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Einzelkommentar zu:
Die Vertreibung aus dem Serail


#50 antosProfil
  • 30.11.2008, 11:20hBonn
  • Antwort auf #30 von stromboli
  • Lieber stromboli,

    sicher ist der ZEIT-Artikel von Charlotte Wiedemann interessant - für mich allerdings aus folgendem Grund: Abgesehen von ein paar Allgemeinwissenshäppchen [revolutionsfolkloristische Begriffe wie ‚schwarzer Freitag’ etc.] spiegelt er direkt die Denkverbote in Iran wider. Er zeigt die blinden Flecken der ehemaligen ‚Revolutionäre’; er zeigt, wie wenig sich diese einst aufgeputschten und mit sozialromantischem Shariati-Kitsch ['Fatima ist Fatima'* - lesenswert für die Damen unter uns!] aufgepumpten Jugendlichen – denn das waren es hauptsächlich - bisher mit der Geschichte und dem Hergang ihrer missratenden Revolution auseinandergesetzt haben.

    Schade, dass Frau Wiedemann keinen der ehemaligen ‚islamischen Revolutionäre’ interviewen konnte oder wollte, die mit Maschinengewehren und anderen Waffen durch die Straßen patrouilliert sind und jedem, der sich nicht jubelnd dem Rausch anschloss das Leben zur Hölle gemacht haben. Oder einen von den ehemaligen Schülern und Studenten, die im Rausch ihrer Rechthaberei ihre ihnen verhassten Lehrer – z. B. weil sie mal schlechte Noten bekommen hatten – als westlich-dekadente Subjekte denunziert und so direkt Khomeinis Schnellgerichten zur Erschießung ausgeliefert haben. Sattareh Farman-Farmaian, eine Verwandte Mossadeghs und Gründerin der iranischen Schulen für Sozialarbeit schreibt ausführlich darüber in ihren Lebenserinnerungen, die natürlich nur im Exil entstehen und veröffentlicht werden konnten – sehr lesenswert:
    www.amazon.de/Schahsades-Tochter-faszinierende-Lebensgeschic
    hte-einer/dp/3453877446/ref=sr_1_7?ie=UTF8&s=books&qid=12280
    38253&sr=8-7



    Haarsträubend und unfassbar geradezu sind die Un-Weisheiten, die Charlotte Wiedemann von Herrn Tabatabai zitiert – zum Glück lässt sie zwischen den Zeilen durchscheinen, was für ein schnittig-wendiges, verlogenes Exemplar Mensch dieser Herr ist. Was Khomeini wollte oder nicht, dazu sollte man die Toten befragen, sie sollten kurz wiederkehren, Zombies her!, und Herrn Tabatabai zu sich in die Erde ziehen. So. Moralischer Donner Ende.

    Um einen Eindruck von Khomeinis Agieren zu gewinnen, sollte man sich statt an Typen wie Tabatabai besser an betroffene Beobachter halten wie z. B. Amir Taheri – der war zwar ein Schah-Anhänger und mischte später in der bekannten Neocon-Truppe mit, lügt aber nicht in jedem Satz:
    www.abebooks.de/servlet/BookDetailsPL?bi=1179999436&searchur
    l=an%3Damir%2Btaheri%26sortby%3D3%26sts%3Dt%26x%3D0%26y%3D0




    Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings darauf hinweisen, dass Frau Wiedemann die selbstauferlegten Denkverbote ihrer Interviewpartner selbst zu erkennen scheint, wenn sie zumindest Massoumeh Ebtekar attestiert: "Seltsam: Wie andere iranische Reformer vermag diese kluge Frau ihre eigene Entwicklung erstaunlich wenig zu reflektieren."

    Frau Ebtekar kann dies schon aus sozusagen psycho-hygienischen Gründen gar nicht, behaupte ich – andernfalls müsste sie an dem mafiotisch-totalitären System, in dem sie ja selbst lebt, täglich irre werden.

    * =
    www.al-islam.org/fatimaisfatima/
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