intoleranz oder gar Gewalt gegen Schwule geredet wird, in die Menschen mit Migrationshintergrund verwickelt sind, spielt plötzlich deren Glauben im Speziellen und der Islam im Ganzen eine große Rolle.
Auch hier auf queer.de wird über die Kommentarfunktion diese Debatte häufig mit einer überschäumenden Emotionalität und nicht selten mit ideologischer Verbissenheit geführt, die niemanden gut tut. Einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Debatte leistet nun Georg Klauda in seinem Buch "Die Vertreibung aus dem Serail", das in diesem Herbst bei Männerschwarm veröffentlicht wurde. Eigentlich sollte jeder, der künftig einen Kommentar zu diesem Thema abgibt, dazu verpflichtet werden, vorab die 168 mit wissenschaftlicher Methodik erarbeiteten Seiten durchzuarbeiten.
Der Diplom-Soziologe Klauda wundert sich. Natürlich werden islamische Staaten durch die Verfolgung "Homosexueller" immer wieder zu Recht angeprangert. Doch warum fragen wir hierzulande reflexhaft nach dem "kulturellen Hintergrund", wenn sich deklassierte Halbstarke aggressiv gegenüber Schwulen zeigen? Ist doch die klassische türkische und arabische Liebeslyrik voll von gleichgeschlechtlichen Motiven, die man in der Literatur des "aufgeklärten" Abendlandes vergeblich sucht. Überhaupt das Konstrukt der Homosexualität. Sie ist eine Erfindung der westlichen Welt, die diese unterschiedlichen Geschlechterrollen definierte um anhand dieser Koordinaten soziale, moralische und juristische Kodizes zu entwickeln, die wesentlich vom Christentum beeinflusst wurden. Die muslimische Welt hat diese Konstruktion nicht gebraucht.
Klauda stellt die richtigen Fragen. Warum wird die christliche Welt als aufgeklärt dargestellt und die islamische als vorzivilisatorisch und warum wird dabei ausgeblendet, dass seit dem Mittelalter "Sodomiter" im Namen Christi verfolgt und ermordet wurden?
Und Klauda weist den richtigen Weg. Er plädiert dafür, bei der Frage nach den Ursachen von Homophobie in Berlin-Kreuzberg und sonstwo nach den eigenen gesellschaftlichen Strukturen zu schauen und politisch am eigentlichen Kern des Problems zu arbeiten: Nämlich an dem nach wie vor wirksamen "heteronormativen Korsett". Das ist keine neue Erkenntnis. Die Schwulenbewegung der siebziger und frühen achtziger Jahre arbeitete schon mal intensiv an diesem Thema. Die Community im Jahre 2008 gewönne viel, würde sie diesen rosa Faden wieder aufgreifen.
Georg Klauda, Die Vertreibung aus dem Serail - Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, 168 S., Männerschwarm Verlag, 16 Euro.
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Und Heteronormativität ist leider eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, die innerhalb der letzten Jahrtausende stattfand und nur bedingt religiös bedingt ist.