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  • 29. Januar 2009
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Seit 1990 veranstaltet die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) die "Positiven Begegnungen - Konferenz zum Leben mit HIV/Aids". Dieses Jahr geht es bei der inzwischen größten Selbsthilfekonferenz Europas um die Schwerpunktthemen um (Selbst-)Stigma und Diskriminierung, insbesondere am Arbeitsplatz. Denn Positiven werden immer noch Steine in den Weg gelegt.

Von Carsten Weidemann

"Es geht bei dieser Veranstaltung darum, sich auszutauschen, sich selbst und andere zu hinterfragen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, um ein möglichst gutes Leben mit HIV zu ermöglichen", erklärte Tino Henn von der DAH zum Beginn der Konferenz im Stuttgarter Rathaus. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren die Lage für HIV-Positive verbessert: Durch die Kombinationstherapien hat sich die gesundheitliche Situation HIV-positiver Menschen und damit auch ihre Leistungsfähigkeit wesentlich verbessert. Die Zahl derer, die weiterhin ihren Beruf ausüben, (wieder) ins Erwerbsleben eintreten oder sich auf Jobsuche befinden, hat daher deutlich zugenommen. In der Schweiz beispielsweise sind laut einer Befragung bereits 70 Prozent der mit HIV Lebenden in Lohn und Brot. In Deutschland dürfte ihr Anteil laut Expertenschätzungen bei etwa 50 Prozent liegen, und laut einer Studie möchten sogar 80 Prozent der nicht Erwerbstätigen mit HIV wieder arbeiten – was auch aus medizinischer Sicht sinnvoll ist: Arbeit trägt nicht nur zur Sicherung des Lebensunterhalts bei, sondern strukturiert auch den Alltag, gibt das Gefühl, gebraucht zu werden, und verschafft soziale Kontakte und fördert die körperliche sowie die seelische Gesundheit. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind für Menschen mit HIV und anderen chronischen Krankheiten jedoch alles andere als rosig.

Sag ich's oder sag ich es nicht?

Denn meist stellt sich Positiven die Frage: "Sag ich, dass ich positiv bin, oder sag ich’s lieber nicht?". Ein offener Umgang hätte schließlich den Vorteil, dass man in Zeiten, in denen die Erkrankung Probleme macht, auf das Verständnis und die Unterstützung der Kollegen und des Arbeitgebers setzen könnte. Die Realität sieht aber laut DAH meist anders aus, denn auch heute noch kann eine bekannt gewordene HIV-Infektion Angst und Ablehnung auslösen und dazu führen, dass der oder die "Enttarnte" diskriminiert, gemobbt und schlimmstenfalls entlassen wird. Die Gründe dafür sind vor allem Fehlinformationen oder geringe Kenntnisse über die Übertragungswege des Virus, oft auch die Annahme, Menschen mit HIV seien den Anforderungen des Arbeitslebens nicht gewachsen. Arbeitgeber sind zwar grundsätzlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter vor Mobbing zu schützen, und dürfen niemanden wegen seiner HIV-Infektion entlassen – schließlich kann das Virus bei alltäglichen Kontakten ja nicht übertragen werden. Trotzdem machen viele HIV-Positive die Erfahrung, dass ihnen aus anderen Gründen gekündigt wird, daher entscheiden sich die meisten gegen eine Offenlegung ihrer Infektion.

Regelmäßige Untersuchungen als Handicap

Bei anhaltend wirksamer Therapie können Beschäftigte mit HIV über viele Jahre berufstätig bleiben. Zur Kontrolle des Infektionsverlaufs und Therapieerfolgs sind jedoch regelmäßige Untersuchungen notwendig, was gerade bei Vollzeitbeschäftigung auch zu Fehlzeiten führen kann. Die Medikamente verursachen bei manchen HIV-Positiven Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall, Hautausschläge, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit. Diese Beschwerden fallen je nach Mensch unterschiedlich stark aus, klingen aber meist nach einigen Wochen wieder ab oder werden zumindest erträglicher, sodass man mit ihnen leben kann.

Neben einer wirksamen Therapie ist ein stabiles, unterstützendes Arbeitsumfeld die beste Voraussetzung, um als Mensch mit HIV im Arbeitsleben zu bestehen. Diese Erkenntnis hat multinationale Unternehmen mit Niederlassungen in Ländern mit sehr hoher HIV-Verbreitung wie etwa Südafrika, Thailand oder Brasilien aus der Not heraus bereits zum Handeln veranlasst: Weil die Ressource Arbeitskraft infolge HIV-bedingter Sterbefälle spärlicher wird, viel Geld in die Ausbildung immer wieder neuer Fachkräfte investiert werden muss und auch der hohe Krankenstand die Personalkosten in die Höhe treibt, haben sie Gesundheitsprogramme gestartet, die Aufklärung, medizinische Versorgung, Abbau von Diskriminierung und Unterstützung HIV-Positiver am Arbeitsplatz umfassen. Leider ist die Bereitschaft der Arbeitgeber, ihre Belegschaften in Deutschland für den Umgang mit HIV-positiven Kollegen zu sensibilisieren bisher eher gering.

Dennoch will Tino Henn auch bei der Konferenz die Erfolge herausstellen: "Ohne das jahrzehntelange Engagement von vielen Einzelnen stünden wir jetzt nicht hier, wären wir nicht so weit", erklärte er. "Jeder, der sich engagiert und mitmacht, ist Vorbild für andere innerhalb der Community. Und die Selbsthilfebewegung von Menschen mit HIV und Aids, die selbstbestimmt und selbstverantwortlich handeln, ist oft Vorbild für andere. Darauf können wir stolz sein, und darauf sind wir auch weiterhin angewiesen."