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- 09. Mai 2004 3 Min.
Von Daniel Kastner aus Polen
Bei einer Parade von Lesben und Schwulen am Freitag im
polnischen Krakau ist es zu Ausschreitungen und Gewalt gekommen. Die rund 1200 Teilnehmer der Parade wurden von rund 300 meist jugendlichen Gegendemonstranten mit Eiern und Steinen beworfen, später marschierte der Pulk aus Hooligans und Mitgliedern der rechtsradikalen Allpolnischen Jugend durch die Innenstadt und randalierte.
Parteien und Verwaltung gegen Festival
Das viertägige Festival "Kultur für Toleranz" hatte in Krakau bereits seit Wochen für Aufregung gesorgt. Der Marsch für Toleranz, zentrales Element des Festivals, sollte ursprünglich erst am Sonntag stattfinden - ein Affront für die katholische Kirche, die an diesem Tag ihre traditionelle Stanislaus-Prozession abhält. Neben der Kirche wandte sich die rechtskatholische Partei "Polnische Familienliga" (LPR) gegen das Festival und forderte im Stadtrat dessen Verbot. Zuletzt trommelten auch Vertreter der örtlichen Sektion der "Bürgerplattform" (PO), der größten konservativen Oppositionspartei, gegen den Marsch. Zbigniew Fijak, Ortsvorsitzender der PO, nannte es "unverantwortlich, eine solche Demonstration an diesem Ort durchzuführen." Die christlich-konservativen Bürger könnten damit überfordert sein, so Fijak. Unterstützung erhielt das Vorhaben dagegen von der - in Polen relativ unbedeutenden - Grünen Partei, von Vertretern der regierenden Sozialisten sowie von den Literaturnobelpreisträgern Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska.
Organisiert wurde das Festival von der "Kampagne gegen Homophobie" (KPH). Deren Pressesprecher und Organisator des Festivals, Tomasz Szypula, erklärte angesichts der Kritik und der Drohungen der LPR-Jugendorganisation "Allpolnische Jugend" vor der Demonstration: "Dies wird ein friedlicher Marsch. Von unserer Seite wird es keinerlei Provokation geben. Wir wollen nur zeigen, dass wir normal sind." Vorsichtshalber engagierten die Organisatoren einen privaten Wachschutz. Auf die Polizei allein mochte man sich nicht verlassen, zumal deren Sprecher lediglich erklärte, man habe nun mal die Pflicht, jede Demonstration zu schützen. Auch die Stadt Krakau zeigte sich nach anfänglicher Unterstützung nicht kooperativ. Um zu verhindern, dass die Parade direkt vor der altehrwürdigen Jagiellonen-Universität startet, begann die Stadtverwaltung dort am Donnerstag mit Straßenbauarbeiten.
Auch von den Bürger Krakaus kam Feindseligkeit. Wer in den Tagen zuvor im Internetforum der "Gazeta Wyborcza" stöberte, stieß auf teils haarsträubende Einträge. Die moderateren Statements fragten noch, wozu Schwule und Lesben eine Extrawurst brauchen, die Gleichberechtigung stehe schließlich in der Verfassung. Andere forderten "Schwule nach Brüssel!", und ein User, der sich "student21" nannte, sprach von "Untermenschen, die ihre Minderwertigkeit in meiner Stadt zur Schau stellen wollen."
Hitlergruß und Steine
Dass letztlich 1200 Schwule, Lesben, Transgenders sowie deren Freunde und Unterstützer an dem Marsch teilnahmen, kann die KPH angesichts des Widerstands als Erfolg verbuchen - man hatte nur mit 300 Teilnehmern gerechnet. Als sich der Marsch gegen 16.30 Uhr in Richtung Wawelberg aufmachte, hatten sich bereits etwa 300 Gegendemonstranten versammelt - viele von ihnen jugendliche Skinheads. Streckenweise betrug der Abstand zwischen der Parade und ihren Gegnern keine 50 Meter. Auf den Transparenten der Gegendemonstranten standen Parolen wie "Schmeißt die Homos raus aus Krakau", "Homosexuelle aller Länder, lasst euch behandeln" oder (siehe Foto) "Was kommt als nächstes auf dem Weg zur Hölle?" Einige zeigten den Hitlergruß und forderten: "Schwule ins Gas!" Die Straße auf den Wawelberg wurde von den Gegendemonstranten blockiert. Als der Demonstrationszug dort ankam, flogen Steine und Eier. Die Polizei lenkte den Marsch schließlich um. Später kam es auf dem Krakauer Marktplatz zu Zusammenstößen zwischen Rechtsradikalen und Sicherheitskräften. Dabei wurde nach Medienberichten ein Polizist verletzt. Etwa 20 Randalierer wurden festgenommen.
Auf der Pressekonferenz der KPH am Samstag berichtete der Oganisator Tomasz Szypula von weiteren Verletzten; ein Demonstrationsteilnehmer und eine Journalistin mussten sich im Krankenhaus behandeln lassen. Doch trotz aller Schwierigkeiten werde man das Festival im nächsten Jahr wiederholen, so Szypula: "Homophobie ist eine Krankheit, aber sie ist zum Glück heilbar."
Links zum Thema:
» Festival-Homepage










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